Wings: Remastered Edition - Test

Damals und Heute trennen nur guter Geschmack und ein paar Polygone.

Manchmal sollte man die Geister der Vergangenheit ruhen lassen: Ein schönes Beispiel, dass diese mitunter doch etwas verklärt ist.

Neuauflagen sind immer ein Spagat: Entweder man macht es den Fans recht und holt das Spiel, wie es war, und nur in Sachen Präsentation aufgepeppt in die Neuzeit oder man unternimmt die notwendigen Schritte, um das Spielerische auf einen Stand zu bringen, der den Befindlichkeiten moderner Kunden entgegenkommt. Im letzteren Fall riskiert man, die Fans - das größte Kapital, das der bekannte Markenname mit sich bringt, zu vergrätzen. In Ersterem, der versammelten Spielerschaft von damals die mittlerweile versteinerten Mechanismen längst vergangener Zeiten um die Ohren zu hauen und dabei reihenweise rosarote Brillen zu zertrümmern. Die Erinnerung ist eine unbarmherzige Geliebte.

Die Leute, die sich heute Cinemaware nennen und mit den Amiga-Pionieren von damals nur den Namen gemein haben, wählten eben diese Variante. Eine Umsetzung eins-zu-eins, lediglich die handgezeichneten Pixelgrafiken, die die frühe 3D-Grafik der Dogfights einrahmte und in den anderen beiden Missionstypen aus der Draufsicht die erste Geige spielten, wurden durch Polygone ausgetauscht, die man für zeitgemäßer hielt. Dazu kommt neu eingespielte Musik und ein kompetenter (englischer) Sprecher, der dafür sorgt, dass man die Geschichte nicht mehr lesen muss, und schon hätte man alle Punkte der Remastered-Checkliste lückenlos abgehakt.

Und siehe: Die Formel an sich hielt sich trotz ihres stattlichen Alters von fast 25 Jahren nicht allzu schlecht, was vor allem daran liegt, dass Cinemaware Anno 1990 schon ein paar tolle Einfälle hatte. Ein Luftkampfspiel im Ersten Weltkrieg, in dem man sich durch die Rangliste seines Geschwaders nach oben schießt, Orden sammelt und den Assen der Deutschen mit einer gewissen Rest-Ritterlichkeit begegnet, ist auch heute noch eine attraktive Idee. Und vor allem die liebevoll geschriebenen Tagebucheinträge, die das Leben im Geschwaderalltag mal optimistisch, mal endlos niedergeschlagen eindringlich beschreiben, ziehen noch heute in ihren Bann.

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Die roten Zielkreuze, die Übersicht verschaffen sollen, sind rein optional und standardmäßig sogar abgestellt. Gute Wahl.

Man lernt den Geschwaderkommandanten Farrah kennen, hört von den Geschicken einzelner Piloten und verfolgt ihren Werdegang auf der Abschussliste. Wenn dann mal einer bei einem Einsatz starb, wovon man nur mittels des durchgestrichenen Namens im Report zwischen den Missionen erfährt, hat mich das damals regelrecht betroffen gemacht. Heute nicht mehr so sehr, aber ein netter Einfall, der das eigentliche Spielgeschehen und das, was an musikalisch fabelhaft stimmungsvoll untermalter (textlicher) Erzählung dazwischen passiert , bestens miteinander verknüpft. Toll auch die Idee, dass die Kampagne auch nach dem Tod des Spielercharakters weiterläuft. Man fängt dann am Todestag des letzten Asses als Neuzugang beim Geschwader an und so geht es weiter, bis der Krieg gewonnen ist.

Cinemaware war vielleicht nicht unbedingt das Team, das einem das purste und beste Gameplay hinlegte, aber die Amerikaner machten schon früh das, was man heute ein typisches Blockbuster-Videospiel nennen würde. Stimmung zählt, Augen und Ohren sollten einem übergehen, und das taten sie damals wie bei wenigen anderen Spielen. Immersion, ein Wort, das damals noch keiner kannte, wurde großgeschrieben: keine störenden Bildschirmanzeigen, klare Eleganz. Wie der Pilot seinen Kopf in Richtung des nächsten Feindes dreht, der wehende Schal das Gefühl für Bewegung stützt und man Gesundheitszustand und Bombenzahl direkt am Flugzeug abliest, das passt bestens in die aktuelle Spielelandschaft und darf durchaus als wegweisend bezeichnet werden.

Weniger gut gealtert ist die eigentliche Action - und der Begriff ist bewusst gewählt, denn entgegen dem Eindruck, der anhand einiger Bilder entstehen kann, verfolgt Wings keinerlei Simulationsanspruch. Auf die Fluggeschwindigkeit hat man keinen Einfluss und auch sonst folgt man nur den absolut grundlegendsten Regeln des Fliegens (schnell näherkommender Boden = böse). Zieht man seinen Doppeldecker zu steil nach oben, stottert einem kurz der Motor ab. Aber hier endet auch schon der Wille, dem Spieler ein komplexes Flugmodell aufzuzwängen. Ihr zielt die feuerspuckende Schnauze eures Fliegers auf euren Gegner und drückt ab. In diesem Zusammenhang scheint die Handvoll Fähigkeitswerte, die hinter einigen Klicks im Hauptmenü versteckt ist, ein bisschen wie eine Mogelpackung, aber das war schon damals so. Dafür darf man heutzutage wenigstens nach links, rechts und hinten schauen. Eine nette Neuerung.

"Erst, wenn deutsche Fliegerasse mitmischen, oder wenn man einen schlechten Start erwischte, wird es wirklich spannend."

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Die gut geschriebene Handlung, erzählt in Tagebucheinträgen und Zeitungsausschnitten, nimmt Bezug auf reale Personen und Ereignisse.

Im weiteren Verlauf wird der Spielkrieg aber doch ziemlich zermürbend, denn die Missionen werden später zwar etwas vielfältiger, aber immer läuft es darauf hinaus, im Kampfgebiet jeglichen Widerstand zu brechen. Und so starten sowohl Eskorten als auch Abfangmissionen fast immer gleich. Schon zu Beginn fliegt ihr meist direkt auf Ballone - die in der Neuauflage leider aussehen, als wären sie ein aufblasbares Strandspielzeug für Kinder - oder Ein-, Zwei- oder später Dreidecker zu, versucht, euch einen Höhenvorteil zu verschaffen, und stürzt dann auf die Feinde hinab. Erst, wenn deutsche Fliegerasse mitmischen oder wenn man schon mehrere Treffer erlitten hat, weil man einen schlechten Start erwischte, wird es wirklich spannend. Das kommt leider eher selten vor und so endet fast jeder der über 200 Einsätze schon nach wenigen Minuten, wenn man nicht gerade Pech hat und die MGs Ladehemmung bekommen, die jederzeit einsetzen kann. Ein paar Piloten verheizt man dennoch. Und jedem einzelnen weint man ein bisschen hinterher.

So simpel und gleichförmig die Dogfights auch sein können, sie sind doch der stärkste Part des Spiels. Die zwei anderen Missionstypen, Tiefflugballerei aus isometrischer Draufsicht und Bombardement aus klassischer "Von-oben-Perspektive", verlangen zwar eure Aufmerksamkeit, wenn es um die Auswahl eurer Ziele geht, sind mit träger Steuerung und optischer Beliebigkeit der Untergründe aber ein gutes Stück schwächer. Die Luftgefechte kreisen grafisch mit gräulicher Tristesse, niedrig aufgelösten Texturen und grobschlächtigen Modellen bereits zielsicher über den frühen 2000ern, mussten sich aber nur gegen die Simpel-Polygone des Originals behaupten. Die Tiefflüge und Bombardements waren dort aber bildschönem 2D gehalten, gegen das sich das gut gemeinte HD-Facelift wenig schmeichelhaft schlägt. Der Gestaltung geht jeglicher Charme oder ein dem Spiel eigener Look ab. Beliebigkeit und Copy-and-Paste bestimmen das Bild.

Dass ein Spiel für nur 15 Euro von einem kleinen Team 3D-Grafik auf iPad-Air-Niveau liefert, ist zu verschmerzen. Doch dieses Remaster versagt dabei, auch nur ansatzweise wiederzugeben, was für ein schönes und aufwendiges Spiel Wings damals war. Die Zwischensequenzen sind mit schönen Zeichnungen auf dem richtigen Weg, alles, was das eigentliche Spiel angeht, würde ich aber lieber im Menü gegen die alte Darstellung austauschen. Immerhin darf man die prinzipiell O. k. modernisierte Musik auch durch die schönen klassischen Klänge ersetzen und den Sprecher deaktivieren, aber so versetzt einen dieses Wings eben nur zur Hälfte in die frühen Neunziger zurück.

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Gut für 90 Sekunden Abwechslung und zum Glück selten länger: Die Bombardements.

Am Ende haben wir es hier mit einem HD-Remaster zu tun, das sich wenig zu Schulden kommen lässt und im Grunde nur daran scheitert, dass dem Team ein 3D-Grafiker fehlte, der etwas hätte produzieren können, das dem gewinnenden Charme und der weltmännischen Klasse des Originals näher käme. Der tragische Misserfolg, der immer zu befürchten steht, wenn neue Leute einen geliebten Titel anfassen, ist ausgeblieben. Immerhin. Dank einiger zeitlos-interessanter Elemente bleibt sogar die rosarote Brille drauf, auch wenn ich, vor die Wahl gestellt, immer wieder zum überlegenen Original greifen würde.

Wem diese Option verwehrt ist, dem genügt Wings Remastered Edition als Auffrischer - und sei es nur, um nach so langer Zeit mal wieder die wundervolle Musik zu hören, die vor jedem MG-Gebrüll vergangene und künftige Heldentaten besingt.

6 /10

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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