Elite: Dangerous auf Xbox One - Das so vertraute Unbekannte

Am Anfang wurde das Universum erschaffen. Das machte viele Leute sehr wütend. Weil sie es schon kennen.

Ich bin mir nicht sicher, was ich da genau vor mir habe, und das in mehrfacher Hinsicht. Elite Dangerous auf der Xbox One - die PS4-Version folgt, wenn der Exklusiv-Deal ausgelaufen ist -, um mal kurz die Fakten festzuhalten, aber die Implikationen, dass diese beiden Namen in einem Satz stehen, wirken irgendwie groß. Wahrscheinlich größer, als sie es am Ende sind. Trotzdem, irgendwas ist da, es ist eine Art Einbruch in eine Domäne, die sich der PC gerade erst so sauber herausgearbeitet hatte, vor allem nachdem sogar zarte Ansätze wie die geplante X-Version für die Konsolen ausblieben - was wohl in diesem speziellen Falle besser für alle Beteiligten war. Nun aber der legitime Erbe des Oberklassikers auf der Xbox. Elite ist gefühlt eine der Koryphäen des Homecomputers der 80er schlechthin. Selbst wenn es da irgendwo eine NES-Version gab. Wie gesagt, nicht überinterpretieren, aber sich doch dem Gefühl hingeben.

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Worum es halt immer geht: Endlose Weiten, zahllose Welten, das Leben, das Universum und den ganzen Rest.

Wer Elite: Dangerous auf dem PC erlebt hat, in all seiner Schönheit und der Wucht einer vollwertigen Space-Opera-Simulation, geklammert an den besten Flightstick, der zu finden war, elegant die Achsen im Flug korrigierend, käme nie auf die Idee, hier zum Lenken ein Pad in die Hand zu nehmen. Kann doch gar nicht gehen. Wie soll das gehen? Unmöglich. Aber hier sitze ich, kreuze seit mehreren Stunden durch unbekannte Quadranten und es funktioniert immer besser. Nicht vom Start weg, beileibe nicht. Selbst die Tutorials sind alles andere als selbsterklärend. Gleich in der ersten Runde wäre es hilfreich gewesen, zu wissen, dass man anscheinend nur Ziele zerstören kann, die man anvisiert hat. Macht ja auch Sinn. Über ein paar Kilometer hinweg ein wenige Meter großes Fass zu treffen, das ist wohl etwas, das man einem Computer überlassen sollte. Selbst Lukes Wompratten dürften etwas näher dran gewesen sein, wenn er seinen T-16-Space-Redneck-Feierabend zelebrierte.

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Um die Kontrolle zu behalten, zoomt ihr per Tastendruck an die Anzeigen heran und könnt so die Screens benutzen.

Es ist ein Kampf durch das Dutzend Trainingsmissionen, das euch zum Beispiel auch über das nach wie vor ebenso effektive wie eigenwillige Radar im Unklaren lässt. Wer nicht schon seit den späten 80ern weiß, wie man das Ding liest, und entsprechend den Kurs korrigiert, um Feinde im Visier zu halten, dürfte schon bei Lektion 4 Frust erleben. So eine Cobra Mark III dreht sich halt wendig, wenn eine solide KI sie lenkt. Weniger wendig, wenn ihr selbst den Stick drückt. Ich bin mir nicht sicher, ob mir hier noch Upgrades für mein Schiff fehlen, gleich ein besseres her muss oder ich einfach noch nicht den Sweetspot in den vielfältigen Steuerungsoptionen gefunden habe, aber der Kahn sieht vielleicht aus wie ein Fisch, bewegt sich wie ein Fisch und lenkt sich wie eine Kuh. Ein Fakt, der sich schwer leugnen ließ, als ich weitestgehend ungebremst in den dritten Mond von Jaglan Beta fetzte.

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Das Pad hat erstaunlicherweise alles im Griff, ist aber nicht zu überfrachtet.

Man muss sich an das Baby erst gewöhnen und mit der Zeit ging es auch immer besser, selbst Kämpfe gegen die solide KI wurden zu einer relativen Routine. Und was all die Funktionen eines Raumschiffs angeht... Nun, wenn man es darauf reduziert, ist es auch nur ein Auto, das eine geometrische Achse mehr bedient. Es soll sich von A nach B bewegen, auf Dinge schießen, die vor ihm sind, und mit einer Art Kran Sachen einsammeln. Letzteres geht zwar etwas über die Funktionen eines normalen Autos hinaus, aber dank Massetraktor lässt sich auch das simpel halten. Es sind gar nicht so viel Tasten. Ein wenig die Energiezufuhr für die drei Kernsysteme umschalten, hier die Waffensystem aktivieren, da zwischen Feinden umschalten, dazu noch ein bisschen Kommunikation und Docking-Klammern, schon läuft die Kiste. Das lässt sich gut auf einem Pad unterbringen. Nach einer Stunde wisst ihr, wo was ist. Nach drei Stunden habt ihr das Tutorial abgeschlossen. Nach vier Stunden fragt ihr euch nicht nur, wo das hinführen soll, sondern vor allem, ob es irgendwo losgeht.

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Die Raumstationen sind detailliert und teilweise riesenhaft.

Das war in Elite nie wirklich anders. Hier Schiff, da Universum, nu machen. Solides Motto, reichte für Legenden, Nerd-Lagerfeuergeschichten und Mythen. Und es sucht sich einen ganz besonderen Typus Spieler. Von Zeit zu Zeit erschafft es ihn auch, wenn jemand sich diesen drei Prämissen hingibt. Einsteigen, Steuerung lernen und gucken, was es da draußen so alles gibt. Was das derzeit ist? Nun, auf dem PC, soweit ich das verstanden habe, schon etwas mehr, denn die Xbox-Version ist definitiv noch Beta. Aber schon jetzt sind da Planeten, Supernoven, Raumstationen, Doppelsonnensysteme, dazu jede Menge Beute und Jäger, für den, der sie sucht und mit neuen Schiffen und Waffen verdient hat. Für den, der sie suchen möchte: Es gibt keinen „Hier geht es los!"-Marker und ich bin mir gar nicht mal so sicher, ob dieser Typus Spieler wie die Kenntnis des Fahrradfahrens immer erhalten bleibt.

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Die Zahl der Planeten? Gefühlt unendlich. Das hier sind nur ein paar in unmittelbarer Nähe. Zoomt ihr heraus...

Ich war mal einer davon. Für Jahre, teilweise schon, als die Mauer noch stand, habe ich jedes noch so unendliche Nieder-Polygon-Universum abgeklappert, mir meinen Spaß geholt, wo immer ich ihn fand, und mich den Wundern der Phantasie hingeben, von der man angesichts ausbleibender visueller Pracht schon etwas mitbringen musste. Jetzt stehe ich vor Technik, die mich gerade im Angesicht solcher Erinnerungen auf die Knie gehen lassen sollte. Was sie im übertragenen Sinne auch tut, das sieht schon teilweise ehrfurchtgebietend aus. Um einen exotischen Planeten unter einer fremden Sonne zu kreisen, das hat einen besonderen Charme, und der ist fast unverwüstlich. Fast.

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...you are here. Totaler Durchblickstrudel Light gefällig?

Nach zwei Tagen sieht es so aus, als hätte ich doch zwei Dinge gefunden, die damals besser waren. Zum einen hatte ich mehr Freizeit, die ich vergeuden konnte. Die braucht ihr nämlich bei solchen Spielen, das gehört dazu, ein Spieler dieser Art zu sein. Schnell mal eben passiert hier gar nichts. Vor allem aber war ich schon „da draußen". Für dieses Gefühl spielt es nicht so sehr die Rolle, ob die Planeten jetzt hübscher geworden sind oder es noch mehr davon gibt. Es ist eher dieses Gefühl von Dingen, die man in seinem Leben machte und bei denen es wenig Grund gibt, sie zu wiederholen. Vielleicht ändert Holo-Lens und Oculus daran später doch noch etwas, aber ich bezweifle es ernsthaft. Der Weltraum voller Wunder, den ich erkunden möchte, hat nichts mit Technik zu tun, er muss Douglas Adams oder zumindest Doctor Who sein. Ein bisschen weird, ganz schön voll(trunken), voll philosophisch und mit mindestens einem guten Restaurant mit gutem Ausblick auf das Ende all der bunten Lichter. Manchmal ist das Universum zu wenig.

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Die mehr als 30 Jahre alten Formen lassen sich immer noch gut erkennen.

Daher an alle, die eben noch nicht „da draußen" waren: Ihr glücklichen Bastarde! Schnallt euch an, geht an den PC, holt euch den coolsten Flightstick, den das Budget hergibt, und haut Elite: Dangerous rein. Hört nicht auf das Geflenne eines alten Mannes der seinen mentalen totalen Durchblickstrudel schon hinter sich hat. Second star to the right and straight on 'till morning, mit Hyperdrive bitteschön. Schreibt eure eigene Oper, seht die Sonnen über Welten herabregnen, trefft echt coole Typen und blastet sie aus dem All. All das ist hier für jeden, der seine Phantasie bemühen möchte und ihr eine Woche Freigang geben kann, nur einen Phasen-Shift-Sprung entfernt. Jetzt auch auf Xbox One, und das gar nicht mal in schlecht, ganz im Gegenteil. Auch wenn sich das derzeit immer noch seltsam anfühlt.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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