Trials Evolution - Vorschau

Zeig' mir, wo die Rampe ist. Dann zeig' ich dir 1.000 Arten, sich den Hals zu brechen

Erfolg soll angeblich satt und träge machen. Wie satt und träge müsste dann aber ein Entwickler wie RedLynx sein, der mit über zwei Millionen verkauften Downloads von Trials HD eines der erfolgreichsten, wenn nicht sogar das erfolgreichste Spiel auf dem Xbox Live Marktplatz stellt? Der Logik folgend kämen die Finnen kaum noch aus dem Bett, mit dem einzigen Trost, dass man in diesem Business ja ohnehin schon "alles erreicht" hätte, weshalb sich weitere Anstrengungen demnach ohnehin nicht lohnen würden.

In diesem Teil der Unterhaltungsindustrie gibt es für ein so talentiertes Studio aber erfreulicherweise immer etwas zu verbessern und neue Wege zu beschreiten. In dieser Hinsicht ist es der Sache sicherlich auch dienlich, dass der von Presse wie Käufern gleichermaßen geliebte Vorgänger so ein puristisches Spiel war. Und so gehen die Damen und Herren, die bei Trials Evolution hinter der Crossbike-Gabel sitzen, dazu über, das Spiel an seinen Rändern zu verschönern und die ohnehin schon beachtliche Langzeitmotivation noch einmal zu steigern.

Am augenfälligsten ist hierbei sicher der neue Editor, in dem ihr nicht länger nur Strecken erdenkt und erstellt, sondern komplett "neue" - zumindest im Rahmen eines Trials - Spielprinzipien. Neben sehr viel komplexer durchorchestrierten Strecken erlauben neue Mechanismen sogar, Micro-Machines-artige Von-oben-Rennen zu inszenieren. Selbst 2D-Shooter in Xevious-Manier, einen selbst gebauten Kickertisch und einen Ego-Shooter zeigen frühe Impressionen aus dem Spiel-internen Baukasten. Wer an LittleBigPlanet 2 denkt, der hat Recht. Und dass RedLynx den Spielern die Tools an die Hand gibt, ihre Kreationen besser unter die Leute zu bringen und attraktiver feilzubieten, einschließlich der Option, Bewertungen zu hinterlassen und sich mit ihnen in diversen Bestenlisten zu brüsten: Das lässt mich bereits jetzt um die ebenso seltenen wie kostbaren Berliner Sonnenstunden Angst und Bange werden.

Trials Evolution - Trailer

Nach meinen Erfahrungswerten mit dem Xbox-360-Debüt zu urteilen, würde dabei doch schon alleine die Kampagne reichen, um Wochen und Monate Spielzeit zu verschlingen. Dieses Mal ist die Medaillensammelei sogar noch etwas verspielter und optisch ansprechender strukturiert. Trials Evolution weckt dabei Erinnerungen an einschlägige Renner wie Project Gotham Racing, wenn ihr auf einer Übersichtskarte von Event zu Event zieht, um verschiedene Medaillen und rein kosmetische Crossbike-Komponenten und Fahrer-Ausrüstung zu erspielen. Hier und da will dann eine gewisse Anzahl an Münzen erreicht werden, um in der Karriereleiter weiter voranzuschreiten und Zugang zur nächsten Lizenz-Prüfung zu erhalten. Das ist aufgrund der erneut in kleinen Dosen verabreichten Geschicklichkeitstests weniger Gängelung, als sehr schnörkellose und schnelle Motivation, gewisse Hindernisparcours noch einmal etwas besser zu bewältigen.

Es ist schon interessant, wie man hier eigentlich nur noch eben Silber erreichen wollte, und dann auf einmal sieht, dass die nächsthöhere Auszeichnung eigentlich doch nicht sooo viel schwieriger ist. Was natürlich Quatsch ist, nur dass die einzigen, die darum wissen, eben RedLynx mit ihrem untrüglichen Fingerspitzengefühl für wohltemperierte Schwierigkeitsgradkurven sind. Erneut tun sich auf jeder der schön verzweigten Strecken mit jedem neuen freigespielten Motorrad neue "beste Arten" auf, sie zu knacken. Das ist dann der Punkt, an dem man merkt, dass Kurskenntnis alleine noch lange nicht Gold wert ist - und der, an dem man selbst so langsam zum richtig guten Spieler erzogen wird.

Es hilft, dass die Trials-Biker nun erstmals an der frischen Luft ihre Salti und Wheelies vollführen. Der Sprung aus den düsteren Industriehallen hinaus in die Berge, in ein D-Day-inspiriertes Kriegsszenario und in eine von einer Atombombe verwüstete Großstadt macht direkt klar, dass RedLynx den Spektakelfaktor auf die Spitze treiben will. Und es funktioniert. Anders als damals, als ab und an vielleicht einmal die Kamera eine etwas dynamischere Position einnahm, sind die Sichtweiten höher und es ist mittlerweile viel mehr Bewegung in der Welt. Die Kurse drehen Kurven, die der virtuelle Director of Photography unbeirrbar mitfährt und regelmäßig schwenkt die Kamera in Fahrtrichtung, um euch auch ja zu zeigen, in was für einen gähnenden Abgrund ihr gerade euren lebensmüden Enduro-Piloten zu schießen im Begriff seid.

"Einige der süßesten Momente der Schadenfreude, die man in der letzten Zeit so erlebte, sind schon jetzt vorprogrammiert."

Das führt häufiger als noch im Vorgänger zu Szenen himmelschreiend komischen Slapsticks, wenn man seinen Fahrer nach einer Tankexplosion alle Viere von sich streckend und einen Goofy-artigen Schrei ausstoßend Hunderte Meter in die Ferne fliegen sieht. RedLynx selbst weiß um diese Unterhalter-Qualitäten, der Entwickler provoziert diese Sorte Klamauk nun sogar noch stärker, wenn er am Ende eines jeden Kurses eine böse Überraschung für den Fahrer bereithält, auf dessen Sturzhelm nun neuerdings auch Konzertflügel oder Eisenbahnwaggons niedergehen. Manchmal bleibt die leblose Ragdoll auch einfach kurz auf einer verdächtig aussehenden Bodenplatte liegen, die sich wenige Sekunden später als Katapult entlarvt und euren Piloten einen Kilometer weit in die Pampa schleudert.

Als hätte es da noch extra Auflockerung gebraucht, schaltet ihr natürlich auch wieder gesondert ausgelagerte Geschicklichkeitstests frei, die ihr unter verändertem Regelwerk und oft sogar nach verändertem Spielprinzip zu knacken versucht. Mal gilt es, eine massige Stahlkugel durch eine Art Marble-Madness-Kurs zu bugsieren, an anderen Stellen klemmt die Bremse eurer Maschine. In wieder einem anderen Spiel schießt ihr euren Fahrer vom Höhepunkt einer Rampe aus dem Sattel und schlackert durch schnelles Drücken zweiter Tasten mit euren "Flügeln", um einen neuen Weitsprung-Rekord aufzustellen. Alles in sich logisch, toll zu steuern und immer eine nette Erweiterung des Konzepts.

Trials Evolution - Multiplayer-Trailer

Beschränkte sich im Vorgänger der Mehrspielerpart auf den toll umgesetzten Freund-Vergleich in Leaderboards, tritt man nun auch lokal oder online in Rennen gegen bis zu drei Konkurrenten an. Es war lange fällig, denn sobald man sich in diesen Modus stürzt, merkt man, dass genau so etwas in diesem Titel noch gefehlt hat. Wie hier jeder auf seiner eigenen Bahn versucht, als erster das Ziel zu erreichen, das bietet reichlich Sprengstoff zwischen Schönspielern und Effizienzbestien. Einige der süßesten Momente der Schadenfreude, die man in der letzten Zeit so erlebte, sind schon jetzt vorprogrammiert.

Hier geht nichts mehr schief. Im Gegenteil, mich packt eine schulmädchenhafte Vorfreude, wenn ich daran denke, was die Community mit einem Editor zaubert, der im Funktionsumfang, zumindest aber in Sachen der mit ihm denkbaren Schöpfungen, LittleBigPlanet 2 nur in wenig nachsteht. Dass darüber hinaus das berühmt simple und motivierende Geschicklichkeits-Gameplay, das das Herz der Reihe bildet, an den richtigen Stellen ergänzt und verbessert wurde, unterstreicht nur, dass RedLynx den Untertitel - Evolution - mit dem gebotenen Ernst betrachtet, und ihn nicht nur wie ein bequemes und gut klingendes Label auf die virtuelle Packund des Spiels pappt. Die Finnen sind damit auf Kurs, ihrem Oeuvre nach Trials HD gleich noch ein zweites "Bestes Spiel dieser Konsolengeneration" hinzuzufügen. Alle Achtung.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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