Jahrelang stand er unter meinem Schreibtisch und wartete darauf, mal wieder zum Einsatz zu kommen. Und wartete, und wartete, und wartete... Die Rede ist von meinem Joystick, der zwischenzeitlich schon eine ordentliche Staubschicht angesetzt hat. Ein Sidewinder von Microsoft ist es. Fragt mich nicht, welcher genau, jedenfalls verrichtet er nach wie vor treu seinen Dienst. Und er hat auf diesen Augenblick gewartet: Die Veröffentlichung von Wing Commander Saga.

Kein neues offizielles Spiel aus dem Hause Electronic Arts, sondern ein Fan-Projekt. Ein Fan-Projekt, das sich rund zehn Jahre in Entwicklung befand. Eine lange Zeit, die sich aber definitiv gelohnt hat. Sobald man die etwas mehr als 3,3 GB runtergeladen, das Spiel installiert hat und es startet, fühlt man sich, als hätte man gerade eine Zeitreise absolviert.

Und das ist eigentlich auch das größte Lob, das man Wing Commander Saga machen kann. Es erweckt den Eindruck, als wäre es ein richtiger Teil der Serie. Klar, mit großem Budget im Rücken wäre das alles noch mehr "shiny" und was weiß ich, aber was diese Fans hier auf die Beine gestellt haben, ist weit mehr als eine Hommage, es ist eine Liebeserklärung an das Franchise, das nach der Veröffentlichung von Wing Commander Prophecy leider in der Versenkung verschwand - mal abgesehen vom mäßigen XBLA-Titel Wing Commander Arena -, wie auch ein Großteil des Genres.

Wing Commander Saga ist allerdings keine Fortsetzung zu Prophecy, das seinerseits der Auftakt zu einer neuen Trilogie werden sollte. Auch aufgrund der Schließung von Origin im Jahr 2004 kam es nicht dazu. Also keine Weiterführung, stattdessen geht man zurück zum Konflikt zwischen den Menschen und den Kilrathi. Wing Commander Saga beginnt kurz vor den Ereignissen von Wing Commander 3 und führt euch bis zum Ende des Krieges. Ihr selbst übernehmt die Rolle des jungen Rekruten David Markham, der zum Träger TCS Hermes versetzt wird und fortan jede Menge der übergroßen Katzenwesen abschießen soll.

Und vom ersten Moment an, in dem man mit seinem Jäger vom Flugdeck abhebt, fühlt man sich als Fan der Reihe wieder wie Zuhause, was nicht nur an Original-Soundeffekten, -Musik oder -Schiffsdesigns liegt. Das Spiel läuft übrigens auf einer verbesserten Version der FreeSpace-2-Engine, die um neue Features und Effekte ergänzt wurde und die Schiffe hochdetailliert zum Leben erweckt. Im Vergleich zu FreeSpace 2 hat man etwa an der Flugdynamik oder den Waffen geschraubt, um für ein möglichst authentisches Wing-Commander-Feeling zu sorgen. Und was soll ich sagen? Dieses Vorhaben ist geglückt. Der Nachbrenner hat zum Beispiel nur begrenzten Treibstoff, es gibt einen Autopiloten, mit dem ihr von Navpunkt zu Navpunkt reist und ihr könnt einstellen, welchem System (Schild, Waffen, Antrieb) mehr Energie zugeordnet wird.

Die Missionen umfassen das, was man ebenfalls von der Serie kennt. Ihr fliegt Patrouillen, Eskorten, Angriffe auf Kilrathi-Kampfverbände, verteidigt euren Träger, arbeitet mit anderen Jägern und Großkampfschiffen der Konföderation zusammen, feiert Erfolge und müsst Verluste einstecken. Die Story entwickelt sich dadurch relativ glaubwürdig. Man wird zum Beispiel nicht stets mit jeder Entscheidung der Vorgesetzten einverstanden sein, wenn man etwa große Opfer bringen, gewisse Dinge einfach geschehen lassen muss und Niederlagen einsteckt, ohne wirklich etwas dagegen tun zu können. Andererseits ist man stets motiviert und kämpft regelmäßig bis zum Limit, um zumindest seine jeweiligen Missionsziele doch noch zu erreichen und die eigenen Kriegsbemühungen voranzutreiben.

Dass Wing Commander Saga zehn Jahre in Entwicklung war, merkt man auch am Umfang des Projekts. Satte 55 Missionen hat man im Angebot, die euch wiederum zahlreiche Stunden beschäftigen. Alle werden von animierten CGI-Briefings eingeleitet und auch die eine oder andere Zwischensequenz gibt es bei wirklich wichtigen Ereignissen - natürlich allesamt ein gutes Stück entfernt von Blizzard'scher Qualität, aber nichtsdestotrotz durchaus ansehnlich. Obendrein hat man für ein Fan-Projekt eine wirklich fantastische Synchronisation im Angebot. Mehr als 60 Sprecher - darunter laut den Entwicklern auch einige professionelle Leute - sorgen dafür, dass euch beim Anhören der wirklich zahlreichen Unterhaltungen während der Missionen und dazwischen nicht die Ohren bluten. Von dieser Qualität können sich selbst manche kommerziellen Spiele eine Scheibe abschneiden. Im Gegenzug gibt es allerdings keine Gespräche zwischen den Weltraumausflügen mehr. Wenn ich da an die fliegende Bar namens TCS Midway und die zahllosen Unterhaltungen mit anderen Crewmitgliedern zurückdenke, schmälert das vielleicht ein kleines bisschen das Space-Opera-Feeling, aber die Funkgespräche im Einsatz gleichen das weitestgehend wieder aus.

Ein wenig schade ist auch, dass es keine echten Cockpits im Spiel gibt. Die waren zwar ursprünglich mal geplant und entsprechende Modelle kommen in Zwischensequenzen zum Einsatz, aber ansonsten müsst ihr nur mit dem FreeSpace-2-typsichen HUD vorliebnehmen. Auf Wunsch steht zusätzlich eine Third-Person-Perspektive zur Verfügung, mit der ihr euren Jäger von hinten seht. Ebenfalls vermisse ich ein wenig "kräftigere" Explosionen. Nicht vom Optischen her, sondern von der Akustik. In dem Punkt gefiel mir zum Beispiel auch Wing Commander Prophecy sehr. Die Explosionen klangen hier extrem wuchtig - lassen wir mal die Tatsche außen vor, dass man streng genommen eigentlich gar nichts hören sollten - und hinterließen mit jedem Abschuss ein wirklich sehr befriedigendes Gefühl. Bei Wing Commander Saga knallt's zwar auch, aber nicht so heftig.

Wing Commander Saga ist wie Ostern und Weihnachten zusammen. Man fühlt sich in eine Zeit zurückversetzt, in der Space-Shooter beziehungsweise Space-Sims noch regelmäßig um die Gunst der Spieler buhlten. Und das Spiel macht mir auch klar, wie sehr ich diese Zeiten vermisse, wie sehr ich diese Reihe vermisse. Was diese passionierte Gruppe von Fans mit Wing Commander Saga geschaffen hat, ist ein kleines Meisterwerk. Ein Pflicht-Download nicht nur für Fans der Serie, sondern auch für all diejenigen, die solche Spiele mögen. Und selbst wenn ihr damit bislang keinen Kontakt hattet, schaut es euch mal an, kostet schließlich nichts.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre das folgender: Wing Commander Saga sorgt für neues Interesse an der Marke und am Genre und EA entschließt sich, einen offiziellen neuen Teil entwickeln zu lassen. Die Zeit ist reif für ein Revival...

Worauf wartet ihr noch? Downloadmöglichkeiten findet ihr auf der offiziellen Webseite.

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Editor, Eurogamer.de

Seit 2006 bei Eurogamer.de dabei, Redakteur und hauptverantwortlich für den Newsbereich. Begann seine Spielerlaufbahn auf dem PC mit Wing Commander, UFO und dem Bundesliga Manager, spielt mittlerweile aber hauptsächlich auf den Konsolen, genauer gesagt Xbox One, Xbox 360, Switch, PS4, Wii U, PS3 und 3DS. Ist grundsätzlich für viele Spiele und Genres offen und mag vieles, was mit Science-Fiction zu tun hat, kann aber mit JRPGs nicht wirklich viel anfangen. @f1r3storm auf Twitter.