Age of Wulin schmeißt euch ins kalte Kung-Fu-Wasser

Wer sich in der offenen Beta durchbeißt, findet aber den einen oder anderen Klunker im Asia-MMO-Standardsumpf.

2011 wurde mir Age of Wulin erstmals auf der gamescom vorgestellt und seitdem habe ich den Titel auf meinem Radar behalten. Dabei wäre das Free-to-play-MMO beinahe meinem inneren Reißwolf zum Opfer gefallen, kaum dass die PR-Präsentation angefangen hatte.

Vor zwei Jahren ratterte nämlich der nette Mitarbeiter einer PR-Agentur alle möglichen Statistiken runter. Er erzählte mir von den chinesischen Kung-Fu-Schulen, in denen man seinen Charakter trainieren könne, zeigte mir das Inventar, das Fertigkeitsfenster, die Gilden und ein paar Powerpoint-Folien zum PvP. Dann bekam ich einige Spielszenen präsentiert, während mir der Kollege munter weiter all jene Features aufzählte, die man in 99,99 Prozent aller MMO-Importe aus Asien vorgesetzt bekommt. Man muss als Europäer schon hart im Nehmen sein, um solche Grinding-Orgien mit Retorten-Grafik und Micker-Story zu mögen. Vielen Dank und Tschüss. Oder doch nicht?

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Dieser Avatar wurde während der Offlinezeit seines Besitzers versklavt. Beim Spielen merkt man davon aber nichts.

Denn buchstäblich in den letzten fünf Minuten erwähnte der PR-Profi auf einmal, dass mein Charakter als NPC weiterlebt, sobald ich offline gehe, und dass er von anderen Spielern in dieser Zeit vergiftet, entführt und als Sklave verkauft werden kann. Aus meinem unterdrückten Gähnen wurde ein hellwaches "Erzählen Sie mir mehr", und danach wusste ich, dass ich den Titel im Auge behalten würde. Ging übrigens nicht nur mir so.

Alles Asien oder was?

Ende Juli begann nun die offene Beta und ironischerweise krankt das Spiel am selben Phänomen wie die PR-Präsentation damals. Konsequent gehen die einzelnen Feature-Perlen im Einheitsbrei verschütt - und das macht es schwer, mit dem Ergebnis warm zu werden. Entwickler Snail Game und Publisher Webzen knallen euch zu mit mäßig übersetzten Menüs, uninteressanten Quest-Textwüsten und kryptischen Funktionen. Die Hilfefenster sind unsäglich verschachtelt und verwirrend formuliert. Gefühlt Hunderte NPCs stehen im Startgebiet, mit denen man sich unterhalten könnte - wo man anfangen soll, weiß man nicht so recht. Von den tollen Features fehlt scheinbar jede Spur.

Dass man in Asia-Grindern meist ins kalte Wasser geworfen wird, ist Kennern nicht neu und wird immer wieder kritisiert. Aber derart eisig wie in der aktuellen Beta von Age of Wulin war das anfängliche Geplansche selten. Vor allem die Quests sind furchtbar dröge und ich schaffte es nur mit viel gutem Willen, diesem hauchdünnen roten Faden zu folgen. Ich wurde von NPC zu NPC gescheucht, klickte mich teilnahmslos durch laue Dialoge und kassierte dafür Belohnungen. Spannung? Fehlanzeige!

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Spontaner Sportverein - mit anderen zusammen trainiert man seine Manöver schneller.

Abgesehen vom Geplänkel mit ein paar tollwütigen Hunden bestritt ich außerdem nicht einen einzigen richtigen Kampf, bevor ich mich nach einer Dreiviertelstunde endlich einer der Kung-Fu-Schulen anschloss. Und danach dauerte es nochmals seine Zeit, bis ich schließlich einer Truppe echter Gegner gegenüberstand - die dann derart kurze Respawn-Zeiten besaßen, dass mir das freudige Schmunzeln auf dem Gesicht unter dem Hagel ihrer Fäuste gefror.

Mit Age of Wulin ist es wie mit dem Schürfen von Diamanten. Man muss erst einmal tonnenweise Geröll beiseite räumen, um die kleinen Schätze zu finden.

Mit Age of Wulin ist es wie mit dem Schürfen von Diamanten. Man muss erst einmal tonnenweise Geröll beiseite räumen, um die kleinen Schätze zu finden. Am ehesten fällt auf, dass ein Großteil der NPCs, die in der Spielwelt fegen, patrouillieren und Holz hacken, tatsächlich Avatare von Spielern sind, die ihrem Tagwerk nachgehen, während ihre Besitzer gerade ausgeloggt sind. Wenn man selbst aus einer solchen Pause zurückkehrt, bekommt man ein paar Erfahrungspunkte oder andere Belohnungen. Kung Fu offline trainieren dürfen nur VIP-Kunden gegen Echtgeld.

Kultiviert zum Kung Fu

Wer die drei Kampfstile seiner Kung-Fu-Schule meistern will, muss die einzelnen Fähigkeiten nach dem Studieren einer Schriftrolle "kultivieren". Nicht-VIP-Spieler haben hier nur drei Möglichkeiten: Erstens läuft der Prozess passiv im Hintergrund, was einige Stunden dauern kann, zweitens kann man aktiv gegen In-Game-Währung Kultivierungspunkte erhalten oder drittens in der Gruppe mittels eines Minispiels seine Techniken verfeinern. Letzteres bekam ich eher durch Zufall mit, weil ich in eine solche Trainingsgruppe eingeladen wurde. Der Chat ist voll von Leuten, die sich durch den Menüdschungel fragen. Das läuft in anderen MMOs ähnlich, doch hier lässt einem das Spiel kaum Alternativen.

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Als Giftmischer braucht man ein Händchen für Minispiele - hier messt ihr euch mit eurem Meister und verdient Erfahrungspunkte.

Age of Wulin ist sowieso ein Titel, der extrem von der Interaktion der Spieler untereinander lebt - was man leider längst nicht mehr von jedem MMO heutzutage sagen kann. Auf dem deutschen Betaserver "Jadetiger" ist einiges los - immer wieder wurde ich Zeuge von Spielern, die einander mit Martial Arts einheizten oder sich Schwerkraft-trotzende Wettrennen über Hausdächer lieferten, dass es jedem Kung-Fu-Fan mit Drahtseil-Fetisch warm ums Herz würde. Aber nicht nur das Open-World-PvP, auch Gilden mit 400 Mitgliedern und eigene Kung-Fu-Schulen stehen auf der Feature-Liste. Damit kann man schon Eindruck schinden. Zwar ist der Titel nicht so sandbox-lastig, wie es auf den ersten Blick erscheint, doch es gibt in Sachen Community-Gameplay zahlreiche Ansätze, die interessant werden dürften. Besonders die Berufe bergen viel Potenzial.

Das wird zum Beispiel beim Betteln deutlich. Ich kann zwar auch NPCs um eine Spende bitten, aber richtig Spaß macht das das Ganze erst, wenn ich einen menschlichen Kollegen um ein paar Münzen anhaue. Der kann sich dann kurzzeitig nicht vom Fleck bewegen vor peinlicher Berührung und muss sich entscheiden, ob er mir eine Spende oder einen Tritt verpasst. Letzteres sehen die freundlichen NPC-Einwohner des mittelalterlichen China allerdings nicht so gern. Ist schlecht fürs Karma. Mit steigendem Level erhalte ich zusätzliche Bettel-Fähigkeiten. Darüber hinaus stellt die Bettler-Gilde eine eigene Kampfkunst-Richtung dar - man sollte die "Penner am Straßenrand" also keinesfalls unterschätzen.

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Bettleroper im alten China: Ob der andere Spieler wohl ein paar Münzen abdrückt oder uns ignoriert?

Weitere Jobs bergen ähnliches Kreativpotenzial. So dürft ihr mit dem richtigen Beruf Gifte herstellen, um andere Spieler zu versklaven, könnt Wache schieben, das chinesische Schach "Go" erlernen, musizieren, Waffen herstellen, Kleidung weben oder Kung-Fu-Lektionen in Schriftrollen bannen, Holz hacken, Medizin brauen, angeln oder kochen. Das läuft oft über Minispiele im Stil von Bejeweled und Konsorten und hebt den Titel erfreulich vom Rest des Asia-MMO-Feldes ab.

So holprig der Einstieg ist - beißt man sich durch, zeichnen sich die Qualitäten von Age of Wulin ab und die Welt des chinesischen Mittelalters beginnt, Spaß zu machen. Sobald die Interaktion mit anderen Spielern in die Formel einfließt, kann das MMO zusätzlich auftrumpfen. Allerdings sind die NPC-Quests bis dahin grottig, die Präsentation noch alles andere als fehlerfrei und die Grafik auch nicht mehr taufrisch. Bislang habe ich nur einen Bruchteil des Spiels gesehen und werde mich die nächsten Wochen eingehender damit beschäftigen. Wird es mehr als nur ein Nischen-Titel mit ein paar guten Ideen? Ich bin auf den weiteren Verlauf der offenen Beta gespannt.

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Über den Autor:

Frank Erik Walter

Frank Erik Walter

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Tagsüber arbeitet Frank als freier Journalist. Nachts jagt er seit 2010 flüchtige MMOs für Eurogamer.de und die MMO PRO. Skittles und Tetris sind sein Kryptonit.

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