Diablo III: Reaper of Souls - Jetzt röntgen wir den Schnitter!

Der zweite Blick auf die geschlossenen Beta: Gameplay, Kreuzritter und Mystikerin im Detail.

Gestern hab ich mich des Storyparts von Reaper of Souls angenommen, heute geht es ans Eingemachte - die geänderten Gameplay-Mechaniken. Noch bevor ich meine (eigens auf den Betaserver importierten) Helden spazieren führen konnte, schon die erste Frage: Kampagne oder Adventure-Modus? Bei Letzterem erledigt ihr zum einen Kopfgelder: vordefinierte Bossmonster oder Tötungsquests und Events in den fünf Akten von Sanctuario, die ihr bequem mittels Übersichtskarte anwählen dürft. Statt zum nächsten Wegpunkt zu pilgern, drückt ihr einfach auf 'M' und teleportiert euch zum Ziel. Das geht flott und hat man die fünf Aufträge eines Aktes erfüllt, gibt es legendäre Gegenstände als Belohnung.

Zum anderen gibt es die so genannten Nephalem Rifts. Hat man einen Rift Keystone gefunden oder als Kopfgeld erhalten, darf man sich in diese komplett zufallsgenerierten Dungeons wagen. Ich betone "zufallsgeneriert", denn hier wird wirklich alles über den Haufen geworfen: jede Ebene dieser Dungeons kann aus einem anderen Teil des Spiels stammen. Die dortigen Gegner und Bosse werden zufällig ausgewählt, ihre Anzahl kann enorm anwachsen, die Schreine verleihen überzogene Boni wie Unverwundbarkeit oder Supergeschwindigkeit. Es ist quasi ein total sinnbefreites Monstermetzeln für den schnellen Hack-and-Slay-Kick zwischendurch.

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Bereit fürs Abenteuer? Auf der Jagd nach Kopfgeldern winken im Adventure-Modus Erfahrung, Gold und legendäre Gegenstände.

Das alles kommt in fünf Schwierigkeitsgraden daher, die das bisherige System obsolet machen. Große Überraschung: In Reaper of Souls passen sich die Monster stets eurem Level an, egal wo. Die bislang üblichen vier Durchgänge (Normal, Alptraum, Hölle, Inferno) gibt es nicht mehr. Dafür wird jetzt mittels des vorab gewählten (und jederzeit heruntersetzbaren) Schwierigkeitsgrads bestimmt, wie schlagkräftig eure Gegner sind und wie hoch eure Extrabelohnung ausfällt. Auf 'Normal' prügelt ihr euch relativ problemlos durch alle Akte. Auf 'Hard' und 'Expert' wird die Sache dann schon haariger. Auf Stufe 60 wird 'Master' freigeschaltet, 'Torment' bleibt Helden vorbehalten, die den neuen Maximallevel von 70 erreicht haben. Ich war überrascht, wie schnell ich selbst mit gut ausgestatteten Stufe-60-Chars auf 'Hard' ins Gras gebissen habe. Das Balancing ist noch lange nicht final, aber ich erwarte, dass Blizzard hier auch anspruchsvollen Profis eine Herausforderung bietet.

Richtig stark dank Paragon 2.0

Da kommt einem das neue Paragon-System natürlich gerade recht. Sobald ihr die Höchststufe (jetzt also 70) erreicht oder noch Paragon-Level von vor der Erweiterung freigespielt habt, erhaltet ihr Punkte - und zwar für all eure Charaktere. Jeder Held bekommt die volle Punktzahl aus dem gemeinsamen Topf und kann sie in vier Bereiche investieren: Core, Offense, Defense und Utility. Interessant ist die Verteilung der Punkte: immer abwechselnd einen in jede Kategorie, rundum, bis man alle verbraucht hat. Man kann also nicht einfach mal seinen gesamten Vorrat in einem Bereich konzentrieren. Falls ihr noch nicht mit dem Sammeln von Paragon-Leveln begonnen habt, solltet ihr euch sputen! Das geht derzeit im Hauptspiel noch relativ zügig. In Reaper of Souls dauert es gefühlt länger, um neue Punkte zu erspielen - daher lohnt es sich, einen Vorrat anzulegen, bevor die Erweiterung kommt.

Im Core-Reiter verteilt ihr Bonuspunkte auf eure Attribute (Stärke, Geschicklichkeit, Intelligenz und Vitalität). In Offensive erhöht ihr Angriffsgeschwindigkeit, kritischen Schaden und Trefferwahrscheinlichkeit und könnt außerdem eure Cooldowns reduzieren. In Defense gibt es Boni auf Leben, Rüstung, Ausweichchance und Resistenzen. Utility ist ebenfalls interessant - hier steigert ihr den Vorrat eurer Kampfressource, eure Wahrscheinlichkeit für das Auffinden magischer Gegenstände, eure Bewegungsgeschwindigkeit und euren Radius für das Aufsammeln von Gold.

Dass sich die geliebten Charaktere mit der Erweiterung etwas anders spielen, liegt aber nicht nur am neuen Paragon-System. Einige Skills wurden geändert, neue aktive und passive Fertigkeiten sind hinzugekommen, ein vierter Passiv-Slot wartet mit Stufe 70 auf Freischaltung. Alle Änderungen im Detail zu betrachten, würde diesen Artikel sprengen - zumal die ganzen Fertigkeiten im Verlauf der Beta sowieso noch mehrfach überarbeitet werden dürften. In der Regel wurden die Schadenswerte angepasst und die möglichen Builds so ein wenig geschärft. Teilweise wurden die Skills auch komplett verändert, wie zum Beispiel die passive Fertigkeit 'Zeitstrom' der Zauberin, die vorher Gegner verlangsamte. Nun gewährt sie einen stapelbaren Schutzschild, wenn man Gegner mit arkanem Schaden trifft. 'Beflügelter Schutz' spendiert nun ebenfalls einen Schutzschild zur Schadensabsorption, statt eure magischen Rüstungen zu verlängern. Da wird die Zauberin von der zerbrechlichen Glaskanone zur ordentlich gepanzerten Haubitze.

Paladin? Templer? Nein: Kreuzritter!

Apropos Panzerung. Es gibt eine neue Klasse zu entdecken: den Kreuzritter. Dieser Held lässt sich Zeit, bis er richtig auf Touren kommt. Erst jenseits Stufe 10 beginnt er, interessant zu werden. Der Recke spielt sich wie eine Mischung aus Barbar (Schlagkraft) und Mönch (Auren, Elementar- und Heiligenschaden, heiliger Boden) und verbraucht für seine Attacken 'Wrath' (Zorn), der durch normale Angriffe und mit der Zeit automatisch aufgefüllt wird. Ab Stufe zehn könnt ihr mittels passivem Skill Zweihandwaffen in der Haupthand schwingen und gleichzeitig einen Schild halten - ohne letzteren kommt einem der Ritter ein wenig nackt vor. Der Nachteil: Ihr werdet gleichzeitig etwas langsamer. Doch der Waffenschaden - vor allem mit Morgensternen - macht das wieder wett.

Erst jenseits Stufe 10 beginnt der Kreuzritter, interessant zu werden.

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Der neue Kreuzritter wird ab Stufe 10 richtig interessant und hält auch gegen größere Monstergruppen lange durch. Sein Geschick als 'Bildschirmräumer' ist ebenfalls beachtlich.

Von da an mehren sich die guten Skills: Blessed Hammer räumt vor allem im späteren Spielverlauf mit der Rune Thundershock den Bildschirm frei, Steed Charge ermöglicht unbehelligtes Durchreiten von Feindgruppen auf einem Schlachtross, Auren (Laws) verstärken eure Angriffe oder buffen euch. Falling Sword erlaubt euch den schicken Teleportmove des Erzengels Imperius und Fist of the Heavens sendet einen gewaltigen (und mit 30 Wrath) kostenintensiven Blitz auf eure Feinde herab. Die Phalanx schickt euren Widersachern eine Handvoll projizierter Ritter entgegen. Ansonsten sind es vor allem die Skills zur Verstärkung eurer Rüstung oder Blockrate und die Heilfähigkeiten, die den Kreuzritter zu einem echten Klotz an vorderster Front machen.

Sehr nützlich ist die nagelneue Handwerkerin. Mystikerin Myriam kann nicht nur eure geliebten Items transmogrifizieren und somit deren Aussehen auf verbesserte Ausrüstung übertragen. Sie beherrscht auch die Änderung einzelner Eigenschaften von seltenen oder legendären Waffen. Euch hat schon immer gestört, dass eurer Lieblingsschwert einen Bonus auf Intelligenz bringt, obwohl euer Barbar kaum etwas damit anfangen kann? Dann lasst diesen Wert einfach neu auswürfeln - mit etwas Glück wird "Stärke" draus. Die möglichen Eigenschaften sind allerdings eng gesteckt und werden relativ zufällig verteilt. Außerdem kostet der Vorgang einen saftigen Preis in Form von Gold und Rohstoffen. Habt ihr einen Wert gewechselt, dürft ihr aus zwei möglichen neuen Eigenschaften oder der ursprünglichen Eigenschaft wählen. Dabei wird der Gegenstand an euren Char seelengebunden und jede weitere Verzauberung betrifft nur noch diese Eigenschaft. Trotzdem ein nützliches Feature, wenn man seine Ausrüstung optimieren möchte.

Sehr nützlich ist die nagelneue Handwerkerin, Mystikerin Myriam.

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Mystikerin Myriam ersetzt auf Wunsch ungeliebte Affixe von seltenen oder legendären Ausrüstungsgegenständen.

Und es gibt reichlich Material zum Tüfteln, denn in der geschlossenen Beta kommt das überarbeitete Loot-System schon voll zum Tragen. Seltene und legendäre Gegenstände fallen viel häufiger, die Beute passt sich gezielter eurer Klasse an, viele nützliche Items in höheren Seltenheitsstufen gibt es jetzt auch bei NPCs zu kaufen. Kurz: Es gibt mehr und vor allem brauchbarere Gegenstände, um den Itemdurst zu stillen. Mit der Schließung des Auktionshauses am 18. März 2014 dürfte Blizzard dann endlich die Kehrtwende vollzogen haben und die beiden Hauptkritikpunkte ausräumen, die so lange im Raum standen.

Ansonsten fallen noch viele weitere Kleinigkeiten auf: Heiltränke gibt es nur noch in einer Größe. Sie stellen augenblicklich 60 Prozent Lebensenergie wieder her. Mit dem Diamanten gibt es eine neue Edelstein-Variante zum Sockeln, die in einer Waffe den Schaden an Elitegegnern erhöht, den Fertigkeits-Cooldown in Helmen reduziert oder den Widerstand gegen alle Schadensarten aufmotzt. Neue Rezepte sind beim Schmied hinzugekommen - er kann jetzt auch Begleiter-Gegenstände basteln. Die aus dem Konsolen-Diablo bekannten goldenen "Ruhm der Nephalem Kugeln" erleichtern jetzt auch auf PC die Monsterhatz.

Das Clanfeature ist ganz nett, steht aber noch arg am Anfang. Bislang kann man Nachrichten an die Kollegen schicken, einen gemeinsamen Chat benutzen und die Mitglieder verwalten. Auf die neuen Gebiete, Gegnertypen, Affixe und Quests bin ich bereits im ersten Teil der Vorschau eingegangen - auch wenn dieser Part für viele Spieler fast zur Nebensache verkommen dürfte, angesichts dieser satten Palette an Änderungen. Viel davon dürfte freilich auch in den Patches enthalten sein, die Blizzard vor und nach dem Release der Erweiterung raushaut - vor allem auf das neue Lootsystem warten die Fans am PC schon lange.

Der beste Beweis dafür, dass Diablo III mit Reaper of Souls auf dem richtigen Weg ist? Nach meinem Ausflug in die geschlossene Beta habe ich keine Lust, ins Hauptspiel ohne Erweiterung zurückzukehren. Das überarbeitete Beutesystem, die Änderungen hinsichtlich der Fertigkeiten, der Adventure-Modus, die diversen kleinen Modifikationen beim Gameplay - das ist einfach gelungen und macht schon jetzt richtig Spaß. Endlich spielt sich Diablo III auch im Endgame so, wie es von Anfang an hätte sein sollen. Sicher gibt es noch viel auszubalancieren und ich hätte mir einen umfangreicheren Plot für den fünften Akt gewünscht, aber ansonsten sehe ich der Erweiterung optimistisch entgegen. Blizzard hat viel auszubügeln. Somit gibt es auch vieles, auf das man sich als Diablo-Fan im nächsten Jahr freuen kann.

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Über den Autor:

Frank Erik Walter

Frank Erik Walter

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Tagsüber arbeitet Frank als freier Journalist. Nachts jagt er seit 2010 flüchtige MMOs für Eurogamer.de und die MMO PRO. Skittles und Tetris sind sein Kryptonit.

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