The Elder Scolls Online PvP: Geschichten fürs Lagerfeuer

Belagern oder belagert werden - das ist hier die Frage.

The Elder Scrolls Online. Cyrodiil. Pressetest-PvP-Event. Ich sitze zwischen Dunkelelfen, Nord und Argoniern auf den Zinnen der Arrius-Festung und starre seit zehn Minuten auf ein und denselben verdammten Hügel. Um mich herum die vierundzwanzig Männer und Frauen meiner Gruppe, die nervös, bis an die Zähne bewaffnet, wie geduckte Krähen auf der Mauer herumhopsen. Unser Anführer ermahnt uns alle paar Herzschläge im Chat, dass wir gefälligst in Deckung und im Schleichmodus bleiben sollen. Eine Angriffskohorte des Aldmeri Dominion würde jeden Moment über den Hügel reiten, nicht ahnend, dass eine stattliche Armee in der "verlassenen Festung" lauert.

"Sobald sie vor den Toren ihre Belagerungsmaschinen aufbauen, greifen unsere Verbündeten die benachbarte Festung Chalman an. Wir springen aus der Deckung und binden die Truppen hier - so sollten unsere Freunde genug Zeit haben, Chalman zu erobern." Das war der Plan. Toll ausgetüftelt. Plausibel. Hat nur einen Haken: Das Aldmeri Dominion kommt nicht.

Stattdessen wechseln plötzlich die Farm, das Sägewerk und die Mine rund um die Festung Blue Road Keep ihre Farbe. Gerade noch auf der Übersichtskarte in schönstem Ebenherz-Pakt-Rot, jetzt Dominion-Gelb. Im Chat überschlagen sich die Meldungen. Wir rappeln uns hoch, springen von den Mauern. Ein paar Veteranen pfeifen nach ihren Pferden, der Rest macht sich zu Fuß auf den Weg nach Süden. Aber - böse Überraschung - wir haben nicht mit dem Dolchsturz-Bündnis gerechnet. Die stehen plötzlich vor Arrius. Was nun? Die Festung verlassen? Kommt nicht infrage - sie ist ein wichtiger Knotenpunkt nach Nordosten. Aber Blue Road ans Dominion zu verlieren würde nicht weniger wehtun. Es bleibt keine Zeit, nachzudenken und auf Befehle zu warten: Die ersten Feuerbälle und Pfeile fliegen mir um die Ohren. Da erwischt mich ein Nightblade-Schurke von Dolchsturz aus dem Hinterhalt. Ich bin tot. Zudem abgeschnitten von meiner Gruppe. Auf Wiederbelebung brauche ich nicht zu hoffen. Ich betätige den Respawn und mache mich auf den Weg zurück zur Front.

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Manchmal sieht man den Feind vor lauter Spielern nicht mehr. Immerhin steht man sich mangels Kollisionsabfrage nicht unnötig im Weg.

Eine Geschichte, wie man sie zu Dutzenden nach einem Abend in Cyrodiil erzählen kann. Wo ich im restlichen Tamriel meist allein meine Quests erledige, wird The Elder Scrolls Online rund um die umkämpfte zentrale Provinz des Fantasy-Reiches zu einem richtigen MMO. Ab Stufe 10 dürft ihr teilnehmen und werdet für den Aufenthalt an die Maximalstufe angepasst. Zwar erhaltet ihr nicht die zusätzlichen Fertigkeiten oder Ausrüstung, die höherstufige Charaktere zur Verfügung haben, doch in Sachen Schaden und Lebenspunkte könnt ihr einigermaßen mithalten. Außerdem gibt es eigens für den PvP-Modus zwei zusätzliche Fertigkeitsbäume, die euch und euren Mitstreitern Geschwindigkeits-Buffs gewähren oder einen Schutzschild gegen Projektile herbeizaubern.

Ich nehm' die Mine, du das Sägewerk!

Im PvP-Modus kämpft ihr um die Vorherrschaft über ein Netzwerk aus 18 Festungen und zugehörigen Ressourcen rund um Cyrodiil. Die dominierende Fraktion stellt den Kaiser und wird durch Boni belohnt. Das Gebiet hat eine stattliche Größe und übertrifft den - konzeptionell ähnlichen - WvW-Modus aus Guild Wars 2 um einiges. Die Laufwege halten euch locker ein paar Minuten auf Trab, so ihr kein Pferd zur Verfügung habt. Ihr könnt zwischen den Festungen Wegpunkte nutzen. Partys von maximal 24 Spielern sind möglich und selbst größere Kämpfe mit allerlei Effektgewittern stemmt die Engine souverän.

Belagerungen sind das Herz dieses Modus und kommen sehr überzeugend rüber, was vermutlich Game-Director Matt Firor zuzuschreiben ist, der PvP-Fans von Dark Age of Camelot ein Begriff sein dürfte. An Kriegsmaschinen mangelt es jedenfalls nicht. Ihr könnt euch bei NPCs für separate PvP-Währung mit Ballisten, Trebuchets, Katapulten und Rammböcken eindecken, mit denen ihr feindliche Festungsmauern und Tore bearbeitet, bis diese spektakulär zusammenbrechen. Einmal im Innenhof einer Festung gilt es dann, die Tür des zentralen Baus einzureißen und die Flagge zu erobern. So etwas kann selbst gut organisierte Truppen die eine oder andere Stunde beschäftigen; vor allem wenn die Verteidiger mit siedendem Öl, Katapulten oder Pfeilhageln dagegenhalten und ihre Mauern zwischendurch reparieren.

So solide das Kampfsystem von TESO beim Kampf gegen computergesteuerte Monster funktioniert, so gewöhnungsbedürftig sind Scharmützel gegen menschliche Kontrahenten.

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Es wäre so einfach, das Tor mit dem Rammbock einzureißen - wenn der Feind nicht mit kochendem Öl dazwischenfunken würde.

So solide das Kampfsystem von TESO beim Kampf gegen computergesteuerte Monster funktioniert, so gewöhnungsbedürftig sind Scharmützel gegen menschliche Kontrahenten. Nicht nur, dass Veteranen - trotz Anpassung - allein durch ihre Ausrüstung und Fertigkeiten noch oft im Vorteil sind. Die typische Elder-Scrolls-Steuerung mit aktivem Zielen und Ausweichen hat ihre Tücken im PvP. Stoßen zwei Gruppen aufeinander, wird der Kampf mangels Kollisionsabfrage zwischen Spielercharakteren zum heillosen Geklicke. Ein Knäuel aus Spielfiguren verdeckt die Sicht, ich mittendrin. Hab ich getroffen? Wo kam der Pfeil her? Warum bin ich tot?

Ach, da steckt es ja, das MMO!

Nur wenn ich einem einzelnen Kontrahenten auf weiter Flur begegnete, konnte ich meine eingeübten Skill-Folgen abspulen. Weil beide Seiten nur fünf Fertigkeiten auf einmal einsetzen können, ergaben sich in solchen Situationen interessante Kämpfe. Auf einmal griff das Balancing, wie es sollte. Einmal stürmte ein Paladin mit schwerer Rüstung auf mich los und baute auf die Überlegenheit seiner Heilzauber. Ich (Nightblade, Doppelklingen) machte mich unsichtbar, attackierte seine Rückseite mit einer panzerbrechenden Stichfolge, ließ in bluten und hielt Abstand. Er konterte mit einem Schildstoß und warf mich zu Boden. Der Schlagabtausch zog sich lange hin und war für beide Seiten spaßig. Als ich schließlich doch mein Leben aushauchte, verbeugte sich mein Widersacher respektvoll. Schönes Rollenspiel.

Was dem Quest-Alltag von The Elder Scrolls Online fehlt, wird hier geliefert: MMO-Inhalte. Das Phasing (oder Layering, wie es die Entwickler nennen) sorgt im restlichen Tamriel dafür, dass ich meine Umgebung auf Basis meiner Entscheidungen wahrnehme. Das ist zugleich aber auch ein Hemmschuh für Gruppenspieler: Fälle ich eine andere Entscheidung als mein Kumpel, erledigen wir die Quests in zwei "Paralleldimensionen" und laufen uns erst wieder in Städten oder bei der nächsten Quest über den Weg. Dungeons für Gruppen-Raids und Anker-Invasions-Events in der Spielwelt in allen Ehren, doch MMO-Puristen lästerten zu Recht, dass die Macher nicht wirklich liefern, was das "Online" im Namen ihres Spiels verspricht.

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Feuer frei! Nur mit schweren Belagerungswaffen könnt ihr den Mauern einer Festung etwas anhaben. Billig ist solche Ausrüstung allerdings nicht und muss verteidigt werden.

Dank des PvP-Modus dürfte diese Scharte ein wenig ausgewetzt werden. Cyrodiil ist riesig und bietet genug Stoff für epische Massenschlachten. Gilden, die mit Herzblut Feldzüge planen, werden hier ebenso Spaß haben wie Glücksritter, die einfach nur auf das Gefühl scharf sind, für einen Abend Teil einer großen Kampagne zu sein. Hier und da muss noch am Balancing gefeilt werden, außerdem könnten sich MMO-Veteranen am ungewohnt direkten Kampfsystem stoßen. Natürlich lässt sich auf Basis des Pressetests kein abschließendes Urteil sprechen, und ob einen der PvP-Modus länger beschäftigt als nur ein paar Wochenenden, wird sich erst ab Release zeigen. Ich werde die Schlachten um Arrius, Chalman und Blue Road Keep jedenfalls noch lange positiv im Gedächtnis behalten.

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Über den Autor:

Frank Erik Walter

Frank Erik Walter

Autor

Tagsüber arbeitet Frank als freier Journalist. Nachts jagt er seit 2010 flüchtige MMOs für Eurogamer.de und die MMO PRO. Skittles und Tetris sind sein Kryptonit.

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