Mit den Lizenzspielen ist das so eine Sache... man traut ihnen nicht. Vor allem, wenn es sich um Anime-Lizenzen handelt. Die Gründe dafür sind ebenso vielfältig wie nachvollziehbar. Für den Außenstehenden ist die große Anime-Fangemeinde ein seltsamer, suspekter Haufen, der gerne unter sich bleibt und auf Neulinge, die nicht das Einmaleins von Anime- und Manga blind beherrschen, gerne mal herabsieht. Und beim Konsum einer Serie wie Naruto hat ja auch mancher doch eine gewisse Hemmschwelle – mag das nun an dem nervig herumkrakelenden blonden Helden oder einfach der schieren Länge der Manga-Veröffentlichung und der TV-Serie liegen...

Aber springen wir doch einfach mal über unseren Schatten. Ignorieren wir fanatische Fans, schlechte Erfahrungen mit Anime-Umsetzungen in der Vergangenheit und die erwähnten Berührungsängste mit der großen Naruto-Welt und sehen uns das neueste Spiel, das sperrig benannte Naruto Shippuden: Ultimate Ninja Storm 2, einmal ganz objektiv an. Tut man das, lassen sich die ersten Eindrücke eigentlich in einem einfachen Buchstaben zusammenfassen: "Wow".

Was Namco Bandai und Entwickler Cyber Connect 2 hier an Production Values auffahren, das kann sich mehr als sehen lassen. Bei einem flüchtigen Blick auf den Bildschirm könnte man fast meinen, man sähe eine echte knallbunte, fein animierte TV-Serie vor sich, erst beim genaueren Hinschauen offenbaren die Figuren ihre eigentliche Echtzeit-3D-Natur. Vor allem die Hintergründe beeindrucken. Im Gegensatz zu früheren Naruto-Umsetzungen wird hier auf 3D weitgehend verzichtet – Naruto rennt durch herrlich detaillierte, handgezeichnete Hintergründe, die einfach einen ganz anderen Charme haben als Polygon-Szenarien.

Aber genug der Äußerlichkeiten – was spielt man denn eigentlich? Kurz gesagt ist Naruto Shippuden: Ultimate Ninja Storm 2 ein interessanter Mix aus Action-Adventure und Beat'em-Up mit Fokus auf Letzterem. Einerseits wetzt ihr in Narutos orangefarbenem Trainingsanzug durch die Gegend, redet mit Leuten, folgt der Handlung und erledigt etliche Quests. Andererseits kommt es immer wieder zu furios inszenierten Kämpfen. Im Gegensatz zu klassischen Beat'em-Ups wie Tekken und Virtua Fighter sind die weit filmischer inszeniert – bei langen Kombos erfolgt schon mal ein Schnitt in die Nahaufnahme des austeilenden Helden, getroffene Gegner fliegen durch die Gegend und anstatt die Kamera fest zu verankern, bleibt sie stets ein Stück hinter eurer Figur.

Das System funktioniert dabei ziemlich gut – natürlich muss sich der klassische Beat'em-Up-Experte erst ein wenig eingewöhnen, aber schon nach kurzer Zeit beherrscht ihr das actionreiche Kampfsystem und lasst es auch on- oder offline gerne einmal auf ein kleines Freundschaftsmatch gegen einen zweiten Mitspieler ankommen. Der Duell-Modus ist sehr gelungen und im Verlauf des Abenteuers spielt ihr mehr und mehr zusätzliche Figuren frei.

Trotz aller Offenheit bleibt aber ein Problem. Ja, das Spiel wird auch Nicht-Naruto-Kennern eine Menge Spaß machen, aber wirklich "abgeholt" werden diese nicht. Man kann Naruto Shippuden: Ultimate Ninja Storm 2 ohne profunde Kenntnisse in fortgeschrittener Narutologie spielen, aber so richtig verstehen was da passiert, wer die ganzen Leute sind, was ihre Geschichten und Beziehungen untereinander sind, das werdet ihr ohne Kenntnisse von Serie oder Manga nicht. Und das ist ein Faktor, den man in gewissem Maße auch dem Spiel anlasten muss. Es setzt all diese Kenntnisse einfach voraus, gibt Neulingen keine Handreichungen und lässt sie damit im Regen stehen.

Dabei wäre es doch so einfach gewesen – immerhin haben die Entwickler bei der PS3-Version vor den Spielspaß einen langen, langen Installationsprozess gesetzt. Zeit, die man hätte nutzen können, um den Spieler noch mal über die wichtigen Figuren und die bisherigen Ereignisse im Kenntnis zu setzen – stattdessen wechseln sich immer die gleichen paar Texttafeln mit eher verwirrenden Informationen ab. Das hätte man doch wirklich besser machen können.

Trotz dieser Kritik konnte das neue Naruto mich (als ziemlichen Naruto-Nullchecker) tatsächlich längerfristig vor die Konsole fesseln. Die Aufmachung ist einfach zu gut, die Kämpfe sind zu dynamisch und die Steuerung ist zu flüssig, als das ich mich dann noch von Nebensächlichkeiten wie Handlungs-Unkenntnis irritieren lies. Natürlich hätte ich hier noch mehr mitgenommen, würde ich mich wirklich mit Naruto und Co. auskennen. Aber bereits so bin ich mehr als beeindruckt, wie viel Liebe und Sorgfalt in dieses Lizenzspiel geflossen sind. Daher ergeht folgendes Urteil: Wer von Naruto keine Ahnung, aber Lust auf einen exzellent präsentierten Adventure-Prügel-Hybriden hat, der spielt definitiv Probe. Und wer sowieso nicht genug von Naruto, Sakura, Sasuka, Hinata und all den anderen Ninjas kriegen kann, der kommt um diese aufwendige Umsetzung ohnehin nicht herum.

8 /10

Naruto Shippuden: Ultimate Ninja Storm 2 ist ab sofort für PS3 und Xbox360 im Handel erhältlich.

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Über den Autor:

Thomas Nickel

Thomas Nickel

Autor

Fest in der 16Bit-Ära verwurzelt, lehrt der freie Autor Spielegeschichte an der Frankfurter Games Academy. Wird eher selten vor Ego-Shootern gesichtet.