Neu ist nicht gut genug: Video Game Grading - Artikel

Nur eingeschweißt? Solange es nicht gewogen und für 8,5 befunden wurde ist es kein Sammlerstück.

So richtig kann ich immer noch nicht glauben, dass es das alles wirklich gibt.

Vor einigen Tagen hatte ich eines dieser großartigen Gespräche, bei denen man über Stunden verteilt von einem Thema zum nächsten springt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Irgendwo zwischen dem zweiten und dritten Bier kamen wir über Videospiele auf unsere Sammlungen zu sprechen.

Keiner von uns ist ein wirklicher Sammler, der auf eBay täglich Auktionen durchstöbert, doch ein paar Prachtstücke hält jeder in seinem Zimmer versteckt, die für ihn von Bedeutung sind. Für mich ist es mein Stapel der seltenen Game-Cube-Spiele. Sicherlich keine teuren Anschaffung im Vergleich zu den Geldsaugern der NES-Ära, doch das System bedeutet mir persönlich äußerst viel und daher ist mir ein Ikaruga oder Metal Gear Solid: Twin Snakes wesentlich wichtiger als ein Modul der Nintendo World Championship.

"Besitzt du eines davon auch neu, also original eingeschweißt?", fragte er mich nach der Schwärmerei über meine Schätze. "Nein, seitdem ich dummerweise mein Resident Evil: Code Veronica X geöffnet habe, nicht mehr. Aber ich weiß, dass es den Wert locker um das Doppelte gesteigert hätte. Bleibt mir nichts anders übrig, als mich dafür ewig selbst zu hassen", entgegnete ich ihm mit einem erzwungenen Lächeln. "Schade, du hättest das gute Stück einfach graden lassen können, um seinen Wert noch mehr zu steigern."

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Die ersten drei VGA-Verpackungen von 2008.

Mit dieser Aussage gewann er nur einen verwirrten Blick auf meinem Gesicht. "Bitte was? Graden? Was zum Teufel soll das denn sein? Neuer als neu und original versiegelt geht doch gar nicht mehr." Daraufhin folgte eine kurze Einführung in die Welt des Video Game Gradings, bei dessen Erklärung ich zuerst gar nicht glauben konnte, dass es wahrhaftig existiert.

Video Game Grading wird in den meisten Fällen von der Video Game Authority übernommen. Jeder kann eines seiner eingeschweißten Spiele - ausgepackte Module oder Hüllen ohne Plastikummantelung werden nicht angenommen - an die Firma schicken, um es für einen Preis bewerten und in dickes Acrylglas einpacken zu lassen. Die Bezahlung schwankt je nach Wert und Größe des Spiels zwischen 25 und unfassbaren 295 Dollar. Gegen einen kleinen Aufpreis erhaltet ihr sogar eine Verpackung, die vor UV-Einstrahlung schützt. Immerhin soll die Farbe der Verpackung keinerlei Veränderung erleiden.

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Ist doch auch viel praktischer als ein Gebrauchtwagen.

An der Oberseite der für immer verschlossenen Hülle befindet sich dann eine Bewertung, die zwischen 1 und 10.0 liegt. Dabei wird das Spiel auf jede kleinste Delle oder fast unsichtbaren Riss im Plastik untersucht. Eine 7.0 ist ohne größere Makel noch leicht zu erreichen, doch je höher die Zahlen steigen, desto pingeliger werden die Untersuchungen, weswegen es noch kein Titel auf eine perfekte 10 geschafft hat. Da die Note den letztendlichen Wert des Produkts bestimmt, können bereits Unterschiede von 0.5 Abzüge im dreistelligen Dollar-Bereich bewirken.

Trotz horrenden und teilweise krankhaft hochgesetzten Preisen, verkaufen sich viele dieser VGA-Boxen auf eBay und haben seit ihrer Einführung 2008 eine neue Unterkategorie erschaffen. Während ein verpacktes EarthBound für den Super Nintendo im Normalfall ungefähr 400-500 Dollar im virtuellen Auktionshaus einbringt, wurde diese mit 8.5 bewertete VGA-Version für unbeschreibliche 4.700 Dollar verkauft. Eine zehnfache Preissteigerung, obwohl es sich von den meisten Fassungen kaum unterscheidet.

Ihr braucht nur den Zusatz VGA in der Suchzeile eingeben und schon winken euch provozierend fünfstellige Preise entgegen. Und wie ihr seht, wird auf viele der Auktionen sogar recht häufig geboten. Die Beliebteren befinden sich zwar meist unter der 1.000 Dollar-Grenze, doch bereits 300 Dollar für Metroid auf dem NES wirken übertrieben. Eine nicht verifizierte Version kosten euch schließlich weniger als die Hälfte. Der ansonsten schon starke Abstand zwischen neuen und gebrauchten Titeln gerät bei Betrachtung dieser Summen in Vergessenheit.

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Ja, auch Konsolen können original verpackt bewertet werden.

Irgendjemand gibt aber tatsächlich sein mehr oder weniger hart verdientes Geld für diese exorbitanten Sammlerobjekte aus. Wer nach fünf neuen Lamborghinis keinen Platz mehr in der Garage hat und nun das Wohnzimmer mit teuren Dingen ausstatten möchte, darf gerne zugreifen. Dem normalen Spieler fallen angesichts solcher Summen, die er sonst nur in Verbindung mit seinem Highscore kennt, aber die Augen aus dem Kopf.

Ursprünglich entstand dieses Geschäft aus dem Grading von Comic-Büchern und Sammelkarten, deren zuständige Institute wie Certified Guaranty Company schon seit über zehn Jahren bestehen und unter Sammlern hoch angesehen sind. Bei den Büchern macht eine solche Verifizierung allerdings wesentlich mehr Sinn, da es hierbei nicht bloß um die Verpackung, sondern den kompletten Zustand des Objektes geht. Auf einem kleinen Ebay-Foto kann ich nämlich nicht alle Spuren auf sämtlichen Seiten oder durchgeführte Nachbearbeitungen feststellen. Ein solches System hilft dort sicherlich, den Unterschied zwischen verschiedenen Ausgaben zu finden. Bei VGAs dreht es sich hingegen nicht um das eigentliche Modul, sondern lediglich um das Plastik oder Papier drumherum.

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Bei Comic-Heften scheint es alles ein wenig sinnvoller.

Deswegen werden sie von einem Großteil der Community seit Beginn verteufelt und als übertriebener Schund bezeichnet. Die Gründe sind neben den künstlich aufgeblasenen Preisen zahlreich und beziehen sich meist alle auf die Video Game Authority selbst. Diese hält sich nämlich schön versteckt und ihren eigentlichen Ablauf geheim. Wer genau sind diese Leute und wie definieren sich ihre Qualifikationen, jedes Spiel genau bewerten zu können? Sind die einzelnen Noten fair oder schleichen sich Fehler bei der Untersuchung ein? Viele bemängeln zudem die Dauer des Vorgangs, da es sich schon einmal zwei Monate hinziehen kann, bis euer Spiel nach der Entsendung wieder eintrudelt.

Ein wichtiger Aspekt wird bei der ganzen Debatte häufig nicht beachtet, obwohl er meist der wahre Grund für viele Sammler ist, den Service zu nutzen. Sie wollen ihre Version gar nicht verkaufen oder Profit daraus schlagen. Ihr einziger Wunsch ist die einzigartige Behandlung ihrer Sammlerstücke, um sie in den eigenen Augen noch wertvoller zu machen. Und ich muss zugegen, dass die angepassten Acrylhüllen mit eingearbeitetem Zertifikat ziemlich schick aussehen und sich ein Eternal Darkness oder Tales of Symphonia mit hoher Note ziemlich prächtig auf meinem Regal machen würde. Ein auffälliger Blickfang wäre es schon und wenn mir ein Spiel sogar emotional etwas bedeutet, warum nicht?

Doch egal für welchen Zweck Video Game Grading letztendlich genutzt wird, es bleibt eine unheimlich faszinierende und zugleich beängstigende Erscheinung im Sammler-Universum, die einen über die Entscheidungen mancher Personen zweifeln lässt. Ob ihr das Ganze nun in eurem Hirn unter kompletter Abzocke oder hochwertiger Bearbeitung einordnet, ihr seid irgendwie genauso über die grenzenlosen Ausmaße erstaunt, die dieser wahnwitzige Kult erreicht hat. Deswegen braucht ihr ihm aber noch lange nicht beitreten oder ihn begeistert beklatschen. Versucht rationalen Abstand zu wahren und ergötzt euch an der fast schon lächerlichen Grenzüberschreitung des gesunden Menschenverstandes.

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Björn Balg

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Redakteur

Freier Autor und wahrscheinlich der letzte Mensch ohne einen Facebook-Account. Liebt Trash und verbringt zu viel Zeit mit dem Ansehen von Katzenvideos.

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