Sex, Gewalt und Schnee: Until Dawn bietet alle Vor- und Nachteile eines Teen-Slasher-Films

"Es ist so kalt hier, dass meine Zunge an deinem Fahnenmast kleben bleiben würde."

"Während die restliche Truppe zurück bleibt, verschwinden Michael und Jessica, um in der Berghütte rumzumachen."

Lasst euch diese glorreiche Missionsbeschreibung auf der Zunge zergehen. Wer bei Until Dawn bis jetzt mit einem ernsten Horror-Titel gerechnet hat, der die Psyche verängstigter Teenager bis in die tiefsten Winkel erforscht, sollte sich nun von diesem Gedanken verabschieden. Until Dawn verkörpert alle Eigenschaften typischer Teen-Slasher-Filme. Sowohl die Guten als auch die Schlechten. Wobei man besonders Letztere mit einer großen Portion Selbstironie porträtiert.

Das gesamte Skript, das von einem bisher nicht genannten Hollywood-Autor geschrieben wird, besteht zu einem Großteil aus schlechten Wortwitzen und sexuellen Anspielungen, die man sonst nur nach 2:00 Uhr in der Bar zu hören bekommt. "Wie viele Bibliothekarinnen braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln", fragt Michael auf dem langen Weg zur Hütte und Jessica wendet genervt ihren Kopf. "Keine Ahn ...", antwortet die Blondine, bevor Michael sie mit einem "Pssst!" unterbricht. Ein wenig später folgen dann Sätze wie "Es ist so kalt hier, dass meine Zunge an deinem Fahnenmast kleben bleiben würde."

Obwohl ich dem allgemeinen Konsens zustimmen muss, dass es sich hierbei um keine literarischen Meisterwerke handelt, treffen sie dennoch genau den Nerv diverser geistiger Vorlagen. Anstatt die Schwächen des Genres auszubügeln, stellt man sie auf ein Podest und macht sich darüber lustig.

Until Dawn - Trailer

Um den Effekt zu verstärken, baut Entwickler Supermassive Games so viele Referenzen wie möglich ein. "Wir packen alle Anspielungen in den Titel, die wir legal machen dürfen.", verspricht das Team. Neben dem Setting, den notgeilen Teenagern mit fraglicher Moral und brutalen Toden, spiegelt sich das Ziel in einigen direkten Anlehnung an die Filme wieder. So erschreckt sich Michael vor einer Jason-Maske, die vor eine Scheibe fällt oder Jessica wird wie Nancys Mutter am Ende von A Nightmare on Elm Street durch das Türfenster gezogen. Slasher-Fans werden im fertigen Spiel sicherlich eine Freude daran haben, alle Referenzen zu entdecken.

Die schwierigste Aufgabe für das Team stellt dabei die feine Linie zwischen absurden Situationen und echten Angstgefühlen dar. Zwar soll der Spieler während des langsamen Aufbaus zum Auftritt des Killers durch die Interaktionen der Figuren unterhalten werden, doch sobald das Chaos lostritt und die ersten Blutspritzer fliegen, muss Panik vermittelt werden. Until Dawn sollte sich also von Rob Zombies Halloween-Remake fernhalten und lieber Friday the 13th folgen.

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Bei den 'Rätseln' muss sich noch Einiges tun.

Glücklicherweise vermittelte mir das Gezeigte auch eher den Eindruck der Jason-Vorlage. In der ersten Hälfte steuert ihr abwechselnd Michael und Jessica, während ihr durch den verschneiten Wald zu einer Berghütte wandert. Abgesehen von den lahmen Sprüchen erschafft die äußere Umgebung durch Nebel und dichte Baumreihen eine isolierte Stimmung.

Einziger Nachteil der Szene ist die deutlich bemerkbare Zeitspanne, die das Pärchen für den Fußmarsch benötigt. 20 Minuten überstrapazieren es da ein wenig und die eingestreuten Rätsel bremsen die Immersion stark aus, wenn ihr mit dem Move-Kontroller zwischendurch Gegenstände aufheben und Schalter umlegen müsst. Die gezeigten Knobeleien schreien weder nach Kreativität noch Anspruch. Belasst die Interaktionen mit der Leuchtkugel lieber bei der Taschenlampe und Schusswaffen, die es nur selten in eure Hände schaffen sollen.

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Auch diese Szene steuert ihr mit Move.

Wesentlich interessanter scheinen die verschiedenen Ausgänge der einzelnen Kapitel zu sein. Durch eure Handlung habt ihr Einfluss auf die Überlebenschancen der acht Hauptfiguren. Supermassive Games versicherte uns, dass alle Figuren die Nacht überleben können, falls ihr euch clever anstellt.

Bei der Präsentation lief es dagegen nicht so gut. Nachdem Michael erst so kurz vor dem Ziel in der Hütte doch nicht zum Zug kam und dann noch den Tod von Jessica mit ansehen musste, sprintet er bewaffnet in den düsteren Wald und nimmt die Verfolgung auf. In einer Höhle trifft er schließlich auf seine tote Freundin und bricht weinend vor ihrem Körper zusammen. Die Kamera wechselt zur Sicht des Killers, der sich an sein nächstes Opfer anschleicht und Michael von hinten attackiert. Zu diesem Zeitpunkt ist noch nicht klar, ob es sich bei dem Killer um eine Person oder eine wilde Bestie handelt, was ich für die richtige Entscheidung halte.

Letztendlich könnte mit Until Dawn vieles passieren. Nach der Präsentation mache ich mir um die Horror-Atmosphäre und die richtige Behandlung des Genres keine Sorgen mehr. Meine Zweifel gehen eher in Richtung der Rätsel. Was hier gezeigt wurde, ist unterstes Adventure-Material und könnte bei einer ungenauen Move-Steuerung sogar den Spielfluss komplett zerstören. Ich hoffe einfach, dass die gezeigte Passage schlecht gewählt war und die späteren Aufgaben wesentlich einfallsreicher und vor allem anspruchsvoller ausfallen.

Until Dawn erscheint 2013 für die PlayStation 3 und benötigt zum Spielen PlayStation Move.

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Über den Autor:

Björn Balg

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Redakteur

Freier Autor und wahrscheinlich der letzte Mensch ohne einen Facebook-Account. Liebt Trash und verbringt zu viel Zeit mit dem Ansehen von Katzenvideos.

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