Nimm lieber einen Klassiker... oder auch nicht: die Resident-Evil-Reihe

Nur für Liebhaber der Panzersteuerung.

Resident Evil ist eine Serie, die sich in der letzten Zeit nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Besonders nach Resident Evil 6 und dem grauenvollen Ableger Operation Raccoon City haben viele Fans der Originalspiele dem Vater des Survival-Horrors den Rücken zugekehrt. Schon seit Resident Evil 4 wünschen sich viele die alten Traditionen zurück. Sie möchten das Spielgefühl von früher neu erleben und sehnen sich nach einem Titel, der mehr mit den PlayStation-Klassikern als mit Call of Duty zu tun hat.

Aber wie gut ist die Originalserie, von Resident Evil bis zu Resident Evil Zero, aus heutiger Sicht? Kann man den japanischen Horrortrip noch immer empfehlen oder sollten die Verfechter lieber ihre rosaroten Nostalgiebrillen ablegen, um der Realität ins Auge zu blicken? Es geht doch nichts über einen ausführlichen Selbsttest.

Resident Evil

Was es mal war: Vielleicht nicht der Erfinder des Survival-Horrors - der Titel geht an Alone in the Dark -, aber sicherlich der Auslöser für die größte Welle an Horrortiteln der Spielgeschichte. Resident Evil machte das Genre populär und lehrte viele Konsolenspieler zum ersten Mal das Fürchten. Wer damals zum Pad griff und ahnungslos durch das düstere Spencer-Anwesen schlich, kann sich heute noch an seinen Herzinfarkt beim ersten Kontakt mit den garstigen Zombiekötern erinnern. Es war frisch, erschreckend und jeder Besitzer einer PlayStation musste es in seine gierigen Finger bekommen, nur um anschließend ängstlich vor seinem Röhrenbildschirm zu kauern.

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Damals sprang man vom Sofa. Heute zählt man die Pixel.

Was noch geht: Ihr dürft das komplette Spiel entweder mit Chris Redfield oder Jill Valentine beenden, was eure Spielweise verändert und sich weiterhin als geniale Idee erweist. Zudem funktioniert das grundlegende Konzept noch immer tadellos. Jeder Raum muss sorgfältig auf Munition, Heilkräuter und Rätselhinweise abgesucht werden. Nach und nach schaltet man so weitere Bereiche der verzweigten Villa frei. In gewisser Weise ist es der wohl beste Zelda-Dungeon, der nie in einem Zelda vorkam. Ständig erblickt man neue Herausforderungen, an denen man gleichzeitig arbeiten kann. Bis sich schließlich die Puzzleteile zusammenfügen und den Blick auf das große Ganze ermöglichen. Was dieses zentrale Mantra der Erkundung angeht, hat Resident Evil auch nach 18 Jahren nichts eingebüßt. Nur das Drumherum versaut es einem irgendwie.

Was keiner mehr will: Uff! Mitten in die Nostalgie. Das hatte ich irgendwie anders in Erinnerung. Vielleicht lag es daran, dass ich damals noch keine Brille trug und den groben Pixelbrei versehentlich mit schöner Grafik verwechselte. Aber wie beschissen sieht das bitte aus? Grauenhaft! Damals steckte die 3D-Entwicklung leider noch in den Kinderschuhen. Das Ergebnis fast zwei Dekaden später: Augenkrebs!

Die restliche audiovisuelle Erfahrung ist ebenso vollkommen befreit von Qualität. Das grauenhafte Intro, selbst gemessen am niedrigsten B-Movie-Standard, erzeugt bloß Kopfschütteln und ich weiß nicht, ob ich beim Zusehen lachen oder weinen soll. Sicherlich kein Zustand, in den mich ein Horrorspiel direkt in der ersten Minute versetzen will. Und muss ich überhaupt die wohl schlechteste Synchronisation aller Zeiten erwähnen? Der Ausdruck "Jill Sandwich" sollte da schon reichen. Im Ernst, man kann sich gut darüber lustig machen, aber das widerspricht dem eigentlichen Ziel von Survival-Horror.

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Was hatten wir früher Angst bei dieser Szene. Heute braucht man viel Fantasie, um den Grusel zu erkennen.

Stellvertretend für alle anderen Teile müsste ich mich eigentlich kurz über Dinge wie Panzersteuerung, Speichersystem und Inventarbegrenzung beschweren. Nur gibt es ein Problem: Ich mag all diese total antiquierten Systeme und freue mich jedes Mal, wenn sich Jill oder Chris wie ein schweres Fahrzeug über den Boden bewegen. So sehr es den einen oder anderen ankotzt, die Steuerung ist nun einmal an das restliche Design angepasst und funktioniert problemlos nach kurzer Einarbeitung. Genauso befürworte ich den Gebrauch begrenzter Farbbänder zum Speichern sowie die strenge Limitierung des Inventars. Beide Mechanismen unterstreichen die Angst und Aussichtslosigkeit der Figuren. Sie sorgen zudem für interessante, ständig zu treffende Entscheidungen und bereichern dadurch ein ansonsten ziemlich simples Spielsystem. Tschuldigung, wenn ihr an dieser Stelle etwas anderes erwartet habt. Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich damit in der Minderheit bin und unerfahrene Spieler vor dieser Hürde warnen muss. Doch als schlecht kann ich sie nicht bezeichnen.

Unbedarfte Spielbarkeit 2014 jenseits des historischen Interesses: Nur wenn ihr wirklich einmal die Anfänge der Serie erleben wollt. Ansonsten sollte jeder lieber zum Remake greifen und das hier dort stehen lassen, wo es hingehört: im Schrank.

Resident Evil 2

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All das schöne Pixelblut.

Was es mal war: Auf dem Index. Aber endlich dürfen wir frei darüber sprechen, schreiben und fröhlich diskutieren. Ansonsten wäre dieser Rückblick kaum möglich oder nur sehr lückenhaft. Denn Resident Evil 2 ist selbst heute für viele Fans ein Synonym für den unangefochtenen Höhepunkt der Serie. Ursprünglich sah der Titel ganz anders aus und wurde kurz vor der Fertigstellung komplett verworfen. Anscheinend weil der damals unerfahrene Entwickler Hideki Kamiya jede Idee seines Teams zuließ und das Spiel so zu einem grauenhaften Monstrum anwuchs. Trotz finanzieller Risiken genehmigte Capcom den Neubeginn und wurde dafür später mit hohen Verkaufszahlen belohnt.

Was noch geht: Die erneute Aufteilung in zwei unterschiedliche Abenteuer. Dieses Mal von Leon S. Kennedy und Claire Redfield. Beide Figuren treffen auf unterschiedliche Charaktere und besuchen verschiedene Orte. Die Struktur der Polizeistation mag ein wenig offensichtlicher und linearer ausfallen, dafür ist das Pacing exzellent und jagt einen durch die unterschiedlichen Szenarien. Das Gegnerdesign ist hervorragend, die Rätsel sind eine passende Herausforderung und das Waffengefühl wurde noch einmal stark überarbeitet. Im Gegensatz zum dummen Opening des Originals kann sich auch die Einführung von Resident Evil 2 heute noch sehen lassen. Anstatt peinliche Lacher zu unterdrücken, seid ihr hier sofort mitten im Geschehen und erlebt hautnah den Zombieausbruch in Raccoon City. Als Bonus beleidigt die Optik nicht länger euren Sehnerv. Hurra!

Was keiner mehr will: Leon S. Kennedy. Ich kann nicht nachvollziehen, wie er zum Liebling im Resident-Evil-Kanon aufstieg. Seine unglaublich dämliche, naive Art bringt ihn jedes Mal in tödliche Situationen und die Dumpfbacke lässt sich mehrfach von Ada Wong ausnutzen. Ja, es ist sein erster Tag als Polizist, das entschuldigt aber nicht sein peinliches Sozialverhalten. Sobald er einen verletzten Mitbürger sieht, rennt er nur mit dem ziemlich mies vertonten Satz "Hang in there!" auf ihn zu und weiß sich ansonsten kaum zu helfen. Abseits dieser nervigen Figur kann man dem Titel wieder nur seine veralteten Mechaniken vorwerfen, aber das muss wie schon erwähnt jeder für sich selbst beantworten.

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Schon eine ganz andere Liga als die Sequenz des Vorgängers.

Unbedarfte Spielbarkeit 2014 jenseits des historischen Interesses: Es ist vom Index und damit endlich frei zugänglich. Ladet es beispielsweise im PSN-Store, wenn ihr den Höhepunkt der PlayStation-Ära erleben wollt. Wer mit der Panzersteuerung klarkommt, den erwartet auch 16 Jahre nach der Veröffentlichung eine mehr als solide Survival-Horror-Erfahrung.

Resident Evil 3: Nemesis

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Munitionsknappheit ist bei Teil 3 ein Fremdwort.

Was es mal war: Nicht Resident Evil 3. Da aber jeder auf der PlayStation veröffentlichte Teil der Reihe eine Zahl im Namen tragen sollte, konnte Sony den Titel als direkten Nachfolger zu Resident Evil 2 vermarkten. Jedoch fiel damals schon früh auf, dass es sich hierbei nur um ein nettes Spin-off handelt. Mit einem wesentlich höheren Fokus auf Action und kleineren, voneinander getrennten Gebieten versuchte das Entwicklerteam, den Spielern ein etwas anderes Resident-Evil-Erlebnis zu verschaffen.

Was noch geht: Nemesis als ständiger und unsterblicher Gegner, der jederzeit auftauchen kann, um einem die Flucht aus Raccoon City zu vermiesen. In vielen Situationen pausiert das Spiel und ermöglicht euch die Wahl zwischen verschiedenen Aktionen. Einige sorgen für die kurzzeitige Beseitigung von Nemesis, andere wiederum zwingen euch zum frontalen Angriff. Zwar könnt ihr zu Beginn keinen anderen Charakter als Jill Valentine auswählen, dennoch gibt es in der zweiten Hälfte eine kurze Sequenz, in der ihr die Kontrolle über ihren Partner Carlos Oliveira übernehmt.

Was keiner mehr will: So sehr ich die Bemühungen unterstütze, eine andere Spielerfahrung im selben Universum zu erschaffen, hat es hier nur mäßig funktioniert. Die einzelnen Areale sind sehr klein und die Rätsel viel zu offensichtlich, wodurch die langsame Erkundung eurer Umgebung als zentrales Thema fast verschwindet. Ihr lauft meist, ohne zu überlegen, in ein paar Räume, sammelt die nötigen Objekte und verschwindet wenig später im nächsten Gebiet. In Verbindung mit stärkeren Waffen sowie mehr Munition braucht ihr euch fast nie Sorgen zu machen. Das Inventar wird kaum strapaziert. Gegner fallen ohne Mühen reihenweise zu Boden. Selbst Nemesis verkommt im finalen Abschnitt zu einem Minispiel, bevor sich das Abenteuer mit einer großen Explosion verabschiedet. Außerdem begann mit Resident Evil 3: Nemesis Capcoms Trend, Jill in jedem weiteren Spiel ein anderes Aussehen zu verpassen und ihre Sexualisierung unnötig zu steigern.

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Die erste Hälfte besteht fast nur aus den Straßen von Raccoon City.

Unbedarfte Spielbarkeit 2014 jenseits des historischen Interesses: Für ein bis zwei freie Nachmittage ganz okay, falls ihr nichts Besseres vorhabt. Braucht man allerdings nicht gespielt zu haben.

Weiter auf Seite 2 mit Resident Evil Code Veronica, Remake und Zero

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Björn Balg

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Redakteur

Freier Autor und wahrscheinlich der letzte Mensch ohne einen Facebook-Account. Liebt Trash und verbringt zu viel Zeit mit dem Ansehen von Katzenvideos.

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