Rust - Von nackten Männern, die mit Steinen schmeißen

Wie verrückt ist das alltägliche Leben im neuen Spiel des Garry's-Mod-Schöpfers?

Meine ersten Streifzüge durch die Welt von Rust verliefen ziemlich deprimierend. Kaum das Spiel auf einem der unzähligen Server gestartet, schon erschien ein halb nackter Mann am Horizont, rannte auf mich zu und rammte mir zur Begrüßung genüsslich einen Felsbrocken ins Gesicht. Das Ganze wiederholte sich mehrere Male. Manchmal vergingen fünf Minuten, ein anderes Mal dauerte es keine fünf Sekunden und schon warf mich das Spiel zurück zum Ladebildschirm. Eine gewisse Hürde muss man demnach schon nehmen, um sich überhaupt auf die Suche nach dem Spaß begeben zu können. Und selbst dann garantiert euch diesen niemand.

Was ist denn da los?

Jeder Einstieg beginnt gleich: Ihr landet gewappnet mit Stein, Medipack und Fackel in einem recht offenen Waldgebiet. Von dort aus ist jeder seines eigenen Glückes Schmied. Solltet ihr die ersten Sekunden überleben, folgt als nächster Schritt das Sammeln von Materialien. Mit dem großen Stein in beiden Händen prügelt ihr langsam das Holz aus einem der nahe gelegenen Bäume. Im Gegensatz zu einem Minecraft verschwindet die hochgewachsene Pflanze nicht, sondern bleibt am Ende eurer kläglichen Holzfällerarbeiten unbeeindruckt stehen. Lediglich eine Nachricht informiert euch darüber, dass der Baum kein weiteres Holz mehr birgt. Nun gut, streift ihr eben zum Nächsten und wiederholt die Prozedur.

Mit genügend Kleinholz unter den Armen bastelt ihr die erste Unterkunft. Im Menü stehen dazu vorgegebene Rezepte zur Auswahl. Durch die aktuell geringe Anzahl an unterschiedlichen Materialien verschafft ihr euch leicht Überblick und bringt schnell die nötigen Rohstoffe zusammen. Nachdem ihr eine halbe Stunde zuvor noch im Adamskostüm über die Felder gehopst seid, besitzt ihr mittlerweile eine leichte Stoffrüstung, jagt Tiere mit einer funktionstüchtigen Pistole und nennt die kleine Bruchbude zwischen zwei Felsen euer trautes Heim. Zumindest solange, bis ihr euch Abends am Lagerfeuer das zuvor gefangene Fleisch kochen wollt und euch ein Barbar lachend seinen Stein über den Kopf zimmert. Aus der Traum vom ruhigen Einsiedlerleben im modrigen Eigenheim. In Rust lässt euch niemand in Ruhe. Und wenn es nur ein armer Irrer ist, der schreiend bei Dunkelheit um euer Haus rennt und den Anfangsmonolog von American Psycho rezitiert.

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Wer mehr Materialien für bessere Gegenstände will, braucht zunächst eine Axt.

Denn die größte Gefahr sind neben unglaublich tödlichen Zombies sowie radioaktiven Strahlenzonen eure menschlichen Mitspieler, die sich passend zur Anonymität des Internets in soziopathische Massenmörder verwandeln. Entschuldigt. NACKTE, soziopathische Massenmörder. So viel Zeit muss sein und zudem beschreibt es die Absurdität meiner Erlebnisse in Rust wesentlich besser. Natürlich steigen die Überlebenschancen jedes Spielers in Verbindung mit einer starken Rüstung wesentlich, doch warum den durchgedrehten Killer spielen und nicht gleich alle Register ziehen, um ganz oben auf der Bekloppten-Skala zu landen?

Was dem Spiel momentan in seiner Early-Access-Fassung fehlt, ist eine Einführung in das Abenteuer. Sicherlich empfinden viele den krassen Start als einen zentralen Reiz der Erfahrung. Einige gehen denke ich sogar so weit und sehen die ersten Tode als Aufnahmeritual an. Quasi die Sporen, die sich ein neuer Spieler erst verdienen muss. Obwohl es sicherlich seine Vorteile bietet, würde mir persönlich ein kleines Startgebiet besser gefallen, in dem ich ganz ohne Gefahren meine ersten Schritte ausführe, ohne aus dem Busch heraus einen Pfeil in den Kopf zu kriegen. Ähnlich wie das Tutorial aus der Minecraft-Version für die Xbox 360.

In Rust lässt euch niemand in Ruhe. Und wenn es nur ein armer Irrer ist, der schreiend bei Dunkelheit um euer Haus rennt und den Anfangsmonolog von American Psycho rezitiert.

Momentan verschaffen da nur bestimmte Server die nötige Abhilfe. Viele spalten sich schon jetzt in PVP und PVE auf. Leider hält sich auch hier nicht jeder an die Spielregeln und bringt gerade auf PVE-Servern regelmäßig seine Mitspieler um. Ich will doch bloß in Ruhe meine Rohstoffe sammeln und bauen. Anschließend kann ich gerne den Kämpfen beitreten, zumal es vorher wegen meiner schwachen Ausrüstung sowieso unfair und unmöglich ist.

Unerwartete Freundschaften

Wesentlich besser eignet sich einer der Roleplaying-Server. Auf diesen erhält jeder Spieler einer Rolle, die er getreu seines Charakters ausführt, was ich so noch nie wirklich ausprobiert hatte. Trotz aller Skepsis verbrachte ich dort bisher meine besten Stunden mit Rust. Anstatt mich auf einen freien Kampf in der Wildnis als Bandit einzulassen, trat ich dem Militär der Hauptstadt bei. In dieser steckte bereits eine gigantische Zahl an Arbeitsstunden und so beeindruckte sie mich durch den Grad an Architektur, der in Rust möglich ist.

Sie zeigten mir, wie man besser gegen Tiere kämpft, erklärten das noch etwas umständliche Bausystem und beschenkten mich mit Lebensmitteln oder neuer Munition.

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Mit einer richtigen Waffe könnt ihr euch wesentlich besser gegen die oftmals feindlich gesinnten Mitspieler verteidigen.

Noch mehr überzeugten mich die Boni als Mitglied der Wachtruppe. Ohne lästige Fragen überreichten mir die anderen Spieler meines Trupps gute Rüstungen und stärkere Waffen. Endlich konnte ich den schweren Stein in eine Kiste legen und zückte stattdessen die Schrotflinte, um mein neues Heim gegen Feinde zu verteidigen. Es gab mir ein gewisses Ziel und andere Spieler hatten keinerlei Problem mit meiner Unerfahrenheit. Sie zeigten mir, wie man besser gegen Tiere kämpft, erklärten das noch etwas umständliche Bausystem und beschenkten mich mit Lebensmitteln oder neuer Munition. Teilweise waren sie mir ein wenig zu nett und ich bekam Angst, in irgendeine fiese Sekte geraten zu sein. Dabei handelte es sich bloß um eine Gruppe passionierter Spieler, die ihre eigenen Regeln in der Welt von Rust entwarfen.

Das ist zwar großartig und zeigt das Potenzial als Sandkasten für wilde Abenteuer, jedoch zeugt es nicht von einer überragenden Qualität, wenn das Spiel nicht ohne Samariter auskommt. Überall tauchen Probleme auf. Trotz der stark veralteten Optik läuft es auf den meisten Servern ziemlich schlecht, Komfort ist für das Inventar ein Fremdwort und besonders die generelle Tiefe des Spiels fehlt komplett. Vom Balancing fang ich besser gar nicht erst an.

Na gut, es handelt sich ja auch um eine Alpha-Version, die den Entwicklern zufolge nicht einmal zu einem Hundertstel dem entspricht, was sie sich unter dem finalen Spiel vorstellen. Dieser Tatsache muss sich vor dem Kauf von Rust jeder bewusst sein und mit den Problemen leben. Wer die Standalone-Fassung von DayZ bereits für zu unfertig hält, sollte um Rust aktuell noch einen größeren Bogen machen. Trotzdem, behaltet den Titel unbedingt im Auge. Gerade durch die Beobachtung der Community könnte hier eine interessante Entwicklung stattfinden, die vielleicht ganz neue Möglichkeiten im Genre erschließt. Oder es endet in einem reinem PVP-Spiel, bei dem sich nackte Männer immer größere Steine an den Kopf werfen. Das wäre auch okay.

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Über den Autor:

Björn Balg

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Redakteur

Freier Autor und wahrscheinlich der letzte Mensch ohne einen Facebook-Account. Liebt Trash und verbringt zu viel Zeit mit dem Ansehen von Katzenvideos.

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