Incredible Adventures of Van Helsing 2: Alles egal, solange das Loot stimmt

Ziegen, Mutanten und... oooh, die neuen Stiefel funkeln so schön!

Voller Respekt an die Leute, die damals dachten, man brauche für Spaß nicht mehr als ein Schwert, Skelette und eine zufällig befüllte Item-Lotterie. Und irgendwie hatten sie recht, diese Menschen bei Blizzard. Die Ersten mit irgendwas zu sein, und das in einer Zeit, als es nicht gerade wahnsinnig viele Computer-Rollenspiele gab, Mensch, toll! Dank ihnen sind „Schnetzeln" und „Metzeln" zwei der wohl meistgeschriebenen Wörter in Texten über Videospiele, „Sammelwut" ein anderes, wenn man sich der Faszination dieser an sich - bitte nicht übel nehmen - Hüllen von Spielen nähern möchte.

Überhaupt, die ganzen Nachahmer. Keine Ahnung, ob da abseits von Dungeon Siege und Titan Quest so viel Gutes dabei war. Habe die wenigsten davon gespielt. Eines der besseren und neuesten ist The Incredible Adventures of Van Helsing des ungarischen Studios Neocore, im Mittelpunkt der Sohn des Professors Van Helsing aus Bram Stokers Roman Dracula. Soll lustig gewesen sein. Also das Spiel.

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Klare Sache, was Neocore nach dem ersten, gut bei der Spielerschaft angekommenen Teil macht: mehr von allem. Jeder einzelne Aspekt des Spiels wurde erweitert.

Neocore verdiente mit dem als „Geheimtipp" etikettierten Action-RPG-Klopper 2013 mehr Geld, als man dachte, und gibt inzwischen rund 40 Leuten im Herzen von Budapest einen Job. Der Großteil von ihnen tut das einzig Sinnvolle, wenn man damit offensichtlich den Fortbestand eines kleinen Start-ups sichern kann: mehr davon. Mehr Van Helsing. Mehr Schnetzelsammelratzfatz, zu haben schon ab Ende Mai in Teil 2, auf den Tag genau ein Jahr nach dem Vorgänger.

”Die Herausforderung? Das Anlegen und minütliche Wechseln der Ringe, Gürtel und Stiefel, das Hochziehen des perfekten Charakters.

Was soll ich euch nach dem Anspielen des ersten Kapitels darüber sagen, was die Grafik an der Seite nicht kann? Ziegen! Mutanten! Alles zusammen. Und Ziegen! Mit Rentieren in der Wildnis, die euch im Dutzend beackern. Das Wieso dahinter ist völlig egal, denn wer so etwas spielt und schätzt, will berauscht sein von einem nie endenden Gefühl der Allmacht. Klick und du bist der Beste. Klick doppelt und du bist der Doppelbeste. Klick in einer Tour und du bist Gott, während die Gegner fallen und fallen lassen: Erfahrungspunkte in einem endlosen Regenschauer, der sich übers Ego legt. Stetiges Belohnen und Streicheln der Seele, das ist der einfache Kniff dieser Spiele. Funktioniert hier genauso wie bei allen anderen.

Die Herausforderung? Das Anlegen und minütliche Wechseln der Ringe, Gürtel und Stiefel, das Hochziehen eines Charakters, der eben noch diese zehn Extrapunkte Schaden aus dem Raketenwerfer drückt, mehr kann, mehr hinnimmt, länger steht. Briefmarkensammeln als Spiel, und das ist keinesfalls böse gemeint. Es verleiht den reinen Schauwerten ein angemessenes Gewicht, wo es inhaltlich in einer selbst auferlegten Schleife hängt, die das Genre nun mal mitschleppt. Und es entspricht dem Sinn von Interaktivität in Reinform. Für jede Aktion, und derer gibt es im Grunde nur kämpferische, bekommt man sofort Feedback. Zack, rote Zahlen regnen am Gegner herunter, gelbe für Explosionsschaden, weiße sowieso, und lilafarbene, blaue.

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Die Stadt Borgova, die zu Beginn von Kriegsmaschinen und stählernen Bestien belagert wird, hat einen netten Steampunk-Fantasy-Twist - genau wie der Rest des Spiels.

Sie sind dreistellig, später vierstellig. Hier bekommt man ein angemessenes Gefühl von Fortschritt, allein durch Zahlen und die Abfolge, in der sie erscheinen. Mehr noch, wenn man seinen gestählten und bis an die Unterlippe mit Gegenständen beladenen Charakter aus dem Vorgänger übernimmt und gleich auf Stufe 30 loslegt, statt einen neuen zu erstellen - beides ist möglich, je nachdem, ob man den ersten Teil gespielt hat.

Stets an Van Helsings Seite weilt Geist Katharina, die so oder so aus dem Vorgänger importiert wird, und auch sie lässt die Zahlen mit ihren Angriffen fliegen. Beschwört man dann noch eine mechanische Spinne hier, wirft Giftgranaten da, schlingen sich überall die Fäden eines kunterbunten Zahlenknäuels um den Bildschirm. Man hätte das Ganze sicher als zunehmenden 100-Prozent-Balken oder in anderer Form darstellen können, aber das wäre nicht ansatzweise so befriedigend, würde nie diese einfache, primitive Freude hervorrufen, wie es der Fall ist.

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Später geht es dann raus in die Wildnis, wo euch Rentiere, Ziegen und Rattenarmbrustschützen angreifen. Natürlich im Dutzend. Knallt wirklich sehr schön.

Van Helsing 2 ist wieder etwas für Leute, die Äste eines Fertigkeitenbaums erklimmen möchten und für die das Abwägen „Lieber Feuer- oder Explosionsschaden, hmmm?" das Größte ist. Die es lieben, sich kriegerisch in allen Facetten einer Ein-Mann-Armee auszutoben, und sich freuen, Spezialattacken in mehreren Stufen aufzuladen. Weil es überall so schön kracht und knallt und weil man manchmal nicht mehr braucht, um unterhalten zu werden. Für die das Ziel von Beginn an feststeht - mehr, und zwar reichlich davon - und für die der in seinen Grundzügen nicht gerade überraschende Weg zu diesem Mehr an Schaden, Beute und Erfahrung das eigentlich Spannende ist. Keiner kann es ihnen verübeln, wenn es so kompetent gemacht ist wie in dem Fall.

Sofort ist man drin, kann hacken, schießen und sprengen, sammeln und vergleichen, hören und sehen, dass hier Leute mit der Auffassung am Werk waren, man brauche für Spaß nur ein Schwert, Monster und eine Item-Lotterie. Van Helsing 2 gibt euch genau das und viel mehr davon, als man an einem gammeligen Regensonntag braucht. Es nimmt sich selbst weder zurück noch ernst, setzt düstere Akzente mit seinen Kulissen, augenzwinkert danach in seinen Dialogen. Keine schlechte Mischung und erstaunlich, dass einem kleinen ungarischen Studio dies ein zweites Mal in so kurzer Zeit zu gelingen scheint.

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Über den Autor:

Sebastian Thor

Sebastian Thor

Freier Redakteur - Eurogamer.de

Steht auf Bier und Bloodsport. Mag weiche Sofas und verliert sich gern in Gedanken an dies und das. Seit 2014 bei Eurogamer dabei, aktuell als freier Redakteur.

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