Vessel, Capsized und Storm - Wiederentdeckung des nie Verlorenen

Ein Blick auf die Indies, die es nun auf die Konsolen schaffen.

Es ist schon schlimm, was einem alles an Indies einfach aus einer Mischung an Zeitmangel und Angebotsflut so immer wieder durchrutscht. Beim Namco-Bandai-Event waren es gleich drei kleine Schätze, die dort auf Xboxen vor sich hin surrten und im Laufe der nächsten Monate erscheinen werden. Als mir der freundliche Mensch des Zwischen-Publishers indiePub dann stolz verkündete, dass es ja nur Umsetzungen bereist teilweise längst erhältlicher PC-Titel wären, ging ich mich erst mal ein wenig schämen, konnte mich dann aber doch dem Reiz des Trios nicht entziehen. Besser spät als gar nicht also, deshalb hier eine kleine Vorschau für Konsoleros und Ahnungslose. Die Tests laufen bereits und sind dann bereit, wenn wir alle, egal ob PC, Xbox 360 oder PS3, in den jeweiligen Genuss kommen werden.

Capsized

Hier ist ein Kickstarter, der noch fehlt: Turrican 4. Kommst sicher noch, wer hat derzeit eigentlich die Rechte inne? Bis dahin jedoch könnt ihr das Hoffen und Warten ganz gut mit Capsized überbrücken. Der Aufbau des kleinen Indies unterscheidet sich gar nicht mal so sehr von dem 16-Bit-Klassiker. In 25 Levels durchquert ihr eine sehr feindselige Welt voller Pflanzenmonster, schießwütiger Einheimischer und jeder Menge Fallen. Oder habt das im Gegensatz zu mir schon hinter euch gebracht, denn die PC-Version, die nun für XBLA und PSN umgesetzt wird, ist bereits fast zwei Jahre alt. Aber wie gesagt, für mich ist das alles neu und nach dem Anspielen auch erfreulich.

Diese Prämisse, gerade in der gezeigten 2D-Seitensicht, ist so alt wie die Erfindung des fortgeschrittenen Grafikchips im Sinclair Spektrum. Der offensichtliche Fokus des gradlinigen Ballerns erweist sich jedoch als Trugschluss, denn per gedrücktem Knopf zielt euer kleiner Raumfahrer automatisch auf alles, was wächst und sich bewegt. Keine große Herausforderung, selbst wenn angesichts blubbernd aufplatzender Pflanzenblasen, gefolgt von einer Horde Möchtegern-Facehuggern, schon mal so hektische wie kurze Rückzugsgefechte geführt werden.

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Capsized: Grüne, ferne Hölle und doch dem Amiga so nah.

Die eigentlichen Hindernisse sind zahlreiche kleine Physik-Rätselchen. Der Astronaut kann mit einem Traktorstrahl Objekte greifen, die auch schon mal das Zehnfache seiner Körpergröße haben, diese schieben und sogar schleudern. So räumt ihr den Weg frei, zerquetscht ein paar Monster und arbeitet euch steigt weiter auf euer Ziel vor. Was das genau ist, wechselt in jedem Level. Spielbar waren lediglich die erste Stage, die nur durchquert werden muss - was keine echte Herausforderung darstellte - und eine etwa in der Mitte.

Hier zeigte sich, dass nur anzukommen nicht immer reicht. In der vor sich hingrünenden Hölle des fernen Planeten sollt ihr drei Kollegen retten, die sich natürlich an den unmöglichsten Ecken des Levels befinden. Die nächsten zehn Minuten waren eine Mischung aus Erkunden, Ballern mit allem, was das Arsenal hergab - Raketenwerfer, MGs, Laser und Minen, verfügbar solange der Vorrat reicht - und dem Ausknobeln, wie man die drei Gefährten mit dem Traktorstrahl sicher zum Startpunkt zerrt. Dabei dürfen sie nicht zu sehr unter Beschuss geraten und zu ruppig solltet ihr sie auch nicht an Hindernisse andotzen lasen - was allerdings sehr lustig anzusehen ist -, sonst müsst ihr sie gleich noch einmal auflesen.

Die Levelzahl selbst ist dabei wohl mit einem Dutzend gar nicht einmal so groß, aber in diesen Stages sind wohl immer neue Ziele wie eben die Rettungsaktion verteilt. Wie abwechslungsreich das sein wird, oder ob schon bald der „Och, nicht schon wieder diese Karte"-Effekt einsetzt, bin ich gerade am Austesten, aber es sieht gut aus.

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Capsized: Die Grafik wirkt extrem detailliert und doch klar gezeichnet. Sehr angenehm zu spielen.

Capsized zu spielen, war erfrischend. Es bot Retro-Charme, ohne retro zu sein, Physik-Puzzles, ohne sich das Gehirn auszukugeln, Action ohne den Fokus zu sehr darauf zu konzentrieren und die Mischung aus der Balance zu bringen. Es machte in der halben Stunde Anspielzeit einfach lockeren, reizvollen, stimmigen Spielspaß ohne Ballast. Wie lange das hält, weiß ich nicht, aber mindestens ein Abend auf der Konsole ist eingeplant. Wenn ich es bisher nicht auf dem PC spielte, kann ich mich jetzt auch noch so lange zurückhalten. Selbst wenn es sogar ein wenig schwerfällt.

Storm

Der Zweite der Runde ist deutlich frischer, auf dem PC auch gerade erst erschienen, und zeigt wunderbar, wie Redakteure dazu neigen, sofort Vergleiche rauszuhauen. Ist wie Braid, ist wie Flower, ist wie dies oder das. Stimmt aber alles nur sehr bedingt. Ja, es hat eine Art Wasserfarben-2D-Stil wie Braid, nur viel feiner und stilistisch eben doch eigen gezeichnet. Ja, ihr pustet mitunter Pflanzen wie in Flower umher, Storm ist jedoch weit fokussierter und zielorientierter. Es ist etwas recht Eigenes und ich denke, dass diese Vergleiche für beide Seiten nicht ganz fair sind. Aber wenn sie dabei helfen, eure Aufmerksamkeit zu wecken, dann heiligt wohl der Zweck die Mittel. Also, ist wie Braid oder Flower oder so.

Was ihr jedoch wirklich tut, ist, in die Rolle von jahreszeitlich bedingten Wetterphänomenen zu schlüpfen, um dafür zu sorgen, dass Bäume sich ausbreiten. Das an sich ist ein hehres Ziel, also hilft man gerne aus und die erste Frühlings-Stage ist auch schnell verstanden. Als frische Brise an einem März-Tag pustet ihr die Pollen von links nach rechts über ein paar sanfte Hindernisse und bewundert das raketenhafte Wachstum der Vegetation, sofern ihr erfolgreich seid. Sehr hübsch und befriedigend.

Im Sommer wurde es dann schon deutlich heftiger. An einem Tag im August donnert ihr als Gewittersturm über das Land und nutzt Blitzeinschläge, um die Pollen hüpfen zu lassen, auf dass sie durch einen immer kniffeligeren Parcours endlich zu fruchtbarem Boden finden. War es vorher noch meditativ und wirklich in kleines bisschen Flower-ig, erinnerte der Sommer weit mehr an eine Art indirekt gesteuertes Jump'n'Run, in dem ihr auf der Kante zwischen Hüpf-Pollen und Pollen gut durch und schwer geröstet balanciert. Der eine oder andere Baum-Samen war dann auch schnell gebraten, bevor es einer zur Mutter Erde schaffte.

"Sieht gut aus, spielt sich auch so, bietet Herausforderung. Und ist nicht wie Braid oder Flower."

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Storm: Die späteren Kombinationen an verschiedenen Witterungseinflüssen halten euer Gehirn am rotieren.

Storm bietet eine ganz eigene Stimmung, indem es eben wirklich den inzwischen ja vertrauten 2D-Look in seinen Pastellfarben nimmt und euch gleichzeitig aber auch harte Puzzles liefert und ein ordentliches Maß an Geschicklichkeit abfordert. Insoweit ist der freundliche Stil fast schon ein trojanisches Pferd, das die Tür für das ganz schön corige Gameplay aufstoßen soll. Ob das im eh jetzt nicht so casual orientierten Indie-Bereich so gedacht oder nötig war, ist dabei bis zu einem gewissen Grad nicht relevant. Sieht gut aus, spielt sich auch so, bietet Herausforderung. Und ist nicht wie Braid oder Flower.

Vessel

Der Letzte im Bunde ist auf dem PC immerhin schon ein Jahr dabei und es ist der Einzige, der auf der Konsole noch dringend ein wenig Feintuning erfahren muss. Denn im Gegensatz zu Capsized und Storm, die butterweich vor sich hin scrollten, lief Vessel alles andere als flüssig. Dumm nur, wenn es das Spiel ist, in dem sich alles um Flüssigkeiten dreht. Die Handlung bedient sich dabei des uralten Menschheitsproblems, dass der Mann schon mal gerne den Schlüssel in der Wohnung lässt und trotzdem die Tür von außen ins Schloss fallen lässt.

Nun, hier ist der Held nicht ganz allein schuld, denn schließlich konnte er ja nicht wissen, dass die lebendigen Flüssig-Maschinen, die sich Fluros nennen und das Herz des 2D-Puzzlers bilden, plötzlich losmarodieren und was von der Welt sehen wollen. Also müsst ihr für Ordnung sorgen, indem ihr euren Weg durch die Fabrikhallen bahnt.

Das reine Hüpfen ist dabei noch der leichteste Teil. Zu wissen, wo es denn jetzt lang gehen könnte, ist weit schwieriger. Der Schlüssel ist Wasser. Ihr benutzt es am einfachsten, indem ihr Wasserrädchen damit in Gang setzt. Sammelt ihr jedoch genug an einem Fleck, an dem ihr zuvor einen Fluros-Kern platziert habt, wird dieser lebendig und ein solches Tierchen bildet sich. Dieses rennt automatisch zum nächsten Schalter und hält ihn gedrückt. Das ist meist gut, mal aber auch nicht und wie ihr mit diesen Kombinationen die komplexen Schlösser öffnet, soll euch ein gutes Dutzend Stunden am rätseln halten.

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Vessel: Wasser muss fließen. Oder sich Beine wachsen lassen und zu den Schaltern gehen.

Mit einer Spezialpistole sammelt ihr Wasser und verteilt es auch wieder, löscht damit flüssige Lava und könnt diese später scheinbar auch nutzen, um feurige und sehr gefährliche Fluros zu bändigen. Diese können schließlich aus allem bestehen, was flüssig ist. Die Bewegungen der Flüssigkeiten sehen sehr plastisch aus. Es ist eine ganz eigene Engine, die es in seinem Aggregatzustand hält und auch wenn es nicht ruckeln sollte, sieht es doch rechenlastig aus, was da vor sich hinschwappt. Der Soundtrack stammt von Bob Hopkins, einem enorm umtriebigen Jung-Talent, das auch schon mit Brian Eno, Coldplay und anderen unterwegs war und hier einige stimmige Tracks ablieferte. Nur das Live-Remixing, in dem sich die Musik stets der Situation anpassen soll, klappert hoffentlich auf dem PC besser als in der noch etwas hakeligen Xbox-Fassung, wo der Einsatz zumindest mit beruhigender Konsequenz verpasst wurde.

Es ist erneut der Look, der einlädt und es sind die Rätsel, für die man bleibt. Der steampunkige Look wirkt freundlich-düster, die Musik zieht in den Bann - selbst wenn sie es nicht immer auf den Punkt tut -, aber schnell ist das alles nur noch Zierde, während ihr euch das Gehirn ausrenkt, um weiterzukommen. Die erste Stunde verfloss erstaunlich schnell und meine Rückkehr wurde nur durch die Capsized-Aliens für den Moment ausgebremst.

Mit Capsized, Vessel und Storm hat sich Namco Bandai hier ein gutes Paket an Land gezogen, um damit die Konsolen-Spieler in diesem Sommer zu beglücken. indiePub kann es freuen, dass ihre Schätze weitere Kreise ziehen und die Entwickler Alientrap (Capsized), Eko (Storm) und Strange Loop (Vessel) werden so noch ein wenig populärer. Und da offensichtlich die Spiele wirklich was können, haben wir hier ein einziges, großes Win-Win. So muss das sein.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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