Das neue, alte Album eurer J-Pop-Lieblingsband: Tales of Xillia

Stabile Werte sind in einer komplizierten Welt wichtiger als man denkt

Ach ja, das traditionelle J-RPG. Gibt es einen schöneren, netteren, harmloseren kulturellen Kontrast? Während das westliche RPG quirlig in alle Richtungen strebt - sei es der "sei, was du willst"-Abenteuerspielplatz-Ansatz, der "lass mich dein Geschichtenerzähler sein"-Anspruch oder die erhoffte Neuentdeckung des Retro-Forschergeistes in Shroud of the Avatar - und keine feste Richtung erkennbar ist, kann man sich in Fernost auf eine Serie verlassen. Tales of Xillia, 15 Jahre in den USA in die Serie hinein, hier deutlich weniger, der 13. Haupttitel der Reihe und abgesehen von den Anime-Sequenzen könnte ich immer noch vor meinem Super Nintendo und dem Spiel sitzen, was mir ein geschäftstüchtiger Händler damals für 200 Mark andrehte. Gesegnet sei er und ich habe immer noch Spaß mit den praktisch gleichen Mechaniken, 15 Jahre nach Tales of Phantasia. Weil ich manchmal der guten alten Zeit nachtrauere. Als die Welt einfacher und langsamer war. Wie das Menschen tun, seit sie erkennen mussten, dass die neue Art Mammuts zu jagen nicht mehr der entspricht, die sie von ihren Vorvätern lernten.

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Warmes Pastellshading für mehr Wohngefühl.

Sicher, ich bin anspruchsvoller geworden, das zeigte mir das weder inhaltlich interessante noch spielerisch glücklich balancierte Tales of Graces F. Aber sonst? Interessiert es wirklich, ob das aktuelle Semi-Echtzeit-Kampfsystem nun DR-LiMBS - Dual Raid Linear Motion Battle System - heißt oder doch wie eine seiner vorigen Iterationen? Nein, nicht wirklich. Nicht einmal der große Schöpfer des Ganzen, Hideo Baba, war während seiner Präsentation von Tales of Xillia wirklich in der Lage, kohärent zu erklären, was denn jetzt das Link-System ausmacht. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Mann bei allem ehrlichen und an den Tag gelegten Enthusiasmus zum einen wusste, dass solche Details im Grunde ins Handbuch gehören und nichts mit dem großen Ganzen zu tun haben. Zum anderen war er im Geiste schon zwei Spiele weiter, denn Tales of Xillia 2 ist in Japan bereits letztes Jahr erschienen. Also denkt er bereits über Tales XV nach. Gut für ihn.

Er machte jedoch klar, dass er mit seiner Serie ganz klar diese Nische bedient - die ja gerade in Japan selbst wirklich nicht so klein ist - und Xillia, welches sich Exillia ausspricht, trägt dem Zeugnis. Das hier ist die Essenz des J-RPG, mit allem was dazugehört. Im Jahr 2013 muss man dazusagen, denn alle Entwicklungen die Evoland erst kürlich in seinem Endgame ignorierte finden sich im Original dann schon.

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So Emo.

Fangen wir bei den Helden an. Alle sind minderjährig, wie es sich gehört, aber sind sich für ein sexuelles Innuendo wahrscheinlich nie zu schade. Ok, das war billig, ich nehme es zurück, die Hälfte des Cast ist volljährig. Ihr dürft die diese Special Edition mit knapper Kleidung ins Regal stellen und euch normal schämen. Diese Figur soll 20 Lenze zählen. Überhaupt halte ich mich besser im Zaum, denn es ist zum einen die erste Kooperation der beiden Serien-Design-Ikonen Fujishima und Inomata, die sich auf ein Mittelmaß zwischen Graces F und Vesperia einigten, das wirklich gelungen wirkt. Und zum anderen ist eine Stunde Handlung hier nicht genug, um inhn zu viele Klischees vorzuwerfen.

Was die Helden durchleben, lässt sich weder in der gespielten Zeit wirklich erfassen noch in sinnvoller Kürze abschließend erzählen. Geist-Energie ist frei, schlimme Dinge passieren, Welt muss gerettet werden. Absolut ok, Kristalle sammeln war auch nicht anders. Zieht. Die Charakterprofile sind Abziehbilder mit Lernpotenzial, auf das sie sich im Laufe der Handlung über sich hinaus steigern und Helden werden können. Kennt man, zieht ebenfalls. Was leider noch nicht abschätzbar war, ist der Charakterwitz in den Dialogen, mit dem die Tales-Reihe in unregelmäßigen Abständen glänzt. Graces F langweilte, wo man Vesperia zu Recht abfeiert. Von den kurzen Abschnitten der hochwertigen englischen Übersetzung her liegt Xillia nahe an Vesperia und wenn es das durchgehend hält, wird es eines der Juwelen.

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Sidekick inklusive. Natürlich.

Womit ihr jedoch viel Zeit verbringt und ich auch in der Demo die meiste davon, sind nicht die nett entworfenen Städte oder die immer abbrechbaren, langen Dialoge, sondern die Kämpfe, in denen wie seit Urzeiten gelevelt wird. Ich strecke hier nach der kurzen Spielzeit ehrlich die Waffen. Das Aneinanderreihen der Artes-(Special)-Angriffe und normaler Moves in beliebiger Kombination scheint das Neue zu sein und spielt sich weit dynamischer als es bei Graces F der Fall war, aber ob es das jetzt so oder sehr ähnlich in den letzten 15 Jahren noch nie gab, da müsste ich lügen. Der wichtigste Faktor ist jedoch, dass es wieder Spaß macht zu leveln und das ist etwas, das letztes Jahr nicht der Fall war. Schneller, taktischer und mit mehr Variationen, das wäre der erste Eindruck der Kämpfe. Vor allem stimmte die Balance zwischen den Bossen und den regulären Kämpfen. Letztere wurden zwar sicher gewonnen, aber nur, wenn man auch ein wenig was dafür tat.

Ich schaue gerade mit langer Verspätung die Serie Monk. Ihr Hauptcharakter hasst Veränderungen in jeder Form und legt Wert auf klare Normen und Abläufe. Ich wette, er spielt Tales. Manchmal sind wir alle ein wenig so, der eine mehr, der andere weniger. Wir freuen uns, wenn die Lieblingsband ein Album abliefert, das so ist, wie das, was man kennt, aber trotzdem frisch. Tales of Xillia ist dieses neue, vertraute und doch frisch genug wirkende Album und mit der Laufzeit der Serie kann man ihr den Establishment-Status sicher gewähren. Ausgehend davon fiel es mir nicht schwer das Spiel ins Herz zu schließen und mich auf den Release im August zu freuen. Bekannt, vertraut, variiert, der Schuss Abwechslung und ein neues Thema. Manchmal ist es einfach schön, stabile Werte vorzufinden.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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