War of the Roses - Vorschau

Man nehme einen Mehrspieler-Kracher wie Battlefield und versetze das Szenario ins England des 15. Jahrhunderts. Klingt ambitioniert, könnte aber ein echter Hit werden.

Wären neulich beim Presse-Event von Paradox Interactive in London nicht die Türen einen Spalt offen gewesen, ein paar Kollegen hätten vermutlich wegen akuten Sauerstoffmangels behandelt werden müssen. Ja, sowas soll schon vorgekommen sein, wenn zwei Dutzend Leute während einer Präsentation verblüfft einatmen und damit jegliche Luft aus dem Raum saugen.

Senior Producer Gordon Van Dyke zeigte uns die aktuelle Alpha-Version von War of the Roses, das zur Zeit von Fatshark (Lead and Gold) entwickelt wird. Anfangs saßen wir noch friedlich vor dem großen Monitor, schauten uns den beeindruckend detaillierten Charakterprofil-Editor an, schlürften Cola und kritzelten Notizen in die Blöcke. Die Stimmung war entspannt.

Schließlich startete Gordons Kollege am Rechner eine Mehrspieler-Partie und ritt mit Lanze und Schild ein paar Runden über die grüne Wiese hinter einem idyllischen kleinen Bauernhof. Bis zu 64 Spieler dürfen sich gleichzeitig auf solchen Mehrspieler-Schlachtfeldern tummeln, die auf sieben verschiedenen Umgebungen basieren. Zum Start wird es die Spielmodi Conquest und Team-Deathmatch geben, später wird gratis ein Assault-Modus nachgepatcht, in dem ihr mit euren Kampfgefährten unterschiedliche Ziele erreichen müsst. Über die Einzelspieler-Kampagne schwieg sich Van Dyke erst einmal aus, allerdings liegt der Fokus sowieso eher auf dem Multiplayer-Part, wie die Entwickler betonen.

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Fans von Mount & Blade: Warband dürften sich beim Mehrspielermodus gleich wie zu Hause fühlen. Optisch hat Fatshark allerdings einige Scheite nachgelegt. Dank der potenten Bitsquid-Engine mit DirectX-11-Unterstützung wirkt die mittelalterliche Landschaft jetzt sehr lebensnah. Vegetation, Gebäude, Texturen, Licht, Schatten, Unschärfe-Effekte, Reflexionen auf den Rüstungen, Staub in der Luft - alles verdammt eindrucksvoll in Szene gesetzt und ziemlich ausgereift für ein Spiel im Alpha-Stadium.

Noch immer dreht der Ritter auf dem Pferd seine Kreise. Plötzlich wechselt die Sicht von der Schulter- in die Egoperspektive. Unser Held hat einen gegnerischen Reiter aufs Korn genommen und galoppiert zielstrebig auf ihn los. Per Knopfdruck klappt sein Visier herunter, jetzt wird der Bildschirm von einem schwarzen Rahmen in Form zweier Sehschlitze realistisch verdeckt.

Kurz vor dem Aufprall reißen beide Streiter ihre Lanzen nach oben, doch der Gegner tjostet unseren Kämpfer gekonnt aus dem Sattel, sodass er zu Boden stürzt und schwer verletzt liegen bleibt. Hilflos starren wir aus der Ich-Perspektive in den Himmel, während der andere Ritter in unserem Sichtfeld auftaucht, sich auf unsere Brust kniet, das Schwert zieht und uns damit mehrfach brutal in den Kopf sticht. Blut spritzt, unser Kämpfer schlägt kraftlos mit den Armen nach seinem Peiniger, das Bild wird rot umrahmt von Blutspritzern. Ungläubig schnappen alle anwesenden Journalisten nach Luft. Die atemlose Stille hält eine Sekunde, dann folgt aufgeregtes Murmeln. Ein paar Kollegen beginnen anerkennend zu lachen, andere räuspern sich verlegen, ich hätte mich fast an der Cola verschluckt. Keiner kann seinen Blick vom Bildschirm lösen, der gerade von Blutrot nach Schwarz wechselt, bevor ein Respawn-Menü aufploppt. Gordon Van Dyke grinst. So war es, das Mittelalter...

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Bei solchen Metzeleien verkommt Sparta zum Erholungsheim für Weichsemmeln. Das. Ist. England! 15. Jahrhundert! Knallhart und gnadenlos! Beim Kampf um den Thron schenkten sich die Häuser York und Lancaster nichts. Die blutige Realität spätmittelalterlicher Zweikämpfe wird im Spiel entsprechend unverblümt gezeigt. Wer Ritterlichkeit, Fairness oder höfische Sitte erwartet, sollte lieber Wolfram von Eschenbach oder Hartmann von Aue lesen. In War of the Roses erdolchen grimmige Krieger noch mit ihrem letzten Atemzug den bewusstlosen Feind, während ihnen schon drei Pfeile im gepanzerten Rücken stecken und sie elendig verbluten. Und ja: Auch das kann man später im Spiel sehen.

Dabei gelingt es Fatshark und Paradox Interactive hervorragend, auf dem schmalen Grat zwischen Realismus und Spielspaß zu balancieren. Mittels leichter Bewegungen eurer Maus kontrolliert ihr die Richtung eurer Schwerthiebe oder Paraden, wobei Hindernisse wie Bäume oder Mauern eure Schläge jäh stoppen oder gar eure Waffe zerbrechen lassen. Rasiermesserscharfe Hellebarden sind auf mittlere Distanz jedem Schwert überlegen, jedoch nutzlos, sobald ein Feind auf Tuchfühlung geht und euch nur noch die Stange statt der Spitze zum Zuschlagen bleibt. Wenig realistisch ist es hingegen, dass selbst eine meterlange Lanze einfach im Nichts verstaut und später wieder hervor gezogen werden darf, solange ihr sie nicht zuvor beim Tjosten zerdeppert habt. Eine Armbrust braucht gefühlte Jahrhunderte, um gespannt zu werden und auch Bögen sind nicht gerade für schnelles Dauerfeuer gemacht. Dafür greift ihr auf einen unbegrenzten Pfeil- und Bolzenvorrat zurück, was dem Spielspaß sehr zugutekommt. Eine dicke Panzerung schützt euch vor Schwertstreichen und Geschossen, doch die schwere Rüstung hemmt gleichzeitig eure Beweglichkeit, Laufgeschwindigkeit und Sprungkraft. Andererseits schwingt ihr euch selbst mit einem zentnerschweren Plattenpanzer noch elegant in den Sattel. Um diesen Trick hätte euch so mancher echter Ritter beneidet, der ohne Knappen und Seilzug niemals auf sein Pferd gekommen wäre.

"Bei solchen Metzeleien verkommt Sparta zum Erholungsheim für Weichsemmeln. Das. Ist. England!"

Übrigens dürft ihr euch jederzeit verwaiste Gäule schnappen, die ein gemeuchelter Reiter übrig gelassen hat. Als Schwertkämpfer profitiert ihr vom höheren Schaden, den ein Schwerthieb aus dem Galopp heraus verursacht, während sich Bogenschützen über die verbesserte Schussposition und zusätzliche Mobilität freuen. Allerdings kann so ein GTA-Manöver später auch nach hinten losgehen, denn die Pferde sollen eine eigene KI spendiert bekommen und bocken oder fremde Kämpfer sogar attackieren.

Die Charakterprofile sind eine Klasse für sich und erlauben Anpassungen bis ins kleinste Detail. Hier wird nicht nur einfach eine Hauptwaffe geschnappt und losgeritten. Bei jeder Klinge und jeder Stangenwaffe wählt ihr aus unterschiedlichen Kampfstilen, Metallen, Klingenformen, Schaftmaterialien und sogar Schwertknäufen. Diese Optionen wirken sich nicht nur auf die Optik, sondern auch spürbar auf die Handhabung und die Haltbarkeit der Metzelwerkzeuge aus. Eine edle Klinge aus Damaszener-Stahl steckt zum Beispiel Hiebe weg, unter denen eine gewöhnliche Klinge einfach zerbrechen würde. Genauso viele Möglichkeiten habt ihr beim Zusammenklicken eurer Zweitwaffen, der Helme, des Visiers, des Schulterschutzes, der Rüstung, der Hosen, ja sogar Wappen und Helmzier werden individuell angepasst und eingefärbt. So geht locker eine halbe Stunde drauf, um euren Streiter auszurüsten und zu optimieren. Dabei sollen nur bestimmte Waffenkombinationen erlaubt sein, damit ihr nicht irgendwann als unbesiegbarer Rambo durch die Gegend stapft. Zu Beginn eurer Ritterkarriere müsst ihr euch außerdem mit wenigen Optionen begnügen. Erst im Laufe der Zeit schaltet ihr weitere Waffen und Rüstungen frei.

Zum Glück konnten wir beim Probespiel auf vorgefertigte Kämpfer zurückgreifen und mussten uns nicht lange mit den Vor- und Nachteilen bestimmter Konfigurationen herumplagen. Ein paar Runden versuchte ich mich als Lanzenreiter, bekam aber mangels Übung keinen Gegner vor den Spieß. Mit Pfeil und Bogen fühlte ich mich hingegen sehr wohl und holte nach kurzer Zeit einige Feinde vom Pferd. Sobald ihr euren Bogen spannt, bewegen sich zwei kleine Pfeile um das Fadenkreuz und zeigen die ideale Kraftkurve an. Im richtigen Moment losgelassen trefft ihr dann meisterlich ins Schwarze. Mit schlechtem Timing landet der Schuss hingegen im Unterholz. Kommt euch ein Gegner zu nah, zieht ihr das Schwert und gebt ihm Saures.

War of the Roses - Trailer

Hier allerdings hatte ich kaum eine Chance gegen Kämpfer, die mit mittlerer Rüstung und Kampfhammer oder einem Spieß auf mich einstürmten und mir mit wenigen Hieben den Garaus machten. Danach hieß es erst einmal warten, bis mir ein Gegner den Gnadenstoß versetzte oder mir ein Kollege wieder auf die Beine half (später erfuhr ich, dass man per F3-Taste die Zeit zum Respawn abkürzt). Einmal stand ich sogar einem Kollegen gegenüber, der mir mit einer archaischen Feuerwaffe eins über den Pelz brannte. Im 15. Jahrhundert waren solche Pulverrohre mit Luntenzündung noch saumäßig unpräzise und nachladen im Gefecht praktisch nicht zu schaffen, auf kurze Distanz war ein Treffer aber tödlich. Alles in allem muss man den Entwicklern bescheinigen, dass sie ihre Hausaufgaben in Sachen Waffenkunde gemacht haben. Mittelalterfans und Geschichtskenner werden begeistert sein. Trotzdem kommt die Action nicht zu kurz. Und das muss man Fatshark und Paradox nicht weniger hoch anrechnen.

Bei der etwas langatmigen Präsentation des Charaktereditors hatte ich noch meine Zweifel, ob War of the Roses einer breiten Masse Spaß machen könnte. Das Ganze wirkte eine Spur zu detailversessen und allenfalls für Spieler mit Mittelalterfetisch interessant. Das eigentliche Gameplay hat mich dann aber schnell überzeugt. Man braucht ein bisschen Übung, um mit der Maussteuerung und den Waffen klarzukommen, nach kurzer Eingewöhnung schwingt man sein Schwert jedoch wie Arthus persönlich und freut sich über jeden Zweikampf. Wenn die anderen Mehrspieler-Modi so ausgefuchst daherkommen, wie das gezeigte Team-Deathmatch und darüber hinaus die Einzelspieler-Kampagne überzeugt, ist der Titel ein echter Geheimtipp für das dritte Quartal 2012.

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Über den Autor:

Frank Erik Walter

Frank Erik Walter

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Tagsüber arbeitet Frank als freier Journalist. Nachts jagt er seit 2010 flüchtige MMOs für Eurogamer.de und die MMO PRO. Skittles und Tetris sind sein Kryptonit.

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