Crypt of the Necrodancer - Test

Das Elektro-Rhythmus-Rollenspiel

Eine Kombination aus Roguelike und Rhythmus-Spiel - kann das funktionieren? Die Entwickler von Brace Yourself Games sind überzeugt davon. Mit Crypt of the Necrodancer wagen sie den Versuch einer neuartigen Variante von Dungeon Crawler: einer, in dem Guitar Hero auf Diablo trifft, Rockband auf Van Helsing. Elektro-Musik pulsiert durch das gesamte Spiel: Jeder Schritt, jede Attacke, einfach alles hat im Rhythmus stattzufinden. Das geht so sehr in Fleisch und Blut über, dass ich mich selbst jetzt, da ich diesen Artikel schreibe, noch dabei ertappe, wie ich die Buchstaben im Takt einer Musik anschlage, die schon gar nicht mehr läuft. Crypt of the Necrodancer ist ein musikalischer Trip - und was für einer.

Crypt of the Necrodancer macht aus einem häufig trockenen Genre etwas extrem Dynamisches: Mit seinem Soundtrack, der das komplette Spiel in Takte einteilt, seiner Pixelgrafik und seinem Gameplay, das ausschließlich auf Pfeiltasten beruht. Es gibt keine Attacke-Taste, keine gesonderte Steuerung für den Einsatz bestimmter Items. Ein Schritt auf den Gegner zu entspricht einem Angriff, einer in Richtung Wand führt dazu, dass mein Charakter beginnt, zu graben. Theoretisch könnte man sogar eine Tanzmatte an seinen Computer anschließen und das Spiel so kontrollieren. Das habe ich nicht getan, größere Pfeiltasten habe ich mir aber schon gewünscht, denn ein wenig fühle ich mich beim Spielen wie ein DJ und das Wandern meiner Finger über die Cursortasten fühlt sich an wie eine Scratch-Bewegung über eine Schallplatte.

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In seinem Herzen bleibt Crypt of the Necrodancer dennoch ein Roguelike. Es geht in jedem der zufallsgenerierten Level darum, einen Bossgegner zu erlegen, eine Etage weiter nach unten zu kommen, Items einzusammeln, neue Waffen freizuschalten. Sehr dezent sind die Upgrades gehalten, die ihr auch nach eurem Ableben behalten könnt: die geringe Wahrscheinlichkeit, dass eine neue Waffe in einer Schatztruhe auftaucht gehört dazu oder ein Münzmultiplikator. Kaufen könnt ihr solche Gegenstände mit Diamanten, von denen in den Dungeons nur recht wenige verteilt sind.

Der Gameplay-Kern bei Crypt of the Necrodancer ist Timing. Ihr müsst voraussehen, wohin der Gegner im nächsten Takt springt, wo ihr dann steht und ob ihr dann die Chance für eine Attacke habt. Manche Waffen haben einen Angriffsradius über zwei Felder, andere funktionieren diagonal. Während in anderen Rollenspielen Zeit bleibt, über die beste Verwendung dieser Schwerter, Peitschen und Äxte nachzudenken, ist das hier nicht der Fall. Crypt of the Necrodancer zwingt den Spieler in seinen Rhythmus, sich im Takt zu bewegen ist Pflicht. Auf dem Boden sind darüber hinaus Fallen verteilt, Löcher, die euch zu besonders fiesen Bossgegnern werfen ebenso. Einfach ist Crypt of the Necrodancer nicht, erst langsam macht ihr spielerische Fortschritte. Gestört hat mich das allerdings nicht, denn meistens habe ich mich ohnehin eher gefühlt, als hätte ich gerade Musik gehört, nicht gespielt.

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Das Spiel lebt darüber hinaus von seiner Vielzahl an Modi: Training gegen einzelne Gegner, Boss-Runs, lokaler Koop, tägliche Herausforderungen, Kampagne. Alles ist da und alles funktioniert im Elektro-Rhythmus. Eins, zwei, drei, vier, Angriff, fünf, sechs, sieben acht, Feuerwalze! Wie im Rausch kämpft ihr euch von Gegner zu Gegner, freut euch über jeden Diamanten wie über einen echten Schatz, erschlagt zu Elektro-Beats Drachen und übergroße Wölfe. Schnell bin ich gestorben, umso flinker habe ich erneut mit dem Spiel angefangen. Erst recht, nachdem ich begann, eigene Musik einzufügen. Das geht nämlich auch: Das Spiel erkennt in diesem Fall automatisch den Rhythmus und passt sich dem importierten Musikstück an. Wer also nicht auf Elektro steht, kein Problem: einfach ein Manowar-Album importieren. Probiert habe ich außerdem Element of Crime, die Ärzte, Depeche Mode, Alexander Marcus, Rage Against The Machine, System of a Down und Tocotronic. Jedes Lied hat das Spiel tadellos erkannt, den Rhythmus perfekt übertragen.

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Zugegeben: Die abgefahrene Kombination aus Dungeons, Grinding und Rock Band wird nicht jedem gefallen. Ich für meinen Teil kann meine Finger nicht mehr davon lassen. Die Beats des Soundtracks wummern durch mein Hirn, auch wenn ich das Spiel gerade nicht spiele, unter der Dusche überlege ich, wie ich mein Spielverhalten optimieren kann. Crypt of the Necrodancer hat mich gefesselt. Es ist innovativ, wie derzeit kaum ein anderes Spiel. Zwar ist die Pixelgrafik enorm reduziert, es kann repetitiv wirken, immer wieder in einen zufallsgenerierten Dungeon zu rennen, nach wenigen Minuten zu sterben und dann das Gleiche von vorn zu machen. Aber diese Musik, Dieser Takt, dieser Flow - all das lässt mich nicht mehr los. Allein deshalb ist Crypt of the Necrodancer ein kleines Meisterwerk. Wenn ihr auch nur einen Hauch Musikalität in euch habt, werdet ihr es lieben.

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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