Elite: Dangerous - Sind die Thargoiden schon im Anflug?

Die Gravitation des Unbekannten.

Da ist es nun, das "Unbekannte Artefakt". Dreht sich wenige Meter vor der Steuerbordseite des Bugs meiner Python eigentlich ganz friedlich und immer langsamer um seine eigene Achse. Ich kann gar nicht genau sagen, ob es nun künstlichen oder organischen Ursprungs ist. Vorne ein beinahe ledriger "Kopf", der nach oben mit bläulich fluoreszierenden Lichtern besetzt ist, nach hinten, entlang einer Art vom Kopf ausgehender Wirbelsäule, drei Mal vier Reihen zylindrischer Container. Es wirkt vollkommen andersartig. Regelmäßig gehen vom Zentrum Partikel blaügrünen Plasmas aus. Intergalaktischer Zierrat? Ein Botenstoff? Ein Signal?

Ich stelle meine Triebwerke ab, kappe alle nicht lebensnotwendigen Systeme, nachdem ich eine Vierteldrehung meiner fliegenden Festung später die mysteriöse Gerätschaft genauer in Augenschein nehmen kann. Frameshift-Antrieb, Schubdüsen, Frachtklappe und Waffen ziehe ich der Reihe nach den Stecker. Ein Schiff wie dieses, im tiefsten Weltall - 426 Lichtjahre von der Erde entfernt -, umgibt einen wie eine Gebärmutter. Ein Wummern, Rauschen, Pulsieren ist alles, was man hört. Hören will ich aber nur das langsam zum Stehen kommende Stück Fremdartigkeit, nichts anderes.

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Sieht eigentlich ganz harmlos aus, oder? Oder? (Bild von Wikia-User SpyTec).

Schon klar, Schallübertragung im luftleeren Raum - das älteste Ammenmärchen des Science-Fiction-Kinos. Und doch wäre der Fantasieweltraum unserer Spiele und Filme doch so viel ärmer ohne Ton. So wie jetzt, wo ich es dem mysteriösen Ding gleichtue und mich für ein paar neugierig-selige Momente durch die Unendlichkeit treiben lasse. Ein Knurren, Summen? Walgeräusche beinahe, dann wieder raubkatzenartiges Schnurren, mal ein insektenhaftes Zirpen gehen von dem Artefakt aus. Alles unterlegt von elektrischen Impulsen, die einen scheinbar ein bisschen in die Unendlichkeit hineinhorchen lassen, vollends fasziniert. Ab und an, beinahe periodisch, stellen sich einem die Nackenhaare auf und man weiß nicht mal, warum.

Diese Erfahrung machen dieser Tage mehrere Spieler von Elite: Dangerous. Die "Unbekannten Artefakte" sind nicht einfach zu finden und Hunderte User klappern auf der Suche nach ihnen aktuell starke Signalquellen in allen möglichen Sektoren ab. Das Problem: Die glimmenden Sternengeheimnisse mögen es offenbar nicht, im Laderaum eines Schiffes "eingesperrt" zu sein. Einmal aufgeklaubt zersetzen sie das Trägerschiff langsam von innen. Wie, das ist bisher nicht bekannt. So oder so, eine nicht ganz ungefährliche Angelegenheit, will man den Verkaufspreis von aktuell einer guten Viertelmillion Credits pro Einheit einstreichen. Warum dieses seltsame Stück extraterrestrischen Tands so furchtbar interessant ist? Nun, bisher sind in Elite: Dangerous alle Waren mehr oder weniger bekannt oder zumindest zu weiten Teilen menschlichen Ursprungs und diese neuen Artefakte - sofern sie überhaupt neu sind - sind einfach zu gut versteckt.

Hier vermutet die Community also nicht ohne Grund eine bevorstehende Enthüllung umwälzender Ausmaße. Der eindeutig nicht imperiale, föderale oder Allianz-Ursprung des Artefakts lässt bei Kennern der Reihe direkt die Alarmglocken läuten. Sie erinnern sich noch mit Grausen an die außerirdische Bedrohung im ersten Elite: Die Thargoiden. Jene Aliens, die sich im sternenlosen "Witch-Space" versteckten, der zwischen Raum und Hyperraum existiert. Wer das wegweisende Original nur lange genug spielte, hatte früher oder später das Pech, von einem der nahezu unbesiegbar erscheinenden, achteckigen Thargoidenschiffe in diese Zwischendimension gezogen und dort nach allen Regeln der Kunst zerlegt zu werden. Bis heute erzählen sich Simulationsfans reichlich Seemanannsgarn über Begegnungen mit der angeblich insektoiden, den Menschen weit überlegenen Alien-Rasse.

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In allen acht Ecken sollen Laser drin stecken ('Datenkarte' der Acorn Archimedes Version von Elite. Danke, www.jades.org).

Serienschöpfer David Braben hat bereits bestätigt, dass die Thargoiden wieder mit von der Partie sein werden, Produzent Michael Brookes sagte bereits 2013, sie seien bei der Veröffentlichung im Spiel enthalten, wenngleich eher im Hintergrund. Jetzt, mit dem ersten konkreten Signal, dem ersten Gegenstand, der nicht eindeutig einzuordnen ist, geht den Kommandanten auf Reddit und in den offiziellen Foren nicht nur die Fantasie, sondern auch der Entdeckergeist durch. Gemeinsam suchen sie nach Binärcode in den Tonsignalen der Artefakte, spinnen Verschwörungstheorien und tragen all ihre Erkenntnisse zusammen.

Manche setzen dagegen sehr spezielle Finderlöhne aus: Ein Commander verspricht pro Artefakt, das ins von einer Parasitenplage heimgesuchte System He Bo geliefert wird, eine Million Credits Belohnung, erhofft sich, dass der Hintergrundsimulation des Universums bei ausreichender Versorgung mit der fremden Technik eine Heilung für die Seuche einfällt. Ein anderer versichert gewaltige virtuelle Geldsummen für jedes "UA", das man zerstört. Befürchtet eine Unterwanderung der menschlichen Raumstationen. Hoffnung und blanke Angst tanzen im Elite-Dangerous-relevanten Netz gerade Ringelreihen.

Und das ist einfach nur großartig. Ganz gleich, ob die unbekannten Artefakte nun wirklich eine Sonden-Vorhut, Bazillenschleudern oder noch was Schlimmeres von den Thargoiden sind, oder nicht. Spiele, die ihre Community mobilisieren - die Fez', Braids, P.T.s und eben Elites dieser Welt -, sie nehmen die Fantasie der Spieler innerhalb und außerhalb des eigentlichen Spielerlebnisses gefangen und werden dadurch zu so viel mehr als nur einem schönen Zeitvertreib. Sie werden zum Kollektivereignis, zu einer Bewegung, zumindest für eine Weile.

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Spieler auf der Suche nach unbekannten Artefakten. Fragt sich, ob man wirklich eins finden will.

Man denke nur an die Möglichkeiten, wären es doch Thargoiden. Wenn neben Imperium, Allianz, Föderation und Unabhängigen eine vierte, vollkommen andersartige Partei eingreifen würde, wie sie doch dieses Spiel verändern würde. Wenn all die hochgezüchteten und mühsam zusammengesparten Fer-de-Lances, Pythons und Anacondas nur noch Frühstück, Mittagessen und Abendbrot für sechsbeinige, vierarmige Mantis-Menschen vom Polaris sind. Wenn bei jedem Satz in den Hyperraum die Angst mitspringt. Wenn, was man gelernt hat, für eine gute Portion des Spiels nicht mehr stimmt. Wie wundervoll wäre das?

Ich meine, ich sage nicht, dass es Thargoiden sind...

Aber es sind Thargoiden!

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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