Captain America 2, Star Trek IV, Hannibal Staffel 1

Superhelden, super Helden und das absolute Gegenteil davon.

Captain America 2: The Return of the First Avenger (2014)

Originaltitel: Captain America: The Winter Soldier

Regie: Anthony & Joe Russo

Buch: Ed Brubaker (Geschichte), Stephen McFeely, Christopher Markus (Drehbuch)

Darsteller: Chris Evans, Scarlett Johansson, Sebastian Stan, Samuel L. Jackson

Wenn Superheldenfilme etwas auf dem Herzen haben…

Ich verstehe durchaus, warum die Produzenten den Originaltitel "The Winter Soldier" änderten: Captain America ist in diesen Breiten nicht gerade der populärste Superheld des Marvel-Kanons. Jedes Mittel, das Cap näher an die ungemein erfolgreichen Avengers heranrückt, konnte ihnen nur recht sein. Aber trotzdem: "The Return of the First Avenger"? Das tut nicht nur dem ausgezeichneten Ed-Brubaker-Comic unrecht, auf dem Anthony und Joe Russos Film basiert, sondern poltert auch noch miserabel über die Zunge. Return von was? Er war ja nie weg - zumindest nicht, seit Shield ihn auftaute.

Aber Schwamm drüber, denn derartige urdeutsche Werkverfremdung vergisst man schnell, wenn erst einmal der Film beginnt. Der ist der vermutlich Stärkste nach Joss Whedons Avengers und - je nach Robert-Downey-Verehrungsgrad - in etwa auf einem Level mit Iron-Man. Die Gebrüder Russo, die schon vor der Veröffentlichung von Cap 2 für den dritten Streifen unterschrieben, haben dieser symbolträchtigen Figur eine Geschichte auf den Leib geschneidert, die von allen Marvel-Verfilmungen am meisten zu sagen hat. Sicherheit kontra Freiheit ist wohl das prominenteste Motiv hier und es könnte in Zeiten von NSA-Spähaffären, Drohnenschlägen und dem Verlangen nach präemptiver Gerechtigkeit kaum aktueller sein.

" Sicherheit kontra Freiheit ist wohl das prominenteste Motiv hier."

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Das eine oder andere Mal greifen die Regisseure und Autoren etwas zu tief in die Pathoskiste und Cap 2 macht klar, dass auch Filme mit Botschaft sie nicht automatisch jederzeit subtil transportieren. Unterm Strich gefällt aber, was The Winter Soldier zu sagen hat und wie er es tut. Beachtlich ist vor allem, wie er seine Handlung in das große Marvel-Ganze integriert und dabei die eigene Geschichte nicht außer Acht lässt. Die Themen unserer Gegenwart interessieren ihn genauso sehr wie das, was in seiner Welt zuvor passierte, und es ist eine elegante Balance, die die Autoren hier fanden. Man hat das Gefühl, das Universum gewinnt durch diesen Streifen an Substanz und Detailschärfe. Dass die Russos sich nicht zu schade sind, einige mittlerweile wohletablierte Konstrukte des Marvel-Filmkanons einzuwerfen, ist ebenfalls hilfreich. Endlich - muss man fast sagen - sieht man in einem dieser ansonsten so fröhlichen Filme auch mal Leute sterben. Endlich steht was auf dem Spiel. Da passt es nur ins Bild, dass man diese Welt nach dem Genuss dieser kurzweiligen knapp 130 Minuten grundlegend verändert verlässt.

Müsste ich meckern, würde ich anführen, dass das 3D in diesem Film zu wenig zu gebrauchen ist. Der finale Kampf verläuft trotz der durchweg aufregenden Inszenierung vielleicht doch ein bisschen zu sehr nach Videospielregeln und der übergreifende Handlungsbogen um den Wintersoldaten bewegt sich in arg vorhersehbaren Bahnen. Zumindest, wenn man sein Geheimnis erst einmal kennt. Auch ist der Film zwar nah dran, aber letzten Endes im Wortwitz nicht ganz so clever wie Whedons 2012er Ensemblestück und in der Action mit vergleichsweise weniger "F***-YEAH!"-Momenten ausgestattet. Doch dafür kann Cap mit seinem verhältnismäßig weltlichen Kräfteset nicht ganz so viel. Dafür stimmt aber der Rest: Trotz etwas Wackelkamera sind die Kampfszenen gut nachvollziehbar und aufregend choreografiert. Es sind vielleicht die besten Vollkontaktkämpfe, die diese Reihe bisher hervorgebracht hat.

Captain America 2 ist weniger Abenteuerfilm als der erste Teil, trotzdem münzt er das große Potenzial dieser Figur besser in harte Kinowährung um, als vermutlich jeder andere Solo-Heldenfilm der vergangenen Jahre. Cap hat etwas zu sagen, das den nur wenigsten informierten Zuschauern noch nicht aufgegangen sein wird. Und doch ist das aus dem Mund dieser speziellen Figur etwas Besonderes. Es ist Selbstkritik von höchster repräsentativer Stelle, wenn man so will, gerichtet an das kollektive nationale Gewissen der USA. Und allein den Versuch muss man Disney und den Russos hoch anrechnen.

Star Trek IV - Zurück in die Gegenwart (1986)

Regie: Leonard Nimoy

Buch: Leonard Nimoy & Harve Bennett

Darsteller: William Shatner, Leonard Nimoy, DeForest Kelley, James Doohan

Der unterhaltsamste, klassische Trek-Film

So schamlos unterhaltsam und leichtfüßig, wie sich der vierte Star-Trek-Film gibt, ist es kaum vorstellbar, dass darauf so eine lächerliche, inkohärente Schlaftablette wie der fünfte Teil folgen sollte. Der große Unterscheider war wohl Leonard Nimoy, der das auf den Regiestuhl ausgeweitete Duell der Eitelkeiten gegen William Shatner mit Talent, gutem Auge und wachem Verstand mit Leichtigkeit für sich entschied. Zurück in die Gegenwart nimmt sich nicht allzu ernst, ist auf die Lacher aus dem Publikum gut vorbereitet und gackert schallend mit.

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"Dieses Trek ist noch nicht so "Science"-besoffen wie in den Neunzigern, als sich TNG an seinen pseudowissenschaftlichen Regeln ohne Unterlass berauschte. "

Vor allem ruft der Film sehr gut in Erinnerung, dass diese bahnbrechende Science-Fiction-Reihe damals noch nicht ganz so "Science"-besoffen war wie in den Neunzigern, als sich The Next Generation an seinen pseudowissenschaftlichen Regeln ohne Unterlass berauschte. Hier fliegt die Enterprise mal eben mit Warp-Geschwindigkeit um die Sonne, um in die Vergangenheit zurückzureisen. Das ist zwar nicht ganz "Superman-dreht-die-Welt-rückwärts"-Logik, aber doch nah dran. Wenn es so einfach ist, warum hat sich dann nicht alle naselang jemand daran versucht, die Geschichte zu verändern? Überhaupt scheint es die Crew mit den später wie in Stein gemeißelten Trek-Gesetzmäßigkeiten noch nicht so genau zu nehmen, wirft anscheinend Warp- und Impulsgeschwindigkeit durcheinander und dergleichen.

Ein Problem ist das aber nie, denn der Film setzt sich allein im Sinne der Geschichte über Serienregeln hinweg und ist ein besserer dadurch. Diese Crew im San Francisco anno 1986 zu sehen, das ist es wert, dem inneren Trekkie auf die Finger zu hauen, wenn er nörgelnd auf die klaffenden Löcher in seiner "Science" zeigt. Also, worum geht's? Zwei Buckelwale müssen her, und zwar schnell. Denn eine gewaltige Sonde verdampft auf der Suche nach ebensolchen, aber leider bereits ausgestorbenen Meeressäugern gerade die Ozeane der Erde des 23. Jahrhunderts. Da Kirk und Co. angesichts des drohenden Militärprozesses wegen Befehlsverweigerung (Star Trek 3 - Die Suche nach Spock) es sich gerade noch verkneifen können, schnurstracks in ihre Heimat zurückzukehren, nehmen sie eben die Weltenrettung auf sich, indem sie in einer primitiveren Zeit nach zwei Exemplaren der Gattung Megaptera novaeangliae auftreiben.

Teil vier bildet gekonnt den leichtherzigen Abschluss einer ansonsten recht düsteren, inoffiziellen Trek-Trilogie, die mit "Der Zorn des Khan" düster begann und mit "Die Suche nach Mr. Spock" den besten ungerade nummerierten Film der Reihe in ihre Mitte nahm. Das Resultat ist der vermutlich beste Filmmarathon, den man sich als Trekkie geben kann. Gut gefilmtes, groß und teuer anmutendes Kino, das nicht wie die Enterprise-D- und E-Filme später wie ein TV-Zweiteiler anmutete - und mein persönlicher Liebling. Ich weiß... Hipster.

Hannibal Season 1 (2013)

Creator: Bryan Fuller

Darsteller: Hugh Dancy, Mads Mikkelsen, Lawrence Fishburne, Caroline Dhavernas

Rate, wer zum Essen kommt

Hannibal Lecter und Vorgeschichten - war Red Dragon noch sehr konsequent, musste man spätestens mit dem unsäglich profanen Hannibal Rising Schlimmes für den Kannibalen befürchten. Die ersten drei Filme hatten zumindest Anthony Hopkins gemein, einen der angesehensten Schauspieler in seiner absoluten Paraderolle. Nun wich der Brite ein zweites Mal einem anderen Darsteller, dieses Mal für eine NBC-Serie. Nun gut, es konnte nur besser werden. Und wie viel besser es wurde.

Der Däne Mads Mikkelsen gibt den jüngeren Lecter und verleiht ihm einen eigenen Anstrich, der der Figur in gleichem Maße gerecht wird wie einst Hopkins. Eine interessante, betont unterkühlte Neuinterpretation des Charakters. Nicht weniger wertvoll als das "Original", aber auf eine andere Weise: Zurückgenommen, reptilienartig und kalkuliert ist er selbst ohne spürbaren Ausdruck eine zutiefst beunruhigende Präsenz, die man ihre Überlegenheit zu jeder Sekunde abnimmt. Nicht zuletzt, wenn er seinen Dinnergästen kunstvoll präsentierte Fleischgerichte serviert, die die ahnungslosen Besucher sich mit großem Genuss einverleiben.

" Hannibal gegenüber murmelt sich mit FBI-Profiler Graham ein grenzautistischer sozialer Invalide mit permanentem Frosch im Hals durch die schlimmsten Mordfälle der Ostküste."

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Ihm gegenüber murmelt sich mit FBI-Profiler Will Graham ein grenzautistischer sozialer Invalide mit permanentem Frosch im Hals durch die schlimmsten Mordfälle der Ostküste. Zerbrechlich, aber hochkompetent und bis ins Mark empathisch, gerät sein moralischer Kompass in einen emotionalen Schleuderwaschgang, wann immer er von den Behörden zur Hilfe gerufen wird. Graham hat die wenig beneidenswerte " Superkraft", sich ohne Übersetzungsverluste in die Täter zu versetzen, und erlebt jeden Mord mit maximaler Klarheit und Drastik nach. Wir wissen von vorneherein, wohin sich die Reihe entwickelt: Graham wird Lecter schnappen, aber wie das geschieht, das ist Gegenstand einer der düstersten Krimi-, eigentlich eher Horrorserien aller Zeiten.

Bryan Fuller (Pushing Daisies, Dead Like Me) hat eine oft beinahe unerträglich widerwärtige Version des Thomas-Harris-Stoffes entworfen, die gleichzeitig durch sicheren Stil besticht. Die Sets sind ungemein detailfreudig ausgestattet, belichtet und mit viel Ruhe eingefangen. Sei es nun die wöchentliche Hannibal-Kochshow, für die man trotz der pittoresken Garnitur und der fraglos schmackhaften Resultate wirklich einen starken Magen braucht, oder an den mit sadistischem Pläsier verzierten, einfallsreichen (Massenmord-)Tatorten. Über alles legt sich unterdessen eine permanente Klangkulisse, auf die die Beschreibung "vertonte Migräne" wohl am besten zutrifft. Irgendwann hört man das leise Bohren, Knarzen und Stöhnen nicht mehr, was nicht bedeutet, dass man es nicht unterbewusst dennoch wahrnähme. Bild und Ton ergeben ein bestürzend unangenehmes Gesamtkunstwerk, von dem eine morbide Faszination ausgeht.

Die Besetzung abseits der beiden zentralen Protagonisten gibt sich ebenfalls keine Blöße. Und obwohl man zu Beginn den Verdacht hat, die Reihe könnte dem "Fall-der-Woche"-Syndrom erlegen, wird der übergeordnete Handlungsbogen doch sehr befriedigend und unerbittlich ausgespielt. Es ist eine faszinierende Serie, die eigentlich nicht hätte funktionieren dürfen. Dass sie es doch tut, ist Fuller und seinen Leuten hoch anzurechnen. Der zweite Durchgang begann im Februar mit der vielleicht besten Eröffnung einer Serienstaffel überhaupt. Wenn es so weitergeht, wird Hannibal ein kurzes, aber wahnsinnig unterhaltsames Fernsehereignis, an das man sich vor allem beim Kochen noch lange mit Gänsehaut und gehemmtem Appetit zurückerinnern wird.

Captain America 2 läuft seit gestern im Kino, die anderen Titel sind auf Blu-ray, DVD und digital erhältlich.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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