Social Games - Bubble Safari: Eine Abrechnung mit Testcharakter

Das ­­­­­­­Einzige, was nach dieser Safari als Trophäe an Zyngas Wand hing, waren meine Nerven.

"Was macht eigentlich Bubbles?", fragte der Stern 2009 und erzählte danach die rührselige Geschichte von Michael Jacksons Schimpansen. Der wird in einem Affen-Altersheim in Florida mit Flötenmusik, Süßkartoffeln und Fingermalerei betüddelt, döst in seiner Hängematte und legt gelegentlich einen nostalgischen Moonwalk hin.

Nach etlichen Stunden mit Zyngas Bubble Safari hab ich auf die Frage der Kollegen eine ganz eigene Antwort parat: Was der Affe macht? Bubbles nervt! Gewaltig! Ich hasse Bubbles! Der gehört vor den Strafgerichtshof in Den Haag geschleppt! Nicht mal Schimpansen-Guru Jane Goodall würde das grinsende Drecks-Vieh verteidigen! Tier-Dokus kann ich mir auch keine mehr ansehen, ohne dass mir bei jedem Affen-Kreischen die Augenlider spastisch zucken. Alles nur wegen Zyngas erstem Arcade-Machwerk, das seit Anfang des Jahres Facebook unter dem Namen "Bubble Safari" heimsucht und dessen haariger Held genauso heißt wie Jacksons Schimpanse. Nein, ich hab nichts gegen den tierischen Begleiter des verblichenen King of Pop. Es ist sein Namensvetter, der mich auf die sprichwörtliche Palme bringt.

Dabei ist das Spiel an sich harmlos. Ein durchschnittlicher Bubble Shooter, in dem ich mit einer begrenzten Anzahl Blasen die oberste Reihe des Spielfeldes leeren soll. Tausendfach gesehen. Das erste Mal 1994 mit dem Namen Puzzle Bobble (oder Bust-a-Move) von Taito. In den folgenden Jahren wurde das Spielprinzip munter geklont und auf so ziemlich jeder Plattform umgesetzt. Ist bestimmt nur eine Frage der Zeit, bis wir das kollektiv auf vernetzten Kühlschränken und interaktiven Badezimmer-Spiegeln zocken.

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Achtung! Nur ein Klick zu viel und 50 Freunde werden synchron mit Spam bombardiert. Mahlzeit!

Bubble Shooter sind seit langem bewährte Zeitkiller für Busfahrten, Toilettenpausen oder Aufsichtsrats-Sitzungen. Kennt jeder. Nix Besonderes. Wieder einmal wird Zynga seinem Ruf gerecht, altbackene Spielkonzepte oder Konkurrenzprodukte zu kopieren. Das belegen diverse Prozesse wegen Urheberrechtsverletzungen, sowie zahllose Medienberichte über die auffälligen Gemeinsamkeiten zwischen Zynga-Titeln und den Werken anderer Entwickler. Mafia Wars soll sich zum Beispiel bei Mob Wars bedient haben, Café World bei Restaurant City, Dream Hights bei Tiny Tower, Zynga Bingo bei Bingo Blitz und so weiter und so fort. Nicht zu vergessen die Affäre um The Ville, das sich The Sims Social von EA zum Vorbild genommen haben soll. Auf der anderen Seite sind Innovationen in der Computerspiele-Branche keine automatische Lizenz zum Gelddrucken. Kann man es da einem Unternehmen zum Vorwurf machen, dass es auf bewährte Spielprinzipien und Marken setzt? Heißt es nicht: Lieber gut kopiert als schlecht selbst erfunden?

Stimmt. Nur kommt Bubble Safari nicht über durschnittliches Niveau hinaus. Weder ist die Grafik sonderlich eindrucksvoll, noch sind die Level übermäßig spannend. Es gibt zwar diverse Spezialblasen und ich fand die Idee mit den Zusatzpunkten am Ende jeder Runde ganz nett, die wie ein Wasserfall aus Früchten in drei Sammel-Körben landen und von hilfreichen Kolibris per Kopfball gelenkt werden. Diese Features gehen jedoch mit dem Dünkel einher, euch zum Schenken und Kaufen neuer Zuckerl zu animieren. Jede blinkende "Innovation" verkommt damit zum subtilen Griff nach euren Daten oder eurem Geldbeutel. Finde ich schade - ist aber nicht der Grund, weshalb ich dem Affen nach einigen Stunden giftige Flöhe an den Hals gewünscht hab.

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Dieses Vieh möchte ich nicht im Zoo hinter Gittern sehen sondern vor dem Internationalen Strafgerichtshof!

Die Story? Schimpansen-Männchen Bubbles und seine Freundin werden von Wilderern gefangen. Bubbles entkommt, doch seine Herzensdame wartet weiter auf Rettung. Was folgt, kann sich jeder denken: Der Primat rennt hinter dem Jeep der Entführer her und ... macht unterwegs Hunderte Blasen mit Fruchtfüllung kaputt. Nein, sorry. Um da erfolgreich einen kausalen Zusammenhang herzustellen, fehlen mir offenbar verschreibungspflichtige Chemikalien im Blut. Aber was soll's? Viele Spiele kommen prima ohne Handlung aus. Auch das bringt mich nicht aus der Fassung.

Der Schwierigkeitsgrad? Beginnt bei Baby-Planschbecken und schraubt sich gemächlich nach oben. Eine Zielhilfe ist immer aktiv. Nach drei besonders großen Platzern dürft ihr zur Belohnung drei explodierende Feuerbälle verschießen, die selbst unüberwindbar scheinende Hürden sprengen. Per Space-Taste wechselt ihr zwischen zwei Blasen-Farben, die ständig nachgeschaufelt werden. Spezial-Geschosse gibt es ebenfalls am laufenden Band. Hilfestellungen, so weit das Auge reicht. Doch das dient wohl nur dem Anfixen von Einsteigern. Schon nach Level 5 werdet ihr gezwungen, drei neue Freunde einzuladen. Alternativ müsst ihr "Cash" investieren, sonst geht es nicht weiter. Zyngas perfide Strategie: Ihr habt gerade genug Cash auf eurem Start-Konto, um diese erste Hürde zu überspringen. Wie nett von Zynga. Aber eines sollte euch klar sein: Später ist Schluss mit lustig. Wer weiter will, muss Freunde einladen, den Geldbeutel zücken oder anderweitig Cash verdienen.

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Eine der ersten Hürden: Drei Freunde belästigen oder Cash zahlen um weiter zu spielen?

Das gehört zum Geschäftsmodell. Ian Bogost, seines Zeichens Professor am Georgia Institute of Technology, hat vor Jahren über die Mechanismen hinter Social Games nicht nur einen aufschlussreichen Artikel verfasst, er schrieb auch ein Spiel namens "Cow Clicker", in dem er jene Methoden der Branche auf die Schippe nahm. Mittlerweile sind seine klickbaren Kühe zwar der "Cowpocalypse" zum Opfer gefallen und leeren (weiterhin anklickbaren) Feldern gewichen, aber dadurch wird die Satire nur noch beißender. Doch auch die unverhohlene Absicht, unbedarfte "Nicht-Spieler" mittels Pille-Palle-Schwierigkeitsgrad zu ködern, hätte mir kaum mehr als ein missbilligendes Stirnrunzeln abgenötigt.

Was mir hingegen den letzten Nerv raubte, war der Arbeitsaufwand, den es kostet, Zynga von meinen Freunden fernzuhalten. Dass ein paar Fenster aufgehen würden, in denen ich meine Mitmenschen belästigen - Verzeihung - "Einladen" soll, hatte ich ja erwartet. Aber was Bubble Safari abzieht, könnte genauso überzeugend als Sketch von Monty Python durchgehen.

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Feuer frei! In den Level fliegen euch die Kolibris, Früchte und blinkenden Lichter um die Ohren! Da sollte man resistente Augen besitzen.

Vor, während und nach jedem einzelnen Level ploppen Fenster, Pop-Ups und Hinweise auf. Jedes mit gesetztem Häkchen zum "Teilen" auf der Pinnwand, das man leicht übersehen kann. Kein Wunder, dass Zyngas Produkte als Spam-Maschinen verschrien sind. Seinen Freunden diese Meldungen zu ersparen ist zermürbende Arbeit, die selbst geistig gesunde Menschen in die Anstalt treiben kann:

Du hast 25 Münzen gewonnen! Teilen? Nein? Haken wegklicken. Du bist im Level aufgestiegen! Teilen? Nein? Haken wegklicken. Du hast deinen Freund überrundet! Teilen? Nein? Haken wegklicken. Du hast den Highscore des Levels geknackt! Teilen? Nein? Haken wegklicken. Dir geht die Energie zum Weiterspielen aus! Freunde anbetteln? Nein? Fenster schließen. Haken nicht vergessen. Dein Freund hat Dir ein Geschenk geschickt! Teilen? Nein? Haken wegklicken. Willst Du ihm auch gleich eines zurückschicken? Ja? In Zukunft nicht mehr nachfragen? Doch? Haken wegklicken. Hey, du bist wieder einen Level weiter! Teilen? Nein? Haken wegklicken. Argh! Verflucht seien Opt-Out und die Marketing-Teufel, die sich das ausgedacht haben!

Der Blattschuss für mein Gemüt war freilich das Fenster: "Schicke ein Willkommensgeschenk!" Das ploppt in schöner Regelmäßigkeit auf und hat das Potenzial, selbst jahrelange Freundschaften an den Rand des Zerwürfnisses zu bringen. Nicht weniger als 50 meiner Facebook-Freunde werden da fertig mit Häkchen markiert aufgelistet und zum Abschuss freigegeben. Um das Fenster zu schließen, bliebe nur der Klick auf "Fortfahren". Tja. Entferne ich jetzt vorher alle Häkchen und verschone meine Freunde? Oder opfere ich die Unschuldigen auf Zyngas Altar des Pinnwand-Spam und spare mir die Sehnenscheiden-Entzündung? Schweinehund oder Moral? Wer hätte gedacht, dass Bubble Safari einen mit derartigen Dilemmata konfrontiert? BioWare sollte sich das unbedingt genauer ansehen.

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Nach einem Mega-Platzer gibt es zusätzliche Punkte, Münzen und ein paar weitere Kolibris, die euch beim Einsammeln der Bonuspunkte helfen.

Sicher gibt es mittlerweile seitens Facebook die Möglichkeit, solche Meldungen nur für einen selbst sichtbar zu halten. Dann platzt meine eigene Pinnwand zwar aus allen Nähten, aber wenigstens geht der Kelch an meinen Freunden vorüber. Es wird da draußen aber etliche Spieler geben, die jene Einstellung nicht kennen oder verpennt haben. Genau darauf bauen die Kalifornier mit ihrem Häckchen- und Spamgewitter.

Bekäme ich nur das pure Spiel vorgesetzt, würde ich Bubble Safari vor allem für seine Innovationsarmut und das mit Icons, Fenstern und Blinklichtern überfrachtete Interface rügen. Optisch rangiert der Titel auf durchschnittlichem Flash-Spiel-Niveau. Angesichts dessen finde ich es sogar positiv, dass ich nach mehreren Leveln zwangspausieren muss, bis meine "Energie" zum Weiterspielen reicht (sofern ich kein Geld investiere). Als einfachen Bubble Shooter für zwischendurch hätte ich mir das Spiel vielleicht noch gefallen lassen. Durchschnitt, aber OK.

Doch Bubble Safari ist nicht nur ein simpler Bubble Shooter. Es ist ist eine einzige Masche, um an meine Daten zu kommen. Dauernd muss ich Zynga auf die Finger klopfen, wenn das System wieder nach meiner Freundesliste grapscht. Dazu die Schikane der tausend Haken und obszön zugespammte Pinnwände, nur weil man einmal nicht aufpasst. Schließlich die zahlreichen Hürden, bei denen ich Cash mit realen Euros kaufen oder durch Klicks bei "ausgesuchten Partnern" verdienen darf.

Ich glaube, dass Zynga den Bubble-Part eher als nette Beigabe versteht und sich vor allem auf einer Safari nach meinen Daten befindet. Am Ende liegt meine Privatsphäre im Staub und die Fotos meiner Freunde hängen als Trophäen im Jagdzimmer der Kalifornier. Von meinem Nervenkostüm ganz zu schweigen.

Dass der Titel trotzdem derart erfolgreich ist, liegt nur zum Teil am einfachen Zugang, suchterzeugenden Mechanismen oder einem niedrigen Schwierigkeitsgrad für Jedermann. Zyngas Erfolg wurzelt leider auch in der Unbedarftheit einiger Nutzer, die das Unternehmen ausnutzt, um mäßige Umsetzungen wie Bubble Safari im Großen Stil unters Volk zu bringen. Das Kalkül dahinter ist simpel. Wenn einer von allen Seiten mit Pinnwand-Meldungen zugeballert wird, gibt er früher oder später seiner Neugier nach und probiert das Spiel selber aus. Wieder ein potentieller Spammer mehr. Doch die Leute lassen sich nicht unbegrenzt aufs Kreuz legen. Die sinkenden Umsätze und schlechte Presse der letzten Monate sind ein Hinweis, dass Zynga ein zunehmend strammer Wind entgegen weht und irgendwann die Blase platzen wird, wenn dem Unternehmen auf Dauer nichts Besseres einfällt als Spiele wie Bubble Safari.

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Über den Autor:

Frank Erik Walter

Frank Erik Walter

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Tagsüber arbeitet Frank als freier Journalist. Nachts jagt er seit 2010 flüchtige MMOs für Eurogamer.de und die MMO PRO. Skittles und Tetris sind sein Kryptonit.

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