Verkehrsminister Dobrindt verleiht Deutschen Computerspielpreis - Kommentar

Netzausbau geht vor Kulturgedöns!

Anfang des Jahres titelten die deutschen Spielemedien euphorisch: "Leitkriterien der USK würdigen Spiele als Kunstform". Die Erkenntnis ist zwar alles andere als neu, aber jeder Klecks Balsam tut der geschundenen Spielerseele gut. Unser liebstes Medium, es ist auch eine Kunstform. Herzlichen Dank.

Jetzt heißt es: "Der Deutsche Computerspielpreis wird zukünftig von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) verliehen". Was vormals Aufgabe des Kulturstaatsministers im Kanzleramt war (derzeit Monika Grütters von der CDU), fällt nun in die Zuständigkeit des Bundesministers für Verkehr und digitale Infrastruktur. Dobrindt ist für den Ausbau des Breitbandnetzes im Zuge der "Digitalen Agenda" verantwortlich. Kultur? Kunstform? Alles Quatsch. Bei Computerspielen geht es um den Netzausbau! Danke, liebe Bundesregierung, jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Das muss man bloß noch der USK schonend beibringen, deren neue Leitkriterien damit wohl im Schredder landen.

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Nach dieser Logik könnte Finanzminister Wolfgang Schäuble in Zukunft den Deutschen Buchpreis verleihen. Denn zu seinem Bundesministerium für Finanzen gehört schließlich die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die wiederum für die Staatsforsten zuständig ist, aus deren Bäumen man bekanntlich das Papier gewinnt, auf dem die Verlage die Werke ihrer Autoren drucken. Da werden die Literaturwissenschaftler auf der Frankfurter Buchmesse aber Augen machen, wenn der Schäuble die Preisträger in breitem Schwäbisch auf die Bühne zitiert.

Die Branchenverbände BIU (Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e.V.) und G.A.M.E. (Bundesverband der Computerspielindustrie) nehmen die Verschiebung der Zuständigkeiten in einer Pressemitteilung "zur Kenntnis". Das sei eine Chance für eine Modernisierung des Deutschen Computerspielpreises, so der BIU-Geschäftsführer Dr. Maximilian Schenk.

An Ironie kaum zu überbieten

Die Verbände geben sich verständnisvoll: "Computerspiele fallen nach dieser Entscheidung nun auch in die Zuständigkeit des Ministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur. Damit trägt die Politik dem Umstand Rechnung, dass Computerspieltechnologien sich mittlerweile in vielen Bereichen des täglichen Lebens und anderen Wirtschaftszweigen wiederfinden und sie wichtige Innovationsimpulse geben", heißt es in der Pressemeldung.

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Im nächsten Abschnitt kommen die Autoren auf den Elefanten im Raum zu sprechen: "BIU und G.A.M.E. betonen jedoch auch, dass mit der neuen Zuordnung zum BMVI keine Infragestellung der kulturellen Bedeutung digitaler Spiele einhergehen dürfe. Digitale Spiele vereinen auf einzigartige Weise Spitzentechnologie und kulturelle Schaffenskraft. Diese Einzigartigkeit des Medium ist auch unter Federführung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur weiterzuführen, so die zentrale Forderung der Verbände."

Gut gebrüllt, Löwen. Ob das in Berlin gehört wird? Da möchte ich leisere Zweifel anmelden. Gerade die CSU stand schon immer auf Kriegsfuß mit dem Medium. Ministerpräsident a.D. Günther Beckstein prägte einst den Begriff "Killerspiele". Als 2012 Crysis 2 für den Computerspielpreis nominiert wurde, hieß es vom Kultur- und Medienpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Wolfgang Börnsen in einer Pressemitteilung: "Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion distanziert sich von der Entscheidung der unabhängigen Jury, in der Kategorie „Bestes Deutsches Spiel" ein so genanntes Killerspiel zu nominieren. Wir halten diese Nominierung für unvertretbar." Sehr deutliche Worte. Fast. Bis heute fehlt die klare Definition eines "Killerspiels". Für den Stammtisch dürfte das Statement trotzdem gereicht haben.

2014 ist nun mit Alexander Dobrindt der einstige Generalsekretär der CSU einer der Ausrichter für den Deutschen Computerspielpreis. Die nominierten Titel der Kategorie 'Bestes Deutsches Spiel' heißen 'Crysis 3', 'Giana Sisters: Twisted Dreams - Rise of the Owlverlord' und 'The Inner World'. Auch deshalb ist die Verlagerung der Zuständigkeiten beim Deutschen Computerspielpreis so interessant. Egal, wie die Entscheidung der Jury am 15. Mai 2014 im Münchener Postpalast ausfällt - Dobrindt steht ein regelrechter Eiertanz zwischen seiner Partei und der Branche bevor. Die Kontroverse ist vorprogrammiert. Wobei es an Ironie vermutlich kaum zu überbieten wäre, wenn Crysis 3 den Titel "Bestes Deutsches Computerspiel" erhält. In München. Von Dobrindt.

So oder so: Wer dachte, die argwöhnische Position der Bundesregierung zum Medium Computerspiele habe sich mittlerweile entspannt, wird bei dieser Sachlage Zweifel bekommen. Das Verständnis der Bundesregierung für das Medium Computerspiele, es ist ein rein technokratisches.

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Frank Erik Walter

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Tagsüber arbeitet Frank als freier Journalist. Nachts jagt er seit 2010 flüchtige MMOs für Eurogamer.de und die MMO PRO. Skittles und Tetris sind sein Kryptonit.

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