The Last Story - Vorschau

Frischer RPG-Wind aus Japan

The Last Story ist nicht Final Fantasy. Das mag spontan nicht nach einer großen Erkenntnis klingen, hält man sich aber vor Augen, wer hinter dem kommenden Wii-Rollenspiel steht, dann sollte man das schon betonen. Immerhin ist The Last Story der jüngste und bislang auch ehrgeizigste Titel von Mistwalker, der Firma von Final-Fantasy-Erfinder Hironobu Sakaguchi, der Square Enix vor über zehn Jahren verließ. Gleichzeitig ist für die Musik niemand geringeres als Star-Komponist Nobuo Uematsu verantwortlich. Alleine diese beiden Kreativ-Köpfe - und natürlich der frappierend an die Square-Enix-Reihe erinnernde Titel - wecken bei vielen Alt-Rollenspielern die Idee, Sakaguchi-san würde mit seiner ersten Wii-Entwicklung an glorreiche Final-Fantasy-Zeiten anknüpfen.

Aber das war Sakaguchi und seiner Leuten dann wohl doch etwas zu einfach, immerhin erschienen aus dem Hause Mistwalker ja mit Blue Dragon und Lost Odyssey bereits zwei Rollenspiele, die sehr eng an die Final-Fantasy-Formel angelehnt waren. So eng sogar, dass gerade Lost Odyssey von vielen Fans als "wahres" Final Fantasy 13 gehandelt wird. Daher hat sich Mistwalker nicht mehr und nicht weniger vorgenommen, als dem JRPG-Genre frischen Wind einzuhauchen. Gut, Sakaguchi-San ist da nicht der Einzige. Bereits Monolith Soft, Entwickler von Xenoblade Chronicles, zeigte eindrucksvoll, dass ein japanisches Rollenspiel auch 2011 noch begeistern kann, ohne seine fernöstliche Identität komplett aufzugeben: Die Mischung aus typisch japanischer Erzählweise, dynamischen Echtzeitkämpfen und einer weitläufigen, offenen Welt traf im letzten Jahr genau den Nerv der Spieler.

Hironobu Sakaguchi und sein Team gehen dabei ganz ähnlich vor. The Last Story ist ein Spiel, in dessen Welt sich Freunde des gepflegten JRPGs im Stil der alten Final-Fantasy-Episoden sofort heimisch fühlen. Die Figuren sind gut geschrieben, haben interessante Charakterzüge und lassen sich nicht ohne weiteres in die üblichen Klischee-Formen pressen. Die Welt dient nicht nur als hübscher Hintergrund, sie trägt auch einen großen Teil zur Geschichte bei und greift Motive auf, die Sakaguchi-san bereits in den Final Fantasys Nummer fünf, sechs und sieben ansprach.

Gleichzeitig erkennt Mistwalker aber auch die Zeichen der Zeit und hat kein Problem damit, Altlasten wie Kampfarenen und Zufallsbegegnungen über Bord zu werfen und gleichzeitig Elemente zu implementieren, die nach der allgemeinen Lehrmeinung in einem Rollenspiel eigentlich gar nichts zu suchen hätten. Im Falle von The Last Story handelt es sich dabei um die aus Spielen wie Gears of War bekannte Deckungssuche.

The Last Story - Gameplay-Trailer

Ein gewöhnlicher Kampf läuft nicht einfach so ab, dass ihr den Gegner seht und ihm dann einfach mit gezogener Waffe entgegen rennt. Klüger ist es, wenn ihr euch hinter einer Säule versteckt und den Feind mit einem wohlgezielten Armbrust-Bolzen auf euch aufmerksam macht. Der bewegt sich nun auf euch zu und wenn ihr mit dem richtigen Timing aus der Deckung heraus angreift, könnt ihr euch über einen schönen Schadensbonus und zusätzliche Erfahrungspunkte freuen.

Interessant ist auch, dass euch das Spiel die Wahl lässt, ob ihr direkt wie in einem Actionspiel zuschlagen wollt oder ob euer Held automatisch im Stil von Xenoblade oder diversen MMORPGs angreifen soll. Entscheidet ihr euch für Ersteres, ist eure Schlagfrequenz weit höher, der Schaden dafür aber niedriger. Auch die klassischen Probleme, die sich oft mit KI-gesteuerten Mitstreitern ergeben, umgeht The Last Story auf elegante Art und Weise. Nicht nur könnt ihr eurer Truppe jederzeit direkte Befehle geben, das Skillset von Held Zael ist auch so darauf ausgelegt, dass er stets den Verlauf des Kampfs unter Kontrolle hat.

Das erste Talent, das ihr erlernt, ist, den Fokus aller Gegner alleine auf euch zu ziehen. Das klingt zunächst wenig erstrebenswert, hat aber gleich drei Vorteile. Zum einen lenkt ihr die Gegner so von euren fragilen Zauberern ab, die sich nun in Ruhe auf ihre gerne mal etwas zeitintensiveren Beschwörungen konzentrieren können. Gleichzeitig gebt ihr euren Zauberern auch einen Magie-Boost, der dafür sorgt, dass die magischen Manöver weit schneller gestartet werden können. Außerdem könnt ihr im Fokus-Zustand gefallenen Kameraden zu Hilfe eilen, sie wiederbeleben und ihnen sogar noch ein paar Status-Verbesserungen mit auf den Weg geben.

Mit der Zeit erlernt ihr weitere Talente, die allesamt besonders in den herrlich abwechslungsreichen Bosskämpfen dringend benötigt werden. Generische Gefechte gegen austauschbare Standardmonster sind bei The Last Story ohnehin die Ausnahme. So gut wie jeder Kampf ist gleichzeitig ein kleines Puzzle, das ihr mit ein wenig Taktik auf angenehm clevere und effiziente Art und Weise lösen könnt. Das heißt aber natürlich nicht, dass hier die klassischen Rollenspiel-Werte zu kurz kommen, ganz im Gegenteil.

Ihr könnt eure Helden ordentlich leveln und sie mit jeder Menge Waffen, Rüstungen und Accessoires ausstatten. Ausrüstungsgegenstände könnt ihr bei diversen Schmieden verbessern und so manch eine Klinge auch noch mit netten Nebeneffekten versehen. Speziell für ein japanisches Abenteuer ist die hohe Gestaltungsfreiheit bei eurer Party ein sehr willkommenes Element. Nicht nur, dass ausgerüstete Gegenstände das äußere Erscheinungsbild eurer Figuren beeinflussen, ihr könnt sogar selbst über die Färbung der Ausrüstung bestimmen. Gefällt euch also die bauchfreie Rüstung von Söldnerführer Dagran nicht, dann könnt ihr ihm problemlos ein cooleres Oberteil anziehen. Und wolltet ihr immer schon mal mit einer rosa gewandeten Truppe in den Kampf ziehen? Nun... niemand hindert euch daran.

"Die Truppe um die beiden Freunde Dagran und Zael fügt sich wunderbar in den erdigen Fantasy-Look der Welt von The Last Story ein."

Über Handlung und Figuren wollen wir euch hier noch gar nicht so viel verraten. Belassen wir es einfach dabei, dass man auch hier deutlich die Handschrift von Hironobu Sakaguchi erkennt. Hier zieht ihr nicht mit Supermodels im aktuellen Harajuku-Look ins Abenteuer, die Truppe um die beiden Freunde Dagran und Zael fügt sich wunderbar in den erdigen Fantasy-Look der Welt von The Last Story ein. Klar, wir haben auch auf der Wii schon manch ein bunteres Rollenspiel gesehen, die gedämpften Farben und die bewusst begrenzte Palette sorgt hier aber für genau die richtige Stimmung und heben The Last Story angenehm von Konkurrenten wie Final Fantasy und der Tales-Serie ab.

Nach dem fantastischen Xenoblade Chronicles steht uns mit The Last Story nun bereits das nächste Top-Rollenspiel ins Haus. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die bescheidene, kleine Wii gegen Ende ihrer Lebenszeit noch einmal zur Rollenspiel-Konsole mutiert? Tatsächlich ergibt das aber Sinn. Wo auf den HD-Konsolen bedingt durch die aufwendige Grafik die Budgets durch die Decke schießen und Risiken lieber gemieden werden, da toben sich kreative Entwickler auf der Wii nochmal so richtig aus und führen das japanische Rollenspiel mutig zu neuen Ufern.

Alleine schon wegen seines herrlich durchdachten Kampfsystems solltet ihr euch The Last Story vormerken - selten wurden Monster in einem Rollenspiel auf so kreative Art und Weise verhauen. Nimmt man dann noch die Geschichte von Hironobu Sakaguchi und den wie immer ganz vorzüglichen Soundtrack von Nobuo Uematsu in die Gleichung auf, dann ist schnell klar, dass der anspruchsvolle Rollenspieler in diesem Frühjahr nicht um The Last Story herum kommen wird. Ein Glück, dass dieses absolut vielversprechende Rollenspiel noch den Weg nach Europa findet!

The Last Story erscheint am 24. Februar.

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Über den Autor:

Thomas Nickel

Thomas Nickel

Autor

Fest in der 16Bit-Ära verwurzelt, lehrt der freie Autor Spielegeschichte an der Frankfurter Games Academy. Wird eher selten vor Ego-Shootern gesichtet.

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