nail'd

Nagelnde Zweifel

Es ist ein Trugschluss, so alt wie das Genre selbst, Arcade-Rennspiele müssten keinerlei Spieltiefe bieten. Natürlich kann – und Gott bewahre! – sollte nicht jeder Racer ein Forza oder Gran Turismo sein. Der Grundgedanke eines Wettrennens setzt jedoch voraus, dass die Spieler die Möglichkeit haben, dem übrigen Fahrerfeld durch gute Reaktionen, Streckenkenntnis und vor allem der Beherrschung ihres Vehikels breit grinsend den Stinkefinger zu zeigen. Das gilt für Mario Kart ebenso wie für Ridge Racer. Alles andere ist Kür.

Und ausgerechnet an dieser versucht sich Techlands nail'd zuerst. Es lockt Spaßraser mit eindrucksvollen Kursen und der gewagten These, dass sich Quads und Dirtbikes auch als exzellent zu kontrollierende Segelflieger eignen, vor die Konsole. Obendrein sieht es nach genau der Sorte sonnig-bunter Action-Rennspiele aus, die einem für gewöhnlich so gute Laune bescheren, und hatte damit, zumindest bei mir, schon von vorneherein einen Stein im Brett. Zu schade, dass das zum günstigen Preis von 40 Euro veröffentlichte Spiel bei den eingangs erwähnten Basics nur das Nötigste tut und sich damit selbst einer guten Portion Langlebigkeit und Spannung beraubt.

nail'd an sich ist ein Offroad-Renner, der nicht allzu viel auf realistische Physik gibt. Darf er auch gar nicht, denn wie sich die Kurse durch die steinigen Gebirge Griechenlands, den waldigen Yosemite Nationalpark oder die verschneiten Anden winden, ist schon allerhand und in der Realität kaum fahrbar. Und genau das macht man in nail'd in einem Affenzahn.

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Der Bomben-Modus ist das Highlight des Spiels, leidet aber ebenfalls unter dem platten Fahrmodell

Trotz leicht erhöhter Außenperspektive kommt dabei auch ein ziemlich gutes Geschwindigkeitsgefühl auf. Das sorgt in den ersten Stunden schon dafür, dass man sich durchaus unterhalten durch den arg lieblosen Turnier-Baum aus Rennen und Events klickt, der als zentraler Einzelspieler-Modus herhalten muss. Eher früher als später wird das übermäßig physikbefreite Fahrverhalten dann aber doch zu einem Problem. Egal ob eure Wahl auf ATV oder Motorrad fällt, das Vehikel macht haargenau das, was man sagt, wann man es sagt. Ohne den Finger während der vollen Länge auch nur einmal vom Gas zu nehmen, bestreitet man jedes einzelne Rennen.

Der nail'd-Pilot rast fast ohne Geschwindigkeitsverlust und bei durchgedrücktem Rechten Trigger durch jede noch so enge Haarnadelkurve, kennt keine Drifts, Grenzbereiche oder verschiedene Untergründe und hält die Ideallinie vermutlich für einen Weightwatchers-Fachbegriff. Das Spiel wird eher zum Reaktionstest, wodurch man zwangsläufig weniger gegen den Rest des Gegnerpulks fährt, als gegen die Strecke, die einem das Genick brechen will. Es gibt ja im Grunde sonst nichts zu beherrschen.

Wenn man das erst einmal bemerkt hat, geht die Motivation steiler bergab als eine der unendlichen Serpentinen, durch die euch nail'd pustet. Denkt der Spieler zuerst noch, er würde mit jedem Rennen besser, muss er doch irgendwann zugeben, dass er lediglich herausgefunden hat, wo er langfahren sollte und wo besser nicht.

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In Bewegung sieht nail'd recht gut aus und vermittelt ein ordentliches Geschwindigkeitsgefühl.

Im Grunde baldowert ihr demnach recht schnell aus, welche der Unterrouten der überaus breiten und durchaus toll gestalteten Kurse und Abfahrten euch am schnellsten ins Ziel bringt. Wer sich dann nicht zu dumm anstellt, gewinnt mit zehn und mehr Sekunden Vorsprung beinahe jedes Rennen. So geschehen zumindest auf den leichten und den normalen Schwierigkeitsgraden. Auf "Schwer" war die CPU öfter gleichauf mit mir, wobei ich hier das ungute Gefühl bekam, den Rennverlauf nicht mehr wirklich selbst in der Hand zu haben.

Fährt einmal ein hartnäckiger KI-Gegner kompetent eine Weile vor euch her, weil ihr ein, zwei Mal nicht aufgepasst habt, hilft das Boost-System. Auf wirkliche Tricks der Marke Pure hat Techland zwar verzichtet, allerdings dürft ihr mit einem Wheelie, einer sachten Landung auf allen Vieren oder durch das Passieren flammender Tore eure Turbo-Anzeige aufladen. Gerade der leichtfüßige Touchdown gelang mir aber wegen der hohen Kamera oft nicht, wenn ich es darauf anlegte. Aber vielleicht seid ihr auch geschickter als ich.

Wenn ihr jedenfalls den Turbo entladet, blüht der Titel ein wenig auf. Ein schön anzusehender Effekt erhöht den ohnehin schon beachtlichen Tempo-Rausch noch um eine Idee und bringt sogar diesen Hauch von Unkontrollierbarkeit ins Spiel, der in besseren Racern dafür sorgt, dass man sich nicht mehr zu blinzeln traut. Aber es bleibt bei einem "Hauch". Die Konsequenzen aus Fahrfehlern – oder sagen wir besser: "Verspäteten Ausweichmanövern" – sind einfach der Rede nicht wert.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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