Titanfall - Test (Ohne Wertung)

Mehr ein World of Titans als ein Call of Duty mit Mechs

Vier Titanen beharken sich mit allem, was ihr Waffenarsenal hergibt, rempeln ineinander, riesige Fäuste prallen gegen massiven Panzerstahl. Statische Blitze tanzen über die Oberfläche eines der Kampfkolosse, als ihn die volle Breitseite eines Elektrogeschützes erwischt. Was wohl Michael Bay zu dem Chaos aus Stahl, Staub und Explosionen auf der Straße sagen würde? Egal. Was jetzt kommt, wäre ihm vermutlich eh zu unrealistisch.

Mit einem Tritt zerdeppere ich das Fenster des Büros, wo ich das Spektakel beobachtet habe, springe aus dem zweiten Stock des Fabrikkomplexes und lande auf dem Rücken eines gegnerischen Titan, reiße eine Abdeckung herunter, leere zwei Magazine in die Elektronik und rette mich per Doppelsprung an eine Wand, als der Mech nach kurzem Todeskampf in einer Atompilzwolke explodiert und beiläufig ein Dutzend Bodentruppen verdampft.

Ich bleibe nicht stehen, renne an der Wand entlang, springe ab, rutsche an einem gespannten Seil zur anderen Straßenseite, lasse mich auf die Schulter eines befreundeten Titanen fallen, wieder ein Sprung und das Rodeo auf dem nächsten feindlichen Roboter beginnt. Dessen Pilot ist freilich schlauer, steigt aus, um mich von seinem Mech zu schießen. Ich lasse mich fallen, aktiviere im Flug meinen Geschwindigkeits-Booster, werfe eine Elektrogranate, um dem Feind die Sicht zu nehmen, lande neben ihm und verpasse ihm einen tödlichen Tritt. Dummerweise habe ich seinen Titan auf Autopilot vergessen, der mich als Retourkutsche mit seiner stählernen Faust in Grund und Boden rammt. Sein Herrchen und ich stehen sich einen Respawn später wieder gegenüber. Diesmal habe ich meinen eigenen Kampfkoloss dabei.

Ich stapfe über einige panisch davonrennende Bodentruppen, beschleunige per Jet und krache mit voller Wucht in den Roboter, der gerade meinen Widersacher abholen wollte. Mein Titan reißt den Arm des gegnerischen Roboters aus dem Gelenk und verprügelt ihn damit. Die Rache schmeckt süß. Sein Besitzer - wenig erfreut - hat mich derweil mit einem Raketenwerfer anvisiert.

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Last Titan Standing ist einer der schnelleren Modi. Hier gewinnt das Team, das noch einen (bemannten) Titan im Feld stehen hat.

Ich aktiviere meinen Vortex-Schild, fange das Geschoss in der Luft ab und schleudere es zurück auf den Feind. In diesem Moment ist die 'Materialschlacht' gewonnen (passender Name für diesen Modus). Das feindliche Team hetzt zum Sammelpunkt für die Abholung per Shuttle - wir hinterher. Ein paar meiner getarnten Teamkameraden schneiden ihnen den Weg ab, unsere Titanen übernehmen derweil die fachgerechte Zerlegung des Shuttles.

Die Bilanz: eine Stufe aufgestiegen, zwei neue Waffen freigeschaltet, vier Herausforderungen gemeistert (zwei allein für meine Rodeo-Einlagen) und ein paar Burn-Cards obendrauf bekommen. Mir bleibt kaum Zeit, meinen Soldaten und Titan mit dem neuen Spielzeug zu bestücken. Der Countdown läuft. Sekunden später beginnt die nächste Runde. Diesmal Capture the Flag. Ich freu mich drauf - selbst dieser altbackene Modus macht in Titanfall wieder Spaß.

Ich. Liebe. Rodeo!

Dieser Titel ist mehr World of Tanks als Call of Duty. Respawn Entertainment macht es einem verdammt leicht, einen fast magischen Flow zu erreichen. Das ganze Spiel scheint darauf zurechtgeschneidert, euch ein tolles Gefühl zu bescheren. Die Steuerung ist so perfekt ausbalanciert, dass selbst komplizierte Parcours-Manöver nach wenigen Runden wie selbstverständlich von der Hand gehen. Dutzende KI-Soldaten auf den Schlachtfeldern halten euren Abzugsfinger warm und die Sinne geschärft, bis euch ein gegnerischer Spieler vor die Flinte läuft.

Ist euer Titan dann bereit, beginnt der Spaß erst richtig. Ob er euch wie ein braver Schoßhund folgt, während ihr einen 'Hardpoint' erobert, oder ob ihr Tod und Zerstörung über das gegnerische Team bringt - die Kampfroboter machen mächtig Laune. Dazu ploppen ständig neue Triumphmeldungen auf den Bildschirm, die eure erledigten Herausforderungen oder die üppig hereinprasselnden Erfahrungspunkte feiern. Selbst durchschnittliche Spieler erklimmen alle zwei Matches eine neue Stufe und schalten frische Ausrüstung frei, die man natürlich gleich ausprobieren möchte.

Respawn Entertainment macht es einem verdammt leicht, einen fast magischen Flow zu erreichen.

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Werdet ihr im Epilog eines Matches über den Haufen geschossen, dürft ihr wenigstens die spektakuläre Action genießen. Hier zum Beispiel ein sehenswertes Rodeo.

Die Kampagne spielt in der Rückschau keine große Rolle und dient eher dazu, euch die verschiedenen Karten schmackhaft zu machen. Ich hab mir ehrlich gesagt weder die Namen der Protagonisten gemerkt noch groß mitbekommen, worum es eigentlich geht. Interessant ist, dass die Entwickler ihre Kampagne auf den Mehrspielermodus aufgesetzt haben und auf einen echten Einzelspielermodus verzichten. Ihr erhaltet ein (gescriptetes) Briefing, dann beginnt das Match, wie man es auch im Mehrspielermodus erlebt. Über Funksprüche und Videoeinblendungen am Bildrand wird dann die Geschichte weitergesponnen.

Allerdings hat der Verlauf einer Partie keine Auswirkungen auf die weitere Handlung. Die Kartenfolge ist fix, ob ihr im letzten Match gewonnen oder verloren habt, wird nicht weiter erwähnt. Zweimal könnt ihr die Einsätze durchlaufen - einmal aufseiten der IMC, einmal aufseiten der Miliz. Mit jedem Durchgang schaltet ihr eine von insgesamt drei Titan-Varianten zur freien Konfiguration frei - es lohnt sich also, die Kampagne abzuschließen, zumal sie euch nur ein paar Stunden kostet. Danach könnt ihr euch mit dem Button "Schnelles Spiel" flott in ein zufälliges Kampagnen-Match stürzen. World of Tanks lässt grüßen.

Alternativ wählt ihr aus fünf klassischen Spielmodi euren Favoriten oder lasst den Zufall entscheiden (nennt sich Multipack). 'Materialschlacht' ist eine Team-Deathmatch-Variante. In 'Last Titan Standing' gewinnt, wer zuerst alle feindlichen Mechs verschrottet. Bei 'Hardpoint' erobert und haltet ihr drei Punkte auf der Karte. 'Capture the Flag' ist 'Capture the Flag'. Bei 'Pilotenjäger' werden nur die abgeschossenen menschlichen Piloten gezählt.

Ja, die Titanen haben Makel. Na und?

Shooter-Veteranen dürfte es sauer aufstoßen, dass Respawn hier nichts wirklich Neues oder Kreatives anbietet. Die verschiedenen Karten sind auch nicht gerade ein Meilenstein der Abwechslung. Der typische Mischmasch aus Fabriken, Straßenschluchten, Dörfern, Hangars und Basen. Einzig die Karte 'Lagune' und der Canyon 'Knochenfeld' tanzen hier optisch aus der Reihe. In Letzterem sind Flugsaurier unterwegs, die reihenweise KI-Truppen im Sturzflug vom Boden pflücken. Mehr davon!

Die Tatsache, dass man unverschämt schnell im Rang aufsteigt und Dinge freischaltet, wird nicht jedem gefallen.

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Die Kampagne findet ganz regulär im Mehrspielermodus statt, wird aber durch kleine geskriptete Szenen aufgelockert. Hier wird ein besoffener Pilot 'ausgenüchtert'.

Die Tatsache, dass man unverschämt schnell im Rang aufsteigt und Dinge freischaltet, wird auch nicht jedem gefallen. Klar braucht man auch für Titanfall ein paar schnelle Reflexe, doch ist die Lernkurve längst nicht so happig wie bei der Konkurrenz. Wo ich in Call of Duty oder Battlefield den brutalen Skill meiner Widersacher um die Ohren gehauen bekomme, ernte ich in Titanfall reihenweise Erfolgserlebnisse. Profis mit Sportler-Ethos bleiben besser bei ihren angestammten Schießständen - dieser Titel will der Masse gefallen. Ansonsten gilt, was ich bereits bei meinem Ersteindruck bemäkelt habe:

Erstens treten maximal sechs Spieler pro Seite an. Bedenkt man, dass die Karten überschaubar groß sind, die Spieler in Titans über das Feld stapfen und sich die Front mit zig KI-Soldaten teilen, mag das gestalterisch und Hardware-bedingt einleuchten. Trotzdem hätte ich gerne mal eine richtig gewaltige Massenschlacht mit dreißig Mechs pro Seite erlebt.

Zweitens sind die Karten alles andere als interaktiv. Ein paar gespannte Seile zum Rutschen hier, ein Geschützturm zum Aktivieren dort. Das ist alles. Keine zerstörbare Umgebung, die physikalisch korrekt unter den Füßen meines Titan zu Bruch geht. Keine Fahrzeuge, Wände oder Hindernisse, die ich mit ein paar Raketen in Stücke sprengen könnte. Technisch ist die Konkurrenz in dieser Hinsicht weiter.

Ob noch ein "drittens" dazukommt, lest ihr dann nächste Woche, wenn ich mir ein Bild von Titanfalls "Regelbetrieb" machen konnte. Morgen startet der Titel offiziell in Europa (ich war auf amerikanischen Servern unterwegs). Dann kann ich auch mehr über die Stabilität von Origin und den Servern sagen. Heute früh folgte nämlich ein gehöriger Kater auf den gestrigen Roboterrausch - mein Client konnte sich nicht mit dem Dienst verbinden, um meine Spielerdaten aus der Wolke zu ziehen. Der böse Fehler 503 schlug zu (siehe auch unsere Newsmeldung). Nicht einmal in den Trainingsmodus kam ich rein. In diesem Fall wäre ein echter Einzelspielermodus mit Bots praktisch, um wenigstens etwas mit dem Spiel anfangen zu können, bis die Server wieder arbeiten.

Nichtsdestoweniger ist mein vorläufiger Eindruck von Titanfall hervorragend. Wer einfach mal wieder zugänglichen, unkomplizierten Spaß mit einem Shooter haben will und nach spektakulärer Action dürstet, kann Respawns Erstlingswerk getrost auf den Wunschzettel schreiben. Der Titel bietet vielleicht nicht jenen ausufernden Match-Marathon, den Kenner mit Call of Duty oder Battlefield erleben, doch das ist nicht unbedingt ein Makel. Selbst die genannten Kritikpunkte sind schnell vergessen, sobald man sich ins nächste Titanen-Rodeo stürzt. Den abschließenden Test und die Wertung lest ihr nächste Woche.

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Über den Autor:

Frank Erik Walter

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Tagsüber arbeitet Frank als freier Journalist. Nachts jagt er seit 2010 flüchtige MMOs für Eurogamer.de und die MMO PRO. Skittles und Tetris sind sein Kryptonit.

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