Mortal Kombat X - Test

Jeder Generation ihren Knochenbrecher.  

Mortal Kombat ist Mortal Kombat. Das hat sich seit Hardware-Generationen nur wenig geändert - sieht man mal von den Aussetzern zum Aufbruch ins 3D-Zeitalter ab -, und da vieles auf dem Index oder in sonst welchen Listen vor sich hinvegetiert, bleibt als Intro kein geschichtlich langweiliger Rückblick. Gleich zum Eingemachten also und dem, was diese Historie geradezu herausfordert:

MK X! Es ist da! Hereinspaziert, Damen und Herren, erfreuen Sie sich an den feinsten X-Ray-Knochenbrechern in diesem Universum, den feistesten Herzrausreißern unter dem blauen Frühlingshimmel und anderen Köstlichkeiten, die nur Mortal Kombat X so bietet!

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Kinder, wie die Zeit vergeht. Sub-Zero ist alt geworden... Da fühlt man ja glatt selbst die Jahre.

Okay, noch mal, mit so viel Ernst und Aufrichtigkeit, wie ich dem Thema bereit bin entgegenzubringen: Was soll der Tanz? Ja, Mortal Kombat X ist nicht zimperlich, aber das sind all die anderen "normalen" Ab-18er auch nicht. Im Gegenteil, hier fehlt jeder Ernst, jeder Bezug zu irgendwas Realem, selbst die Figuren früherer Spiele sahen in ihrer Digi-Glorie wirklichkeitsnäher aus als diese Plastiksammelfiguren - Kritik-Spoiler: die Charaktermodelle sind nicht hübsch. Als Beispiel kann wunderbar das gepriesene BioShock Infinite herhalten. Das ist ein martialisches Schlachtfest. MK X? MK war schon immer Comic, das geht nun bis an die Grenzen der Splatter-Komödie. Und darüber hinaus. Denn eigentlich ist die Gewalt hier nur noch schräg und auf eine schrullige 90s-Art lustig. Als wäre es eine Parodie dessen, was es mal kontrovers machte. Nun, wir werden sehen, ob auch MK X in den nächsten Tagen den üblichen Weg eines Mortal Kombat einschlägt. Sehen wir es mal so: Eigentlich ist es inzwischen fast so etwas wie ein Ritterschlag. Wäre doch fast schade, wenn der diesem Spiel verwehrt bliebe, nur weil das hier keiner mehr ernst nehmen kann.

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Zeugs zum Freischalten? Aber ja, tonnenweise auf der Krypta. Bis ihr hier alles habt, müssen viele Türme erklommen werden.

Was das genau ist, ist nicht nur das übliche Knochenumsortieren, sondern natürlich auch eine Handlung, für die selbst Van Damme und Christopher Lambert nur in höchster Not unterschreiben würden. Also zu jedem Zeitpunkt der letzten 20 Jahre. Ehrlich gesagt war ich ab einem gewissen Punkt dankbar, dass man jede Szene abbrechen kann, denn 90 Prozent der Handlung, die euch als semi-spielbarer B-Movie präsentiert wird - mit extrem hässlichen Charaktermodellen, aber sonst visuell leidlich passabel - passen auf die Rückseite eines Bierdeckels. Der danach weiter benutzt wurde. Wodurch einige Sätze verschmierten und gestrichen wurden. Nicht, dass die Logiklöcher groß auffallen würden. Aber zur Hölle damit, es ist MK, da gab es schon Schlimmeres und Fans des Universums kriegen wieder einmal alles, und das hübsch mit Schleifchen zurechtgemacht. Die umfangreichen fehlenden zehn Prozent sind übrigens die Listen der Kämpferkonstellationen. Jeder kämpft irgendwann mal zwischendurch gegen jeden, was je nach Talent um die acht Stunden andauert - wenn ihr nicht alles wegdrückt -, und dann solltet ihr euch warmgespielt haben.

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Endlich wird es mal gewürdigt, dass ich mal nen Fatality hinbekomme (okay, war nur eines der abrufbaren und etwas langweiligen Easy-Fatalitys, aber immerhin).

Ich selbst habe das ehrlich gesagt nicht ausgehalten und viele der Szenen weggedrückt. Damit bleiben ein paar kurze und sogar für das, was sie sind, ganz nett eingefügte Sequenzen mit ein paar Quick-Time-Szenen und natürlich die Kämpfe selbst. Vielleicht bin ich langsam zu alt für diesen Trash - glaube ich nicht angesichts der Filme, die ich sonst so gucke - oder ich war einfach nicht in der Stimmung. Das übliche Chaos zwischen den Realms gab mir nichts. Ganz im Gegensatz zu der Kampfaction. Genug Story-Bashing, auf zum Herzblut der Serie, und das sind die Türme und Turniere. MK X bietet hier Tonnen an Content in Form seiner immer wieder variierenden Abfolgen. Ob nun ganz klassisch einmal alle Kämpfer in Folge, ob mit speziellen, sogar in manchen Varianten zufällig ausgewählten Handicaps, ob auf Zeit oder online im Wettstreit um die meisten Punkte - wer die Story nicht will, muss sie nicht besuchen. Vielleicht kehre ich zu ihr zurück, vielleicht nicht. Und selbst wenn sie nicht existieren würde, hätte ich keinen Grund, angesichts all der On- und Offline-Modi irgendwie zu klagen. Das Gesamtpaket zählt, und das ist immer noch mehr als randvoll.

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Die Hintergründe sind nicht spektakulär, haben aber immer ein paar netet Gimmicks zu bieten. Hier öffnet sich immer wieder ein Portal und andere Leute stolpern heraus, auf die die Wache daneben entsprechend reagiert.

In diesem ist das Faction-War-System neu. Ehrlich gesagt sieht es am Anfang nach mehr aus als es dann ist. Ihr schließt euch einer von fünf Gruppen an und bekommt dann eine Reihe von Aufgaben. Es beginnt einfach - spielt zweimal mit Sub Zero, egal in welchem Modus - und geht bis zu gefühlt unmöglich: Drei Flawless Victories in Folge. Sorry, nicht mehr in diesem Leben... Ganz nett ist es sicher für harte Fans, schließlich gibt es beim Sieg der eigenen Fraktion kleine Bildchen und sogar Finisher zu gewinnen. Als eigenen, neuen Spielmodus würde ich es nicht bezeichnen, mehr ein kleines Metagame, dass unaufdringlich nebenbei läuft, um das man sich mal mehr, mal weniger kümmert. Die neuen Towers mit stündlich wechselnden Siegbedingungen sind da deutlich geeigneter, um sich drin zu verbeißen und die Stunden wegzuprügeln.

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Ihr kämpft immer mal wieder gegen Goro, aber um ihn selbst zu spielen, müsst ihr euch an den gefährlichsten Ort im Spiel trauen: den DLC-Shop!

Das ganze Tohuwabohu, das mal wieder im Vorfeld um die Special-Figuren gemacht wurde, die dann doch nur als DLC zu haben sind, lenkt ein wenig davon ab, dass das Grundset schon sehr stattlich besetzt ist. Ihr habt acht Figuren, die komplett neu sind und die ganze Bandbreite von groß, sperrig und stark - Sonnengott Kotal Kahn - bis hin zu schnell, wendig und gemein - Cassie Cage (wusstet ihr, dass Cage und Blade eine Tochter haben...?) - abdecken. Große Überraschungen bleiben aus, aber es sind durchaus angemessene, passende Neuzugänge. Dazu kommen etwa 20 mal mehr, mal weniger bekannte Figuren, darunter die komplette älteste Riege - natürlich auch Sub Zero, der einzige Kämpfer überhaupt, der bisher in wirklich jedem Spiel dabei war - aber auch ein paar relative Exoten wie Ermac oder Quan Chi. Ein absolut solides Feld aus genug neuen und den richtigen alten Figuren, nichts zu meckern. Der einzige DLC, den ich ihnen übel nehme, ist Goro, aber auch nicht so richtig, da er als nicht-spielbarer Gegner in den Türmen auftaucht und damit nicht ganz fehlt. Wer der Meinung ist, dass Jason und der Predator wichtige Figuren sind, kann sie ja nachkaufen. Ich halte selbst außerhalb von Smash Bros. nicht mehr so viel von Promi-Fightern.

Kommen wir zum Wichtigsten, dem Kampf selbst. Nachdem ich die neuen PS4/One-Modelle der Figuren eben schon mit zwei Seitenhieben bedachte, ist das wohl der Ort, um klarzustellen, dass das nur die „Film"-Szenen und Siegposen betrifft. Im Kampf selbst wirken die Kämpfer zwar nicht so detailliert wie zum Beispiel die Riege aus Killer Instinct, aber gerade in der 60-FPS-Bewegeung immer noch absolut in Ordnung. Nun, größtenteils wenigstens. Wenn sie in Bewegung sind. Auch die Hintergründe reißen keine Bäume aus. Es ist so ähnlich wie bei Injustice: Gods Among Us. Manches ist wirklich hübsch, anderes wirkt wieder ziemlich meh, ohne das Auge über Gebühr zu beleidigen. MK X ist kein Spiel, das ihr als Grafik-Showcase kaufen solltet, aber wenn ihr einen solchen nicht erwartet, werdet ihr ganz gut damit zurechtkommen.

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X-Ray muss inzwischen sein, auch wenn ich solche Unterbrechungen im Kampf selbst eher störend finde.

Die hohe Framerate - für einen guten Prügler ja eh Pflicht - sorgt dann auch für ein extrem gutes Spielgefühl. MK X könnte in dieser Hinsicht der bisher beste Serienteil sein. Ganz egal, welchen Spielstil ihr bevorzugt, Kombos, Specials oder Breaker in welcher Konstellation auch immer euer Ding sind, die Figuren reagieren unmittelbar und tadellos. Nach kurzer Zeit kennt ihr genau die Reichweiten, das Timing und die Wirkung der Moves und könnt sie exakt einsetzten. Ganz so, wie es halt bei einem guten Prügler sein muss. Die Zahl der Specials ist übersichtlich genug, dass sie zumindest für ein paar Figuren zu lernen realistisch ist, aber ausreichend, um Abwechslung im Stil bieten zu können. Den Kampf beendet ihr dann mit ein paar Fatalities, Brutalities, Quitalities und Faction Kills, sprich der Grundlage für die einleitenden Sätze.

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Die Faction Wars bieten immer kleine Extra-Mission und teilen Goodies aus, aber ein neuer Spielmodus ist das nicht.

Nichts von alledem ist neu oder aufregend für die Serie, X stößt keine alten Wahrheiten um, aber NetherRealm weiß eben auch, dass sie mit der MK/Injustice-Engine eine sehr solide Maschine unter der Haube haben und fassen da nicht viel an. In diesem Zusammenhang: Wie in Injustice gibt es in jeder Stage ein paar Dinge, die ihr dem Gegner an den Kopf werfen könnt oder mit denen ihr ihn anderweitig malträtiert oder aus den Ecken heraus abspringt, um wieder freies Feld zu gewinnen. Persönlich mag ich das nicht, mochte es nie wirklich in Fighting Games. Es ruiniert für mich irgendwie den Spirit des Ganzen ein klein wenig. Klar, von der Balance her ist es nur ein weiterer Faktor, er ist balanciert, kein Problem. Reine Gefühlssache, viele von euch wird es freuen, dass das ein paar Gimmicks verfügbar sind, die man auf Wunsch Online oder in Einzelkämpfen auch abschalten kann. Jeder bekommt also, was er möchte, so muss das sein.

Wichtige Neuerungen in einem relativen Stil sind unter anderem der Sprint, den es seit Jahren schon nicht mehr gab und an den ich mich erst mal wieder gewöhnen musste. Aber nach dieser Phase will man den kurzen Boost bei manchen und gegen manche Figuren nicht mehr missen. Dieser geht aber auf den Ausdauer-Balken, den ihr auch für die Breaker braucht. Für mehr Langzeitspaß mit einem einzelnen Charakter sorgen drei verschiedene Modi pro Figur, die grob gesagt zwischen mehr offensiven und defensiven Stilen unterscheiden. Dank der relativ einfachen Specials bleiben diese Feinheiten dann auch nicht nur den Experten vorbehalten, auch wenn diese am meisten davon profitieren werden. Ein paar kleine Tweaks in der Balance gibt es also, aber nichts, mit dem sich nicht schnell jeder arrangieren können sollte. Gut so, denn die KI geht ab mittel aufwärts ganz gut zur Sache. Auch ohne menschliche Gegner finden hier die meisten einen durchaus würdigen Zeitvertreib. Mit jedoch macht es natürlich wie immer mehr Spaß, sei es Solo gegen die Welt - wortwörtlich im King of the Hill und Survivor Modus - oder im Team gegen andere Grüppchen. Wobei, den meisten Spaß hatte man doch wieder ganz schlicht zu zweit auf der Couch und mit Chips und Getränken nach Wahl. Wie vor so langer Zeit.

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Get over here!

Mortal Kombat X also, jede Generation hat ihres und auch wenn die wunderbar infantile Subversivität der Mortal-Monday-Kampagne längst in sonniger Kindheitserinnerung versumpfte, steckt hier mehr als genug guter Tournament-Fighter drin, um diese Aussage zu etwas Positivem werden zu lassen. Lasst den schrulligen Story-Modus außen vor, wenn ihr damit genauso warm werdet wie ich, aber dahinter steckt eine zeitlose, energetische Spielmechanik, die sich mit übersichtlichem Aufwand lernen lässt, deren Meisterschaft aber genug Tiefgang bietet, als das auch relative Genre-Könner schon mal den Boden unter den Füßen verlieren. Die kleinen Anpassungen bringen minimal mehr Taktik in die extrem schnellen und dank 60 FPS flüssigen Auseinandersetzungen und diese Geschwindigkeit ist eh viel mehr wert als schöne Charaktermodelle. Die dieses Spiel nicht hat.

Egal, wen interessiert es schon auf dem Weg zur Spitze des nächsten Turnier-Turms. Also, Story vergeben und vergessen, der Rest ist immer noch genug für sonst anderthalb gute Prügler und wird mir auch ungefähr so lange Spaß bereiten. Nicht schlecht für einen Genre-Opa. Aber was sage ich, die letzte „Serie", die zum Genre dazu kam, war BlazBlue und selbst das war nicht gerade gestern. Ist halt kein Genre für Innovation oder frisches Blut. Selbst wenn es oft für genau dieses bluten muss. Okay, das war das letzte so schlechte wie unabsichtliche Wortspiel. Mortal Kombat X ist klasse, Punkt, aus, Ende, Tassen hoch und auf die nächsten X.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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