Danke für alles, Hideo Kojima!

Warum der Bruch mit Konami für Metal Gear vielleicht das Beste ist.

Und das Internet ist noch da. So, wie die Trennung Hideo Kojimas von Konami - oder Konamis Trennung von Hideo Kojima - verlief, hätte ich einen Knall der Lautstärke "West-Zampella gegen Activision" erwartet. Natürlich, die offiziellen Stellungnahmen klingen versöhnlich. "Konami Digital Entertainment, darunter Mr. Kojima, wird auch weiterhin Metal-Gear-Produkte entwickeln und unterstützen. Freuen Sie sich auf künftige Ankündigungen", sagt der Publisher. In einer späteren, gemeinsamen Bekanntgabe hieß es unterdessen vonseiten Kojimas: "Ich möchte den Fans erneut versichern, dass ich zu 100 Prozent beteiligt bin und weiterhin an Metal Gear Solid 5: The Phantom Pain arbeiten werde".

Für ihn scheint es weit mehr um das Hier und Jetzt zu gehen, um mit MGS5 einen Schlussstrich unter dieses Kapitel zu ziehen. Von künftigen Metal Gear unter Kojima-Beteiligung, ist hier schon keine Rede mehr und man darf bezweifeln, ob der Stil, in dem die Trennung erfolgte, dies überhaupt zuließe. Die Firma strich den Namen ihres Rockstar-Entwicklers - des Posterboys des wichtigeren von wohlgemerkt zwei Core-Spielen in diesem Jahr - noch vor der Veröffentlichung des Spiels von den Promo-Materialien und hinter den Kulissen scheint sich das Studio, Kojima Productions, ebenfalls in der Auflösung zu befinden. Dass der Zugang bisheriger Führungsmitglieder zu Kommunikation und Firmeninterna eingeschränkt worden sein soll, mag nur folgerichtiges Protokoll sein, lässt nach 30 Jahren Angestelltenverhältnis aber dennoch tief blicken.

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Alles Gute!

Wenn diese Dinge nicht warten konnten, bis das Spiel draußen ist, muss bei Konamis zu Hause Familiengeschirr an die Wand geflogen sein. Ich hoffe, dass es keine kreativen Differenzen waren, die einen Keil in diese oft schwierig wirkende Ehe trieb, denn nur dann können wir sicher davon ausgehen, dass wir The Phantom Pain in genau der Form erhalten, die Kojima angedacht hatte (man stelle sich nur mal nach einem furiosen Höhepunkt, der eine wundervolle Schleife an die Reihe macht, eine zusammengeschusterte Post-Credit-Sequenz vor, die sich doch noch alles für zweijährliche Sequelitis offenhält!). Eine Woche später und mit kühlerem Kopf kann ich mittlerweile sagen: Bei aller Wehmut, die bei Trennungen auch immer mitschwingt, muss das Ende dieser Ära nichts Schlechtes sein.

Sind wir mal ehrlich, so sehne wohl nicht nur ich mich schon länger nach einem kraftvollen Abschluss für die Reihe, sondern anscheinend auch Hideo Kojima. Seit Metal Gear Solid 2 deutet er mit erstaunlicher Regelmäßigkeit und in unzweideutiger Wortwahl seinen Abschied von der Reihe an. Auch für den fünften Teil hörte man dies immer wieder, zuletzt zwei Wochen vor dem aktuellen Drama. Dieses Mal stimmt es und ich kann kaum sagen, wie sehr mich das freut. Nicht, weil ich nicht jeden Teil für sich genommen unglaublich schätzte, sondern weil diese Branche die Kunst, eine Geschichte zu beenden, entweder verlernt oder nie beherrscht hat. Alles muss sich - aus finanziell verständlichen Gründen - in perpetuum fortsetzen. So sehr man sich manchmal selbst auch wünscht, dass bestimmte Dinge niemals aufhörten: In der Regel verlieren sie in der Fortsetzung irgendwann an Wert.

"So sehr man sich manchmal selbst auch wünscht, dass bestimmte Dinge niemals aufhörten: In der Regel verlieren sie in der Fortsetzung irgendwann an Wert."

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Hideo Kojima, junggebliebene 51 Jahre.

Der Meister hat sein Universum zwischen dem MSX-Debüt, MGS und MGS4 so zielgenau zwischen Vergangenheit und naher Zukunft abgesteckt, dass man sich fragen muss, wohin kann es nach Teil fünf noch gehen kann oder sollte? Im Gespräch mit IGN sagte er vor einer Weile selbst, "die Spiele, die ich persönlich produziert und entwickelt habe - Metal Gear auf dem MSX, MG2, MGS1, 2, 3, 4, Peace Walker und nun MGS5 - sind stellen eine einzige 'Metal Gear Saga' dar. Mit MGS5 schließe ich diesen Zyklus ab." Eine solche Ankündigung hat für mich in der aktuellen Spielelandschaft beispiellosen Event-Charakter, in welcher Form und unter wessen Regie auch immer der Rechteinhaber Konami den Namen für künftige Titel weiternutzt. Das hier ist für ihn und mich "das Ende" und ich kann alles, was danach kommt, geflissentlich ignorieren, wenn mir danach ist.

Noch gar nicht gesprochen hätten wir dann über die Tatsache, dass der Designer Hideo Kojima so schnell wohl nicht das Spielemachen an den Nagel hängt. Vielleicht bekommen wir endlich einen spirituellen Snatcher-Nachfolger? Was, wenn er den Gedanken von Policenauts wieder aufgreift? Dass ich nicht in der Lage bin, mir weitere Szenarien auszumalen, was von ihm als nächstes kommt, liegt weniger an meiner mangelnden Fantasie, als an seiner unberechenbaren, unzügelbaren, manchmal ein bisschen anstrengenden Kreativität. Es werden spannende Zeiten, wenn der Japaner diese Energie auf einen unverbrauchten Kontext anwenden darf. Mit seinem Namen stehen ihm bei jedem Publisher der Welt Tür und Tor offen und selbst bei vollständiger Unabhängigkeit müsse er sich in Zeiten von Kickstarter und Patreon keine Gedanken machen, dass sein weiteres Schaffen gesichert ist. Mit ein bisschen Glück läuft es nicht wie bei Peter Molyneux.

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Und am Ende reiten wir in den Sonnenuntergang!

Die einzige Tragödie ist aktuell die, dass die Zukunft von Silent Hills, das allein mit seinem spielbaren Teaser "P.T." eines der erinnerungswürdigsten Erlebnisse des letzten Jahres lieferte, nach diesem viel publizierten Abgang jetzt recht ungewiss scheint. Konami ist nun in der Pflicht, in der internen Umstrukturierung zu retten, was zu retten ist. Es wird nicht einfach.

Doch zurück zu MGS. Teil fünf wird in jedem Fall etwas ganz Besonderes. In einer Zeit, in der Serien häufig weit über ihren Zenit hinaus weitergeführt werden, ist es umso bedeutender, zur Abwechslung Mal das Letzte von irgendwas erleben zu dürfen. Das letzte Kojima-Metal-Gear. Diesmal wirklich. Die Kumulation aller bisher angedachten und angedeuteten Abschiede, fett und doppelt unterstrichen durch die Art, wie die Trennung eines der letzten unersetzlichen Kreativen dieses Business von seiner Mutterfirma jetzt verlief. Ich werde es mit noch größerem Genuss spielen, jede Sekunde auskosten und im Anschluss wieder gedanklich Verschwörungs-Diagramme malen und rotes Garn von einem Porträt an der imaginären Pinnwand zum nächsten ziehen. Es wird ein bisschen wehtun, jeder Abschied tut das. Lasst uns dennoch Metal Gear Solid 5 im September als Feier einer bemerkenswerten, verqueren und unvergleichlichen Reihe begehen, nicht als Beerdigung.

In diesem Sinne: Danke für alles, Herr Kojima!

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel. test

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