LEGO Jurassic World - Test

Und? Wird er den Anwalt auf dem Klo fressen?  

Die wichtigste Frage war doch: Wird er den Anwalt im Regen vom Klo wegfressen? Das hier ist schließlich ein LEGO-Game, das Ding für die ganze Familie, hier stirbt keiner. Also und mit Spannung, der Himmel verdunkelt sich, der Regen setzt ein, das Wasser in der Pfütze beginnt zu schwappen, M-F-ing T-REX hat seinen Auftritt und... ER FRISST IHN! Yes! So muss das sein! Der fette Hacker scheint davonzukommen, okay, man kann sie wohl nicht alle kriegen, aber wenigstens gibt es eine Hommage an die Arm-Szene im Schaltraum - auch wenn diesmal der Rest des Körpers noch dranhängt. Egal, T hat den Anwalt gefressen! Die Stimmung könnte zur legendären Szene des Rex im Besuchercenter mit dem herabsegelnden Banner nicht besser sein, das Ohrwurm-Hauptthema setzt ein... Und er spuckt den noch lebenden Anwalt wieder aus. NEIN! Das Spiel ist ruiniert! Leute, vergeudet nicht eure Zeit mit LEGO. Sie lassen den Anwalt leben, es gibt keine Gerechtigkeit.

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Die Lösung für Probleme mit Sauriern? RUN AWAY! RUN AWAY! (Und selten war es lustiger als im wuselnden Mob von 30 LEGO Figuren)

Ja, ich weiß, meinen kleinen Hang zur kindgerechten Splatterfreude - was anderes ist das doch nicht, was diese Im-Grunde-Horror-Filme in der Richtung bieten - muss ich ja nun wirklich nicht hier ausleben. Aber es ist doch etwas, das mich ärgert, da das Nacherzählen der Szenen aller vier Filme hier noch verliebter, mit so viel offenkundiger Verbeugung vor dem Material und Spaß in der Entwicklung passierte. Alle wichtigen Momente sind gekonnt und mit Augenzwinkern - mitunter wortwörtlich - eingefangen. Selbst als eher Gelegenheitskenner der bisherigen Trilogie dauerte es nicht lange, bis sich eine regelrechte Vorfreude auf das nächste Kapitel einstellte. Uh, ob sie in Lost World durch das hohe Gras vor den Raptoren flüchten werden? Ja! Und das sogar richtig clever umgesetzt! Der Vogelkäfig aus Teil 3 ist doch sicher dabei... Ja! Nicht ganz so clever, aber das trifft ja eh auf den ganzen dritten Film zu. Und flüchten wir mit einem Jeep durch die Nacht, den T-Rex direkt dahinter? 'Türlich, was denkt ihr denn? So viel Liebe, da hätte er ihn doch ruhig fressen können.

Dass TT Games überhaupt noch diese offenkundige Zuneigung zum Quellmaterial aufbringen kann, fasziniert auch immer mehr. Lässt man die LEGO Chimas und ähnliche Dinge weg sind das jetzt fast 20 Spiele, alle nach dem gleichen Muster. Vergleicht man Jurassic World mit dem ersten Star Wars wird offenkundig, wie langsam hier die Evolution arbeitet. Ihr marodiert durch bekannte Szenen und Kulissen, zerprügelt Objekte, sie zerfallen in Legeosteine und entweder werden im Anschluss Münzen gesammelt. Oder ihr löst etwas, das man nur in Ermangelung eines besseren Wortes ein klitzekleines Mini-Rätselchen nennen kann, indem die Trümmer zu etwas Nützlichem zusammengesetzt werden. Damit habe ich jetzt gerade eine Dekade ein und desselben Spielestudios beschrieben. Warum wirft man eigentlich Assassin's Creed ständig vor, dass es immer das Gleiche macht?

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Spinosaurus? Run away! Run away!

Nun, vielleicht weil hier eine Art heiliger Gral des Spieldesigns gefunden wurde. Zumindest für das, was es tun soll, nämlich Kinder und Erwachsene gleichermaßen und auch zusammen zu unterhalten. Der Koop im Splitscreen wurde wieder einmal etwas feiner geschliffen, die Kamera ist nun endlich überhaupt kein Thema mehr, es gibt weniger Stellen, an denen man schlicht nicht ahnen kann, was man denn tun soll, weil nichts einen Sinn gibt. Es sind noch mehr Figuren - auch jede Menge Dinos -, jeder hat die eine oder andere Spezialfähigkeit und diese bringen die Sammelwütigen immer wieder zurück in die Level, von denen jeder mit kleinen Geheimnissen und Aufgaben für Komplettisten vollgestopft wurde. Die Stages sind nie zu kurz, nie zu lang, Leerlauf ist selten, das Design mit seiner Kleinsteinchen- und Sonstiges-Mischung sowie der Animationen ist eh auf den Punkt perfekt. Hier zeigen sich in jeder Sekunde die zehn Jahre Übung. So glattgeschliffen wie in Jurassic World war es noch nie. Und irgendwie werden sie es weiter polieren. Denn eines werden sie sicher nicht tun: Etwas ändern.

Und trotzdem: Dank des so geliebten, variierenden Quellmaterials fällt das kaum ins Gewicht. Sicher, ich würde nicht zwei bis drei davon im Jahr spielen, aber immer wieder mal, wenn das Thema passt, dann ist das ein kleiner Glückskeks-Urlaub. Fast besser, als hätte ich die drei Filme noch mal geguckt, was etwas ist, das ich nun definitiv als Nächstes tun werde. Weil diese liebevolle Hommage einen daran erinnert, wie gut vieles daran war, selbst an den Stellen, die nicht für die cineastische Ewigkeit gelangen. Der Humor ist dabei nicht ganz so anarchisch und frei, wie er im immer noch bestehenden Magnum Opus LEGO City geriet. Dafür hielt man sich hier zu nah an die Vorlagen und arbeitete mit diesen, statt komplett vom Skript wegzurennen. Gut so, angemessen, aber nach zwei Filmen dann eben auch ein wenig vorhersehbar. Mehr Anchorman 2 als Nackte Kanone 2. Lustig aber deutlich weniger WTF! mit der Zeit. Das sei, wie es sei, ein paar clevere Verneigungen vor den Werken des Meisters gönnt man sich immer wieder mal. Sie brauchen sogar ein größeres Boot.

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Velociiraptor? Run away! Run away!

Um noch mal konkreter zum Spiel zu werden: Alle vier Filme sind sauber sortiert, wobei ihr den ersten und den nun kommenden Vierten direkt anwählen könnt. Zwei und Drei schaltet ihr über den Ersten frei. Sehr praktisch, denn so könnt ihr schon mal drei Filme nachspielen und dann das Finale aufheben, bis ihr den neuen Streifen gesehen habt. So gut es auch sein mag, von einem LEGO-Game möchte ich mir den Film nun auch nicht spoilern lassen. Okay, ich schon, weil ich muss ja - Film könnte nett werden -, aber ihr habt diese Sorge hier nicht, was ich dem Game durchaus anrechne. Alle vier „Filme" haben ihre eigene kleine offene Welt, die in der Story in Level gesplittet wurde, im freien Spiel dann gänzlich erkundungsbereit Gewehr bei Fuß steht. Koop ist grundsätzlich das Thema wenn eine Figur nach der anderen ihrer Fertigkeiten nutzt, um den Weg freizuräumen. Wirklich übertrieben clever im Portal-Sinne ist davon nichts, aber dafür ist es eben kinderfreundlich, ohne erfahrene Spieler und/oder Erwachsene zu beleidigen oder vergraulen.

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Natürlich gibt es auch die netten Saurier. Helft ihnen und sie helfen euch große Sachen zu zertrümmern.

Leider ist es dieser Ansatz, der aus ein paar Szenen auch das Tempo rausnimmt. Eine der besten Szenen des zweiten Teils, der herabhängende Trailer - hey, ich habe nicht „logisch" gesagt, nur „beste" - bröselt sich in Koop-Langeweile auf. Einer sucht oben in aller Ruhe nach verlorenen Teilen als gäbe es keinen Zeitdruck, was ja auch der Fall ist. Der andere klettert gefühlt endlos ein Seil hoch und weicht primitiv fallenden Sachen aus. Viel zu langsam, ohne Spannung und - viel schlimmer - ohne Charme. Das ist zum Glück die absolute Ausnahme, den Rest der Zeit passt sich die Routine viel besser dem Ablauf und den Notwendigkeiten der Handlung an, die wenig später folgende Szene im hohen Gras versöhnt dann wieder, wenn im LEGO-Freestyle-Wahn ein Rasenmäher die Raptoren ablenkt und sie auch schon mal durch das Gras scheucht. Ein Moment, der im Teamplay geschaffen wurde und über den man sich dann auch gemeinsam freut.

Während die visuelle Umsetzung absolut tadellos ist - wie erwähnt wurde sogar der Drache der missratenen Kameraführung erfolgreich erschlagen - und der Original-Soundtrack einen überlegen lässt ob es wieder Wochen dauern wird, bis das Hauptthema endlich bereit ist, den Gehörgang zu verlassen, habe ich doch ein echtes, massives Problem mit dem Sound. Die Stimmen, so authentisch sie im Deutschen und Englischen noch mehr eingesprochen wurden, so sehr, dass man denken könnte, es wären direkte Samples - was es teilweise wohl auch sind - ist ihre Soundqualität unterirdisch. So sehr, dass ich zunächst meine Anlage im Verdacht hatte und mit den Einstellungen des Centers herumspielte, bis mir klar wurde, dass wirklich das Spiel schuld ist. Aber nicht nur die generell viel zu leise und gedämpfte Abmischung macht dem guten Eindruck einen Strich durch die Rechnung, auch sind einige Zeilen scheinbar ohne Rauschfilter aufgenommen wurden. Sie klingen von der Abmischung plötzlich und wirklich nur für ein paar Zeilen anders als der Rest. Sehr seltsam und sehr, sehr schade. Vor allem angesichts ihrer offenkundig in der Substanz so hohen Qualität. Selbst bei einer guten Abmischung ist Jeff Goldblums Genuschel mitunter schwer verständlich, da hätte es das nicht gebraucht.

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Im Freien Spiel könnt ihr jede der endlosen Menge an Figuren herbeirufen, um all die kleinen Rätsel zu lösen und all die bunten, blinkenden Kuller einzusammeln.

Trotzdem, was als „ich gucke mal rein, ist eh immer das Gleiche" begann, endete mit der Kaperung des Tests von Benjamin - sorry, B. - und einem Abtauchen in die Spielbergsche/Williamseske Welt der glänzenden Kinderaugen, die Dinos erblicken. Man kommt einfach nicht umhin, bei aller spielerischen Einmütigkeit über ein Jahrzehnt des im Prinzip gleichen Spiels den Feinschliff im Detail zu bewundern, der das Letzte aus einem Ansatz holt. Der beweist, dass man nicht zu kompliziert denken darf, aber dass man es nicht der Schlamperei und Genügsamkeit mit dem Erreichten überlassen darf. Es gibt derzeit wahrscheinlich kein anderes Design, das sich so dermaßen gut für alle Altersklassen gleichzeitig und zusammen in trauter Glückseligkeit vor dem TV eignet, wie TT Games hier auf Goldglanz polierter Geniestreich der Nachhaltigkeit.

Aber das allein wäre es sicher nicht. Es ist ihre gleichzeitig so ehrliche, ehrfürchtige wie respektlose Verneigung vor dem Quellmaterial, das sie in ihren verständigen Händen aufleben lassen. Es mag hier und da mal in der Inszenierung schwächeln, aber es gibt kaum einen besseren Weg, uns daran zu erinnern, warum vor allem dieser eine Film einmal so wichtig und aufregend war. Warum er uns so viel Spaß brachte. Eigentlich müsste ich TT Games dafür schelten, dass sie schon wieder das gleiche Spiel vor die Tür setzten. Wenn es sich denn nur nicht anfühlen würde als wäre es ein ehrliches Werk echter Hingabe zu dem geliebten Werk Spielbergs. Wenn ich nicht wieder so verdammt viel Spaß gehabt hätte.

Dann schelte ich sie halt nur dafür, dass der Anwalt nicht gefressen wurde.

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Über den Autor:

Martin Woger

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