Sleeping Dogs - Vorschau

Kung-Fu-Fightclub und Hahnenkampf, Drogendeals und Shopping-Spree: Es gibt fast nichts, was es in Hongkong nicht gibt.

So langsam müssten sie ja alle durch sein, all die schönen Spiele, die Activision in den letzten Jahren vor die Tür setzte und von anderen Publishern eingesammelt wurden. Sleeping Dogs ist eines davon und auch der letzte Teil einer anderen Reihe, die es irgendwie nie ganz bis an die Spitze schaffte: True Crime.

Streets of L.A. und New York, beide mit dem nun verschwundenen Seriennamen True Crime vorweg, hatten keinen leichten Stand. Düstere Settings, unbeliebte Hauptfiguren und der ewige Vergleich mit dem großen, weit runderen Vorbild GTA ließen die eigentlich gar nicht mal so üblen Open-World-Crime-Erfahrungen weit hinter die Erwartungen zurückfallen. Sowohl bei den Spielern und letztlich dann auch bei den Verkäufen. Landete das qualitativ bessere L.A. mit 4-5 Millionen verkauften Einheiten noch einen sehr soliden Achtungserfolg, erreichte New York - verfrüht veröffentlicht und Bug-geplagt - nicht mal die Million. Ende der Serie, True Crime Hong Kong verwand in 2011 von der Bildfläche.

Und kehrte nun unter der leitenden Hand von Square Enix auf diese zurück. Dass ich von der bisherigen Serie ein wenig distanziert sprach, liegt daran, dass Sleeping Dogs eigentlich mein Erstkontakt mit ihr ist. Zu der Zeit spielte ich lieber noch eine Runde Vice City oder Mercenaries, und wenn man mit den Problemen der 80er oder der Eroberung Nord-Koreanistans beschäftigt ist, verblasst der Slum von L.A. halt ein wenig. Hätte man mir jedoch Hongkong als Szenario präsentiert, dann hätte das ganz anders ausgesehen. Meine John-Woo-Phase war noch nicht so lange vorbei, Infernal Affairs immer noch eine große Sache und als Undercover-Cop in einem Game die Straßen Hongkongs zu erforschen, das hätte mich sogar V-Rock für ein Weilchen vergessen lassen.

Sleeping Dogs - Trailer

So wie ihm das jetzt für zwei Stündchen gelang. Nach einigen Einzelmissionen wurde nun endlich die eigentliche, offene Spielwelt des digitalen Hongkong präsentiert. Ist es immer noch beeindruckend, durch eine freie Stadt-Spielwelt zu fahren? Nein, nicht per se. Es ist schon erstaunlich, dass das, was vor 10 Jahren noch ein mittleres Weltwunder darstellte, nun so unter Routine fällt. In jede Straße dieses Ausschnittes der Nun-China-Halbinsel einbiegen zu können, ist selbstverständlich, das gelungene fernöstliche Flair der immer noch in einer Art Sonderstellung lebenden Stadt ist es nicht. Lustigerweise sind es für uns Deutsche wahrscheinlich nicht einmal die Schilder oder die schnellen Wechsel, aus Slum, Hochfinanz und Naturschutzgebiet, oder die Verquickung von Hinterhofgasse neben Superhighway, sondern der Linksverkehr.

Falls es schon mal ein Open-World-Spiel mit Linksverkehr gab, dann habe ich es verpasst und es ist gut, dass es hier zu den größten Zwischendurch-Spaßbringern gehört, die Polizei abzuhängen. So schnell, wie ich beim Falschabbiegen in einen Bus schlitterte, noch zwei Passanten gegen ihren Willen eine Straße weit mitnahm und dann die Sirenen in Bezug auf mein kleines Straßenrandmassaker hörte, wäre alles andere für das Spiel tragisch. Ist es aber nicht und während dieser Verfolgungsjagden fiel sofort auf, dass ich hier nicht über eines der wenigen Dinge aus GTA, die ich nicht mag, schimpfen muss.

Das Fahrverhalten ist zum einen sehr arcadig, das ohne Frage, aber zum anderen tadellos kontrollierbar. Es erinnert ein wenig an das leider sonst glücklose The Wheelman und zeugt von der Herkunftsverteilung von United Front Games. Eine ganze Reihe der Leute kam von EA Black Box dazu. Angesichts der Qualität des Fahrverhaltens in Sleeping Dogs stelle ich hier mal eine Theorie auf: Sleeping Dogs ist nach Aussage der Entwickler seit vier oder fünf Jahren in der Entwicklung. Die Need for Speed-Spiele aus dem Hause Black Box begannen vor etwa vier oder fünf Jahren mit Titeln wie Pro Street, Undercover oder The Run von hochwertig auf Mittelmaß oder weniger abzustürzen. Alle guten Leute scheinen demnach abgewandert zu sein und so hat Sleeping Dogs Dinge wie Undercover zu verantworten. Wie dem auch sei, in Hongkong lenken sich die frei erfundenen etwa 60 Fahrzeuge butterweich mit einem Hauch von Realismus und viel Spaß durch gutes Feedback und Bremsverhalten. Selbst mit Motorrädern, sogar richtig schnellen, lässt es sich hier hervorragend leben.

Wie es sich für ein Spiel dieser Art gehört, sammelt ihr euch diese Fahrzeuge auf der Straße, wie ihr sie braucht, oder kauft sie bei den verschiedenen Händlern. Die Ausgabe hat den Vorteil, dass ihr diese Vehikel stets bei freundlichen Parkplatzwächtern in der Nähe eurer verschiedenen Unterschlüpfe finden werdet. Der hier Gezeigte gehörte in die Kategorie "Handwerker-Immobilie", der Weg zu den Luxus-Behausungen im Finanz-Bezirk dürfte genretypisch vorgezeichnet sein.

Dieser läuft nicht friedlich ab, das ist normal. Sleeping Dogs beschränkt sich jedoch nicht gern auf Schusswaffen, sondern setzt auf eine Mischung aus viel Kung-Fu zusammen mit allem, was MMA so zu bieten hat. Experten wurden zurate gezogen, Bewegungen studiert und Moves fein-getuned, um zum Schluss ein ebenso effektives, wie unterhaltsames Nahkampfsystem bieten zu können. Eine Mission, die sich weitestgehend unter Erfolg verbuchen lässt. Im Gegensatz zu beispielsweise einem Mob in Assassins Creed werdet ihr in Sleeping Dogs von allen Seiten traktiert, während ihr versucht euch gegen 6, 7 oder sogar mehr Gegner durchzusetzen. Dabei gibt es verschiedene Kämpfertypen, auf die ihr unterschiedlich reagieren müsst.

Manche Decken, sodass ihr geduldig sein müsst, andere erfordern schnelles Eingreifen, bevor sie überhaupt zum Zug kommen können, der mit Abstand wichtigste Move jedoch ist der Konter, eins zu eins aus Rocksteadys Batman-Spielen übernommen. Sobald ein Feind in direkter Nähe leuchtet, wird Y gedrückt und schon wird ein guter Teil der Angriffe abgefangen. Da das sogar während einer eigenen Kombo - von denen es immer neue in einem umfangreichen Fähigkeitsbaum freizuschalten gibt - funktioniert, lässt sich ein ganzer Kampf nur durch Konter überstehen. Gegen große Gruppen ist das augenscheinlich sogar eine der besten Taktiken. Schnelle Erfolge gegen einzelne Feinde lassen sich mithilfe der zahlreichen Interaktionsmöglichkeiten mit der Umwelt erzielen. Gangster an Stromkästen zucken nicht lange, Köpfe lassen sich schon mal in Autotüren stecken und auch sonst gibt sich das Spiel nicht zahm, sobald der Action-Film startet. Oder ihr nutzt die Chance und kürzt das Ganze noch ein wenig mehr ab, indem ihr wie in einer hier gezeigten Mission einfach erst mal mit einem Kleinlaster in den Mob rast und so die Feinde vorsortiert. Wer schnell genug zur Seite sprang, ist würdig gegen euren Ersatz-Bruce-Lee anzutreten.

Dieser rabiate Auffahrunfall und das folgende Geprügel mit ein paar Teilnehmern weniger war der Auftakt zu einer Überwachungs-Mission. In dieser müsst ihr eine Überwachungskamera manipulieren, was bedingt interessant mittels einer Art Mini-Supermind-Spielchen abläuft und dann diese Kamera von eurem Versteck aus anzapfen. So könnt ihr direkt das Verbrechen wie etwa einen Drogenverkauf beobachten und die Polizei vor Ort nimmt die Gangster fest. Mission erfüllt, Geld und Erfahrung gewonnen.

Sleeping Dogs - Undercover: Hongkong

Kleine Aufgaben am Wegesrand bringen euch näher in Kontakt mit der örtlichen Bevölkerung. Ein hübscher Minirock sucht ein Gespräch und der Moment der Ablenkung wird von ihrem Partner genutzt, um euch die Brieftasche aus dem in einem der vielen Shops gerade erst gekauften schreiend grünen Jackett zu klauen. Diese Bagatelle demonstriert das Sprint- und Parcours-System. Sobald ihr an ein Hindernis kommt, eine niedrige Mauer, einen Zaun oder etwas Ähnliches, müsst ihr die Sprung-Taste genau getimed drücken und ihr verliert nicht an Tempo. Klappt das zu oft nicht, verschwindet der Räuber in der Nacht. Rein vom Spielgefühl ist es gut genug, um in solch kurzen Schüben als Abwechslung unterhaltsam zu sein, aber erwartet hier keine Alternative zu Mirror's Edge.

Holt ihr den Gangster ein, wird wieder geprügelt. Wie schon gesagt, das Kampfsystem spielt eine große Rolle und das gilt auch für die Auswahl der Missionen. Eine Art Asia-Fightclub will euch prüfen, Straßenschlägereien an jeder Ecke und immer wieder im Rahmen von Missionen geht es mit den Fäusten zu Sache. Auch die neue Story-Mission, das Abfangen einer Schmuggel-Lieferung, setzte erst auf eine Runde Schläge gegen eine Überzahl, dann auf die obligatorische Verfolgung des Lieferwagens. Eigentlich wird dieser von einigen Begleitfahrzeugen geschützt, die euch ordentlich zusetzen, bevor ihr endlich genug Schaden am Ziel-Auto verursacht habt. Da ich jedoch Glück (?) hatte und die Fahr-KI beim Flüchtenden versagte, hatte ich ihn nach wenigen Metern in einer Ecke eingekeilt. Da der Straßenschubser-auf-Knopfdruck-Move auch in dieser eigentlich statischen Situation gut funktionierte, war nach ein paar Sekunden alles vorbei. Ein Kollege hatte einen fahrtüchtigeren KI-Wiedersacher und erlebte die Tour durch die Stadt, wie sie sein sollte, was zugegebenermaßen deutlich unterhaltsamer wirkte.

Zur Entspannung nach solch aufregenden Geschäften finden sich auch Foto-Shootings, die euch zu den Sehenswürdigkeiten führen. Erst ein hübscher Tempel, dann noch schnell den Sonnenuntergang an der Klippe mitnehmen. Aber selbst einen solch fast schon romantischen Ort kann man in Hongkong keine Minute für sich haben, ohne angepöbelt zu werden. Also einen nervigen Touristen niederstrecken und aufpassen, dass ein bewusstloser Körper nicht die Erhabenheit des Moments verdirbt, wenn die Sonne im Meer versinkt.

Sleeping Dogs - Trailer

Dass sich diese Fotos lohnen - oder zumindest mal der Blick auf diese Sehenswürdigkeiten - liegt an der Faszination der Stadt Hongkong, die Sleeping Dogs durchaus ordentlich einfängt. Die Farbgebung, die Geräusche, die authentisch wirkenden Sprachsamples, alles vermittelt ein sehr eigenständiges Flair, das sich nur schwer mit den Konkurrenten vergleichen lässt. Alles wirkt ein wenig verdichtet und intensiver, viele Straßen und Gassen enger. Das ist gut, jedoch lässt sich nicht leugnen, dass Sleeping Dogs technisch keine Bäume ausreißen dürfte. Man weiß nie, was die letzte Politur noch alles so bringen kann, aber für den Moment sehe ich noch nicht, dass das ja inzwischen auch schon in die Jahre gekommene GTA IV übertrumpft werden kann.

Aber Technik ist ja bekanntlich nicht alles und was Sleeping Dogs vielleicht an Textur-Stärke fehlt, kann es durch den unverbrauchten Reiz von Hongkong wettmachen. Als wäre True Crime nie abgeblasen worden, setzt das Spiel die Tradition der Reihe als ganz klassisches Open-World-Spiel fort, mixt Story-Missionen mit viel Auslauf und Beschäftigungen optionaler Art, bietet viel an und zwingt zu nichts. Seine Eigenheit dürfte die Fixierung auf die Martial-Arts-Straßenschlägerei sein, was sich ja auch gut in Jackie-Chan-Bruce-Lee-geprägte Vorstellungen des Stadtbilds einfügt. Fahren und Prügeln im Mix, beides zum Glück mit guten Spiel-Mechaniken im Hintergrund ausgestattet und gekonnt umgesetzt.

Was die eigentliche Handlung angeht ... Dazu kann ich nach dieser Präsentation nichts Neues oder Abschließendes sagen, außer, dass sie am Ende vielleicht gar nicht so wichtig für den Spielspaß ist. Natürlich wäre es nicht verkehrt, wenn auch sie packen könnte, aber Sleeping Dogs an sich wird allem Anschein nach ein klassischer, unterhaltsamer Sandkasten, in dem ihr nach Tageslaune entscheidet, ob ihr Triaden-Bosse auspioniert oder doch lieber die Hahnenkampfarena besucht. Beides hat seinen Reiz und bei beiden stehen die Chancen auf eine Prügelei hoch.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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