Puppeteer - Im vielleicht schönsten Hüpfspiel der Generation lässt Sony die Puppen tanzen

Gut, günstig und traumhaft charmant lockt der Titel Eltern und Kinder gleichzeitig vor den TV.

Im letzten Jahr auf der gamescom stellte Sony mehr oder weniger aus dem Nichts einen Titel vor, von dem die Wenigsten zuvor gehört hatten: The Puppeteer, hierzulande 'Der Puppenspieler', öffnete erstmals einem größeren Publikum seine samtroten Vorhänge und schindete direkt mächtig Eindruck. Ein interaktives Puppentheater mit aufwendigen Bühnenaufbauten, verteilten Sprechrollen und einem engagierten Erzähler aus dem Off. Sogar an ein virtuelles Publikum hatten Sony Japan und Chefdesigner Gavin Moore gedacht. Und so wird jede Aktion mit schallendem Applaus, tosendem Gelächter oder erstaunt bis erschrockenen "Oohs" und "Aahs" quittiert.

Es sah unfassbar ausgereift und unterhaltsam aus, am liebsten hätte ich es damals schon mit nach Hause genommen, um auch das Ende dieser herzigen Vorstellung zu erleben. Doch so ansatzlos Sony auch mit dem PS3-Exklusivtitel bei der Hand war, so sang- und klanglos verschwand das Spiel wieder aus der Öffentlichkeit. Mittlerweile ist klar: The Puppeteer erscheint zum schmalen Preis von knapp 40 Euro Mitte September 2013 und die mir vorliegende Vorschaufassung rückt diesen Tag schon jetzt in quälend weite Ferne.

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Der Moon Bear King und seine rechte Tatze: der Tiger.

Vergleiche mit LittleBigPlanet sind ebenso schnell gezogen wie akkurat. Sony Japans Plattformer ist überaus farbenfroh und immens plastisch. Jedes Bildschirmelement, jeder Teil der jedes Mal aufs Neue vor euch aufgebauten Kulisse, ist sichtbar handgemacht, wie aus Holz geschnitzt und alles bewegt sich physikalisch authentisch. Die gerafften Vorhänge links und rechts des Bildes und eine virtuelle Beleuchtungsanlage mit beweglichen Spots und zahllosen bunten Strahlern erzeugen gekonnt den Eindruck eines kleinen, vom japanischen Bunraku inspirierten Theaters.

Bei den Guckkasten-Qualitäten enden aber die Parallelen zu Media Molecules ikonischem Do-it-yourself-Sandkasten. Gerade in Sachen Kontrolle bewegt sich Kutaro, der vom Moon Bear King entführt und seines Kopfes beraubt wurde, sehr viel griffiger und genauer als Sackboy. Obwohl viele der Hindernisse, die es zu überspringen gilt, recht groß sind und Kutaro nicht besonders hoch hüpft, hat man jederzeit das Gefühl, der Situation gut Herr werden zu können. Eine Sprint-Taste gibt es zwar nicht, weshalb man eine klempnerische Raffinesse bei der Steuerung nicht unbedingt erwarten sollte. Dafür jagt Kutaro dem Moon Bear King aber die magische Schere Calibrus ab, die eine weitere sehr interessante Art der Fortbewegung ermöglicht.

Schnippelt Kutaro nach einem Sprung mit dem verzauberten Schneiderswerkzeug vor sich hin, setzt für ihn kurz die Schwerkraft aus und er steht in der Luft. Wenn die Klingen dann Stoff zerteilen, zieht Calibrus den kopflosen Jüngling durch die Luft hinter sich her, bis es nichts mehr zu zerschneiden gibt. So zerlegt ihr stoffbasierte Bosse, indem ihr sie zweiteilt, oder saust durch Reihen von einer Wäscheleine herabhängender Hemden, um tödliche Abgründe zu überwinden. Andernorts zieht eine abgefeuerte Rakete sichtbar aus Pappe bestehende Rauchwölkchen hinter sich her, durch die ihr euch in entlegene Bereiche nach oben schlitzt. Es ist eine überaus befriedigende und originelle Art der Fortbewegung, die niemals langweilig wird.

"Wenn die Klingen dann Stoff zerteilen, zieht Calibrus den kopflosen Jüngling durch die Luft hinter sich her, bis es nichts mehr zu zerschneiden gibt."

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Jeder der sieben Akte entführt euch in einen neuen Teil des Mondes.

Ebenfalls niemals langweilig wird es, mit Kutaros feengleicher Begleitung schwebend den Hintergrund nach neuen Köpfen abzusuchen, die in Kisten, Fässern oder Regalen versteckt sind. Diese dienen dem Jüngling als Bildschirmleben. Wird er getroffen, hat er ein paar Sekunden, das hinfort kullernde Haupt wieder einzusammeln. In jedem der sieben Kapitel versteckt sich eine Vielzahl neuer Schädel. Spinne, Haifisch oder Banane setzt sich der Knilch auf die hölzernen Schultern, jeder der Köpfe spult auf Tastendruck eine eigene, lustige Animation ab.

Das ist zwar hauptsächlich dekorativer Natur und dürfte vor allem jüngeren Spielern große Freude bereiten. An bestimmten Stellen kann der richtige Kopf aber auf diese Weise einen geheimen Minispiel-Raum öffnen. Es ist nicht unbedingt elegant gelöst, dass das Spiel erforderlichen Kopf klar erkennbar an die entsprechende Stelle projiziert, aber die Herausforderung steckt ohnehin eher darin, zu diesem Zeitpunkt den richtigen Hirnkasten überhaupt dabei zu haben. Immerhin trägt Kutaro stets nur drei der Schädel mit sich rum. Die Sammlung zu vervollständigen dürfte für viele einen der großen Reize dieses Spiels ausmachen.

Inszenatorisch zieht das Spiel wirklich alle Register. Gerade der zauberhafte Neuaufbau jedes neuen Bühnenbildes begeistert immer wieder. Das Publikum leistet ganze Arbeit, wobei mit besonders der Gag gefiel, dass das Geplapper und Gemurmel im Publikum immer lauter wurde, als ich mal eine Weile den Controller beiseite gelegt hatte. Man konnte die Leute sich räuspern hören, irgendwo ging eine Tür. Eigentlich das typische Gewese im Theater, bevor die Lichter ausgehen. Als ich das Spiel wieder aufnahm, hörte ich ich eine Frau kurz, aber mit einiger Schärfe den Rest des Publikums zur Ruhe auffordern: "PSSSST!".

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In den Bosskämpfen werden leider sehr häufig gemächliche QTEs genutzt.

Es ist alles so stimmig, jede Figur wirkt so anfassbar und ist so schön gestaltet, dass es ein wenig an eine Enttäuschung grenzt, wie häufig das Spiel die hervorragend choreografierten Bosskämpfe auf großzügig getimte Quick-Time-Events reduziert. Eine massiv verschenkte Chance, auch wenn die Kämpfe schön genug sind, um ihre Wirkung dennoch nicht ganz zu verfehlen.

Denn am Ende sind es Charme und Einfallsreichtum, die hier zählen. Und hier punktet Kutaros Reise durch das zauberhafte Mondland mit Herz und Köpfchen. The Puppeteer ist definitiv eines der schönsten Spiele dieser Generation und euch davon zu erzählen, kann die Magie nicht im geringsten einfangen, die die minutiös komponierten Bühnenbilder und die ausdrucksstarken Figuren entfalten. Es ist eines dieser Spiele, die wie gemacht dafür sind, sie mit seinem Nachwuchs gemeinsam zu erleben, wenn man denn welchen hat. Für ausgewachsene Alleinspieler und alte Jump-and-Run-Hasen könnte es tatsächlich etwas zu seicht sein, doch auch sie werden sich der zauberhaften Aufmachung nur schwerlich entziehen können. Bei mir zieht Sonys Puppenspieler jedenfalls definitiv an all den richtigen Fäden.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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