Warhammer Online: Wrath of Heroes - Vorschau

Zu wenig Warhammer, zu wenig MOBA. Da müssen die Entwickler noch einige Nachtschichten einlegen.

Mein letzter Besuch in einem Ladengeschäft von Games Workshop ist ein Weilchen her, doch so schnell vergisst man die brechend vollen Tische, Regale und Glasvitrinen nicht, in denen hunderte handbemalter Figuren aus dem Warhammer-Kosmos epische Schlachten in Pappmaché-Ruinen ausfechten. Wer hier einkauft, nimmt sein Hobby bierernst und bestraft jeden laxen Umgang mit seiner Lieblingsmarke durch zornige Mails, Schimpftriaden in Foren und wütende Boykottaufrufe. Wehe dem Entwickler, der auf dieser dünnen Eisdecke einen falschen Schritt wagt.

BioWare und EA marschieren trotzdem munter drauf los mit ihrem Warhammer Online: Wrath of Heroes und trampeln dabei über eherne Tabus hinweg. Wer ein wenig Ahnung von der Materie hat und in die offene Beta des neuen Multiplayer-Online-Battle-Arena-Ablegers (im Volksmund "MOBA") einsteigt, wird sich vermutlich erst einmal die Augen reiben. Plötzlich kämpfen erbitterte Erzfeinde Seite an Seite: Zwerge und Grünhäute, Hochelfen und Dunkelelfen - nur ein paar passive Kampfboni verraten noch die Jahrhunderte alten Animositäten zwischen den Völkern. Nein, hier geht es nicht um komplizierte Machtverhältnisse, Regelwerke und Einheitenstatistiken. Wrath of Heroes will simpel sein, gibt sich betont actionreich und soll vor allem Spaß machen. Mit der Tabletop-Vorlage hat der Titel daher ungefähr so viel gemeinsam wie Mikado mit Speerwerfen. Warhammer-Puristen werden sich wahrscheinlich sämtliche Nackenhaare aufstellen.

Ist der Titel also eher etwas für Otto-Normal-Gamer, der mit dem ganzen Brettspiel-Gedöns sowieso nichts anfangen kann? Der Eindruck drängt sich auf. Das fängt schon bei den bislang acht vorgefertigten Kämpfern an, die jeweils eine eigene Klasse repräsentieren. Charaktereditor? Import aus Warhammer Online? Viel zu kompliziert. Dafür seid ihr nicht auf einen bestimmten Helden festgelegt, sondern dürft eure Rollen beliebig nach jedem Bildschirmtod wechseln. Auf der einen Seite erspart euch die ellenlange Hintergrundrecherche über die verschiedenen Völker. Auf der anderen Seite wird es dadurch verdammt schwer, sich mit seinen Charakteren zu identifizieren. Eigentlich schade, denn die Jungs, Mädels und Monster haben durchaus Charme.

Warhammer Online: Wrath of Heroes - Trailer

Da gibt es die axtschwingende Hochelfen-Dame Aessa, die für kurze Zeit den Schaden ihrer Teamkameraden absorbieren kann. Die Dunkelelfin Ilanya beschränkt sich auf knackige Distanzzauber und tödliche DoT-Attacken. Die feurige Felica brutzelt ihre Feinde auf kleiner Flamme mit schlagkräftigen Feuerbällen. Goblin Glowgob versteht sich als einziger Kämpfer auf Heilzauber. Der rattengesichtige Skaven Ikkrik greift getarnt aus dem Hinterhalt an. Der muskelbepackte Volrik zieht flüchtende Gegner per Rankenzauber auf Prügeldistanz zu sich heran, betäubt sie und verpasst ihnen eins mit der Keule. Zu guter Letzt gibt es noch eine exzentrisch geschminkte Vampirlady namens Nethys und den einäugigen Lucian mit metzelfreudigen Doppelschwertern. Der alte Haudegen ist übrigens der einzige Held, den ihr nach dem Tutorial geschenkt bekommt.

Dummerweise gibt's nämlich nur vier Recken umsonst. Wrath of Heroes ist schließlich free-to-play und soll über den Cashshop Geld verdienen. Lucien gehört vom Start weg euch. Bei drei anderen Streitern (hier wird regelmäßig gewechselt) bleibt der Fähigkeitsbaum so lange gesperrt, bis ihr die Charaktere im Shop gekauft habt. Ihr dürft also mit ihnen spielen, anpassen könnt ihr sie jedoch nicht.

"Wenn man nur genügend Zeit und Sitzfleisch aufbringt, kann man die Kreditkarte stecken lassen."

Auch neue Skins und Booster für Erfahrungspunkte und Gold werden im Shop angeboten. Dabei steht euch bei den meisten Artikeln frei, ob ihr mit Echtgeld (Gems) oder erspieltem Gold bezahlt. Allerdings sind die Preise bei Letzterem extrem gepfeffert. Um das mal ins Verhältnis zu setzen: Pro Match verdient ihr selten über 100 Goldstücke. Bis die 30000 bis 60000 Münzen für einen einzigen Helden beisammen sind, dürfte es also eine Weile dauern. Wer sich die Plackerei ersparen will, muss umgerechnet 10 Euro löhnen. Trotzdem sollte man EA zugutehalten, dass die begehrten Waren im Shop auch für Ingame-Knete angeboten werden. Wenn man nur genügend Zeit und Sitzfleisch aufbringt, kann man die Kreditkarte stecken lassen.

Was Wrath of Heroes extrem zugänglich macht, ist BioWares Festhalten an einer typischen MMO-Steuerung. Ihr bewegt euch mit der bewährten WASD-Kombi, dirigiert die Kamera per Maus und aktiviert eure fünf mitgelieferten Fähigkeiten mit den Zahlentasten. Gegner werden von selbst oder per Tabulator anvisiert. Man muss nicht einmal auf das übliche automatische Zielsystem verzichten. Und genau das wird hier zum Problem. Ein Arena-Kampfspiel, in dem ich nicht mal aktiv zielen muss? Wo bleibt da die Herausforderung? In der Praxis renne ich einfach grob in Richtung des gegnerischen Teams, schalte ein Ziel auf und hämmere wie blöd auf die Zahlentasten, bis einer von uns beiden ablebt. Das ist mir etwas zu simpel gestrickt.

Dabei würden die drei Karten, die bislang in der Beta veröffentlicht wurden, eindeutig mehr taktische Tiefe hergeben. Statt bloß zwei Teams aufeinander zu hetzen, schickt BioWare nämlich gleich drei Gruppen mit jeweils sechs Spielern aufs Schlachtfeld. Das kann spielerisch ziemlich würzig werden. Eine Arena, in der sich die Teams einfach die Helme breitklopfen, ist noch ziemlich simpel. Aber auf der Karte Mourkain Temple zahlt sich strategisches Vorgehen aus.

Hier muss euer Team Punkte sammeln, indem es drei Flaggen erobert. Es gibt außerdem ein Artefakt, das in einem Tempel im Zentrum der Karte auf euch wartet und jede Menge Punkte bringt. Es darf aber nur gekapert werden, wenn ihr mindestens eine der Flaggen besitzt. Solange sich zwei Teams um dieses Artefakt kloppen, ist das die perfekte Gelegenheit für die dritte Gruppe, sich über die unbewachten Fahnen herzumachen.

"Leider liegt das Potential im Moment etwas brach. Statt taktischer Winkelzüge zwischen drei Parteien regiert auf den Schlachtfeldern noch das pure Chaos."

Einen anderen Twist bietet die Karte Blackfire Pass, auf der die Teams sich gegenseitig drei Runen streitig machen und jene Truppe gewinnt, welche die Steine am längsten in ihrer Basis halten kann. Wenn hier zwei verfeindete Gruppen zusammen gegen die Dritte vorrücken, um sich dann im Anschluss die erbeuteten Runen gegenseitig abzujagen, kommt jede Menge Spannung auf.

Die Erweiterung auf drei Teams ist eine tolle Idee. Doch leider liegt das Potential im Moment etwas brach. Statt taktischer Winkelzüge zwischen drei Parteien regiert auf den Schlachtfeldern noch das pure Chaos. Bislang sind nur wenige feste Gruppen unterwegs, die durch Teamspeak und gute Planung die Schlachtfelder dominieren könnten. Das wird sich mit der Zeit vermutlich ändern. Viel gravierender ist jedoch das viel zu simple Matchmaking. Erfahrungspunkte und Levels dienen nur der Freischaltung zusätzlicher Skills für gekaufte Helden. Bei der Verteilung der Spieler hat scheinbar ausschließlich General Zufall das Kommando und eine Liste mit offenen Partien fehlt völlig. Alle stellen sich in die gleiche Schlange und landen wild zusammengewürfelt in den Matches. Dadurch müssen sich fortgeschrittene Spieler mit blutigen Anfängern herumärgern und Einsteiger werden am laufenden Band von Veteranen mit gekauften Charakteren niedergemäht. Ein funktionierendes Ranking wäre hier nicht übel. Andere MOBA-Titel wie League of Legends und Bloodline Champions machen es vor und zeigen dem Konkurrenten auch an anderen Fronten seine Grenzen auf.

Warhammer Online: Wrath of Heroes kann durch seinen kinderleichten Einstieg punkten. Von den einfach strukturierten Menüs in der Lobby über das Tutorial bis hin zu den klar definierten Heldenrollen und den übersichtlichen Karten ist der Titel überraschend einsteigerfreundlich. Auf der anderen Seite ist es genau dieser simple Zugang, der das Spiel schnell ein wenig langweilig werden lässt. Außerdem wirft das die Frage auf, wer hier eigentlich die Zielgruppe sein soll? Für Warhammer-Fans steckt in dem Titel schlicht zu wenig Warhammer drin. Wer MOBAs mag, wird ihm den aktuellen Mangel an Karten, Spielmodi, Helden und Fähigkeiten ankreiden. Letzten Endes fehlt es auch dem halbautomatischen MMO-Kampfsystem an Finesse. Mehr als stupides Aufschalten und Tasten spammen ist momentan nicht nötig.

Die Macher bei BioWare müssen sich sputen, wenn sie noch während der offenen Beta diese Mängel ausbügeln und zum Start ausreichend Content - sprich Maps - liefern wollen. Sonst überlebt der Titel nicht lange. Trotz seiner namhaften Lizenz.

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Über den Autor:

Frank Erik Walter

Frank Erik Walter

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Tagsüber arbeitet Frank als freier Journalist. Nachts jagt er seit 2010 flüchtige MMOs für Eurogamer.de und die MMO PRO. Skittles und Tetris sind sein Kryptonit.

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