Rubber, Only God Forgives, RoboCop (1987), RoboCop (2014)

Wir mögen Filme und Serien. Reden wir darüber.

Rubber (2010)

Tödlicher Gummi

Ein Autoreifen namens Robert, der Köpfe per Telekinese explodieren lässt? Shut up and take my money! Einigen wird Quentin Dupieux vermutlich als "Mr. Oizo" ein Begriff sein. Sein Beitrag zum Jahr 1999: dieses gelbe Plüschtier im Werbespot für Levi's und das eigenwillige Dance-Gestampfe "Flat Beat". Die Musik des Mannes ist so sperrig wie seine Filme. Lustig und surreal sind sie. Ideal zur Einstimmung auf einen David-Lynch-Marathon.

Ein Autoreifen namens Robert, der Köpfe per Telekinese explodieren lässt? Shut up and take my money!

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Rubber funktioniert auf zwei Ebenen: Einerseits erzählt der Film die Geschichte des Reifens Robert, der zum Leben erwacht, erst Kleintiere überrollt und schließlich seine telekinetischen Fähigkeiten entdeckt. Robert verliebt sich in eine junge Frau, wird angefahren und beginnt einen blutigen Amoklauf. So weit, so Trash. Das allein würde schon genügen, um den Film ganz nach oben auf meinen Wunschzettel zu katapultieren.

Auf der anderen Ebene gibt es da diese Gruppe Zuschauer, die das gesamte Geschehen mit Ferngläsern von einem Felsen in der Wüste beobachtet und sich über die Handlung unterhalten. Jetzt wird klar: Hier findet eine Inszenierung statt! Wir erfahren sogar, dass sich manche der Akteure in Roberts Geschichte bewusst sind, dass sie nur eine Rolle spielen. Googelt mal bei Gelegenheit Bertolt Brechts Episches Theater, wenn ihr das spannend findet. Mich jedenfalls hat das fasziniert.

Für ungeduldige Zeitgenossen wird dieser Handlungsstrang ein bisschen zu überladen sein mit Symbolik und Metaphern, aber wenn man aufgeschlossen bleibt, macht diese Ebene genauso gute Laune wie die trashige Haupthandlung. Dupieux verleitet einen zum Nachdenken über typische Trash- und Autorenfilme, die sich oft geistig näher stehen, als man es vermutet. Wer frischen Wind sucht, hier weht er.

Falls ihr auf den Geschmack gekommen seid, solltet ihr euch im Anschluss 'Wrong' von Dupieux ansehen. Hier sucht ein Mann seinen Hund. Das ist aber auch schon alles, was an diesem Film einigermaßen "normal" bleibt. Als Nächstes stünde dann 'Wrong Cops' auf dem Programm, in dem unter anderem Marilyn Manson eine Hauptrolle spielt. Mehr muss man dazu eigentlich nicht mehr sagen, oder? Weil bewegte Bilder Bände sprechen, hier noch der Trailer von Rubber.

Only God Forgives (2013)

One Fight in Bangkok

Surreale Bilder, brutale Rache und leblose Darsteller - kein Wunder, dass ich Ryan Gosling zwischen Autoreifen und Cyborgs platziert habe. Nein, halt! Kein Tusch! Ich mag Ryan Gosling und möchte ihn nicht dissen. Schon gar nicht für Nicolas Winding Refns 'Only God Forgives'.

In Cannes ausgebuht, für Smartphones optimiert? Wie kann man bei solchem Tobak nicht neugierig werden?

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In Cannes wurde der Film ausgebuht. Im Netz las ich seitenweise negativer Kommentare. Fans von Refns 'Drive' waren enttäuscht. Fans von Ryan Goslings Bauchmuskeln waren traumatisiert. Fans von Vithaya Pansringarm lästerten über Kritiker, die dessen Namen falsch aussprachen. Zuschauer waren entweder begeistert oder abgestoßen. Grauzone gleich null.

Im lesenswerten Interview mit den Kollegen von Spiegel Online sprach der Regisseur über jene Szene, in der Goslings Figur ihre Hände in den aufgeschlitzten Bauch ihrer Mutter steckt, um wenige Minuten später die Hände abgehackt zu bekommen - als eine Art "Kastration". Und dann sagt Refn, er habe den Film bewusst für Smartphones gedreht! Wie kann man bei solchem Tobak nicht neugierig werden? Also her mit dem Film!

Das Drama spielt in Bangkok. In den Hauptrollen: die Brüder Billy und Julian (Tom Burke und Ryan Gosling), ihre herrische Mutter und Drogenbaronin Crystal (Kristin Scott Thomas) und der Polizeichef Chang (Vithaya Pansringarm), der abseits des Gesetzes Recht spricht und nicht einmal mit der Wimper zuckt, wenn er Leuten Gliedmaßen abtrennt.

Bruder Billy tötet eine 14-jährige Prostituierte und wird mit Duldung des Polizeichefs Chang totgeschlagen. Mutter Crystal fliegt nach Bangkok und besucht Julian. Dieser soll Billy rächen. Doch er hat Hemmungen, Selbstzweifel und bekommt es nicht auf die Reihe. Also hetzt die Mutter ein paar Killer auf den Polizeichef - was in einem sinnlosen Gemetzel endet, ohne dass die Killer Chang erwischen. Der Polizeichef findet das gar nicht lustig und beginnt einen blutigen Vergeltungsmarathon, in dessen Verlauf es zu einem denkwürdigen Boxkampf mit Julian kommt. Kurz: Die Maskenbildner und Kunstblutköche werden mit diesem Film gutes Geld verdient haben.

Was mir aus den 90 Minuten in Erinnerung geblieben ist? Karaoke! Rotes und blaues Schlaglicht auf Gesichtern im Close-up, gefolgt von grandiosen Totalen - ganz große Kunst. Ein schweigender Ryan Gosling, der ständig auf seine Hände starrt. Metaphorische und verzweifelt wirkende Masturbation. Karaoke! Eine bitterböse Kristin Scott Thomas (sollte Lady Macbeth spielen). Die extrem brutale Folterung von Byron Gibson, nach der selbst abgestumpfte Zeitgenossen durchatmen müssen. Ein abrupter Schluss, der mich nachdenklich, verwirrt und unbefriedigt zurücklässt. Und Karaoke!

Weil ich stets nach Machwerken jenseits des Mainstreams lechze und Regisseuren Respekt zolle, die ihre Fans auch mal gegen den Strich bürsten, war Only God Forgives für mich ein sehenswerter Film. Wenn auch einer, der sein Publikum erst finden muss. Freunden verschlungener Handlungspfade wird die Gewalt sauer aufstoßen, Actionfans dürfte die Bildsprache zu stilisiert und abgehoben sein. Für meinen Geschmack hätte der Plot weniger episodenhaft und ein bisschen straffer erzählt werden dürfen. Doch andererseits wäre ein höheres Tempo vermutlich genau das Gegenteil dessen, was Nicolas Winding Refn zum Ausdruck bringen wollte. Fakt ist: Der Film lässt niemanden kalt. Das ist schon mal ein Wert an sich.

RoboCop (1987)

Verhoevens Echte

Ach ja, RoboCop. Legendäre One-Liner, vom Fließband serviert. Der Soundtrack von Basil Poledouris donnert aus dem Off. Polizisten fuchteln mit Pistolen herum wie Rapper und schmatzen ihren Kaugummi. Geiselnehmer fordern Autos mit Tempomat. Im Fernsehen laufen Werbespots für Brettspiele mit Atomwaffen, künstliche Herzen oder Autos, die "6000 SUX" heißen. Manager pinkeln sich lieber in die Hose, als eine Minute länger in der Toilette mit dem Boss zu stehen.

Mittendrin stapft dieser Cyborg mit der Agilität eines Alpengletschers und dem Charme einer Steuererklärung.

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Nicht zu vergessen: TV-Trash mit Sahnetorten und entlarvend zynische Nachrichtensendungen. Kampfroboter scheitern an Treppen. Gangster werden in Giftmüll gebadet. Tonnenweise Glas geht zu Bruch. Mittendrin stapft dieser Cyborg mit der Agilität eines Alpengletschers und dem Charme einer Steuererklärung. Kann man das ernst nehmen? Will man das? Natürlich nicht. So waren sie halt, die 80er.

Lange war Paul Verhoevens Cyborg-Urgestein auf dem Index, wegen der übertriebenen Gewaltszenen. Mittlerweile sind die Blutfontänen als Stilmittel Verhoevens anerkannt und der Film wird als beißende Satire auf Konzernallmacht und Medienmanipulation gefeiert. Gerade rechtzeitig zur Premiere des Remakes ist das Original wieder ungeschnitten erhältlich. Der Film ist gnädiger gealtert, als ich es erwartet hätte. Man erkennt so vieles wieder und entdeckt reichlich Neues, dank des geschärften Blicks einer an Metahumor gewöhnten Gesellschaft.

In RoboCop gibt es ungeheuer überdrehte Momente, der Film schreckt aber auch nicht vor triefenden Klischees zurück und zeichnet Figuren so schwarz-weiß, wie es sich heute nicht einmal Michael Bay trauen würde. Ich lege es den Machern positiv aus und unterstelle, dass sie da etwas durch den Kakao ziehen wollten - es wäre aber auch möglich, dass es ihnen damals bitterernst damit war. Trotzdem kann ich diesem Film irgendwie nicht böse sein. Ist es ein Klassiker? Auf jeden Fall. Dazu einer, der Spaß macht.

Fun-Fact am Rande: Der offizielle Trailer wurde seinerzeit mit der Titelmusik von 'Terminator' unterlegt, der ebenfalls von Orion Pictures vertrieben wurde und aufgrund seines Erfolges als Wegbereiter von RoboCop gilt.

RoboCop (2014)

Der Massentaugliche Cyborg

Das (echte) Musikthema von RoboCop noch im Ohr, saß ich nun vor ein paar Tagen im Kinosessel, hinter mir eine Gruppe feixender Teenager, vor mir eine Handvoll älterer Semester der Sorte: 'Comicbook-Guy'. Auch das RoboCop-Remake beginnt mit einem TV-Einspieler: An die Stelle von schrillen Spots und nüchternen Nachrichtensprechern tritt Samuel L. Jackson als radikaler Fernsehmoderator vom Schlag eines Glenn Beck oder Bill O'Reilly. Wir erfahren, dass die Kampfmaschinen des Rüstungskonzerns OCP längst durch besetzte Städte patrouillieren und für "Ordnung" sorgen. Nur nicht in den USA, wo ein Gesetz Roboter-Sicherheitskräfte verbietet.

Das Remake ist kein dummer Film und würde auch für sich alleine bestehen, wenn es die Vorlage nicht gegeben hätte.

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Weil die amerikanische Bevölkerung trotz unverblümter Medienmanipulation nicht auf Konzernlinie tickt, kommen die Marketingstrategen von OCP auf die Idee einer "Menschmaschine" und basteln aus dem schwer verletzten Alex Murphy ihren RoboCop. Als das Ergebnis im Vergleich zu den älteren OCP-Modellen abstinkt, wird der "menschliche Faktor" Murphy als Ursache ausgemacht und chirurgisch abgeschaltet. Dass das nicht lange gut geht, liegt auf der Hand. Schließlich braucht Murphys Familie den Ehemann und Vater. Der Mordanschlag auf sein Leben wurde auch nicht aufgeklärt. Zu sich selbst finden, korrupte Cops überführen, ein paar Dutzend Gangster durchlöchern und hinterlistigen Konzernbossen das Handwerk legen - ein straffes Programm, das der Cyborg da abzuarbeiten hat.

Interessant, wie die Autoren die Themen des Originals variieren, um dem modernen Publikum zu gefallen. Dieses Detroit ist kein überzogener Höllenpfuhl mehr, sondern entspricht wohl weitestgehend der Realität. Korruption und Konzernallmacht rumoren hier unsichtbar unter der Oberfläche. Die Medienmanipulation wird hingegen offen zelebriert. Im ersten RoboCop wurde die Welt im Unklaren gelassen, wer im Körper der Maschine steckte. In der Neuverfilmung spielt OCP mit offenen Karten - die Identität Murphys und sein tragisches Schicksal werden medial ausgeschlachtet.

Doch hinter diesen Nebelkerzen wird die wahre Identität des stählernen Retters genauso verschleiert wie im ersten 'RoboCop': Nicht einmal Murphy ahnt, dass er nur eine eine ferngelenkte Marionette ist. Das ist die zentrale Frage des Films: Wer kontrolliert wen? Ist der Konzern am Drücker? Der Computer? Der Mensch? Ohne derart philosophische Untertöne kommt offenbar kein Blockbuster mehr aus. Soll mir recht sein. Beim nächsten Mal nur etwas weniger Prügel mit dem Zaunpfahl, bitte.

In dieser Hinsicht bezeichnend: Die Liebe Murphys zu seiner Familie wurde zum wichtigen Handlungskatalysator. In dieselbe moralinschwangere Richtung rudert die ethisch verantwortungsvolle Wissenschaft, verkörpert von Gary Oldman als Dr. Dennett Norton. Wie anders dagegen das Original: Murphys Familie spielte nur in kurzen Erinnerungsfetzen eine Rolle. Die Wissenschaftler waren naive, kokssüchtige Schafe oder willige Helfer ihres Arbeitgebers OCP. Hier schwächt Hollywood den Zynismus der Vorlage ab, der von einem modernen Publikum wohl als zu übertrieben geschmäht worden wäre. Ein Zugeständnis an den Mainstream.

Apropos: Blutfontänen, nackte Haut oder Schimpfwörter sucht man in diesem Film vergeblich. Dafür hat RoboCop Zugang zu sämtlichen Überwachungsdaten des Justizapparates: Überwachungskameras, Telefonprotokolle, GPS-Daten von Mobiltelefonen - alles ohne einen Richter behelligen zu müssen. Judge Dredd klopft den Autoren anerkennend auf die Schulter.

Was mir sehr gut gefällt, ist der Kontrast zwischen Konzernfiesling Dick Jones (Ronny Cox) im "Ur-RoboCop" und seinem modernen Pendant Raymond Sellars, gespielt von Michael Keaton. Den einen hasst man schon nach zehn Sekunden, dem anderen würde man noch kurz vor Schluss ein Bier spendieren. Keaton spielt diese Rolle perfekt: Äußerlich nett, kumpelhaft und mitfühlend, aber hinter dieser Maske ist er machtbewusst, rücksichtslos und eiskalt.

Remakes haben es traditionell schwer, wie die weisen Männer bei Red Letter Media predigen. Sind sie zu nahe am Original dran, heißt es: "Warum soll ich nicht stattdessen die Urfassung kaufen?". Sind sie zu eigenständig, werden sie von Fans und Kritikern schnell gesteinigt. "Wie können die Hollywoodfuzzis es wagen?"

Dieser RoboCop schafft es auf jeden Fall, ein uneingeweihtes Publikum zu unterhalten. Es ist kein dummer Film und würde auch für sich alleine bestehen, wenn es die Vorlage nicht gegeben hätte. Die Autoren haben natürlich auch diverse Anspielungen eingebaut, um die Fans zu besänftigen. Ich wette, die Kids hinter mir hatten keine Ahnung, warum die älteren Herren in den Reihen vor ihnen die komisch schrullige Titelmelodie mitsummen konnten oder warum sie kicherten, als einer den Satz sagte: "Dafür würde ich nicht einmal einen Dollar bezahlen".

Aber reicht das aus für ein gelungenes Remake? Ein Hardcore-Fan der RoboCop-Reihe oder der Paul-Verhoeven-Filme wird das verneinen. Zu sehr ist dieser Neuaufguss in Richtung Mainstream abgedriftet und die Medienkritik kommt vergleichsweise zahnlos daher. Wer aber nicht mehr als ein handwerklich gutes Actionspektakel auf Basis eines bekannten Popkultur-Mythos sucht, wird die Kinokarte nicht bereuen. In dieser Hinsicht hat der Film meine Erwartungen erfüllt und mich hundert Minuten lang gut unterhalten.

Einen Geheimtipp für "echte Fans" möchte ich an dieser Stelle nicht unterschlagen: Das Projekt "Our RoboCop Remake", für das 50 Filmemacher Szene für Szene des ersten RoboCop nachgestellt haben. Nicht immer proffessionell, dafür mit sichtlich viel Herz- und Kunstblut (manchmal auch zu viel). Wer einen starken Magen und ein solides Zwerchfell hat, sollte sich das nicht entgehen lassen. Allein die Büroszene mit Killerroboter ED-209s Amoklauf ist es wert. Die haben sie mit Muppet-Puppen nachgestellt. Großartig!

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Über den Autor:

Frank Erik Walter

Frank Erik Walter

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Tagsüber arbeitet Frank als freier Journalist. Nachts jagt er seit 2010 flüchtige MMOs für Eurogamer.de und die MMO PRO. Skittles und Tetris sind sein Kryptonit.

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