World of Tanks World Grand Finals 14: Wie man es macht, man macht es…

… manchmal auch richtig.

E-Sport, schon wieder. Diesmal mit Panzern in Warschau, was für einen Deutschen grundsätzlich einen sehr unangenehmen Beigeschmack mit sich bringt. Aber dort fanden nun mal die Finalspiele der Weltmeisterschaft von World of Tanks statt und die Stadt selbst schien die Letzte zu sein, die etwas dagegen hatte. Schließlich saß bei der Eröffnungspressekonferenz der Vizebürgermeister als bekennender World-of-Tanks-Liebhaber direkt neben dem wie immer von fast kindlicher Freude und Stolz erfüllten Victor Kislyi und pries ausgiebig die Veranstaltung in der polnischen Hauptstadt.

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Dezent ist einfach nicht deren Sache.

Es war jetzt ja auch nicht gerade so, dass man die Sache eher versteckt in der Ecke abhielt, sondern man mietete sich kurzerhand den größten Kinosaal des Landes am Hauptplatz der Innenstadt und versah die nächtliche Fassade des immerhin fast 200 Meter hohen stalinistischen Prunkstücks daneben gleich mal mit dem neu entworfenen E-Sport-Logo für World of Tanks. "Dezent" geht anders, aber dezent war eh noch nie etwas, mit dem Wargaming.net viel anfangen konnte.

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Von links nach rechts: Mohamed Fadl (E-Sport Director Wargaming.net), Victor Kislyi (CEO Wargaming.net), Michal Olszewski (Vizebürgermeister von Warschau).

Sollte es zu einem Zeitpunkt die Sorge gegeben haben, dass sich nicht genügend Zuschauer in dem Saal einfinden würden, wurde man bereits am zweiten Tag der Spiele eines besseren belehrt. Jeder konnte kommen, der wollte. Es gab keine Gästeliste oder andere Hürden und wie sich herausstellte, hatten nicht nur viele Lust, mal vorbeizuschauen, gerade die großen Teams brachten eine ordentliche Fangemeinde mit. Nicht jedes Spiel war allzu gut besucht, nicht jedes Team wurde angefeuert, aber als die polnischen Außenseiter von Lemming Train - welch niedlicher Name - aus ihrer Wildcard-Teilnahme weit mehr machten als jeder gedacht hätte, zeigte sich schnell, wie E-Sport-Stimmung sein kann. Ja, es geht noch lauter und größer, wie genug andere Events längst bewiesen, aber für einen jungen Zugang wie World of Tanks war schon einiges los.

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Was hat er wohl mit Master of Orion vor? Er hat es nicht verraten.

Die erste große Meisterschaft liegt gerade einmal drei Jahre zurück, die wie immer subtil benannte Ural Steel Competition fand 2011 statt. Seitdem steigerte man sich kontinuierlich und zügig, breitete sich die Beliebtheit des Spiels doch schnell über den Globus aus. Auch die Preisgelder sind keine Kleinigkeiten mehr. Über die Saison 13/14 brachte man zwei Millionen Dollar unters Volk, 300.000 davon allein in diesem Turnier. Dahinter steht noch mehr Geld, acht Millionen investierte man letztes Jahr, das wird in der nächsten Saison um weitere zwei gesteigert. Der Marketing-Wert dessen lässt sich am Ende schwer beziffern, aber man betonte deutlich, dass es in erster Linie darum gehe, der Community etwas zurückzugeben. Diese zeigt sich enthusiastisch und scheint die Geste zu würdigen.

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Das größte Kino des Landes als Kulisse für das Turnier.

Es war aber auch für jemanden, der nicht in den virtuellen Panzern seinen ganzen Tag verbringt, klar, dass das Spiel zwar das Potenzial für legendäre Matches hat - bei Victor muss immer alles legendär sein, sonst war es ein verlorener Tag -, das Ausspielen dieses aber eben auch sehr in der Hand der Teams und vor allem ihrem Mut zur Offensive liegt. Gerade in der Vorrunde zeigte sich, dass für den Zuschauer viel zum Gucken da ist. Es kommt viel Spannung auf, wenn sich ein Spieler an den anderen heranpirscht, wenn der Moment, in dem die beiden Gruppen auseinandertreffen müssen, ebenso näherkommt wie die unvermeidliche kurze, aber heftige Action. Dass diese Spieler genau wissen, welche Gefährte wo wie gepanzert sind, versteht sich von selbst, da gab es keine Zufallselemente und viele der Spiele boten genau diesen Unterhaltungswert.

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Vor dem Eintritt musste man noch das Escher-eske Treppenspiel des modernen Gebäudes überwinden.

Aber auch sie zeigten das Grundproblem des nicht Wissens, womit der Gegner auffahren wird. Daraus resultierte, dass fast jede Gruppe sich auf genau die gleiche Konstellation aus schweren, mittleren und leichten Panzern konzentrierte, eine routinierte Schweizer-Taschenmesser-Lösung ohne jegliche Überraschungen. Wie auch? Keiner will am Ende der Dumme sein, nur weil er partout mal einen Exoten ins Spiel werfen wollte.

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Oft drängelte man sich vor den Monitoren und Spielstationen im Foyer...

Weit schwerer als das wog aber der Mut, den ich eben erwähnte, oder vielmehr der mit dem steigendem Einsatz beginnende Mangel daran. Das Finale, das die beiden russischen Teams NaVi und Vitrus Pro hinlegten - das deutsche Team WUSA, zugestoßen über Wildcard, verkaufte seine Haut in einer Killergruppe teuer und schied trotzdem schnell an Tag eins aus - war langweilig. Beide Teams, vor allem die Favoriten NaVi lasen die Karte und den Gegner, stellten sich perfekt auf und dann blieben sie da. Das gleiche Tat Vitrus auf der anderen Seite. Diese Findungsphase dauerte ein bis zwei Minuten und dann passierte die nächsten sieben von den zehn Minuten eines Matches erst mal kaum etwas. Beide Seiten wussten, dass sie perfekte Verteidigungsstellungen hatten, wenn denn nur der Gegner kommen würde. Tat er aber nicht. Die ersten beiden Runden war noch was los, dann war Gleichstand und anschließend ließ man lieber die Uhr laufen, als auch nur eine Sekunde zu früh etwas zu wagen. Am Ende wurde es dann im Assault entschieden NaVi ging in die Vollen, Vitrus Pro unterlag überraschend deutlich. Trotzdem, ein souveräner Sieg war das nach drei Runden Stellungslangeweile nicht.

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... da selbst der Riesensaal bis zum Anschlag gefüllt war. Kommen konnte, wer Platz fand, Eintritt frei.

Sicher, es gibt auch dröge Fußballspiele und taktisch war das ja nicht einmal dumm, aber das große Ding ist es immer erst dann, wenn man gewinnt. Selbst die Sieger waren wohl von dem Verlauf des Finales etwas angeödet, schließlich sagten sie recht offen, dass eine Regeländerung wohl nötig sei, um etwas mehr Spannung hineinzubringen. Denn derzeit scheint sich mit ihrem Sieg bestätigt zu haben, dass ein defensiv schlicht fehlerloses Team wie NaVi am Ende triumphieren wird, selbst wenn sie damit das Publikum nicht vom Hocker reißen.

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Die Bühne konnte sich sehen lassen, die Leinwand hatte man ja dank der Örtlichkeit eh in XXL.

Aber wie schon gesagt, World of Tanks ist noch jung in der großen Arena des E-Sports, man hat große Pläne, das Geld, sie umzusetzen und auch den Willen, es zu investieren. Das Spiel selbst wird nie die hektische Schlachten-Action eines Call of Duty bieten, aber das muss es auch nicht. Viele der Spiele in diesem meist eben doch kurzweiligen Turnier haben bewiesen, dass es nicht wie das Finale aussehen muss. Ein kleiner Schubser in Richtung eines Überdenkens der Regeln muss sein, aber mit Vorsicht. Denn die Stärke des Spiels liegt eben in der Ruhe. Die Balance zu wahren, wird nicht ganz leicht sein, aber angesichts der offensichtlichen Motivation von Wargaming.net und der dem Enthusiasmus der Community bin ich zuversichtlich, dass die nächsten Grand Finals viel aus dem gelungenen Besuch in Warschau mitnehmen werden, um noch legendärer zu sein.

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Strahlende Gewinner nach einem leider nicht ganz so strahlenden Finale.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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