Game of Thrones - Vorschau

Winner is coming?

Das ging schnell. Kaum räumt die erste Staffel der HBO-Serie Game of Thrones in den USA unter Zuschauern und Kritikern voll ab - herzlichen Glückwunsch auch an Peter Dinklage für den wohlverdienten Golden Globe -, steht auch das schon vorher lange überfällige Rollenspiel zum Fantasy-Stoff vor der Tür. Wie das so schnell ging? Nun, der Entwickler Cyanide hatte schon vor dem Erfolg der Serie die Rechte an dem Material und entwickelte fleißig Regelwerk, Handlung und Charaktere für ein umfangreiches RPG. Als sich die aufwendige TV-Produktion dann ein bisschen überraschend als echter Schlager entpuppte, sicherten sich die Franzosen auch die Lizenz an der Serie, um auf deren Musik, Schauplätze und nicht zuletzt die Stimmen und Gesichter der Originalschauspieler zurückgreifen zu können.

Nehmen wir den auffälligsten Haken an dieser erstaunlichen Entstehungsgeschichte gleich mal vorne weg. Dieses Rollenspiel für PC, PS3 und Xbox 360 ist bereits Cyanides zweiter Versuch in Sachen Game of Thrones. Das Strategiespiel mit dem Untertitel Genesis hatte im letzten Sommer alle Chancen, etwas Gutes auf die Beine zu stellen. Mit dem Resultat, dass heute alle Welt immer noch der Auffassung ist, dieses Rollenspiel, das im Frühjahr erscheint, sei die erste Versoftung des Themas. Ganz so austauschbar und frei von Atmosphäre gibt sich das Spiel, das ich vergangene Woche im Hamburger Hinterland auf Einladung von dtp begutachten konnte, zum Glück nicht.

Der Titel verfügt sichtlich nicht über die gleichen Production Values wie die hochgelobte Fernsehserie, geschweige denn die von Triple-A-Konkurrenzprodukten. Die Grafik ist nicht gerade die raffinierteste Implementierung der Unreal Engine 3, die Animationen sind recht grobmotorisch und die Vegetation wirkt wie mit dem Teppichmesser aus bemalter Pappmaschee ausgeschnitten. Doch all die Manpower und ein großzügigeres Budget retteten ja zuletzt auch Dragon Age 2 nicht davor, in einigen Schlüsselbereichen in ärgerliche Beliebigkeit abzurutschen. Insofern muss das für die spielerischen Qualitäten eines Game of Thrones noch nichts heißen. Das Spiel wirkt hart und ein wenig ungeschliffen, beinahe wie damals, als noch nicht jeder Titel automatisch ein Blockbuster sein musste, um als Erfolg zu gelten. Und wenn man mal ehrlich ist, passt dieser raue Charme auch irgendwo zu dem erdigen Szenario der Romane von George R. R. Martin.

Der Vergleich mit BioWare-Großproduktionen ist dennoch angebracht, ähnelt Game of Thrones spielerisch doch gerade dem letzten Dragon Age recht deutlich. Wenn man bedenkt, wie sehr sich die Amerikaner für ihr Fantasy-Universum bei Martins Saga bedienten, ist das allerdings nur fair - kreative Fremdbestäubung geht schließlich in beide Richtungen. Wie schon in Dragon Age 2 startet ihr mit einem festen Charakter ins erste Kapitel. Später erhaltet ihr zusätzlich die Kontrolle über einen zweiten Hauptdarsteller. Die Wege von Mors Westford - Skin Changer in der Nachtwache, stets mit mörderisch treuem Hundebegleiter an seiner Seite - und dem Roten Priester und Mel-Gibson-Imitator Alester kreuzen sich im Laufe der Handlung. Das ungleiche Duo tut sich zur stets zweiköpfigen Heldenparty zusammen (der weitgehend autonome Vierbeiner nicht mitgezählt), während der Spieler im Kampf nach Belieben zwischen den beiden Figuren wechselt.

Game of Thrones - Trailer

Zwar sind ihre Visagen und Persönlichkeiten mehr oder weniger festgelegt, allerdings wählt ihr für jede Figur vor Beginn einen von drei Kampfstilen, wobei grundsätzlich die typischen RPG-Rollenbilder vorhanden sind. Soll Mors eine laufende Festung sein, Zweihänder schwingen oder einen eleganteren Stil an den Tag legen? Auf Seiten des magiebegabten Alester gibt es selbstverständlich Entsprechungen, die seinen besonderen Talenten gerecht werden. Auch hier tun sich demnach Parallelen zu den jüngsten BioWare-Werken auf. Fünf Charakterwerte bestimmen unterdessen die Entwicklung eurer Figur, die je nach Stil einen anderen Skilltree zu Felde führt. Dessen einzelne Fähigkeiten lassen sich in der Schlacht dann per Kreismenü aufrufen, das zugleich die Zeit zwar nicht anhält, aber zumindest drastisch verlangsamt, damit ihr eure Aktionen und Attacken planen und "vorladen" könnt.

Besonders interessant an der Charaktererstellung ist, dass man nicht nur eine vorgegebene Anzahl an Perks, also Stärken wählt, sondern sich auch für ebenso viele Schwächen entscheiden muss. Hier kommt einem am ehesten Fallout in den Sinn, bei dem einige Charakterzüge unter Umständen unangenehme Nebenwirkungen mit sich brachten. Im Rahmen der Präsentation und auch der anschließenden Anspielsitzung wurde die Natur ihrer Auswirkungen allerdings nicht vollständig ersichtlich.

Wenig Konkretes kann man bisher auch über die Geschichte sagen, die sich auf einer erzählerischen Nebenstrecke zum ersten Buch bewegt. Ihr startet als Mors im verschneiten Castle Black und sollt im Verlauf der 25 bis 40 Stunden eher Charakter- als Plot-getriebenen Handlung noch viele weitere aus der TV-Serie bekannte Schauplätze und Figuren besuchen. Wir sahen auf der Präsentation schon einen gut nachgebildeten Jeor Mormont und eine Cersei Lannister, die ebenfalls überzeugen konnte, auch wenn Lippenbewegungen und Motorik nicht wirklich auf dem neuesten Stand waren. Was die eigentliche Geschichte angeht, so sollt ihr in den Gesprächen auf sie Einfluss nehmen können. Zwar seien Anfang und Ende durch den Verlauf der literarischen Vorlage vorbestimmt, so die Franzosen, allerdings habt ihr dazwischen angeblich einiges an Gestaltungsspielraum.

Diesen nehmt ihr mit dem bewährten Dialograd in Anspruch. Hier werden allerdings nur die Gedanken eurer Figur angezeigt, nicht etwa der exakte Wortlaut eurer Antwort, die aus ihnen folgert. Auch "Gut" und "Böse" - Begrifflichkeiten, die im Lied aus Eis und Feuer ohnehin keinen Platz haben - sind konsequenterweise nicht markiert. In erster Linie wird die Geschichte wohl im Kleinen auf euer Tun - oder besser euer Sagen - reagieren. Ich spielte zum Beispiel eine Szene, in der ich einen gefangenen Wildling direkt hätte exekutieren können. Das Spiel scheute aber keine Mühen, mich darauf aufmerksam zu machen, dass der Berserker unter Druck ein wichtiges Detail gestehen würde.

Cyanide verspricht allerdings, dass euer Wirken auch größere Wellen schlagen wird. Das Ziel ist klar, einer der anwesenden Designer bestätigte es nur noch, als er sagte, der Plot solle von vorne bis hinten fesselnd bleiben. Warten wir ab, wie es den Franzosen gelingt. Immerhin hat Martin höchst selbst die Handlung des Spiels abgesegnet. Und das stimmt zuversichtlich. Diese Zuversicht hilft einem fürs Erste sogar darüber hinweg, dass die Kämpfe nach dem stimmungsvoll wuchtigen Gemetzel eines Dragon Age doch arg körperlos und "rollenspielig" daherkommen und viele NPCs noch aus einem Klon-Labor zu stammen scheinen.

"Nach dem wuchtigen Gemetzel eines Dragon Age kommen diese Kämpfe doch arg körperlos und 'rollenspielig' daher."

Letztendlich läuft es wohl auf die Frage hinaus, wie Cyanide es interessant halten will, sich auf Nebenschauplätzen einer Geschichte zu betätigen, deren Etappenziele man bereits kennt. Eine eilige Quest, einen Eddard Stark vor der Hinrichtung zu retten, wird keinen Knalleffekt bei Kennern der Reihe erzeugen. Daneben ist die andere große Herausforderung der Umgang, den George R. R. Martin für gewöhnlich mit seinen Figuren pflegt. Seine Feder ist erwiesenermaßen mächtiger als so manches Schwert, wenn man den Bodycount unter seinem Charakterstab bedenkt. Die Reihe hat nie einen zentralen Protagonisten gekannt und wenn sie vorübergehend etwas in der Art hatte, dann war dies gleichzusetzen mit einem Todesurteil. Hier wird gestorben, so hochdramatisch und gleichzeitig lapidar wie in einem interessant geschriebenen Geschichtsbuch. Wie werden die Entwickler den Charme dieser beinahe historischen Sterblichkeitsrate, der diese Bücher so auszeichnet, in virtueller Form einfangen?

Dass wir uns hier diese Fragen überhaupt stellen, legt aber zumindest nahe, dass Cyanide bei den Basics einiges richtig gemacht hat. Es ist sicher nicht das hübscheste und vermutlich auch nicht das polierteste aller Rollenspiele, die man in diesem Jahr kaufen können wird. Doch selbst wenn es am Ende nur zu solider RPG-Standardware reicht, ist das Spiel der Throne eines, dem man nur ungern die Teilnahme versagt.

Game of Thrones soll Anfang 2012 für PC, Xbox 360 und PlayStation 3 erscheinen.

Links zu Angeboten und Anbietern auf dieser Seite können sogenannte Affiliate-Links sein. Mit einem Kauf über einen dieser Links unterstützt ihr Eurogamer.de. Wir erhalten vom Anbieter eine kleine Provision.

Zu den Kommentaren springen (24)

Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

Weitere Inhalte

Weitere Themen

Kommentare (24)

Die Kommentare sind nun geschlossen. Vielen Dank für deine Beiträge!

Verstecke Kommentare mit niedrigen Bewertungen
Sortierung
Threading