Wenn aus Trash Müll wird. Alle Zutaten zum gewollten Schrottspiel werden abgearbeitet. So gründlich, dass man über das Ziel hinausschoss.

Roundabout hätte mir gefallen müssen. Jeder Trailer, jeder Screenshot, jede kleinste Information brachte mich zum Schmunzeln. Schließlich steuert ihr eine sich permanent drehende Limousine durch einen als Stadt verkleideten Hindernisparcours. Ach ja, und der männliche Protagonist Giorgio Manos wird in den absichtlich amateurhaften Videosequenzen von einer stummen Frau verkörpert. Ein derart beklopptes Spiel muss jemand wie ich eigentlich lieben.

Doch Roundabout ist ein von Problemen geplagtes Produkt, das nicht wirklich weiß, was genau es sein möchte. Alles fängt zunächst ziemlich harmlos und amüsant an. Ihr startet als erster Drehlimousinenfahrer der Welt eure Karriere mit einer bestandenen Fahrpürfung und folgt anschließend Dutzenden Aufträgen, bei denen ihr die seltsamen Bewohner der Stadt Roundabout von A nach B kutschiert. Dabei weicht ihr Bäumen, Autos oder Kreiseln aus und verwandelt den einen oder anderen Passanten in einen roten Blutfleck. Es sieht total behämmert aus, steuert sich prima und die schiere Absurdität des Ganzen erzeugt sogar manch einen Lacher.

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Erkennt ihr, wie schlecht das aussieht? Na los, lacht endlich!

Sobald man im Verlauf der irren Handlung das zweite Gebiet erreicht, stellt sich dann auf einmal die Ernüchterung ein und es fällt auf, dass Roundabout keine echten Witze zu bieten hat. Man soll als Zuschauer die unfassbar schlechten Sequenzen mit ihren schauspielerischen Unfällen lustig finden, weil es eben total bekloppt ist. Das war es. Ich lache vielleicht in den ersten zehn Minuten darüber, dass eine Frau den männlichen Hauptcharakter verkörpert und nur blöde Grimassen schneidet. Nach zwei Stunden erwartete ich richtige Witze mit mehr Inhalt.

Ich merke den Entwicklern an, wie viel Spaß sie beim Aufnehmen des ganzen Klamauks hatten. Als Außenstehender bringt mir das herzlich wenig. Vergleicht es mit dem dummen Handyvideo, das ihr und eure Freunde aufgezeichnet habt. Für euch ist es allein dadurch lustig, weil ihr Spaß am Drehen hattet und etwas damit verbindet. Zeigt es dagegen einer fremden Person und ihr erhaltet bloß fragwürdige Blicke als Reaktion. Genauso erging es mir beim Ansehen der späteren Zwischensequenzen, bis ich irgendwann einfach alles wegdrückte.

Übrig bleibt das von Kuru Kuru Kururin inspirierte Spielgefühl. Es passt perfekt zum Ton der restlichen Erfahrung und wirkt wie die Idee betrunkener Studenten. Leider vermisse ich bei der Umsetzung die Genauigkeit und das geniale Leveldesign des GBA-Klassikers. Anstatt von oben auf euer Fahrzeug zu blicken, positioniert sich die Kamera auf halber Höhe. Somit betrachtet ihr das Geschehen stets aus einer schrägen Seitenansicht, weshalb sehr oft Bäume oder Häuser euren Blick versperren. Zudem sorgt die Perspektive für schweres Abschätzen von Entfernungen und Positionen verschiedener Objekte. Es gestaltet die ohnehin schon fordernde Steuerung zu einem anstrengenden Fingerkrampf.

"Die Perspektive sorgt für schweres Abschätzen von Entfernungen und Positionen verschiedener Objekte."

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Die Spezialfertigkeiten wären eine super Idee gewesen, müsste man zum Wechseln nicht jedes Mal eine Werkstatt aufsuchen.

Das wäre allerdings nicht so tragisch gewesen, verlangten die späteren Level nicht absolute Perfektion von euch. Jeder kleinste Fehler führt sofort zum gefährlichen Kontakt mit eurer Umgebung. Nach fünf Kollisionen geht euer Wagen in Flammen auf und das Spiel schickt euch zum letzten Checkpoint. Diese verteilten die Entwickler sehr großzügig, was meinen Frust aber nur noch steigerte. Denn es ist eine faule Notlösung für stümperhafte Level, die einen zwangsläufig in den Tod schicken. Roundabout brüstet sich mit unzähligen Herausforderungen, die ihr für jede Mission erledigen könnt, ohne selbst das gleiche Maß an Perfektion zu haben. Es möchte so gerne eine Hardcore-Erfahrung für gute Spieler sein und sieht dabei nicht, wie fehlerhaft die eigene Basis ist. Ein hoher Schwierigkeitsgrad funktioniert nur, wenn das System dazu passt. Roundabout wirkt in diesem Punkt wie ein missglückter Versuch eines Teams, das ein Spielkonzept kopieren wollte, ohne dieses genau zu verstanden zu haben.

Als ich Roundabout nach gut drei Stunden Spielzeit endlich beendet hatte, sah ich im Menü, was mir noch alles fehlte. Außer den fast schon unfairen Nebenzielen gab es noch eine ganze Menge zum Sammeln. Doch wozu? Wieso soll ich Geld suchen, um damit Häuser oder Hüte für die Limousine zu kaufen, wenn es mir nichts bringt? Warum folgt Roundabout einer Open-World-Struktur, wenn es nur Schwierigkeiten im Leveldesign nach sich zieht? Denn eine Schnellreiseoption existiert nicht. Will ich eine Aufgabe wiederholen, eine Spezialfähigkeit austauschen oder die Farben meines Wagens ändern, muss ich mühselig an allen erneut Hindernissen vorbei. Da vergeht selbst dem härtesten Masochisten irgendwann die Freude an der eigenen Tortur.

"Warum folgt Roundabout einer Open-World-Struktur, wenn es nur Schwierigkeiten im Leveldesign nach sich zieht?"

Anstatt am grundlegenden Spieldesign zu feilen, kümmerten sich die Entwickler um andere Dinge, die ihnen anscheinend wichtiger erschienen. Lieber bauten sie noch eine sinnfreie Sprungfunktion ein, die unter einer grausamen Kollisionsabfrage leidet und teilweise ausgenutzt werden kann, um die schwersten Stellen des Spiels zu überspringen.

Ich verstehe nicht ganz, was hier genau passiert ist. Roundabout klang vom Konzept her fantastisch. Aber sinnfreier Blödsinn allein reicht nicht für ein gutes Spiel. Zumindest nicht, wenn man es gerne als pure Hardcore-Erfahrung aufzieht und vom Spieler perfekte Bewegungen in einer Drehlimousine verlangt. Vielleicht hätten die Entwickler besser mehr Zeit mit dem Studieren von Kuru Kuru Kururin verbracht und nicht alle Mühen in die dämlichen Zwischensequenzen gesteckt.

Falls euch die schauspielerischen Leistungen aus LocoCycle gefallen - hey, I'm not judging - und ihr den allgegenwärtigen Blödsinn wichtiger als das grundlegende Spieldesign findet, kann ich Roundabout empfehlen. Aber auch nur dann. Und am besten wartet ihr trotzdem bis zum nächsten Steam-Sale.

4 /10

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Über den Autor:

Björn Balg

Björn Balg

Redakteur

Freier Autor und wahrscheinlich der letzte Mensch ohne einen Facebook-Account. Liebt Trash und verbringt zu viel Zeit mit dem Ansehen von Katzenvideos.