Fünf Tage und ein langer Abend mit Neverwinter

Freudig ging es in den Frühstart, holprig in die offene Beta. Trotzdem könnte das Free-to-play-MMO besser werden, als Veteranen unken.

Viel ist geschrieben worden und viel wurde diskutiert über Neverwinters Reinkarnation als Free-to-play-MMO unter der Ägide der Cryptic Studios und ihres Publishers Perfect World. Fakt ist, dass etliche Fans der Neverwinter-Nights-Reihe kein gutes Gefühl haben bei dem Projekt.

Foundry-Editor hin, Dungeons & Dragons Regelwerk her: Als Gratis-MMO mit Cash-Shop provoziert der Titel argwöhnische Reaktionen, zumal Neverwinter vor allem durch ein actionbetontes und auf Vereinfachung getrimmtes Kampfsystem punkten will - dass so etwas nicht gerade Hochrufe unter den Fans klassischer Pen-and-Paper-Rollenspiele auslöst, liegt auf der Hand. MMO-Veteranen stoßen sich zudem an Cryptics Engine, die man so ähnlich schon aus Star Trek Online kennt: stark instanzlastig, unterirdische Gegner-KI, optisch nicht gerade der State-of-the-Art. Nein, auch damit lassen sich die Befürchtungen von Kritikern nicht zerstreuen.

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Während der Frühstart-Phase war fast jeder Spieler mit einem Panther unterwegs.

Und doch waren offenbar zahlreiche Spieler bereit, 190 Euro für das Gründerpaket "Held des Nordens" zu berappen - inklusive Frühstarter-Zugang fünf Tage vor Beginn der offenen Betaphase. Oben drauf gab es zahlreiche Gimmicks wie ein Spinnen-Reittier und einen Panther als Haustier. Ernsthaft: ich habe noch in keinem MMO so viele Dschungelkatzen und Riesenspinnen auf einem Haufen gesehen wie im zentralen Hub 'Protector's Enclave' während der ersten beiden Tage der Frühstartphase.

Ich begann eine Karriere als menschlicher Trickserschurke, nachdem ich während der geschlossenen Beta-Wochenenden als "Beschützender Kämpfer" (Tank) unterwegs gewesen war. Alternativ wären auch Glaubenskleriker (Heiler), Taktischer Magier (Glaskanone), oder - ganz neu - der Zweihandwaffenkämpfer infrage gekommen. Eine weitere Klasse will Cryptic demnächst bekannt geben. Wegen seiner flotten Doppelklingen, der Tarnfähigkeit und der Möglichkeit Doppelgänger zu beschwören, mag ich den Schurken. Interessanterweise ist es jedoch nicht möglich, eine andere Bewaffnung als die klassenspezifische zu wählen. Hier ist Neverwinter erstaunlich restriktiv.

Instanz-Kleinklein? Nicht so schlimm.

Meinem Bericht über die Beta-Wochenenden gibt es sonst nur wenig hinzuzufügen. Ihr folgt als Abenteurer einer Spur aus Feenstaub von Questziel zu Questziel, vermöbelt massig Ungeheuer und Bosse, entschärft oder tappt in Fallen, findet Geheimtüren und wühlt euch durch mehr oder weniger interessante Missionstexte, die übrigens (bis auf wenige Ausnahmen) passend ins Deutsche übersetzt wurden - ein Novum für Cryptic.

Eine Party braucht man allenfalls für eigens dafür ausgelegte Instanzen. Gelegentlich hilft man Kollegen in der Umgebung aus der Patsche - doch nicht in dem Maße, wie man es mittlerweile von Titeln kennt.

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Siehst du rot, bist du tot. Naja, jedenfalls sollte man ausweichen.

Abgesehen von seinem Foundry-Editor ist Neverwinter ein recht konventionelles und teilweise sogar altmodisches MMO geworden. Die Spieler tummeln sich zwar gemeinsam in den instanzierten Gebieten, doch man questet meist nur nebeneinander her. Eine Party braucht man allenfalls für eigens dafür ausgelegte Instanzen. Gelegentlich hilft man Kollegen in der Umgebung aus der Patsche - doch nicht in dem Maße, wie man es mittlerweile von Titeln wie Guild Wars 2 oder Rift kennt. Spontanes Gruppenspiel findet eher selten statt.

Dennoch hat mich Neverwinter erstaunlich souverän unterhalten - meinen Recken und seinen Begleiter zu leveln ist so motivierend, wie man es von einem Rollenspiel der Marke Dungeons & Dragons erwarten darf. Die Suche nach besserer Ausrüstung und das Aufmotzen meines Helden lässt zuverlässig die Zeit verfliegen. Schnell vergaß ich die kleinen Unzulänglichkeiten in puncto Grafik und die vielen Ladebalken - wobei man Cryptic zugestehen muss, dass besonders die späteren Gebiete in Neverwinter größer und abwechslungsreicher geraten sind, als bei den anderen Titeln des Entwicklers. Der einfache Zugang macht Neverwinter ideal für Spieler, die mal zwischendurch in ein MMO abtauchen wollen, ohne sich groß einarbeiten zu müssen oder sich mit zig Builds herumzuschlagen. Schnell einloggen, ein paar Quests erledigen, vielleicht ein paar spielergenerierte Missionen ausprobieren und nicht viel drüber nachgrübeln. Die meisten Spiel-Systeme kann man von überall aus nutzen - sogar das Auktionshaus, was sehr praktisch ist, wenn das Inventar mal wieder vor Beute überquillt.

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Fliegende Zahlen in allen Farben - zumindest sieht man genau, wie hart dieser Klops getroffen wurde.

Besonders gefallen hat mir das Crafting-System. Nicht, weil es besonders innovativ wäre - man heuert Söldner und Handwerker in einem spartanischen Menü an und lässt sie mit erbeuteten Ressourcen Waren herstellen. Das dauert mehrere Stunden und kann mit der In-Game-Hybridwährung "Astraldiamanten" beschleunigt werden. Quasi eine Art "Star Wars: The Old Republic light". Eine der vielen Ideen, die sich Cryptic bei der Konkurrenz abgeschaut hat. Spannend wird das Ganze jedoch durch die Online-Plattform "Neverwinter Gateway". Diese ermöglicht es euch, auch außerhalb des Spiels über den Browser auf euren Charakter, das Auktionshaus und das Crafting-System zuzugreifen. So koordiniert man auch von Unterwegs die Helfer und freut sich beim nächsten Online-Besuch über die Ergebnisse im Inventar.

Und wie lief der Start der offenen Beta?

Gestern öffnete Neverwinter seine Tore für die Allgemeinheit. Die offene Beta sollte pünktlich um 18 Uhr beginnen. Ich wollte natürlich in der ersten Reihe dabei sein, die Neuankömmlinge begrüßen und mir den Trubel genauer ansehen. Ein wenig wunderte ich mich allerdings, dass der Countdown im Launcher, der während der ganzen Frühstart-Phase penibel hinunter gezählt hatte, einfach sang- und klanglos auf Null sprang. Keine Fanfare? Kein Feuerwerk? In diesem Moment machte ich einen fatalen Fehler und schloss den Launcher (Diablo 3, SimCity - so langsam sollte ich es besser wissen). Ich war einfach zu neugierig, ob ein Neustart den Countdown verschwinden ließe und was an seiner Stelle erscheine. Dummerweise verschwand dabei nicht nur der Zähler, sondern der ganze Launcher ging zum Teufel. Eine weiße Fläche - kein Eingabefeld, keine Patchnotes, keine Links, gar nix. Ich wechselte ins Verzeichnis von Neverwinter, startete den Client direkt, kam sogar bis zum Anmeldebildschirm. Doch dann: Sackgasse! Die Verbindung zum Accountserver brach immer wieder zusammen. Soviel zum Thema problemloser Start. Wär ja auch zu schön gewesen. Ich ahne schon die Statements: "Wie haben nicht mit dem Ansturm gerechnet ..."

Ich wagte einen kleinen Anstandsbesuch in der Innenstadt. Typisch: die NPCs waren vor lauter Spielern drum herum kaum noch zu sehen. Anfängerfragen überfluteten den Chat.

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Dieser NPC sollte mal ein paar Goldstücke in eine Gebisssanierung stecken.

Ich schaute in den offiziellen Twitter-Kanal von Perfect World, folge einem Forenlink. Das Statement dort: "Wir sind uns der Probleme mit dem Launcher durchaus bewusst und arbeiten schon an einem Fix. Wir werden euch so schnell wie möglich informieren, sobald es Neuigkeiten gibt. Alle Spieler, die schon in-game sind, sind von diesem Problem nicht betroffen. Bitte habt noch etwas Geduld." Es dauerte zweieinhalb Stunden, bis ich endlich wieder ins Spiel kam.

Dort war - wie zu erwarten - einiges los. Ich wagte einen kleinen Anstandsbesuch in der Innenstadt. Typisch: die NPCs waren vor lauter Spielern drum herum kaum noch zu sehen. Anfängerfragen überfluteten den Chat. Ich kehrte der überfüllten 'Protector's Enclave' den Rücken zu und stürzte mich in den Uhrmacher-Dungeon, der mir zum Abschluss des Friedhofsgebiets noch fehlte.

Was folgte, waren Lag und Rubberbanding pur. Mein Kämpfer wurde wie eine Flipperkugel im Level herumgeschoben, prügelte minutenlang wirkungslos auf Feinde ein, nur um sie dann alle auf einmal explodieren zu sehen, starb dann wieder scheinbar aus heiterem Himmel - keine Ahnung, weshalb ich trotzdem nicht den Client beendete oder meinen Monitor mit meiner Kaffeetasse bearbeitete. Vermutlich bin ich nach all den verkorksten Launch-Erfahrungen der letzten Zeit etwas geduldiger geworden.

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Es gibt zwar Reittiere, doch für große Instanzwechsel muss man die Weltkarte bemühen.

Meine Hoffnung, dass sich die Serverperformance außerhalb der Uhrmacher-Instanz bessern könnte, zerschlug sich binnen Sekunden an der frischen Luft. Jetzt quoll der Chat nicht mehr vor Anfängerfragen über. Stattdessen beklagten sich die Spieler über den massiven Lag und vierstellige Pings. Gegen Mitternacht besserte sich die Lage etwas, dafür kam es nun bei mir zu Verbindungsabbrüchen. Insofern blieb auch Neverwinters Start in die offene Beta der MMO-Tradition treu: Wer am ersten Tag einsteigt, braucht Nerven und Sitzfleisch.

Dennoch kann ich das vorläufige Fazit ziehen, dass mir Neverwinter in den letzten Tagen überraschend gut gefallen hat - meinem Argwohn bezüglich der Extrem-Instanzierung und meiner Verehrung der Vorgänger zum Trotz. Es ist ein MMO für die schnelle Runde zwischendurch. Wer lieber umfangreiche Raids plant oder Massenschlachten sucht, wird woanders eher fündig. In den nächsten Tagen werde ich mir den Foundry-Editor genauer ansehen und die PvP-Inhalte eingehend checken. Mehr dazu lest ihr demnächst. Wann die offene Beta endet und das Spiel offiziell erscheint, haben die Macher übrigens noch nicht verraten. Einen Charakter-Wipe wird es jedoch nicht mehr geben - man darf also seinen Helden später ins fertige Spiel mitnehmen und kann den Titel ohne Verlustängste ausprobieren.

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Über den Autor:

Frank Erik Walter

Frank Erik Walter

Autor

Tagsüber arbeitet Frank als freier Journalist. Nachts jagt er seit 2010 flüchtige MMOs für Eurogamer.de und die MMO PRO. Skittles und Tetris sind sein Kryptonit.

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