Das ging dann ja doch schneller und vor allem reibungsloser als gedacht. Am Dienstag erschien Version 1.0 von Elite: Dangerous nach einem wahnsinnigen Bugfixing-Marathon in der Gamma-Phase. Allein in den letzten drei Tagen vor Release kam fast täglich ein neues Update zu diesem Nachfolger eines der legendärsten Spiele aller Zeiten heraus. Der Launch selbst verlief so reibungslos, wie selten ein Online-Spiel an den Start ging. Einfach neueste Version herunterladen und losspielen. Nicht mal einen Wipe gab es, wofür ich nach gut 40 Stunden Gamma-Verstrahlung und Space-Trucker-Tunnelblick durchaus dankbar war. Elite: Dangerous ist in der jetzigen Form ein robustes, und zu weiten Teilen ausgereiftes Spiel. Jetzt muss man sich nur fragen, was man persönlich davon erwartet.

David Brabens Frontier Developments - wer mag, erfährt mehr über seine Vision für Elite Dangerous in unserem Artikel zur prozeduralen Entstehung dieses virtuellen Universums - hat sich und dem Spiel in dieser Hinsicht mit dem reißerischen Launch-Trailer nicht gerade einen Gefallen getan. Was hier gezeigt wurde, war Weltraumaction der Generation Guardians of the Galaxy. Bunt, schnell und für Leute mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne, wo das eigentliche Spiel ein meist eher friedfertiges, gemütliches, erhabenes Bild vom All im Jahre 3300 abbildet. Aber vor allem muss man sich darüber im Klaren sein, dass Version 1.0 noch lange nicht das Ende vom Lied ist und die Entwicklung eine fließende sein wird. Wenn es nach Braben geht, gerade von der Queen mit dem OBE-Verdienstorden ausgezeichnet, wird das Spiel niemals wirklich fertig sein.

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Ein Freund beim Aufsammeln wertvoller Fracht. Man sieht sogar, wie sich die Verladeluke öffnet.

Also kurzum: Elite: Dangerous ist weder der Star-Citizen-Konkurrent, für den es der Trailer ausgibt, noch im aktuellen Zustand ein vollumfängliches Weltraum-MMO. Was es aber ist, ist der Optimalfall für ein Spiel dieses Namens. Genau so und nicht anders musste sich ein Elite unter modernen technischen Voraussetzungen anfühlen. Und obwohl es noch ein langer Weg ist, bis das ganze Potenzial dieser virtuellen Milchstraße erschlossen ist, steht das Spiel auf stabilen Beinen. Das ist nicht für jedermann. "Ziellos" werden es einige schimpfen, "beliebig" andere. Für diejenigen unter uns, für die die Erschließung des Weltraums schon Spiel genug ist, geht mit diesem Titel jedoch ein Traum in Erfüllung. Es ist das gleiche endlose Universum wie vor 30 Jahren, das gleiche erbauliche Gefühl unbegrenzter Möglichkeiten und einer Reise, die niemals endet, egal wie weit man fliegt. Es ist ein Spiel, das auch ohne großen Auftrag oder Sinnvorgabe fasziniert, fesselt, und das stellenweise mit einer geradezu bedrohlichen, leblosen Schönheit.

Wer 1984 auf dem C64 oder Spectrum ZX beziehungsweise bei den Nachfolgern auf PC und Amiga noch nicht dabei war, fragt sich sicherlich, worum es geht. Nun, in Elite: Dangerous sucht ihr in einem weitestgehend dem bekannten All nachempfundenen, frei erkundbaren Universum nach dem Glück. Dazu steht euch in erster Linie ein dynamischer Gütermarkt zur Verfügung, den ihr mit eurem ersten kleinen Raumschiff, dem zerbrechlichen Sidewinder, auf Profite abklopft. Schnell lernt ihr, wo es was zu kaufen gibt und wer dafür mehr bezahlt als alle anderen. Jede Raumstation hat ihren eigenen Wirtschaftszweig, vom Agrarsektor über Bergbau bis hin zu Hightech erschlossen sie sich ihre Sparte und die Warenkreisläufe werden im Hintergrund von einer Meta-Simulation so durchgespielt, dass Angebot und Nachfrage und damit die Preise im Fluss bleiben.

Nach einer Weile entdeckt ihr eure eigenen lukrativen Handelsrouten, könntet aber das Pech haben, dass sowohl KI-Kommandeure als auch andere Spieler es euch gleichtun und nach und nach die Preise kaputt machen. Nach und nach rüstet ihr euer Schiff mit besseren Waffen und größeren Frachtcontainern auf oder kauft euch gleich ein größeres, um noch mehr Waren hin und her zu schaufeln - oder aber eine andere Karriere einzuschlagen. Wie wäre es etwa als Bergbauer auf der Suche nach goldenen Asteroiden in den Ringen eines Gasriesen? Dann braucht ihr einen entsprechenden Laser und eine interne Raffinerie. Ganz wehrlos solltet ihr am besten auch nicht sein, weil euch bei der Arbeit jederzeit Piraten in den Rücken fallen könnten, die euch meist erst einmal herzlich bitten, doch eure Erträge abzuwerfen, um Schaden an eurem Flieger zu vermeiden.

"Schon jetzt tun sich etwa auf Reddit-User zusammen, um fast wie bei Eve ein System namens Lugh vom Einfluss der Föderation zu befreien."

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Wo das ist, wird nicht verraten. Eine der schönsten Raumstationen im Spiel.

Wie wäre es, als Entdecker fremde Systeme zu scannen und die Daten an ein Kartografieinstitut zu verkaufen und über Sonnen zu stolpern, deren Farben man noch nie sah? Oder aber ihr wollt euch als Kopfgeldjäger verdingen, weil euch der Sinn eher nach Action und Raumkampf steht? Dann besorgt euch eine Viper (ein schwerer Jäger) oder eine Cobra Mk III (das vielleicht beste Allzweck-Schiff im Spiel) und scannt das Sonnensystem nach Kommandeuren mit "Gesucht"-Status. Beachtet dabei aber immer, dass auch diese Gesetzesbrecher einer der vielen Fraktionen angehören können, die das Mächteverhältnis in einem System unter sich ausmachen.

Wollt ihr euch mit den Behörden gutstellen, solltet ihr vielleicht auf das Kopfgeld verzichten, dass die Rebellen auf den Piloten unter eurem Fadenkreuz ausgesetzt haben. Schon jetzt tun sich etwa Reddit-User zusammen, um fast wie bei Eve ein System namens Lugh vom Einfluss der Föderation zu befreien, indem sie die Unabhängige Crimson Group dort unterstützen. Den Einfluss der Splittergruppe konnten sie bereits empfindlich erhöhen, gut möglich, dass die Föderation den Einfluss über Lugh verliert.

Es ist dieser spielergetriebene Aktionismus, der viel von der spartanisch vorgetragenen Handlung ausbalanciert oder ausbalancieren wird. Die eigentliche Geschichte von Elite: Dangerous spielt sich lediglich in Nachrichten an den Message-Boards der mit der Zeit beinahe organisch wachsenden Raumstationen ab. Aber schon das regt die Fantasie an, wenn man fast täglich davon liest, wie ein Prominenter die Sklaverei in einem bestimmten System verursacht, eine Sektorregierung eine neu entdeckte weiche Droge verbietet - und damit die Schwarzmarktpreise in die Höhe treibt - oder ihr von kriegerischen Ausschreitungen hört. So steuert Frontier Developments aus Cambridge heraus das Augenmerk der Spieler an verschiedene Stellen der Galaxis und bringt aus der Ferne Steine ins Rollen, von denen man jetzt noch gar nicht sagen kann, wo sie irgendwann zum Liegen kommen.

"Frontier bringt aus der Ferne Steine ins Rollen, von denen man jetzt noch gar nicht sagen kann, wo sie irgendwann zum Liegen kommen."

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Ein solches Großkampfschiff anzutreffen ist äußerst selten und ein Ehrfurcht gebietender Moment.

Aktuell ist der eigentliche Gameplay-Loop natürlich noch überschaubar, aber das ist er in DayZ auch. Ihr fliegt von A nach B, handelt, kämpft hier und da, klaubt per Wasserstoffschaufel Treibstoff aus der oberen Atmosphäre einer Sonne auf oder erledigt einige der prozedural generierten Missionen. Auch in diesen geht es häufig um Transport oder Beschaffung von Rohstoffen, einige verzweigen sich mittlerweile aber sogar. Etwa wenn die Piraten, deren Kopfgelder ihr einkassieren wollt, den Spieß umdrehen, das Angebt erhöhen und euch bitten, Raumschiffe der Regierung anzugreifen.

Je nachdem, wie ihr euch entscheidet, greift ihr wieder einmal in das lokale Mächteverhältnis ein und sammelt gleichzeitig Sympathie- oder Antipathie bei den Verantwortlichen, was wiederum darin resultiert, was für Missionen euch angeboten werden und welchen Rang ihr euch erspielt. Einige Raumschiffe sind nur zugänglich, wenn ihr weit genug im Ansehen aufgestiegen seid. Für den ausnehmend schönen Imperial Clipper müsst ihr zum Beispiel den imperialen Rang des Baron erreicht haben. Wie gesagt: Bisher ist das alles überschaubar, aber die Systeme sind dermaßen passgenau an Ort und Stelle, dass hier etwas absolut Wundervolles erwachsen kann. Es fehlt bislang nur die Varianz in den Aufträgen.

Dass man diesem Spiel so freigiebig Vertrauen entgegenbringt, liegt daran, dass es sich schon jetzt einfach wunderbar anfühlt, entsprechend aussieht und auch so klingt. Alleine auf der interaktiven Sternenkarte kann man Stunden verbringen, während man sie dreht, zoomt und wendet, Routen plant oder einfach nur mal den Pferdekopfnebel als 3D-Modell genau in Augenschein nimmt. Natürlich ist Star Citizen mit seiner CryEngine 3 und romantisiertem fiktionalen Stück All der Popstar unter den Weltraumspielen. Aber Elite: Dangerous zaubert mit seinen nüchternen Designs und dem authentischen Abbild unserer Galaxis ebenfalls Panoramen auf den Bildschirm, die in großer Regelmäßigkeit zum Griff zur Screenshot-Taste veranlassen.

"Dass man diesem Spiel so freigiebig Vertrauen entgegenbringt, liegt daran, dass es sich schon jetzt einfach wunderbar anfühlt."

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Im Bild: 110 x 110 x 110 Lichtjahre Weltraum auf der Sternenkarte. Und ja: Jeder der kleinen Punkte ist ein eigenes Sonnensystem, die feinen Verästelungen stellen die Sprungrouten dar.

Dazu kommt eines der besten Sounddesigns des Jahres. Springt man hier von einem System ins nächste, befürchtet man fast, unter dem ohrenbetäubenden Rattern und dem folgenden galaktischen Kanonenschlag würde das Schiff auseinanderbrechen. Scannt man ein fremdes System das erste Mal, um all seine Himmelskörper zu entdecken, gibt euer Schiff einen Laut von sich wie ein interstellarer Blechwal und wer mit Freunden die Spielinterne Sprachkommunikation nutzt, meint fast, die Astronauten auf der ISS anzufunken, so echt klingt der Rauschfilter, der auf den Stimmen liegt.

Und dann erst das Interface-Design. Ich schwärme schon länger davon, wie gut die holografischen Bedienfelder gelöst sind, die erst dann aufploppen, wenn der Pilot seinen Blick nach links oder rechts schwenkt. Man fühlt sich tatsächlich wie der Kapitän seines eigenen Schiffs, auch weil man jedes einzelne seiner Systeme an- und abschalten darf, Waffen und Schiffsysteme eigenhändig Feuergruppen zuweist und allgemein jedes kleine funktionale Detail seines Potts im Griff hat. Bei abgeschalteten Flughilfen lassen sich Manöver vollführen, bei denen sich die Spreu vom Weizen trennen wird: Leute, denen der legendäre Elite-Rang wohl auf immer verwehrt bleiben wird, von denjenigen, die durchaus eine Chance darauf haben. Obwohl: Selbst wer nicht der größte Künstler am Joystick ist, kann dank der neuen separaten Entdecker- und Händlerränge ebenfalls eine steile Karriere in diesem Universum hinlegen.

Apropos Joystick. Mit jedem neuen Schiff, das ich mir erspiele, feile ich ein bisschen mehr an der perfekten Tastenbelegung meines Hotas-Systems herum. Meine Python verfügt mittlerweile über vier Feuergruppen, weshalb wieder ein Knopf an eine andere Stelle rückte, mittlerweile bin ich dem perfekten Layout aber ziemlich nahe. Ich kann nicht genug betonen, wie sehr das Spielgefühl davon profitiert, wenn man Elite mit beiden Händen an Stick und Schubeinheit genießt. Wer mit dem Gedanken spielt, mit so einem Gerät den Grundstein für sein eigenes Cockpit zu legen, der wendet sich vertrauensvoll an unseren Artikel "Die besten Hotas-Sticks im Test".

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Der Habitatsring eines Weltraumhafens: David Braben hat mir mal gesagt, die Wohnfläche dort drinnen sei größer als die gesamte Karte von GTA 5.

Ihr seht schon, ich bin Elite: Dangerous ein Stück weit verfallen, auch wenn das Spiel noch am Anfang seines Weges steht. Ein recht ausgeprägtes Problem hat es bei allem verdienten Lob aber doch: Das gezielte Zusammenspiel zwischen zwei oder mehr menschlichen Piloten ist aktuell nicht nur recht kompliziert, sondern auch vom Glück abhängig. Elite verlässt sich auf instanzierte Sonnensysteme, Hyperraumflüge und Zufallsereignisse. Im Moment gibt es keine Garantie, dass zwei Piloten, die dieselbe Station anfliegen, dort einander auch wirklich treffen. Auch wenn einer eurer Freunde während der Reise von den Behörden oder Piraten aus dem Hyperraum gezogen wird, ist es schwierig, einander wiederzufinden, sodass es aktuell eher ein Nebeneinander ist als ein Miteinander. Für "Anfang 2015" verspricht Frontier allerdings das Feature, sich und seine Freunde als "Wing", also als Geschwader, zu deklarieren, wodurch es dann auch möglich wird, zusammen Missionen anzugehen und Belohnungen sowie Kopfgelder zu teilen. Wie gesagt: Es ist eine lange Entwicklung, denn auch die geplanten Planetenlandungen sind noch in weiter Ferne.

Womit wir wieder bei den Erwartungen wären: Das hier ist eindeutig kein Spiel, das jedem gefallen wird. Wer Erfolg in Credits misst und keinen Sinn im schieren Entdecken und Erleben sieht, dem stehen viele Stunden bevor, die sich beinahe wie Arbeit anfühlen. Während diejenigen sich immer noch fragen, warum sie all das machen, dreht mein Geist aber schon lange frei. Mit offenem Mund kreise ich um dunkellilafarbene Sonnen, zähle bronzefarbene Asteroidenringe, die sich wie ein Arm voll dunkler Perlenketten um einen fast porzellanen Planeten legen, oder schaue bald erloschenen Zwillingssternen bei den letzten Pirouetten ihres Jahrmilliarden langen Tanzes zu.

Elite: Dangerous ist noch nicht, wo es hinwill. Aber es kennt den Weg dorthin und ist mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs. Ich kann mir gerade wenige schönere Orte vorstellen als seinen Beifahrersitz.

9 /10

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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