Stacking

Hochgestapelt

Wisst ihr, warum ich Tim Schafer so liebe? Es ist seine spielerische Art, ernste Themen in locker leichten Spielstoff zu verwandeln. Jeder seiner Titel befasst sich oberflächlich betrachtet nur mit simplen, fast schon kindlichen Themen, doch unter der Fassade steckt immer mehr. So auch bei Stacking, dem zweiten Download-Titel, bei dem Tim nur als Co-Autor in Erscheinung tritt. Die Projektleitung hat er diesmal dem Brütal-Legend-Art-Director Lee Patty überlassen, der mit einer wirklich kongenialen Idee und einem wirklich unfassbar genialen Artwork ein altes russisches Spielzeug in eine beeindruckende Robin-Hood-Geschichte mit Hintersinn verwandelt.

„Als ich meine Tochter beim Spielen mit einer Matroschka-Puppe sah, kam mir die Idee, wie genial diese Puppen doch als Spielfigur funktionieren würden. Sie sind Objekt, Inventar und Charakter zugleich, bieten mehrere Kombinationen, Designs und Fähigkeiten. Kurz: Sie sind wie geschaffen für die Welt der Computerspiele", erklärt Petty im Interview seinen ungewöhnlichen Ansatz. Doch es sind Tims Ideen als Geschichtenerzähler, die aus Stacking wirklich alles herausholen.

Da die Puppen um 1920 am populärsten waren, versetzte das Entwicklerteam die Geschichte in das viktorianische England. Dampfmaschinen haben soeben die Industrialisierung eingeläutet und Menschen agieren nur noch als kleines Rädchen in einer gigantischen Maschinerie. Dazu Tim: „Die unterschiedliche Größe der Figuren versteht sich auch als Kommentar über den sozialen Status. Die Reichen und Mächtigen sind bei uns groß und aufgebläht. Sie thronen scheinbar über den unteren Klassen."

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Keine heile Welt: Kinderarbeit, Streiks und Frohdienste so weit das Auge reicht.

Auch Charlie Blackmores Vater ist als Schornsteinreiniger keine große Nummer und tut sich schwer damit, seine große Familie zu ernähren. Er zieht aus, um für den bösen Industriellen The Baron zu arbeiten, kommt aber nie wieder. Nach ein paar Wochen sind die Geldreserven der Familie aufgebraucht, die Polizei kommt, um die großen Kinder zur Arbeit in den hungrigen Fabriken abzuholen. Nur Charlie ist zu klein. Er wird bei seiner weinenden Mutter zurückgelassen. Ist das das Ende der Familie Blackmore?

Nicht ganz. Charlie zieht aus, um seine Brüder und Schwestern und auch seinen Vater aus den Händen des bösen Barons zu befreien. Eine wirklich gigantische Aufgabe für eine so kleine Puppe, doch Charlie hat eine ganz besondere Fähigkeit. Wenn er sich hinter eine etwas größere Puppe stellt, kann er in diese hineinschlüpfen und anschließend ihre Fähigkeiten nutzen. Er kann so immer größer werden, diverse Rollen übernehmen und am Ende damit Unmögliches möglich machen. Sogar den Sieg über den finsteren Baron?

Dargestellt wird das Geschehen in simpler, aber doch genialer 3D-Grafik. Die Figuren besitzen natürlich weder Mienenspiel noch aufwändige Animationen. Sie hüpfen stattdessen umher und bewegen ihre drehbare Taille. Im Prinzip gibt es nur ein einziges Charaktermodell in verschiedenen Größen.

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Mit der hübschen Witwe die Wache ablenken und dann von hinten übernehmen.

Trotzdem gelingt es den Designern, durch die Aufmachung der Figur und eben die Animation der beiden Puppenhälften aus den simplen Figuren eine Menge Charakter herauszuholen. Ein weiterer genialer Kniff: Wie bei einem Stummfilm werden bei Gesprächen extra Tafeln eingeblendet. Zusammen mit der wunderschönen Klassik-Musik verströmt der Titel so eine herrlich anachronistische Atmosphäre.

Los geht das Abenteuer in der königlichen Bahnstation. Bevor seine erste Aufgabe beginnt, muss Charlie aber erst einmal den Bahnstreik auflösen. Dazu gilt es, die drei Aufseher zu übernehmen und sie zu den Streikposten zu bringen. Die Stacking-Mechanik wird dabei an einfachen Beispielen erklärt. Als zum Beispiel der Weg von einer Menschenmenge versperrt wird, schlüpft Charlie einfach in eine dicke Puppe, die auf Knopfdruck ein „Aus dem Weg" ausstößt. Daraufhin gehen die anderen Puppen ihres Weges und Charlie kann weiter.

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Kristian Metzger

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