Mehr als nur HD. Dark Souls 2 neu durchgeschüttelt und nun als mörderische Bestie, die jedem Profi was zu tun gibt. Sterben hauptsächlich.

Keine Frage, ein Sturm ist aufgezogen. Während ich diese Zielen schreibe, peitscht er um das Haus, grollt sogar durch fest verschlossene Fenster und würde ich es nicht besser wissen, ich würde glauben, dass mein Dark Souls 2 sich einfach nur dieser Kulisse anpassen wollte. Wie ein Orkan fegt der Verfolger über mich her, immer wieder, und alles, was ich machen kann, ist rennen. Und nein, es ist nicht - nur - der bekannte Endboss. Er hat sich von seinen Fesseln befreit und sucht meinen armen Helden durch das Spiel hinweg immer wieder heim. Wo vorher nichts war, thront ein roter Drache. Wo vorher nur ein paar übergroße Knilche standen, patrouillieren nun ein halbes Dutzend weißer Ritter als Begleitschutz. Und auch wenn sie harmloser aussehen als die bekannten Bewohner, die Neuzugänge sind schnell, brutal und vor allem im Verbund mit ihren großen Freunden so tödlich wie alles, was man mit dem Namen Souls assoziiert. Ihr kennt Dark Souls 2? Nicht mehr. Das. Ist. Souls!

Das Spiel gibt euch noch einen freundlichen Hinweis dazu mit auf den Weg. Wo vorher hinter Majula und dem Tunnel ein relativ friedlicher Bach zur ersten Burg führt, watet nun ein ausgewachsener Zyklop durch das Wasser. Freundliche Warnung insoweit, als dass er euch in Ruhe lässt, solange ihr ihm nicht direkt vor der Nase herumrennt und so den übertragenen Mittelfinger zeigt. Der Typ mit den Riesenkeule, den ihr sonst zuerst bei den vier Ballisten zu Gesicht bekamt? Praktisch ein Standardgegner in diesem Abschnitt. Und dann ist da der Verfolger. Zuerst tauchte er mitten in der Festung auf, während ich gerade mit vier Hunden und ihrem Herrchen mehr als ausreichend beschäftigt war. Zwei Hiebe später fragte ich mich erst mal, was der riesige Typ da eigentlich von mir wollte, der meinen Level-50-Helden so fachgerecht mit seinem Schwert aufspießte, meine traurigen Reste hochhielt und sie dabei noch als Bonus verfluchte. Nicht, dass es in dieser Verfassung einen großen Unterschied machte. Und er taucht auch nicht immer auf, er wurde zu einem dieser vielen Mysterien dieses Spiels, zu meinem aktuell dringendsten noch dazu.

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Als wäre ein Zyklop nicht genug, muss nun auch noch der Verfolger seinem Namen alle Ehre machen. Okay, der Zyklop war nicht genug, aber das ist schon ein wenig Overkill.

Und so zieht es sich durch alle Abschnitte. Dark Souls 2 galt aus verschiedenen Gründen als der schwächste Teil der Souls-/Bloodborne-Reihe. Zu linear, zu einfallslose Bosse und vor allem zu einfach. Natürlich nur im Rahmen dieser Ausnahmeserie und zumindest das letzte "Problem" ist definitiv behoben. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass Scholar of the First Sin wahrscheinlich im ersten Spieldurchlauf nun das Härteste ist. Wo ich Demon's Souls und Dark Souls schon mal relativ entspannt den Abend über eine neue Runde starten kann und eigentlich nirgendwo mehr groß auf Probleme stoße, hat mich Scholar of the First Sin gestern fertig gemacht. Es hat mich an den Punkt gebracht, wo ich mich frage, wie ich das schaffen soll. Ob ich das schaffen kann. Ob ich das eigentlich überhaupt noch schaffen will.

Ganz ehrlich, ich hätte nach einer Weile nichts mehr an einem "Classic-Modus" auszusetzen gehabt. Solche Momente der Schwäche begannen sich immer mehr zu häufen und zeigten mir, dass ich mit der Reihe klarkomme, ganz routiniert und gut darin, aber dass ich nicht weiß, ob ich gut genug dafür bin. Der große Spaß der Rückkehr in das eigentlich vertraute Terrain besteht darin, dass ihr euch mit noch mehr Vorsicht, als ihr sie in Dark Souls 2 je an den Tag legtet, durch die Level bewegt. An jeder Ecke wurden Gegnerplatzierungen verändert, Fallen eingebaut und damit gespielt, dass man ja weiß, was die Leute an einem bestimmten Platz erwarten. Zum Beispiel nicht, dass die großen Kuttenträger der Bastille plötzlich auch diverse Magiearten auf dem Kasten haben. Von solchen Kleinigkeiten bis hin zu Drachen, die im Äquivalent von gerade mal Level 3 dieses Spiels plötzlich die Flüge strecken, damit hält Scholar gerade Kenner auf Trab und bringt sie noch öfter um, als das eh schon der Fall war.

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Äh. Ja. Weg hier.

Die beiden Worte, die mir dabei als erstes einfallen, sind "Balance" und "Fairness". Nun, alles ist relativ. Es gibt sicher genug Spieler, die das, was ihnen hier übergebraten wird, von vornherein als frei dieser beiden Dinge empfinden dürften. Souls-Spieler dagegen lernen mit allem zu leben und auch hier merkte ich langsam die Transformation, die meinen "Wie soll das gehen?!"-Blues verschwinden ließ. Man weiß halt bald einfach, dass man auf einem anderen Level spielen muss. Dass es eben kein netter Spaziergag mehr ist - wiederum, alles sehr relativ -, sondern dass heute die eigene spielerische Bestform gefragt ist. Und ja, alles ist auch machbar. Entweder durch reines Geschick oder durch ein wenig Grinding-Hilfe, aber schließlich war der Verfolger fürs Erste erledigt, der Drache Toast und es ging weiter in die nächste nicht überlebbare Situation. Es ist also fair und balanciert. Nur eben nicht einfach oder vergebend, nicht mal auf dem Dark-Souls-2-Niveau. Nicht mal auf Dark-Souls-Niveau. Fehler? Macht sie einfach nicht. Scholar wird sie nicht akzeptieren. Lernt das, akzeptiert das und ihr solltet miteinander klarkommen.

Die erste und zweite Schwäche, das lineare(re) Leveldesign und die Bosse, wurden nicht angefasst. Gerade Letztere sind nun allerdings fast eine Art Entspannungstherapie nach den Abschnitten, die zu ihnen führten. Wenn es überhaupt Änderungen gab, sind sie so marginal, dass sie mir einfach nicht groß auffielen, oder sie machten das Durchkommen an diesen Stellen in keiner Weise schwerer. Das heißt auch, dass es nach wie vor viele etwas einfallslose Bosse gibt, um die ihr fröhlich herumzirkelt. Da hatten die ersten beiden Spiele mehr Kreativität, wie auch Bloodborne hier klar gewinnt. Den eigentlichen Aufbau der Level zu ändern wäre sicher ein gewaltiger Aufwand gewesen und so erstaunt es nicht, dass da nicht viel passierte. Allerdings wurden viele Gegenstände umverteilt und auch ein paar Hindernisse wie die mit den Zweigen zu belebenden, davor aber unzerstörbaren Statuen neu verteilt, sodass der Ablauf sich leicht ändert. Nett für Kenner, relativ egal für Erstspieler.

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Licht und Schatten sehen nun deutlich besser aus, aber wirklich lebenswichtig ist die Fackel immer noch sehr selten.

Und was macht nun die verfluchte Technik? Kommt sie nun dem nahe, was uns damals initial gezeigt wurde? Ja, nein, so halbwegs, aber eigentlich nicht. Scholar spielt mehr mit Licht und Schatten, als es das sehr hell ausgeleuchtete Original tat, aber spielentscheidend ist es immer noch nicht. Es stehen mehr zu entzündende Fackeln herum, die dunkle Areale wie No Man's Wharf hübsch illuminieren, aber dass ich das erst tat, nachdem der Boss erledigt war und auch nur um zu gucken, wie es denn aussieht, spricht Bände. Nun, es sieht nett aus und man braucht es immer noch nicht. Außer natürlich, um die lichtscheuen Monster zurückzudrängen, aber das gab es ja vorher auch schon.

Generell sollte man sich auf einen kleinen Schock vorbereiten, wenn man direkt von Bloodborne zu Scholar springt. Bloodborne mag kein The Order sein, aber es ist Lichtjahre dem voraus, was euch hier erwartet. Immer Abstand halten, das Design, das zum Besten gehört, was in digitaler Kunst verfügbar ist, genießen und bloß nicht zu genau jede Textur analysieren. Die sind zwar überarbeitet worden, aber die 1080p bringen die Schwächen sehr deutlich zum Vorschein. PC-Spieler kennen das bereits, und auch die 60fps, die ihr nun auf PS4 und Xbox One genießen dürft. Die sind allerdings wirklich genial und machen wiederum den Wechsel zurück zu Bloodborne etwas holperig. Aber trotzdem, Dark Souls 2 ist nach wie vor ein visuell brillant entworfenes und technisch eher leicht über mittelmäßig umgesetztes Vergnügen. Besser als andersherum, nehme ich an.

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Ich will gar nicht wissen, was da jetzt unten lauert. Aber ich werde es wohl rausfinden...

Wirklich neues Material findet ihr hier nicht. Die drei DLCs, die gut starten und stark enden, sind dabei, und das ist es dann auch. Neue Abschnitte dieser Art gibt es nicht, aber auch so ist das ja nicht gerade ein kleines Spiel. Mit den neuen Änderungen fühlen sich die alten Stages eh durchaus neu an, insoweit vermisse ich hier nicht viel. Die Benutzerführung blieb gleich, ein netter Zug ist allerdings, dass ihr Seelen-Items nun aus dem Inventar heraus in beliebiger Anzahl gleichzeitig nutzen könnt, um schnell an die Seelen zu kommen. Obwohl, dieses einzelne Verbrennen hatte schon was...

Dark Souls 2: Scholar of the First Sin ist ein ganze Menge. Es ist auf jeden Fall ein angemessenes HD-Update mit seinen 1080p und 60fps. Selbst wenn das die eine oder andere und eigentlich fast jede andere auch unzeitgemäße Textur betont, ist gerade auf den neuen Konsolen die neue Flüssigkeit viel wert. Es ist aber noch viel mehr als das. Ist es die ultimative Version? Für die harten Souls-Fans sicher. Gehört ihr dazu, dann viel Spaß. Ihr werdet sterben. Oft. Und oft genug, als wäre es das erste Mal. Für Einsteiger? Nein. NEIN! War Dark Souls 2 bisher ein im sehr relativen Sinne lockerer Weg in das Souls-Universum, endet das mit der Scholar-Edition. Es ist von dieser Warte aus schade, dass es keine "Classic"-Option gibt, man merkt aber auch, dass die Verteilung von Gegnern und Items, die Fallen, alles an dem Spiel einen perfide durchdachten Eindruck hinterlässt. Ich denke, dass man hier sogar von einem echten "Director's Cut" sprechen kann. Die sind oft genug etwas anstrengender, aber auch lohnender (zumindest bevor es zu einem beliebigen DVD-Verkaufslabel wurde). Ist es also die ultimative Version? Sicher. Auch wenn sich an meiner persönlichen Souls-Top-Reihenfolge nicht viel ändert, es ist eines der besten Spiele überhaupt, in die ihr euch verbeißen könnt.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chief Editor - Eurogamer.de

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