Beyond Good & Evil HD • Seite 2

Der Segen der späten Geburt

Vor allem letztere Aufgabe motiviert unheimlich, weil es immer wieder etwas Besonderes ist, eines der toll designten, fremdartigen Lebewesen vor der Linse zu haben. Wer einmal einen außerirdischen Wal neben sich aus dem Wasser hat springen sehen, der verliert sich oft minutenlang in der Gesellschaft dieser "Tiere". Mit den verdienten Perlen rüstet ihr euer Hovercraft auf und gelangt damit in immer neue Bereiche. Diesen Ablauf kennt man aus beinahe allen populären Abenteuerspielen der letzten zwanzig Jahre.

Dennoch fühlt sich euer Fortschritt im Spiel vollkommen organisch an. BG&E macht nicht den Fehler, euch gewisse Dinge zu lange oder zu oft tun zu lassen. Seine stellenweise höllisch spannenden Dungeons mit ihren teils recht überraschenden und befriedigenden Lösungswegen haben stets die richtige Länge. Und auch, wenn euch kaum ein Raum vor eine wirklich harte Rätselprobe stellen wird, so springt einem die Lösung doch niemals an wie ein vernachlässigter Jack-Russel-Welpe.

Die simplen Kämpfe, die allein mit der X-Taste, gelegentlichen Diskuswürfen und Ausweichmanövern gewonnen werden, sind da noch der Faktor, den man am ehesten als Stelle für einen Ermüdungsbruch im Spielspaß ausmachen könnte. Macht man aber nicht, denn zum einen sehen sie toll aus und zum anderen kommt es ohnehin vergleichsweise selten zu einem Hand- beziehungsweise Knüppelgemenge. Die seichten Stealth-Einlagen funktionieren dagegen durchweg flott und beschränken sich im Grunde darauf, die Patroullienschemata der Gegner auszugucken. Schlicht, aber motivierend.

Die Liebe zum Detail, die diesem Spiel zuteil wurde, geht bis runter zum Code-Eingabe-System, mit dem gesicherte Türen geöffnet werden. Wo andere Spiele Joypad-bewehrten Konsoleros schon mal ein vollkommen unergonomisches Tastatur-Layout vor die Nase setzen, wählt ihr euren vierstelligen Code in BG&E blitzschnell aus einer bis in die Unendlichkeit rotierenden Buchstaben- und Ziffernspirale, die jede Bewegung mit einem satten klicken quittiert. Mit weniger findigem Interface-Design wäre die manuelle Eingabe einer wichtigen Zeichenfolge eine ganz miese Idee gewesen. Ubisoft bekommt es aber hin, dass selbst dieses grundlegendste aller Spiele-Interfaces in sich eine angenehme, sehens- und spürenswerte Erfahrung ist.

Apropos sehenswert: Technisch schlägt sich der Titel auch heute noch hervorragend. Ubisoft Shanghai hat der HD-Version nicht nur eine höhere Auflösung und deutlich überarbeitete Charaktermodelle aller wichtigen Figuren spendiert. Vor allem die rasend schnelle Bildrate lässt Beyond Good & Evil auch neben aktuellen Zeitgenossen noch sehr angenehm aussehen. Die farbenfrohe, fantasievolle und stilisierte Gestaltung hat die Jahre gut überdauert und ist auch heute noch wirklich schön. Zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl, ein "altes" Spiel vor sich zu haben.

Allerdings muss ich in einem bestimmten Punkt doch eine Warnung loswerden: Die Kamera-Achsen lassen sich nicht getrennt voneinander einstellen. Kollege Martin hatte damit kein Problem, der spielt aber nicht mit invertierter X-Achse. Besteht man auf "Flugzeugsteuerung" der Oben-Unten-Ausrichtung der Kamera, muss man damit leben, dass auch die horizontale Bewegung auf Links gezogen wird. Will heißen: Man bewegt den rechten Stick nicht mehr, wohin man blicken will, sondern in die Richtung, in der die Kamera sich schwenken soll. Ich habe mich nach einigem Ausprobieren dafür entschieden, stattdessen auf die Oben-/Unten-Invertierung zu verzichten.

Nicht optimal, klar, weil das Spiel aber nur wenig Vertikalität aufweist und im Ego-Modus alles wie gewünscht funktioniert, ist es kein Beinbruch. Schlimmer – jedenfalls, wenn man es nicht weiß – wiegt da schon, dass das Spiel zwar sehr faire Checkpoints anlegt, nicht aber automatisch für euch speichert. Das müsst ihr an regelmäßig in den Leveln platzierten Stationen selbst besorgen.

Ich kann förmlich sehen, wie ihr über die Sache mit der vermackelten Kamera immer noch die Nase kraus zieht. Fakt ist jedoch: Mich hat es nach einer kurzen Umgewöhnungszeit nicht mehr so recht gestört. Für geringere Spiele als dieses hätte ich die vorübergehende Controller-Legasthenie vermutlich nicht ertragen, aber Beyond Good & Evil nahm mich mal wieder im Sturm.

Tut euch den Gefallen und holt es euch. Zwölf ausgezeichnete Stunden Adventure für 800 MS Punkte sind ein Angebot, das man unmöglich ausschlagen kann. Vielleicht kommt ja noch ein Patch? Ancels glückloses Schmuckstück von damals ist in jedem Fall auch heute noch ein verdammt unterhaltsames, spannendes und teilweise einfach rührendes Spiel mit Köpfchen und Persönlichkeit. Insofern: Herzlichen Glückwunsch an alle Jüngeren. Was würde ich darum geben, dieses Spiel erneut "zum ersten Mal" zu erleben.

9 /10

Die XBLA-Version von Beyond Good & Evil HD ist bereits erhätlich, die PSN-Fassung folgt zu einem späteren, bislang noch unbekannten Termin.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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