Angry Video Game Nerd - The Movie

Sehen wir es positiv. Es hätte schlimmer sein können.

Ich musste nach dem Abspann von Angry Video Game Nerd - The Movie stark überlegen, wie ich ihn ohne Bezug zur Internetserie aufgefasst hätte. Wahrscheinlich wäre die Filmdatei nach spätestens einer Viertelstunde sofort von meiner Festplatte verschwunden. Das hier ist kein Streifen, den ihr zusammen mit Freunden gucken könnt, die den Nerd nicht kennen oder mögen. Außer ihr wollt, dass euch alle auslachen und in Zukunft meiden. Nein, Angry Video Game Nerd - The Movie richtet sich ausschließlich an die Fans.

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Doch selbst als Zuschauer der Serie seit nunmehr sieben Jahren weiß ich nicht, ob mir der Film wirklich gefallen hat. Sämtliche Referenzen zu alten Episoden oder nette Cameo-Auftritte brachten den einen oder anderen Lacher hervor. Darüber hinaus bewundere ich Schöpfer James Rolfe für die Fertigstellung des Projekts. Bei einem Budget von unter 500.000 Dollar hätte ich die gelieferte audiovisuelle Qualität nicht erwartet. Kameraführung, Sounddesign und sogar einige der Spezialeffekte stehen weit über normalem B-Movie-Niveau. Auch einige der Schauspieler zeigen Lust an ihren abgedrehten Rollen und bringen selbst platte Dialoge mit einer außergewöhnlichen Energie auf die Leinwand. Stephen Mendel als engstirniger Militärgeneral im Rollstuhlpanzer ist das Highlight jeder Szene und überschreitet mit seiner Darbietung jegliche Grenzen von Absurdität.

Leider kann ich gleiches Lob nicht für Rolfe selbst aussprechen, der im Film durch den Kontrast zu guten Darstellern meist fehl am Platz wirkt. Jede Darbietung wirkt aufgesetzt, hölzern oder teilweise einfach nur peinlich. Seine gerade einmal drei unterschiedlichen Grimassen helfen dabei wenig. Ebenso fehlt jegliche Form von Chemie zwischen ihm und seinen Kumpanen. Anstatt Jeremy Suarez für die Rolle des Nerd-Gehilfen zu nehmen, hätte jemand wie sein bester Freund Mike Matei mehr Authentizität in das wilde Abenteuer gebracht. Schließlich zeigte er sein Talent für überdrehte Charaktere bereits in einigen Episoden der Serie.

Neben Rolfes schauspielerischer Leistung stelle ich auch sein Verständnis für den Reiz des Nerd-Charakters infrage. Der Film zeigt an vielen Stellen, wie Leute auf die populären Internetvideos reagieren. Gezeigt werden nur seine Ausbrüche unzähliger Schimpfwörter. Jedoch waren sie nie der zentrale Reiz der Figur. Vielmehr bewies Rolfe das richtige Gespür für den Wechsel zwischen seiner normalen Persona und dem Nerd. Auf erklärende Beiträge folgte der langsame Abstieg in die schlimmsten Ecken der schlechtesten Spiele, bis schlussendlich die Wut aus ihm platzte und er einen großartig obszönen Monolog von sich gab. Bestünde die Serie nur aus seinen Flüchen, niemand hätte sich mehr als ein paar Folgen angesehen.

Doch nur das bekommt man in den ersten zwei Dritteln geboten. Der Nerd im voll aktivierten Hassmodus, ohne dass zwischenzeitlich seine weniger fluchende Seite hervorkommt. Erst nach der Hälfte dreht sich langsam die Ausrichtung der Figur und wir sehen mehr vom gewohnten Wandel. Vor allem das Ende brilliert mit einer wunderbaren Abschlussrede, die den lang ersehnten E.T.-Beitrag einleitet.

Um das Spiel dreht sich übrigens die gesamte Handlung. Trotz der zuvor erwähnten Schwächen ist es erstaunlich, wie viel Rolfe aus einer simplen Idee herausholen konnte. Natürlich verdient das Endprodukt keinen Preis für seine Erzählstruktur. Aber verglichen mit anderen B-Movies erwartet euch hier eine interessante Umsetzung des E.T.-Mythos, der seit den echten Ausgrabungen vor einigen Monaten nun keiner mehr ist. Trotzdem, die im Film gezeigten Erklärungen für das Vergraben der Module halte ich für die interessantere Alternative. Vor allem, da die echten Ausgrabungen nicht in einem von Godzilla inspirierten Kampf um die Rettung des Universums endeten.

Insgesamt betrachtet befinden sich ein paar außerordentlich unterhaltsame Momente in Angry Video Game Nerd - The Movie. Ob ihr deswegen Geld ausgeben solltet, ist schwer zu beantworten. Aktuell kostet der Spaß zehn Dollar zum Kauf. Der Verleih dagegen fünf Dollar. Als Fan bin ich trotz vieler Schwächen froh, ihn mir angesehen zu haben. Allein wegen der finalen halben Stunde. Es ist sicherlich kein guter Film, aber zumindest ein äußerst kompetent gedrehter. Daher bin ich neugierig auf Rolfes zukünftige Projekte, in denen er abseits seiner Kultfigur neue Ideen umsetzen kann. Aber den AVGN möchte ich außerhalb von Internetvideos nicht mehr sehen.

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Über den Autor:

Björn Balg

Björn Balg

Redakteur

Freier Autor und wahrscheinlich der letzte Mensch ohne einen Facebook-Account. Liebt Trash und verbringt zu viel Zeit mit dem Ansehen von Katzenvideos.

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