Eines muss man den Entwicklern von Men of War: Condemned Heroes lassen: Nach fünf Minuten kann ich mich total in meine Soldaten hineinversetzen. Nein, nicht weil da eine fesselnde Story wäre, in deren Verlauf mir meine Männer ans Herz wachsen würden. Ich fühle mich einfach nur genauso überfordert, frustriert und hoffnungslos unterlegen. Tutorials? Nix da. Gleich ab ins Gefecht! Ist ja eine Stand-alone-Erweiterung. Läppische zwei Einheiten darf ich zu Beginn der Einstiegsmission steuern und soll damit eine gefühlte Hundertschaft deutscher Soldaten aus ihren Schützengräben vertreiben. Klingt eher nach Selbstmord als nach einem Schlachtplan.

Wobei das Szenario ziemlich realistisch sein dürfte. Schließlich steuere ich Männer aus einem russischen Strafbataillon. Die hatten wenig zu verlieren und noch weniger Alternativen. In solche Abteilungen steckte man Deserteure, Querulanten und Offiziere, die straffällig geworden waren oder zuvor im Einsatz versagt hatten. Ihres militärischen Rangs enthoben und minimal ausgerüstet "durften" sich die Soldaten in selbstmörderischen Einsätzen rehabilitieren. Nicht selten verheizte man solche Männer als Ablenkungsmanöver, bevor die eigentlichen Truppen aufmarschierten. Jeder Fluchtversuch wurde von nachfolgenden Blockade-Einheiten verhindert, die vermeintliche "Feiglinge" sofort exekutierten. Hintergrund der "Shtrafbat" war der von Stalin ausgegebene Befehl Nr. 227 mit der Parole "Kein Schritt zurück". Das sagt sich freilich leicht, wenn man als Diktator nicht persönlich an der Front steht und stirbt.

Die Lernkurve in Condemned Heroes ist steil, steinig und die KI der eigenen Truppen neigt zu merkwürdigen Kapriolen. Das merkt man schon während der ersten 30 Sekunden an der Front. Ich soll meine beiden Soldaten hinter einem Stein postieren und von dort eine MG-Stellung mit Granaten zerstören. Doch anstatt meinen Befehlen zu folgen und zügig in Deckung zu hechten, bleiben die Burschen einfach unterwegs stehen und ballern blindwütig auf die Nazis. Ich klicke nochmals hektisch auf den Stein, aber vergeblich. Einer meiner Soldaten liegt tot im Gras. Der Überlebende soll jetzt aus der Deckung heraus seine Granate werfen, zieht diese auch gehorsam aus dem Gürtel, rennt dann aber plötzlich hinüber zur feindlichen Stellung. Sekunden später leistet er seinem Kumpel Gesellschaft im Nirvana. Mission gescheitert. Meine Maus zeigt erste Bissspuren.

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Glücklicherweise stehen mir einige computergesteuerte Kampfgefährten zur Seite, die offenbar wissen, was sie tun. Also lasse ich im nächsten Anlauf meine Soldaten brav ihren KI-Kollegen hinterherdackeln. Soll doch der Computer die Arbeit machen. Nebenbei begutachte ich die diversen Buttons am unteren Bildrand etwas genauer. Damit kann ich den Genossen verklickern, dass sie gefälligst nicht von allein feuern oder herumlaufen sollen. Noch besser gefällt mir die aktive Steuerung. Jetzt lenke ich die Kämpfer per Pfeiltasten und feure mit der Maus. Das erleichtert die Aufgabe enorm.

Nach wenigen Minuten ist der Graben besetzt. Zeit zum Verschnaufen bleibt jedoch nicht. Sofort wird die Karte erweitert und die Deutschen wollen uns überrennen. Ich setze einen meiner Soldaten hinter das stationäre MG, der andere leistet seinen KI-Kollegen im Schützengraben Gesellschaft. Gemeinsam lassen wir die anrückenden Nazis Blei fressen. Kurz darauf darf ich zwei weitere Soldaten steuern, soll einen Panzer reparieren und damit mehrere Stellungen der Deutschen ausräuchern.

So erobere und verteidige ich Graben um Graben. Mein ärgster Feind bleibt allerdings die unberechenbare Intelligenz meiner eigenen Soldaten. Zum Glück bekomme ich nach jedem Abschnitt ein paar neue Leute hinzu, sonst könnte ich die Verluste kaum ausgleichen. Irgendwann ist die Schlacht gewonnen und die Deutschen geben Fersengeld. Ein kleines Triumphgefühl regt sich in mir, das aber gleich beim nächsten Einsatz im Keim erstickt wird. Ich soll mit einer Handvoll Leute noch mehr Gräben erobern? In der Nacht? Ohne Alarm auszulösen? Und das mit dieser wurschtigen KI? Ernsthaft?

Manchmal ist die Handvoll Soldaten unter meinem Kommando schlau genug, eine Stellung selbstständig zu halten, verletzte Einheiten zu heilen oder die Position zu wechseln, wenn ein Feind an der Flanke auftaucht. Dann wieder gibt es diese Momente, in denen meine Leute rahmdösig in ihrem Graben hocken, sich einen Dreck um Feinde in Reichweite scheren und selbst unter schwerem Beschuss nicht in Deckung gehen. In solchen Situationen würde ich gern ein paar saftige russische Flüche kennen.

"Selbst die direkte Kontrolle über einzelne Soldaten genügt nicht, um diesen Hühnerstall beisammenzuhalten"

Selbst die direkte Kontrolle über einzelne Soldaten genügt nicht, um diesen Hühnerstall beisammenzuhalten und durch schwierige Passagen zu lotsen. Vor allem während heißer Feuergefechte mit Angreifern von mehreren Seiten oder zeitkritischer Abschnitte ist man da schnell überfordert. Mehrere Anläufe sind da unvermeidlich. Auch in späteren Missionen ist es klüger, die befreundeten KI-Einheiten machen zu lassen und abzuwarten, bis sich das Chaos an der Front etwas gelegt hat. Merkwürdigerweise verhalten sich die Computer-Soldaten verglichen mit meinen Leuten ziemlich schlau und reagieren sinnvoll auf neue Situationen.

Men of War: Condemned Heroes ist ein zäher Brocken für zähe Brocken und leider auch recht innovationsarm. In den 13 Haupt- und sechs Bonusmissionen geht es meistens darum, dutzende Stellungen zu erobern und im Anschluss gegen eine Übermacht zu halten. Auch wenn es im realen Krieg nicht viel anders gewesen sein mag: Viel Abwechslung bietet dieses Grabenhüpfen nicht. Dafür ist der Schwierigkeitsgrad knüppelhart. Fans der Vorgänger und ausgekochte Echtzeitstrategie-Fanatiker werden das zu schätzen wissen. Besonders happig wird die Angelegenheit, wenn ihr an mehreren Fronten gleichzeitig angegriffen werdet. Men of War und seine Ableger Assault Squad und Vietnam waren in dieser Hinsicht auch kein Spaziergang, letzteres hatte aber einen Koop-Mehrspielermodus zu bieten, sodass man besonders schwierige Aufträge im Team erledigen konnte. In Condemned Heroes gibt es für PvP-Fans dagegen nur schlappe zwei Capture the Flag-Modi und vier verschiedene Karten zur Auswahl, die im LAN oder Internet gespielt werden dürfen.

Die Grafik kommt bei höchster Zoomstufe sehr kantig daher und hinterlässt einen eher zweckmäßigen Eindruck. Auf den zweiten Blick kann man jedoch ein paar hübsche Details an den Einheiten und Gebäuden erkennen. In diesem Zusammenhang glänzt vor allem die Physikengine durch erstaunlich akkurat simulierte Schüsse, Explosionen und eine weitgehend zerlegbare Umgebung. Wenn eurem Soldaten der Helm vom Kopf gefegt wird, Panzerketten unter schweren Treffern zerreißen und Gebäude krachend zusammenbrechen, wirkt das sehr authentisch.

Um Ressourcenmanagement im eigentlichen Sinn braucht man sich nicht zu kümmern. Die Einheiten besitzen stattdessen ihr eigenes Inventar und tragen nur begrenzt Munition mit sich herum. Zur Not müsst ihr gefallene Soldaten plündern. Diesen Ansatz fand ich sehr realistisch - schließlich mussten auch die realen Strafbataillone mit den Waffen auskommen, die sie im Kampf erbeuteten. Besonders wichtig ist außerdem die Reparatur und Übernahme gegnerischer Fahrzeuge. So ein eroberter Panzer kann jede Schlacht zu euren Gunsten wenden.

"Wer hat diesen unsäglichen amerikanischen Sprecher für die Missionstexte rekrutiert, der ständig mit unpassendem Yankee-Akzent von den "Krauts" faselt?"

Was mir weniger gefallen hat, waren diverse fragwürdige Designentscheidungen seitens 1C Company. Weshalb kann ich immer nur acht Einheiten auf einmal kontrollieren und muss umständlich Grüppchen bilden? Wieso sehe ich nicht auf den ersten Blick, dass ich neue Soldaten bekommen habe, und muss dafür die Minikarte nach hellblauen Symbolen abgrasen? Wer hat diesen unsäglichen amerikanischen Sprecher für die Missionstexte rekrutiert, der ständig mit unpassendem Yankee-Akzent von den "Krauts" faselt? Da hat man wohl West- und Ostfront verwechselt.

Außerdem hätten die Männer des Strafbataillons eine richtige Hintergrundgeschichte verdient. Dass man die verzweifelte Ausgangssituation dieser Soldaten und die damit verbundenen Einzelschicksale nicht thematisiert, ist eine verpasste Chance. Warum nicht eine Handvoll Haudegen auf ihrem Weg von der Ukraine nach Deutschland verfolgen und nebenbei die unterschiedlichen Gründe für ihre Versetzung ins Strafbataillon beleuchten? Quasi ein russisches "Inglourious Basterds", nur eben historisch korrekt?

Die geschichtlichen Hintergründe über ein paar Texte im Hauptmenü näher zu beleuchten ist löblich, aber allenfalls eine Notlösung. Außerdem entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn die Entwickler dort fordern, dass man die Strafeinheiten nicht als bloßes Kanonenfutter sehen dürfe, weil dies respektlos gegenüber den gefallenen Soldaten sei und man vielmehr jedes Opfer gesondert betrachten und bewerten solle.

Gut gebrüllt. Aber wie passt das zu den kleinen 08/15-Portraits und den zusammengewürfelten Namen am unteren Bildrand, sobald ich meine Soldaten auswähle? Wie weit respektieren die Entwickler individuelle Schicksale, wenn der Spieler seine Soldaten anonym in selbstmörderischen Einsätzen verheizen muss, um irgendwelche Schützengräben zu erobern? Widerspricht sich 1C Company nicht selbst, wenn nach verlustreichen Aktionen einfach weitere gesichtslose Einheiten nachgeschaufelt werden, die dann kurze Zeit später genauso beiläufig ins Gras beißen? Das hinterlässt bei mir mehr als nur einen schalen Beigeschmack.

Für Fans der Men of War-Reihe bietet Condemned Heroes nichts Neues und dürfte allenfalls wegen des knackigen Schwierigkeitsgrads interessant sein. Einsteiger sollten sich den Kauf gut überlegen, da man schon für ein paar zusätzliche Euro die Gold-Edition von Men of War kaufen kann, in der neben dem Hauptspiel auch die Erweiterungen Red Tide und Assault Squad enthalten sind. Abgesehen von den eintönigen Missionen, mangelnden Mehrspieler-Optionen, diversen ärgerlichen Designmacken und der extremst launischen KI meiner Soldaten störte mich vor allem der einfallslose Umgang mit dem geschichtlichen Hintergrund. Aus dem Szenario hätte man wesentlich mehr machen können und den Unterschied der Strafbataillone zu regulären Truppen herausarbeiten müssen. Was 1C Company stattdessen abliefert, ist eine mittelmäßige Erweiterung, die nicht an die Qualität ihrer Vorgänger anknüpfen kann.

5 /10

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Über den Autor:

Frank Erik Walter

Frank Erik Walter

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Tagsüber arbeitet Frank als freier Journalist. Nachts jagt er seit 2010 flüchtige MMOs für Eurogamer.de und die MMO PRO. Skittles und Tetris sind sein Kryptonit.

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