The Walking Dead - Season 2, Episode 4: Amid the Ruins - Test

Der ewige Trümmerhaufen…

Die seichten Aufgabenstellungen reduzieren das Spiel, das Walking Dead ist, aber seine exzellent geschriene Geschichte rettet es.

Nachdem sich die letzte Episode, In Harms Way, bereits wie ein vorgezogenes Finale anfühlte und den bisherigen maßgeblichen Handlungsfaden von Staffel zwei bis zu seinem Ende ablief, durfte man gespannt sein, welchen Themen sich Telltale bis zum Finale widmen würde. Die Antwort fällt ein bisschen unbefriedigend aus: Nach viel Exposition in Episoden eins und zwei und der spannenden Konfrontation mit dem fantastisch gesprochenen Carver (Michael Madsen) in der letzten, stellt Telltale die Regler fast ausnahmslos wieder auf null.

Das verstärkt das eine zentrale Problem dieser zweiten Staffel, dass man nie genau sagen könnte, worum es überhaupt geht, außer, dass wir hier die Fortsetzung von Clementines Geschichte erleben. Einer Geschichte, deren interessantesten Part wir bereits kennen. Ich habe schon in meiner Kritik zur zweiten Folge darüber gesprochen und dass das Gefühl narrativer Orientierungslosigkeit jetzt wieder einsetzt, nachdem sich die spannende Mitte dieses Laufs an Episoden endlich mal um ein paar markige, existenzielle Fragen drehte, wirft nicht das beste Licht auf die Autoren.

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'Stick 'em with the pointy end!' Oh, falsche Serie.

Wieder einmal treiben die vielen unterschiedlichen Figuren die Handlung ein bisschen orientierungslos vorwärts, werden Opfer der Umstände und kompostieren zum Teil menschlich vor sich hin, während andere ein wenig reifen dürfen. Das ist zu keiner Sekunde langweilig, tatsächlich sogar immer spannend. Würde man mich aber fragen, was ich hier die ganze Zeit über gemacht habe, ich hätte Probleme, eine interessante Antwort zu geben. Staffel eins war die Geschichte eines Mörders, der sich durch die Fürsorge für ein Kind seine Menschlichkeit zurückerkämpfte und seinen Platz in den noch kokelnden Überresten der Zivilisation suchte. In Staffel zwei wird immer noch gesucht, aber eine vergleichbare zentrale Beziehung, einen Ruhepol, um den alles kreist, den gibt es nicht. Eine Abfolge großer interessanter Ideen und Konflikte wurde im zweiten Durchgang zu einer klassischen Überlebensgeschichte ohne allzu große Ambitionen.

Überhaupt wird die Rücksichtslosigkeit, mit der die Figuren erst liebevoll eingeführt und dann gewaltsam aus dem dünnen Plot gekippt werden, so langsam zum Problem. Man bekommt kaum Zeit, eine wirkliche Bindung einzugehen. Schon in Episode eins verschenkte man gewissermaßen gleich zwei gut etablierte Figuren, eine aus nachvollziehbaren Gründen. Dass aber die andere - man verzeihe mir die ungelenke Ausdrucksweise, aber ich versuche, Spoiler zu vermeiden - bis zu diesem Zeitpunkt so gar kein Thema mehr ist, ist eine große Enttäuschung.

Diese Entwicklung nimmt jetzt in Folge vier ihren traurigen vorläufigen Höhepunkt. Charaktere, die mit der Zeit Clementine gegenüber aufgetaut sind, vergehen fast ansatzlos und zum Teil in beinahe alberner Missachtung der Regeln dieser Welt, andere machen wie schon in Staffel eins "die Molly" - wer dabei war, wird wissen, was gemeint ist. Und Kenny, der beinahe der emotionale Anker dieser Staffel geworden wäre... nun, der ist er schon, aber eher in dem Sinne, dass er einen nur noch runterzieht: Wieder finstert er an demselben Punkt herum, an dem er letzte Staffel um diese Zeit schon einmal war.

Und dann ist da einmal mehr die Frage der Entscheidungsfreiheit. Wer mich kennt, wird wissen, dass ich nichts gegen vorgegaukelte Wahlmöglichkeiten habe, solange die Täuschung überzeugend ist. War die letzte Folge von The Wolf Among Us beinahe frech darin, in Kämpfen gegen die "Bloody Mary" erfolgreiche Reaktionen auf ein QTE nicht zu akzeptieren, ist Amid the Ruins jetzt sogar noch unverfrorener: Die Autoren nehmen sich die Freiheit heraus, eine gewisse Entscheidung zu ignorieren, die ich präzise deshalb traf, um die in ihrer Unvermeidlichkeit gekünstelte Konfrontation gen Schluss zu vermeiden. Ein Tiefschlag, den ich Telltale übelnehme.

Genug gemeckert. Wer mit der allgemeinen Richtungslosigkeit von Staffel zwei bis hierhin kein Problem hatte, den wird auch Amid the Ruins nicht davon abhalten, Clems Überlebenstrip bis zum Ende mitzugehen. Die Figuren sind allesamt exzellent geschrieben und gut gesprochen. Die Aufgabenstellungen bleiben zwar seicht, sind dabei aber noch immer interessant genug, um sich für eineinhalb bis zwei Stunden auf die gute Art zweifelhaft vergnügt in der Welt von The Walking Dead zu verlieren. Man kann es eigentlich nicht klar genug herausarbeiten, wie viel Fingerspitzengefühl und Talent in diesen Skripten steckt.

Und wer mit so wenigen Worten eine so große Wirkung erzielen kann, dem ist durchaus zuzutrauen, diese Staffel mit einer abschließenden Episode noch zu einer vollauf befriedigenden Angelegenheit zu machen. Ich hätte mir nur gewünscht, dass dies nicht allein an einer letzten Folge hinge.

7 /10

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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