In Goodbye Deponia rätselt ihr an drei Fronten gleichzeitig

... und zerdeppert dabei mal wieder reichlich Konventions-Porzellan.

Rückblenden benutzen nur faule Autoren. Erzähler aus dem Off sind langweilig. Eine schräge Laufschrift vor schwarzem Weltraum findet auch schon lange keiner mehr lustig. Wie also fasst man im letzten Teil einer Trilogie möglichst elegant zusammen, was bisher geschah? Ganz einfach: mit Barry.

Der schlaksige Fanboy ist Daedalics charmante Antwort auf die Frage, wie man das Gedächtnis der Deponia-Veteranen auffrischt, ohne ausgelutschte Erzählrezepte zu bemühen. Adventure-Held Rufus verursacht gerade das übliche Vorspann-Chaos und leiert die Story von 'Goodbye Deponia' an, da steht plötzlich besagter Barry mit Kamera und Rufus-Cosplay-Fliegerbrille in der Szene und will den nächsten Geniestreich seines Idols live dokumentieren.

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Wie war das noch gleich in 'Chaos auf Deponia'? Achso. Vielen Dank, Barry!

Rufus, egoman wie üblich, nutzt die Gunst der Stunde und fühlt in einem Multiple-Choice-Dialog dem Fachwissen seines Fans auf den Zahn. Dabei wird der komplette Plot rekapituliert: Die bevorstehende Vernichtung des Müllplaneten Deponia durch die verbundene Himmelsstadt Elysium, die Romanze zwischen Antiheld Rufus und der Elysianierin Goal, die Rekrutierung einer Rebellenarmee und der zähe Kampf gegen den bösen Cletus und die Organon-Fieslinge. Alles klar? Nein? Sorry, aber die ersten beiden Teile müsst ihr schon gespielt haben, sonst bringt auch die beste Nacherzählung nix.

Da ich eine eigens für die Presse zusammengeschnittene Preview-Version spielte, wurde ich gleich nach dem Prolog in die Mitte des Adventures verfrachtet. Rätseltechnisch greifen die Entwickler hier auf einen Kniff aus der goldenen Adventure-Ära zurück: Rufus wurde verdreifacht und kämpft nun Day-of-Tentacle-mäßig zeitgleich an mehreren Fronten.

Ein Klon muss im Untergrund zwischen Abwasserrohren und Pilzen die geliebte Goal wieder auf Normalgröße bringen, nachdem diese in ein Baby verwandelt wurde (wie genau das passiert ist, verrät die Preview-Version nicht). An der Oberfläche gilt es, die unwilligen Rebellen aus dem zweiten Teil zu mobilisieren. An Front Nummer drei muss der Rufus-Klon den Abflug der Organon-Armee nach Elysium verhindern, auf den unmittelbar die Sprengung des Müllplaneten Deponia folgen würde. Gewechselt wird zwischen den Recken jederzeit per Klick auf das Porträt am unteren Bildrand.

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Goal und Rufus. Wer rettet hier wen?

Drei Klone mit schwarzem Humor

In Sachen Rätselqualität scheinen die Macher bei Daedalic noch einen Zacken zugelegt zu haben, wenn mich mein vorläufiger Eindruck der Preview-Fassung nicht täuscht. Durch die Dreiteilung des Helden wird das Knobeln an verschiedenen Fronten komplexer, ohne dabei die Laufwege in die Länge zu ziehen. Nach und Nach dürfen die drei Rufusse ihr jeweiliges Inventar untereinander tauschen - dankbarerweise auch ohne Sichtkontakt zueinander. Manche Aktionen des einen Rufus beeinflussen außerdem die Umgebung des anderen, was interessante Kombinationsrätsel ermöglicht.

Mit seinen Lösungsansätzen kratzt Rufus freilich regelmäßig am gesellschaftlichen Geschmackskonsens. Er selbst kommt dabei stets mit einem blauen Auge davon, für seine Mitmenschen ist der Chaot aber ein fleischgewordener Freitag, der 13. An schwarzem Humor für Erwachsene und menschlichen Katastrophen mangelt es jedenfalls nicht:

Als sich der Antiheld beim verdunkelten Wohnwagen eines Kinderschänders vordrängelt, um dann zum Entsetzen des Perversen dessen "Tiere" im "Streichelzoo" zu erwürgen, zündet der Gag noch zuverlässig. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass vor allem amerikanische Tugendwächter ihre Augenbrauen zur Decke heben, sobald sie Rufus' spätere Hilfsaktion für jenes arme Pärchen begutachten, das mittellos aber glücklich in einer Mansarde in der Abwasser-Siedlung herumknutscht.

Nach eurer Rätselei habt ihr die beiden nicht nur voneinander getrennt, sondern buchstäblich als Sklaven verkauft. Das farbige Mädchen muss nun halb nackt mit Fez zur Drehorgel tanzen, während Rufus dafür eine "Provision" einstreicht. Ob sich das ein Entwickler in den USA getraut hätte? Die Preview-Fassung von Goodbye Deponia kommt jedenfalls mit deutschen und englischen Untertiteln, eine englische Sprachversion ist vorgesehen (wird in London produziert), die deutsche Synchro ist gewohnt tadellos.

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Waisenkinder und Finanzmarktkritik im Abwasserkanal - das gibt es auch nur bei Daedalic.

Dass Daedalics Deponia-Trilogie auf die Festplatte jedes Rätselfans gehört, ist so gut wie ausgemacht - nicht zuletzt wegen des genialen zweiten Teils 'Chaos auf Deponia', das dieses Jahr den deutschen Computerspielpreis abgeräumt hat. Wer also die Vorgänger noch nicht kennt, sollte diese Bildungslücke unbedingt stopfen - trotz des Fanboys Barry. Bleibt die Frage, ob Goodbye Deponia an den Erfolg der ersten beiden Teile anknüpfen kann. Dank schwarzem Anarcho-Humor, Slapstick im Überschall, knackigen Rätseln an drei Fronten gleichzeitig, charmantem Zeichentrickstil, solider deutscher Synchro und durchdachtem Interface mache ich mir aber keine Sorgen - der finale Teil der Reihe schaut schon jetzt nach einer sicheren Bank für Adventure-Liebhaber aus. Am 8. Oktober kommt 'Goodbye Deponia' in den Handel. Das wird ein bittersüßer Abschied vom Müllplaneten!

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Über den Autor:

Frank Erik Walter

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Tagsüber arbeitet Frank als freier Journalist. Nachts jagt er seit 2010 flüchtige MMOs für Eurogamer.de und die MMO PRO. Skittles und Tetris sind sein Kryptonit.

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