Battle vs. Chess

Unverhofft kommt nach 6 Monaten doch noch vorbei

Na, wer kommt denn da aus der Publishing-Hölle? Eigentlich sollte Battle vs. Chess ja schon Ende letzten Jahres in den Regalen stehen. Aber irgendwie hat das damals praktisch fertige Spiel dann seinen Weg verloren. Aber Ende gut, alles gut kann man in diesem Fall wirklich sagen, denn was wir hier haben ist ein Schachspiel, das den Profi zufriedenstellt, den Gelegenheitsspieler reizt und sogar ein paar neue Schachfreunde anlocken könnte. Hübsch verpackt wurde es noch dazu. Was will man mehr?

Nun, vielleicht eine Idee, wie man 3D-Schachbretter so zeigt, dass die Übersicht nicht gleich flöten geht. Aber das ist wahrlich kein spezielles Problem dieses Spiels. Mit dem Standard-Satz an Figuren geht es hier sogar noch. Die schmucklosen, traditionellen Figuren lassen sich gut auseinanderhalten. Aber das an den Klassiker Battle Chess angelehnte eigentliche Fantasy-Set braucht schon endlos viel Gewöhnung, damit man das Feld in wenigen Sekunden überhaupt erst einmal grundsätzlich erfassen kann, geschweige denn anfängt, Züge im Voraus zu denken.

Battle vs. Chess umgeht das Problem allerdings relativ elegant. Jederzeit und ohne Umwege werden die drei Sets – 2D-Ansicht, 3D-Klassikfiguren, 3D-Fantasy – durchgeschaltet, sodass man die meiste Zeit zwar in 2D spielt, dann für den großen Moment des Damen-Matts aber auf Fantasy umsteigt. Bei diesem Set sehen die Figuren nämlich nicht nur hübsch modelliert aus, sie schlachten sich auch in detaillierten Klein-Gefechten wohlanimiert ab. Diese Animationen hat man irgendwann gesehen und verzichtet dann gänzlich drauf, aber auch das liegt in der Natur der Sache und zumindest bei den ersten Malen freut man sich noch drauf.

Während jedoch das inzwischen über 20 Jahre alte Vorbild zwar Kämpfe darstellen, aber kaum Schach spielen konnte, geht Battle vs. Chess hier in die Vollen. Der Elo-Wert liegt jenseits der magischen 2500er-Großmeister-Marke und sollte damit jeden, der eine Konsole zum Schachspiel nutzt, auf dem höchsten Level komplett überfordern. Mich jedenfalls hat die wohl von Fritz lizenzierte Engine gnadenlos zersägt und so schlecht spiele ich nun auch nicht. Das lässt sich natürlich regulieren und selbst blutige Anfänger dürfen sich auf den niederen Leveln erst einmal in das Spiel eingewöhnen und dabei erste Siege feiern.

Wer die Regeln dann beherrscht, kann in Battle vs. Chess weit mehr tun, als nur normales Schach zu spielen. Die Schachprobleme gehören bei Programmen inzwischen zum Standard und auch dieses Spiel hat einen ganzen Schwung davon zu bieten. Ihr müsst eine bestimmte Situation mit nur einem oder sehr wenigen Zügen gewinnen, fortgeschrittene Partien doch noch drehen und ähnliche Kunststückchen, teilweise mit einem Zeitlimit, vollbringen.

Einmalig dürfte der Kampagnen-Modus für ein Schachspiel sein. Wählt zwischen Gut – weiß – und böse – schwarz – und besteht eine lange Serie aus immer schwerer werden Schachaufgaben. Mal dürfen nur Springer gezogen werden, mal ist das Brett auf eurer Seite stark unterbevölkert, mal stellt ihr fest, dass viele Bauern bei einem Aufstand sehr erfolgreich sein können. Das Ganze wurde in eine kleine Geschichte mit ein paar liebevollen Textzeilen verpackt und einige der Aufgaben erfordern beinahe mehr Konzentration als eine übliche Partie.

Wer das zwar alles ganz nett findet, aber etwas gegen das "simple" Schlagen der Figur hat, darf den Action-Modus wählen. Hier wird entweder jeder Kampf als kleines Quicktime-Event ausgetragen, in dem man die Attacke doch noch abwehren kann – die angreifende Figur zieht zurück, der aktive Spieler wechselt – oder nach Art eines Dynasty Warriors. Zugeben, nach Art eines nicht besonders guten Dynasty Warriors, aber angesichts der Möglichkeit, vielleicht doch noch den verloren geglaubten Turm retten zu können, gibt man sich erstaunlich viel Mühe.

Battle vs. Chess versucht alles, um auch nicht dem königlichen Spiel Zugewandte davon zu überzeugen, doch mal eine Runde zu wagen, am Ende läuft es aber auf eines hinaus: Mögt ihr Schach? Wenn ja, dann grenzt Battle vs. Chess als wahre Wundertüte dieses Spiels an Perfektion. Hübsche Optik, viele Ideen um das Kernspiel herum und Selbiges wurde auch noch mit einer Engine versehen, die selbst Könner blamieren kann. Für den PC mag das alles auf ein "ganz nett, aber da kann ich auch gleich Fritz spielen" hinauslaufen, auf der Konsole sieht es mit der Konkurrenz schon trauriger aus.

Hier ist das Game eine sichere Bank für alle angehenden Großmeister. Auf dem PC würde ich mir überlegen, ob ich für den Zucker, den Battle vs. Chess in rauen Mengen bietet, extra Geld ausgeben würde. Aber das kann und muss sich jeder selbst überlegen. Das ändert aber wenig daran, dass in Battle vs. Chess ein ausgesprochen kompetentes Schachspiel steckt. Und Schach selbst ist nun mal einfach das perfekte Spiel. Keine Zufälle, keine Extras, nur zwei Spieler und ein Brett. Zwei setzen sich hin, einer steht auf. Später steht auch der Verlierer auf, wenn er verstanden hat, was grad passierte. Großartig. Da Battle vs. Chess neben allen Extras eben auch genau das beherrscht, gibt es auch die passende Traumwertung. Selbst wenn es nicht herausgefunden hat, wie man ein 3D-Set spielbar macht.

9 /10

Battle vs. Chess ist ab sofort für PC, Xbox 360 und PS3 zu haben. Alle Versionen liegen mit etwas über 40 (Konsole) beziehungsweise etwas unter 40 Euro (PC) im gesunden Rahmen eines solchen Nischentitels.

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Über den Autor:

Martin Woger

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