Warum eine zweite Staffel von Telltales The Walking Dead ein Fehler ist - Kommentar

Es gibt noch so viel zu erleben.

Auf die Gefahr hin, mir ein paar Feinde zu machen: Ich will nicht, dass Telltale eine zweite Staffel von The Walking Dead macht! Mir graut es regelrecht bei dem Gedanken. Nicht, dass es etwas ändern würde. Das episodische Schmuckstück vom letzten Jahr war nicht nur eines der besten Spiele 2012, es war auch das mit Abstand erfolgreichste, das die Kalifornier jemals auf die Beine gestellt haben. Sie wären schön dämlich, nicht genau hier weiterzumachen, um auf dem Rücken der erfolgreichen Marke ihr beachtliches erzählerisches Talent unter die Leute zu bringen. Staffel 1 entließ einen mit reichlich Wehmut in ein emotionales Vakuum und man war froh und traurig zugleich, dass es vorbei war.

In den letzten paar Tagen sind nun zwei Dinge passiert, die dafür sorgen, dass ich einer zweiten Staffel mit gedämpftem Interesse entgegensehe: Zum einen lief Staffel vier der Fernsehserie zum Thema wandelnde Leichen an. Einmal mehr solides, aber sicher nicht spektakulär gutes Fernsehen, zeigte es doch vor allem, dass Zombies als Thema mehr oder weniger durch sind. Oder anders gesagt: Dass sich diese Reihe mit den interessantesten Situationen, die das Szenario so hergibt, in Graphic Novel, Spiel wie auch der TV-Fassung schon befasst hat. Die Graphic Novel geht in die tiefschwärzesten Regionen menschlicher Abgründe, das Spiel glänzte mit Zwickmühlen zum Nachfühlen und berührender Charakterdynamik. Alles was dazwischen lag, das deckte AMCs Prime-Time Goliath passabel, wenn auch nicht immer mit dem besten Tempo oder der cleversten Charakterzeichnung ab.

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Schön war es. Aber es braucht keine Zombies, damit es wieder so wird.

Ob sie wollen oder nicht: Telltale steckt zwischen zwei artverwandten Erzählmedien fest, mit denen es nun um die packendste, schockierendste und emotionalste Geschichte konkurriert. Und das Letzte, was ich will, ist ein narratives Wettrüsten um die gemeinste Apokalypse. Und überhaupt: Wie oft sollen uns die Zombies noch geliebte Figuren so unversehens wie schonungslos vor der Nase wegknabbern? Wie oft sollen wir noch Streitigkeiten zwischen verunsicherten Überlebenden schlichten, die sich an die Gurgel gehen, und Partei für eine Seite ergreifen? Wie oft sollen wir noch über Tod und Leben zweier Charaktere entscheiden, von denen wir immer nur einen retten dürfen?

"Alles, was hiernach folgt, muss sich an Clem und Lee messen. Und ich sehe kein Szenario, in dem eine Fortsetzung diesen Vergleich gewinnt."

Über all diesen grausigen Situationen, die Telltale so gekonnt über den emotional regelmäßig überforderten Spieler hereinbrechen ließ, thronte die einfühlsame Bindung zwischen Clem und Lee. Alles, was hiernach in Telltales Zombie-Universum folgt, muss sich an dieser herzerwärmenden virtuellen Beziehung der gefallenen Vaterfigur zu dem verwaisten Mädchen messen. Und ich sehe kein Szenario, in dem eine Fortsetzung diesen Vergleich gewinnt. Entweder man geht eine komplett andere Richtung und muss sich letzten Endes den Vorwurf gefallen lassen, die Wirkung von damals in dieser Intensität kein zweites Mal entfachen zu können. Oder man setzt auf vergleichbare Beziehungsdramatik und bekommt sie als Aufguss um die Ohren gehauen. Nein, unter diesen Vorzeichen und im aktuellen medialen Klima interessiert mich allein schon inhaltlich eine zweite Staffel nicht.

Der Mut zum Loslassen

Und dann ist da noch die andere, wichtigere Sache, die klar und deutlich zeigt, dass Telltale in einer perfekten Welt besser daran täte, der Marke 'Adieu' zu sagen: Episode 1 von The Wolf Among Us kam heraus und bewies, dass das in The Walking Dead etablierte Muster dehn- und formbarer Geschichten problemlos auch auf andere Geschichten übertragbar ist. Wenn ich viele unterschiedliche Erlebnisse und Erzählungen mit einem derart geschliffenen Stil bekommen kann, wieso sollte ich mich dann jemals wieder mit dem immer gleichen Zombie-Szenario zufrieden geben? Bill Willinghams Graphic-Novel Fables ist in Ton und Gestaltung ein Stoff, wie er besser nicht auf die Talente und Technik Telltaltes zugeschnitten sein könnte. Im Grunde beglückt er sogar zu weiten Teilen die gleiche Zielgruppe wie Robert Kirkmans Werk, sofern die sich denn imstande sieht, zur Abwechslung mal auf ihre modrigen Untoten zu verzichten. Hier gilt einfach, wer lernt, loszulassen, erweitert nicht erst auf lange Sicht seinen Horizont.

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Wer TWD in Staffel 1 liebte, sollte nicht den Fehler machen, The Wolf Among Us links liegen zu lassen.

Natürlich könnte man meinen, die bloße Existenz von The Wolf Among Us bewiese schon, dass Telltale auch in Zukunft zumindest zweigleisig fahren wird. Allerdings war die Umsetzung von Fables schon vor der Veröffentlichung des Zombie-Dramas beschlossene Sache. Dass es so weitergehen muss, steht nirgendwo geschrieben. Staffel 2 von The Walking Dead mag beschlossene Sache sein, aber ich hoffe inständig, dass die Wolfsmär mindestens genau so erfolgreich wird, verdient hätte Bigbys Abenteuer es jedenfalls. Vor allem, damit Telltale die Freiheit gewinnt, uns auch in Zukunft noch neue Geschichten näherzubringen, von denen viele sonst nie erfahren hätten. Und wenn ich daran denke, in Zukunft auch Umsetzungen von Comic-Schmuckstücken wie Chew oder Y - The Last Man von diesem Studio zu bekommen, komme ich aus dem Grinsen nicht mehr heraus.

Es gibt mehr als nur Zombies und The Walking Dead wird nicht intensiver als mit Lee und Clementine. Deshalb sind wir, davon bin ich überzeugt, ohne eine Fortsetzung besser dran. Sorgen wir also dafür, dass dieser Satz auch für Telltale gilt: Holt euch den Wolf nach Hause! Besser heute als morgen und besser zum (immer noch schlanken) Vollpreis anstatt erst im Sale. Denn es ist wirklich was dran an dem Satz 'vote with your wallet'. Bei Videospielen noch mehr als irgendwo sonst.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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