Dead Synchronicity: Tomorrow Comes Today - Test

Grässliche neue Welt.

Ein gewollt trostloses Point-and-Click-Adventure in der Postapokalypse mit wahrlich bedrückender Atmosphäre. Nichts für schwache Nerven.

Am Anfang war die Dunkelheit. Das Point-and-Click-Adventure Dead Synchronicity beginnt mit einem schwarzen Bildschirm und die erste Aufgabe besteht darin, das Licht anzuknipsen. So dunkel wie das Spiel beginnt, so düster bleibt auch im weiteren Verlauf seine Tonalität. Dead Synchronicity spielt in einer kaputten Welt, die von etwas heimgesucht wurde, das die Figuren im Spiel nur „die große Welle" nennen.

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In der Welt von Dead Synchronicity sind Selbstmorde an der Tagesordnung.

Was genau das war, ist unklar: Der Himmel öffnete sich plötzlich und ein Großteil der menschlichen Bevölkerung des Planeten starb. Nun gibt es kaum noch etwas, das es wert wäre, Infrastruktur genannt zu werden. Stromversorgung, fließendes Wasser, Polizei - alles weg. Zu allem Überfluss macht auch noch eine fürchterliche Krankheit die Runde, die dafür sorgt, dass die Infizierten seltsame Visionen haben früher oder später auf zellularer Ebene auflösen, übrig bleibt nur Blutmatsch. Betroffene Menschen werden „die Zerflossenen" genannt.

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Der Spalt am Himmel: Ursache allen Übels?

Dead Synchronicity atmet diese bedrückende Atmosphäre durch jede Pore. Das Spiel beginnt in einem Flüchtlingslager, das von der Armee bewacht und tyrannisiert wird. Kriminelle Strukturen haben sich etabliert und wer einmal als Zerflossener identifiziert wurde, wird entweder sofort erschossen oder in ein Krankenhaus abtransportiert, aus dem bisher noch nie jemand wieder zurückgekommen ist. In einem alten Wohnwagen zwingen zwei Zuhälter ein offenbar geistig zurückgebliebenes Mädchen zur Prostitution, in einer notdürftig eingerichteten Kneipe trinken Gangster eine undefinierbare braune Flüssigkeit mit Alkohol. Mitten in diesem Chaos wacht der Protagonist Michael also aus einem langen Schlaf auf und, so will es das Klischee, kann sich an nichts erinnern.

Der Standard-Plot mit dem amnestischen Hauptdarsteller funktioniert in Dead Synchronicity vor allem deshalb so gut, weil er den Spieler an der Hand nimmt. Die Ahnungslosigkeit vor dem Bildschirm entspricht der Ahnungslosigkeit des Protagonisten. Wie diese Welt zu dem geworden ist, was sie jetzt ist, wissen weder Michael noch der Spieler. Durch klassische Point-and-Click-Rätsel gilt es, nach und nach Fragmente einer größeren Geschichte zu entschlüsseln - wie kam es zu alledem, wer steckt dahinter und gibt es vielleicht ein Heilmittel für die Zerflossenen? Und nicht zuletzt: Wer war Michael vor der Katastrophe.

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In Dialogen erfahrt ihr mehr über die Spielwelt und erhaltet Hintergrundinformationen zu ihren Bewohnern.

Bei seinen Rätseln bleibt Dead Synchronicity meist relativ simpel. Das sorgt zwar für ein entspannendes Spielerlebnis, eine wirkliche Herausforderung ist das Spiel aber nicht. Zudem könnt ihr einige Rätsel erst im fortgeschrittenen Spiel lösen. Ein Beispiel: Michael kommt in den Besitz einer Sofortbildkamera, die allerdings keinen Film enthält. Lange Zeit habe ich mit der Suche nach dem Film verbracht, schließlich aufgegeben und mich anderen Dingen im Spiel gewidmet. Der Film war dann in einer Kiste, die sich erst öffnen ließ, als ich ein völlig anderes Rätsel gelöst hatte, das mit der Kamera überhaupt nichts zu tun hatte.

Es ist bei Dead Synchronicity nicht empfehlenswert, sich an einem Rätsel festzubeißen - viele lösen sich einfach von selbst und wer doch mal den Überblick verliert, kann immer im internen Notizbuch nachsehen. Schön: Auch in den Rätseln spiegelt sich die melancholische Grundstimmung des Spiels wieder. An einer Stelle muss Michael etwa das Gesicht eines toten Priesters mit Säure verätzen und mit Glasscherben zerschneiden. Anstand und Moral gibt es in dieser Welt nicht mehr.

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Ein besonders grässlicher Moment: Um ein Rätsel zu lösen, müsst ihr das Gesicht eines toten Priesters entstellen.

Grafisch fällt der starke Kontrast zwischen den Figuren und den Hintergründen auf. Während letztere ein wenig aussehen wie Aquarelle, sind die Figuren eher comichaft und kantig. Animationen setzen die Entwickler nur sehr spärlich ein, was vor allem dann deutlich wird, wenn Michael mit den Gegenständen in seinem Inventar hantiert. Übergibt der Protagonist etwa einer anderen Figur einen solchen Gegenstand, machen beide zwar die entsprechenden Handbewegungen, der Gegenstand selbst taucht aber gar nicht auf. Schade, aber in Anbetracht der Tatsache, dass das Spiel von nur drei Entwicklern über Kickstarter aus der Taufe gehoben wurde, irgendwie auch verständlich.

Was mich fast so melancholisch stimmte wie die Figuren im Spiel: Dead Synchronicity hat kein Ende. Stattdessen hört es einfach an einer entscheidenden Stelle auf und lässt den Spieler mit einem Cliffhanger zurück. Wer wissen will, wie die Geschichte ausgeht, muss also wohl auf einen Nachfolger warten. Bis zum plötzlichen Schluss nach etwa sechs Stunden haben es die Entwickler aber geschafft, mich zu fesseln. Michael mit seinem Gedächtnisverlust ist zwar nicht die einfallsreichste Hauptfigur, aber die Melancholie und der Sarkasmus der Spielwelt und ihrer Bewohner fesseln ungemein. Dead Synchronicity ist ein stilsicher präsentiertes, selbstbewusstes und sehr erwachsenes Adventure mit kleineren Macken, die vor der trostlosen Kulisse des Spiels aber kaum auffallen.

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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