Keine Köpfe platzen? Wird Ed Boon mit Injustice langsam zahm?

"Wir haben mit Mortal Kombat viele Lektionen gelernt, die wir jetzt mit Injustice umsetzen können."

15 Jahre hat Edward J. Boon, oder Ed Boon, Videospiele für Midway programmiert und arbeitet mittlerweile für Warner Bros Interactive, die das alte Studio gekauft und in NetherRealm Studios umgetauft haben. Er ist mit John Tobias der Erfinder der Mortal-Kombat-Reihe und zeigte auf der diesjährigen Gamescom sein neues Prügel-Projekt Injustice: Götter unter uns.

Darin kloppen sich nicht Eis-Ninjas mit vierarmigen Monstern, sondern die Helden und Schurken der DC Comics. Neben Superman, Batman, Wonder Woman, Flash und Cyborg sind auch Bösewichte wie Solomon Grundy oder Harley Quinn im Angebot. Etwas mehr als 20 Charaktere soll es zum Launch geben, weitere per DLC folgen. Zuletzt wurde Catwoman angekündigt. Die Lady fehlte dann zwar in der spielbaren Version auf der Messe und statt Metropolis kämpfte ich noch in "Future City", doch alles in allem machte der Comicbuch-Prügler einen sehr Nerd-gerechten Eindruck und wird die Fans sicher mehr als einmal in Verzückung versetzen.

Die Helden beherrschen verschiedene Kampfstile, bei denen ihre archetypischen Waffen und Superkräfte zum Einsatz kommen. Wer getroffen wird, lädt eine Energie-Leiste auf, die beim Druck auf beide Schultertasten mächtige Spezial-Attacken entlädt. Da rennt der Flash mal eben um den Planeten, um mit Anlauf die Faust im Gesicht des Gegners zu platzieren, oder Superman führt eine Reihe brutaler Schläge aus, bevor er den Kontrahenten in den Orbit schleudert, um ihn oben mit einem Abwärts-Hieb wieder gen Erdboden zu schmettern. So brutal kannte man den Mann aus Stahl bislang nicht.

Aber beginnen wir mit einer leichten Einstiegsfrage, bevor wir die Gewaltdebatten-Keule auspacken. Wie viel Batman steckt in Scorpion und wie viel Liu Kang in Superman? Oder anders ausgedrückt: Haben Comics die Mortal-Kombat-Reihe beeinflusst und was wurde aus Mortal Kombat für Injustice übernommen?

"Als Kind hab ich Comicbücher verschlungen. Vor allem der Flash und Green Lantern waren meine Helden. Im Prinzip sind die Figuren in Mortal Kombat den Superhelden gar nicht mal unähnlich, mit denen wir alle aufgewachsen sind, nur eben in einem anderen Universum. Und jetzt machen wir ein Spiel mit den echten Helden, was schon ziemlich aufregend ist."

"Umgekehrt haben wir mit Mortal Kombat viele Lektionen in den vergangenen 20 Jahren gelernt, die wir jetzt in Injustice umsetzen können. Wir wollen alte Fehler vermeiden und unsere ganze Erfahrung in die Waagschalen werfen."

Man merkt dem Spiel durchaus an, dass es Ed Boon mit dieser Aussage ernst ist. Injustice macht sehr vieles richtig. Die Kämpfe kommen zum Beispiel ohne lästige Unterbrechungen für eine neue Runde aus. Der Spielfluss wird bis zu finalen KO nicht unterbrochen, der nach zwei geleerten Energieleisten eintritt. Die Moves und Kombos gingen beim Ausprobieren auf der Xbox 360 butterweich von der Hand und vor allem die Umgebungen mit ihren zahlreichen Ebenen boten noch nach dem zehnten Anlauf Überraschungen. Zum Beispiel riss mein Gegner als Superman während einer Klopperei in der Bathöhle einen Generator von der Decke und schleuderte ihn nach mir. Die hängen gebliebenen Elektrokabel wurden ihm dann allerdings zum Verhängnis, als ich ihm mit Flash einen flotten Uppercut verpasste. Daneben gibt es Knöpfe zu drücken, Aufzüge zu benutzen und Wände einzureißen. Solche Schmankerl lassen die Schauplätze ungeheuer lebendig wirken.

"Jeder Level hat normalerweise mindestens zwei oder drei Ebenen und je nach Held unterscheidet sich der Kampf aufgrund der Umgebung. Nightwing stößt sich von einem fliegenden Auto ab, während sich Cyborg das Teil dank Superkräfte schnappt und damit wirft. Wir wollten, dass der Kampfschauplatz eine ebenso große Rolle spielt wie die Charakterwahl. Batman und Superman in der Festung der Einsamkeit fühlen sich anders an als Batman und Superman in der Bathöhle."

"Für so gut wie jeden Helden und Schurken wird es ein passendes Level geben. Wir wollten auf jeden Fall die wichtigsten Schauplätze im Spiel haben. Rund um Batman gibt es zum Beispiel die Bathöhle, Gotham oder Wayne Manor und auch bei Superman gibt es mehrere Schauplätze, die in Frage kommen. Jemand wie Wonder Woman hat da vielleicht weniger Bekannte Orte zu bieten."

Man merkt nicht nur den Hintergründen an, dass hier Kenner am Zeichenbrett saßen. Auch die Figurendesigns entsprechen dem modernen Äußeren, wie man es aus den aktuellen Comics kennt. Als Superman-Fan fällt mir zum Beispiel auf, dass der letzte Sohn Kryptons weder in den neuen 52-Comics, noch in dem angekündigten Superman-Film "Man of Steel" oder eben Injustice seine ikonischen roten Shorts trägt. Haben sich die Spieldesigner da von den neuen Comics oder vom Film inspirieren lassen?

"Also den Film kann ich definitiv ausschließen. Ich glaube aber sowieso, dass jeder, der Superman modernisieren will, sich als Erstes denkt: "Die roten Shorts sind in 2012 total überholt. Die müssen weg." Ansonsten kann ich versichern: Wir haben unsere Figuren eigenständig entwickelt und wollten jedem Helden und Schurken einen eigenen Twist verleihen. Es ist unsere eigenständige Interpretation."

Nun kann die Frage nach dem Gewaltaspekt nicht länger warten. Zwar fließt kein Blut in Injustice, aber brutal geht es trotzdem zur Sache. Doch wie viel Haue passt zu den DC-Helden? Superman ist ja quasi ein fliegender Pfadfinder und Batman würde schon allein wegen seines Kindheitstraumas nie jemanden töten. Unter Strich lassen nur die wenigsten DC-Superhelden einen Gegner über die Klinge springen. Vermisst Boon also schon die Finishing Moves? Oder wird er der ganzen Metzelei langsam überdrüssig und schlägt nun zahmere Töne an?

"Nein, beides überhaupt nicht. Wir lieben Mortal Kombat, aber wir freuen uns sehr darüber, mal was Neues auszuprobieren. Injustice ist nur unser erster Schritt in eine neue Richtung außerhalb des Mortal-Kombat-Universums. Aber weil wir das Studio hinter dieser Reihe sind, nehmen viele Leute an, dass in Injustice auch die typischen Features aus Mortal Kombat enthalten sein müssen. Ich kann das verstehen, aber sobald die Leute Injustice ausprobiert haben, werden sie feststellen, dass es wirklich für sich selbst steht."

Trotzdem gibt es Fans da draußen, denen der Gedanke nicht behagt, dass ihre Helden in einem brutalen Prügelspiel Gewaltexzesse ausleben, die so gar nicht zu den Figuren passen. Sieht Boon darin ein Problem? Ist ein Superman, der Batman per Hitzeblick die Visage röstet, nicht total absurd und für die Fans untragbar? Doch der Mortal-Kombat-Vater winkt ab.

"Naja, selbst wenn wir ein Spiel vollkommen ohne Gewaltdarstellungen gemacht hätten, fänden sich noch Leute, die etwas in der Richtung auszusetzen hätten. Außerdem: Wenn man sich die aktuellen Comics und die Animationsfilme ansieht, findet man auch darin eine Menge expliziter Gewalt. Wir wählten für das Spiel eine absichtlich überzogene Darstellung, die klar in Richtung Zeichentrick geht - wenn sich die Figuren mit Autos bewerfen, oder sich gegenseitig durch Wände prügeln oder in den Weltraum katapultieren. Trotz allem ist und bleibt es ein Kampfspiel - da ist Gewalt unvermeidlich. Allerdings wird das hier niemals ein Mortal Kombat. Es wird niemand enthauptet oder ähnliches."

"Bei Mortal Kombat peilten wir stets einen Wertungsbereich ab 17 an (Mature). Bei Injustice hoffen wir auf eine Wertung ab 13 (Teen)."

"Wir haben übrigens einen sehr ausgefeilten Story-Modus, in dem wir genau erklären, weshalb die Helden gegeneinander kämpfen und wie es trotzdem ein fairer Kampf sein kann, obwohl hier der unverwundbare Superman gegen Batman oder Nightwing antritt, die ja nur menschlich sind."

Soweit so gut. Wie steht es um die nächste Konsolengeneration, neue Controller-Typen und Innovationen? Was wünscht sich ein Ed Boon von der kommenden Hardware und wodurch wird sich Injustice für Wii U von den anderen Konsolen-Versionen unterscheiden?

"Da auch ich nichts Genaues über die neue Konsolen-Generation weiß, kann ich nur spekulieren, aber ich würde mir auf jeden Fall mehr Möglichkeiten bei der Online-Anbindung wünschen. Online zu sein ist ein extrem wichtiger Part moderner Kampfspiele. Man sollte gegen so viele Spieler wie möglich antreten können, um sich zu messen. Wettbewerbe sind wichtig um neue Leute an diese Spiele heranzuführen und um Spieler bei der Stange zu halten."

"Aktuell können wir noch nicht bekannt geben, was wir mit dem Wii U-Controller anstellen. Aber wir diskutieren über alle möglichen Ideen. Ob das nun eine reine Liste der Spezialmanöver auf dem integrierten Display ist, die Kontrolle des Charakters betrifft oder ob es sich um eine mobile Version des Spiels handelt. Das Gleiche gilt für die Vita. Wir experimentieren derzeit viel."

"Bei einer Bewegungssteuerung wie Kinect kommt es ganz klar auf die Zielgruppe an. Würde ein Prügelspiel allein auf Bewegungssteuerung setzen, wäre das für Profis und Wettbewerbe schon allein wegen der baldigen Erschöpfung ungeeignet. So eine Steuerung ist eher etwas für Jugendliche, denen das Herumhüpfen und in die Luft Kicken Spaß macht."

Wie sieht ein Entwickler-Veteran wie Ed Boon eigentlich die aktuelle Marktsituation bei den Prügelspielen? Ist nicht mittlerweile die Innovation komplett beim Teufel und einer chronischen Sequelitis gewichen?

"Es gibt heutzutage unzählige Sequels. Wobei es Street Fighter und Mortal Kombat immer irgendwie gelungen ist, sich neu zu erfinden. Bei vielen anderen Titeln da draußen wird hingegen einfach nur die Grafik ein bisschen aufgehübscht und eine höhere Nummer an den Namen geklatscht. Das wird den Leuten schnell langweilig. Ich hoffe, dass deren nächste Spiele da etwas Neues bieten können."

Beim Stichwort Neues fällt einem so einiges ein. Würde Boon vielleicht irgendwann mal ein Kampfspiel mit Berühmtheiten machen? Warum nicht mal Ghandi gegen Cleopatra antreten lassen?

"*lacht* Lustiger Gedanke! Ich hab mal gesehen, wie jemand in Mortal Kombat Armageddon einen Charakter namens "Abraham Lincoln" erstellt hat, der genauso aussah und dessen Kampfstile "Unabhängigkeit" und "Freiheit" hießen. Das war großartig. Einer hat sogar versucht, eine Figur mit meinem Aussehen zu erschaffen mit großen Augenbrauen und allem und hat ihn Ed Boon genannt."

Und welches Traumprojekt würde Ed Boon außerhalb des Prügel-Genres umsetzen, wenn er unendliche Mittel zur Verfügung hätte? Bevor er antwortet, zögert er lange und grübelt sichtlich über eine Antwort nach.

"Wir haben mal vor Ewigkeiten ein Arcade-Spiel namens "The Grid" gemacht. Das war so um das Jahr 2001. Ein Shooter mit einem Gameshow-Setting. Das erinnerte mehr an ein Football-Stadion als an die damals üblichen Korridore wie in Doom. Mit dem Spiel hatten wir damals solchen Spaß. Davon würde ich gerne eine zeitgemäße Neuauflage machen. Könnte einen tollen Xbox-Live-Arcade-Titel abgeben."

In der Zwischenzeit widmen sich NetherRealm und Ed Boon aber weiterhin fleißig Injustice: Götter unter uns. 2013 soll das Kampfspiel für Xbox 360, PS3 und Wii U erscheinen.

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Über den Autor:

Frank Erik Walter

Frank Erik Walter

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Tagsüber arbeitet Frank als freier Journalist. Nachts jagt er seit 2010 flüchtige MMOs für Eurogamer.de und die MMO PRO. Skittles und Tetris sind sein Kryptonit.

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