Gran Turismo 6 und Forza Motorsport 5: Ein Vergleich

So ähnlich und doch so unterschiedlich.

Zwei Spiele, ein Genre, ein Thema und doch könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Hatte ich befürchtet, dass die relativ direkt aufeinanderfolgenden Tests von Forza 5 und Gran Turismo 6 doch sehr ähnlich werden oder eindeutig zugunsten der Next-Gen ausfallen könnten, ergibt sich nun doch ein recht spannendes Bild. Beide Spiele haben ihre Stärken und Schwächen, und sofern es die Frage geben sollte, welches der beiden nun "besser" ist, muss ich euch ein wenig enttäuschen. Aber ich kann euch vielleicht helfen zu entscheiden, welches "besser für euch" ist.

Eine Frage des Inhalts

Auf den ersten Blick ist es so was von klar, wer in dieser Disziplin gewinnt. Gran Turismo 6 hat mehr als doppelt so viele Strecken und sechs Mal so viele Autos. Dazu kommen mehr Spielmodi und ein paar lustige Einfälle am Rande in Form der Challenges in jeder Rennliga. Da kann das auch im Vergleich zu den eigenen Vorgängern abgespeckte Forza 5 nicht wirklich mithalten und ja, dessen kleine Zahl an Strecken ist seine Achillesferse. Da lässt sich auch nicht dran rütteln, selbst wenn einige Strecken Gran Turismos teilweise bis nach 1997 zurückreichen und sich nicht so sehr verändert haben. Eine Runde auf Autumn Ring macht immer noch Spaß und Abwechslung ist selten eine schlechte Sache.

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Kaum ein Auto, das GT6 nicht bietet und weit mehr Strecken, um sich auszutoben.

Bei den Autos sehe ich die Sache deutlich ambivalenter. Sicher, die schiere Zahl von Gran Turismos Fuhrpark wird nicht so schnell getoppt werden und es sind ein paar grandiose Exoten im Sortiment. Leider gibt es neben diesen und den allseits beliebten Standards auch Tonnen an Schrott, der zwar brav fährt, aber den ich teilweise im realen Leben nicht in Erwägung ziehen würde. Das sage ich als ein, bei Autos sehr praktisch orientierter Mensch. Genau das ist auch das Problem. Die ersten langen Stunden in Gran Turismo fuhr ich mit Autos umher, die nicht aufregend waren und eigentlich nichts in einem Rennspiel verloren haben. Ein Honda Fit ist ein sinnvolles Auto für die junge Familie mit einem begrenzten Budget und einem Bewusstsein für einen ökonomischen Spritverbrauch. Es ist das Letzte, das mir in den Sinn kommt, wenn ich an das neueste, heiße Rennspiel denke. Darauf folgte ein Clio. Juhu. In der Rennvariante, aber trotzdem. Ein Clio. Mit der Zeit besserte sich das Ganze, aber trotzdem ließ ich mich immer mehr von der für die Rennen notwendigen Klassifizierung leiten als zu kaufen und zu fahren, was ich wirklich wollte. Erst zum Ende der Testphase war ich an dem Punkt, dass ich so langsam Stolz auf meinen Fuhrpark war. Oder mich zumindest nicht mehr dafür schämte. Diese Art von Leerlauf kennt das weit übersichtlichere Sortiment Forzas nicht. Das Schlimmste, was euch da passiert, ist ein BMW M5, danach geht es bergauf. Es ist schwierig. Für jeden Schrottwagen, den GT in dieser Richtung mitschleppt, gibt es halt auch mindestens einen coolen Exoten, den ihr nur hier fahren könnt. Diese rechtfertigen schon ein wenig die Leiden im Honda.

Next-Gen vs. Current-Gen. Sichere Sache bei der Technik. Oder?

Hm ... ja. Eigentlich schon. Auch wenn ich der Meinung bin, dass angesichts der viel älteren und schwächeren Hardware Polyphony die beeindruckendere Leistung abliefert, lässt sich am Endergebnis nicht viel rütteln. Während Gran Turismo trotz aller Schönheit nicht um ein mehr als nur gelegentliches Tearing verlegen ist und selbst wenn es auf manchen Strecken schon verdächtig nach Next-Gen aussieht, liegt die Detailfreude von Forza 5 gerade auf seinen leider viel zu raren Stadtkursen auf einem ganz anderen Level. Noch dazu hat es keine großen Probleme die 1080p60 zu halten. Auch die Autos, auf die Polyphony zu Recht so stolz ist, verblassen ein wenig gegen die digitalen Wunder, die Turn 10 präsentiert.

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Der Stolz von Gran Turismo sind die Prototypen wie dieser futuristische Mercedes ...

Auch, was den Sound angeht, zeigt sich Forza weit konstanter. Während das Anlassen der Fahrzeuge bei Gran Turismo beim Kauf aberwitzig real und hinreißend klingt, lässt es auf der Piste nach. Es fehlt nach wie vor der Druck. Ich kann die Anlage aufdrehen, ich kann mit den Bässen rumspielen, aber der durchgehend satte Sound des neuen Forza wird nicht ganz erreicht. Es klingt gut und die unterschiedlichen Charakteristika der vielen verschiedenen Autos sind gut herausgearbeitet, aber es ist noch nicht da, wo es sein könnte.

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... während Forza liebend gerne seinen exklusiven McLaren P1 vorzeigt.

Wo Gran Turismo aber überrascht und das durchgehend positiv, sind die Ladezeiten. Diese sind bei Forza die recht üblichen 20 bis 30 Sekunden im Schnitt und das bei einer Festplatteninstallation. Gran Turismo 6 kommt dagegen bei manchen Strecken mit 10 Sekunden aus, länger als 25 dauert es nie und erreicht wird diese Marke auch nur sehr selten. Ausgesprochen beeindruckend.

Wie fährt es sich denn so?

Wenn beide Spiele in einer Sache fast auf einem Nenner liegen, dann ist es das generelle Fahrmodell, das hinter der schönen Schau steht. Beide Spiele bieten eine realistische Simulation, die nur durch das Verlangen ausgebremst wird, eben ein Spiel zu sein. Es ist der bestmögliche Weg, der gesucht wird, eben in keiner Weise Arcade zu sein, aber eben doch zugänglich und vergebend genug. Der Erfolg ist da, denn sowohl die Metrik hinter den Modellen stimmt als auch das Gefühl, das die beiden Spiele von ihren simulierten Gefährten vermitteln. Die Gnade der in beiden Fällen zahlreich vorhandenen Fahrhilfen hält Einsteiger davon ab, die Pads zu werfen, während Profis auf all das verzichten und so in deutliche Nähe zu "echten" Simulationen wie iRacing finden. Für den Konsolenmarkt, auf dem sie sich bewegen, und den Massenappeal, den sie anstreben, ohne die Enthusiasten zu verprellen, machen beide Kandidaten alles richtig.

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Man merkt bei beiden Spielen, dass die Teams dahinter viel Erfahrung mitbringen.

Was nun die Optionen angeht, das ganze zu kontrollieren, sieht es sehr unterschiedlich aus. Turn 10 genießt den Segen des weiterentwickelten Pads der Xbox One. Seine differenziert konfigurierbaren und ebenso fühlbaren Rüttelfunktionen und die derzeit wohl besten Trigger auf dem Markt erlauben natürlich ein ganz anderes Gefühl als das in die Jahre gekommene Pad der PS3. Gäbe es die Möglichkeit, den neuen DualShock 4 mit Gran Turismo zu nutzen, dann würde die Welt wohl ganz anders aussehen, aber so ist das Padgefühl in Gran Turismo von gestern und in Forza ein auf diese Weise uneinholbarer Sprung nach vorn. ABER! Forza unterstützt aktuell keine Lenkräder. Nicht mal die, die von früheren Forzas unterstützt wurden. Insoweit ist es für das Spiel also schlicht die Rettung, dass seine Pad-Steuerung so ein Kontrollwunder ist. Gran Turismo dagegen kann auf so ziemlich alles zurückgreifen, was auch mit voherigen Spielen der Serie funktionierte und darunter sind einige der besten Sim-Lenkräder der Welt. Wer also kann, lässt Pad Pad sein und klemmt sich hinter das, was viele Fans als die einzige Art betrachten, so ein Spiel zu spielen. Ein Genuss, auf den Forza-Fans noch etwas werden warten müssen.

Mikrotransaktionen

Beide Spiele "bieten" die ungeliebten Mikrotransaktionen. Auf beiden Spielen lassen sich damit gegen harte, sehr reale Münze die Autos nach Belieben freischalten. Abstand nehmen solltet ihr davon allerdings bei beiden, denn zum einen ist es weit befriedigender, etwas selbst erspielt zu haben, zum anderen ist es hier wie dort unverschämt schweineteuer. Auf der Xbox kostet ein Auto bis zu 70 oder 80 Euro, auf der PS3 sogar bis zu 150. Das sind komplett verrückte Mondpreise, die nichts mehr mit rationaler Zeitersparnis für ungeduldige Enthusiasten zu tun haben. Das ist schlichter Irrsinn.

Zumindest kann sich Gran Turismo damit rühmen, diesen Irrsinn besser zu verstecken. Der Shop befindet sich im Menü sonstwo, während euch Forza direkter daran erinnert, dass es da ja schöne Autos gibt, die ihr noch nicht habt. Beide Spiele sind in etwa gleich zurückhaltend, wenn es darum geht, euch die Besten der Besten im Fuhrpark zugänglich zu machen, aber bei Gran Turismo fällt das angesichts der endlosen Möglichkeiten billige Autos zu kaufen, die man eigentlich nicht braucht, weniger auf. Andererseits spart man sich das bei Forza und hält leichter sein virtuelles Geld zusammen. Trotzdem, Punktsieg an Gran Turismo für mehr Zurückhaltung. Selbst wenn es noch gieriger ist, sollte euch das Verlangen überkommen, euer Geld in einen Schlund zu werfen.

Racing vs. Driving

Kommen wir zu dem Punkt, der für mich persönlich den ganzen Unterschied in den bekannt-beliebten, so herzerfrischend (un)sachlich diskutierten, bezeterten, verhassten, wie geliebten Wertungspunkten ausmacht.

Turn 10 hat sich Gedanken zur Frage der KI gemacht, und wie sie verhindern können, dass es einfach nur immer wieder die gleiche, lahme KI wird, die brav ihre Runden abspult, wenig Persönlichkeit auf den Asphalt bringt und letztlich nur über die Frage definiert wird, wie schnell sie ihre Runden dreht. Das Ergebnis dieser Überlegungen war das sogenannte Drivatar-System. Jeder, der Forza spielt, liefert ein grundsätzliches Profil seiner Fahrgewohnheiten in den Pool der Drivatare. Wie sehen eure Bremspunkte aus, wie nehmt ihr die Kurven, wie verhaltet ihr euch gegenüber anderen Fahrern. Diese Eigenheiten werden einem skalierbaren KI-Grundset hinzugefügt und so ergibt das einen KI-Gegner, der sich ein bisschen wie ihr verhält. Er macht einige eurer Fehler, er hat einige eurer Stärken und er ist ein wenig anders als sein KI-Kollege neben ihm, der von einem anderen Drivatar gefüttert wurde. So erhaltet ihr ein sehr gemischtes und sich im besten Falle real anfühlendes Fahrerfeld, in dem Persönlichkeiten erkennbar sind. Es ist eine echte Innovation und ich halte es für einen großen Sprung in die richtige Richtung. Selbst wenn es manchmal noch nicht ganz so funktioniert, wie es sein soll, wenn manche Profile offensichtlich von Crash-Liebhabern gefüttert wurden, insgesamt war die Spielerfahrung mit diesen KI-Gegnern weit besser und spannender als alles, was ich den letzten zehn oder mehr Jahren in dem Genre sah.

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GT6 bietet mehr Autos mit Cockpit als Forza 5. Dort ist es dafür jedes Auto, das innen wie außen gestaltet wurde. Sucht euch aus, was besser ist.

Gran Turismo 6 dagegen leistet sich hierbei ein paar schwere Sünden. Man gab sich mit der überarbeiteten KI durchaus Mühe und sie liegt um Meilen vor den in sauberer Reihe fahrenden Zombies vergangener Tage und sie verhält sich auch weit natürlicher als es bei GT5 der Fall war. Aber zum einen bietet sie nicht annähernd die Natürlichkeit, Flexibilität und Abwechslung, des Drivatar-Systems. Zum anderen ist da das schreckliche Gummiband, das euch an die euch umgebenden Wagen bindet. Sofern ihr nicht in einem, völlig untermotorisierten Gefährt unterwegs seid oder die ganze Zeit nur Mist macht, habt ihr dank des fehlenden Bisses der KI in den Kurven schnell einen gesunden Vorsprung. Bis zur letzten Runde habt ihr zehn Sekunden herausgefahren. Plötzlich jedoch beginnen die Plätze zwei und drei aufzuholen. Nicht so sehr, dass sie euch gleich gefährlich werden, aber schon so weit, dass ihr wisst, dass ihr euch jetzt besser keinen Fehler in der letzten Kurve leisten solltet. Nicht dass ihr bis dahin einen gemacht hättet, der dieses mysteriöse Verhalten der KI erklären würde. Es funktioniert genauso anders herum. Ein Blick auf die Karte zeigt mir, dass ich mich zwar auf Platz drei vorgeschoben habe, aber es gibt keine Chance, gar keine, dass ich zwei Fahrer, die sich bis dahin einen solchen Vorsprung von teilweise zehn Sekunden erfahren haben und keine erkennbaren Fehler machen jemals in einer Runde einholen werde, Vorteile in Kurven hin oder her. Aber siehe da, oh Wunder, ich beginne aufzuholen. Ich nähere mich. Es scheint möglich. Es ist möglich. Ich überhole und gewinne. Schon wieder.

Es ist ein leicht reproduzierbares Verhalten, das sicherstellen soll, dass ich eine Chance habe. Aber das zeugt nur davon, dass hier jemand nicht verstand, worum es geht. Diese Chance muss ich mir erarbeiten. Wenn ich nicht gut genug bin oder mein Auto einfach nicht so gut ist, dann muss ich kämpfen und manchmal habe ich dann keine Chance. Dann muss ich an meinem Auto herumschrauben, es aufrüsten oder sogar ein anderes kaufen. Ich muss an meinen Rundenzeiten feilen und die Kurven studieren. Auf die hier genutzte Weise jedoch werden die Siege gegen die KI sehr schnell schal. Da hilft es auch nicht, dass sie so tut, als würde sie sich in der letzten Runde mehr Mühe geben, sollte ich eh schon führen.

Forza 5 und Gran Turismo 6: Ich will sie beide!

Polyphony liefert ein Spiel ab, das mich mehr als nur ein wenig beeindruckt zurücklässt. Was die in die Jahre gekommene PS3 da auf den Bildschirm fließen lässt, ist ein Traum, der zwar manchmal mit dem Tearing an seine Quelle erinnert, es einen dank der endlosen Masse an Strecken, Autos und Spielmodi aber leicht macht darüber hinwegzusehen. In vielerlei Hinsicht ist es dank dieser verschwenderischen Quantität, bei der auch die Qualität nicht zu kurz kommt, das reizvollere der beiden Spiele. Wenn es euch darum geht, einfach nur allein eure Runden zu drehen und Bestzeiten zu fahren, dann ist es vielleicht sogar die bessere Wahl, aller Schönheit Forzas zum Trotz. In diesem Falle habt ihr dann wahrscheinlich auch ein Lenkrad parat und könnt den DualShock 3 getrost in die Ecke feuern, der nicht den Hauch einer Chance gegen den Xbox One-Controller hat.

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Am Ende ist es für mich Forza und sein Drivatar. Das heißt nicht, dass ich auf GT6 verzichten möchte. Zum Glück kann man in diesem Fall doch alles haben. Nur halt nicht in einem Spiel.

Aber sobald es durch die Karrieren - was ja für die meisten keine unbedeutenden Spielmodi sind - und gegen die KI geht, dann liegen Welten zwischen den beiden Spielen. Die eine KI ist eigentlich funktional und routiniert, leistet sich aber ein peinliches Gummiband und sorgt damit für Frust. Die andere ist ein Innovationssprung, den das Genre so schon lange nicht mehr sah. Ich für meinen Teil fahre lieber drei Mal ein spannendes Rennen im gleichen Auto auf der gleichen Strecke, als dass ich schon fast erzwungene Siege auf drei verschiedenen Strecken mit drei verschiedenen Autos abhole.

Wenn mich jemand zwingen würde, eines der der beiden Spiele abzugeben, dann ... würde ich versuchen mir beide zu schnappen und damit abzuhauen. Es sind beides phänomenale Titel, mit beiden könnt ihr Monate bestreiten und ich werde sie sicher beide noch lange spielen. Aber am Ende wird es wohl Forza sein, das länger im Laufwerk liegt.

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Martin Woger

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