Anna's Quest - Test

Chaos-Management des Märchenhaften

Ein äußerst niedliches Adventure, das leider hier und da an seinen allzu kryptischen und unlogischen Rätseln krankt.

Die Erfahrungen, die ich in Anna's Quest gemacht habe, möchte ich wirklich nicht in mein reales Leben übertragen. Nur ein Beispiel: Wer Schimmel mit gelber Farbe kombiniert, erhält Käse! Warum? Weil Käse gelb ist und Schimmel stinkt? Es ergibt einfach keinen Sinn. Und wirklich, ich mag Käse, aber ich mag keine Farbe essen und im Abflussrohr gewachsenen Schimmel umso weniger. Nichtsdestotrotz gehört dieses Kombinationsrätsel zu den Herausforderungen, die Daedalic Entertainment bereits im ersten Kapitel des Adventures Anna's Quest an euch heranträgt. Ziel ist es dabei, eine kleine Ratte zu ködern, deren wichtigste Beschäftigung es ist, einen für die Handlung nur allzu relevanten Schlüssel im Maul zu tragen.

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Durch ihre Telekinese-Fähigkeit kann Anna Objekte Bewegen, die sonst unerreichbar wären.

Diese und andere seltsame Rätsel aus Anna's Quest stammen aus der Feder von Dane Krams, einem Indie-Entwickler, der die Geschichte rund um das kleine Mädchen Anna bereits im Jahr 2012 entwarf. Jetzt, da Daedalic ihn unter seine Fittiche genommen hat, wird sein Werk also endlich populär. Annas Leben spielt in einer so cartoonigen wie bunten Märchenwelt, die frech bekannte Erzählungen der Gebrüder Grimm miteinander mischt und erzählerisch erweitert, um so letzten Endes ein ganz eigenes Universum zu kreieren, in dem einige Tiere sprechen können und andere nicht, in dem ein verfluchter Junge ein Teddybär sein kann und in dem Hexen Kinder entführen, um sie mit Überwachungskameras zu observieren. Anna ist so ein Kind. Sie ist telekinetisch begabt und die Hexe möchte nichts mehr als ihr diese Fähigkeiten stehlen. Dabei will Anna eigentlich nur ein Heilmittel für ihren sterbenskranken Großvater suchen.

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Ein Druck auf die Leertaste zeigt alle Hot Spots auf dem aktuellen Bildschirm - manchmal gar nicht so wenige.

Das typische Point-and-Click-Gameplay erweitert einzusammelnden Krams geschickt um die Telekinese-Fähigkeit der Protagonistin. Erscheinen bestimmte Gegenstände oder andere wichtige Stellen im Spiel unerreichbar, ist es oft hilfreich, links unten auf das kleine Hirn zu klicken. Dann nämlich nimmt Anna all ihre Konzentration zusammen und bewegt die Dinge wie von Geisterhand. Allein: Anna hat ein Eigenleben. Manchmal will sie etwas bewegen und manchmal nicht. Eine typische Adventure-Krankheit. Ein Wasserrohr im ersten Kapitel lässt sich erst aus seiner Verankerung nehmen, nachdem Anna erfährt, dass Haare im Ausfluss stecken. Vorher will sie nicht. In freundlich vertonter englischer Sprachausgabe teilt sie mir mit, es gebe dazu im Moment keinen Grund.

Andererseits gab es auch keinen vernünftigen Grund, die blaue Wachsmalkreide weiter oben mitzunehmen und sie hat trotzdem keine Anstalten gemacht zu widersprechen. Im weiteren Spielverlauf erscheint etwa eine bestimmte Figur nur dann in einer Kneipe, wenn Anna zuvor an einer bestimmten Tür geklopft hat - ein direkter Zusammenhang zwischen beiden Handlungen besteht erzählerisch nicht. An solchen Stellen werden allzu stark die Mechaniken offenbar, die unter der hübschen Spieloberfläche liegen. Falls A, dann B - auch wenn A mit B überhaupt nichts zu tun hat. Manchmal weiß der Spieler schon, was er tun will, kann aber nicht, weil die Spielfigur es noch nicht weiß. So läuft Anna bisweilen an eurer imaginären Hand orientierungslos durch die Gegend und sucht nach einer Information, die ihr schon längst habt. Manchmal sind die Rätsel in Anna's Quest wirklich bizarr, sie erscheinen bisweilen wie aus einem Zufallsgenerator.

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Zwischensequenzen verleihen der märchenhaften Geschichte zusätzliche Tiefe.

Unabhängig davon: Das Spiel ist herzallerliebst. Die Protagonistin ist trotz der schwierigen Lage ihres Großvaters stets fröhlich und unbedarft, sie begegnet neuen Menschen mit Neugier und Wohlwollen, sie interessiert sich für die Belange aller. Wenn Anna mit einem Teddybären, der eigentlich ein verwunschener Junge ist, durch den Wald stakst, ist das mehr als liebenswert. Allerdings hätte die Grafik durchaus ein wenig detailreicher sein können. An vielen Stellen agiert Anna nicht wirklich mit den Gegenständen, sondern vollführt stattdessen symbolhafte Gesten mit ihren Händen. Das ist schade, insbesondere, weil selbst Urväter des Genres schon gezeigt haben, dass es gerade auf diese Kleinigkeiten ankommt - The Secret of Monkey Island sei hier nur als das wohl populärste Beispiel genannt.

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Anna will ihrem Großvater helfen - nichts ist ihr wichtiger.

Ein wenig bin ich bei Anna's Quest hin- und hergerissen. Ich mag die märchenhafte Geschichte um das kleine, wohlwollende Mädchen, das seinem Großvater helfen möchte. Auch die Cartoon-Grafik gefällt, die Musik begleitet das Geschehen meistens sehr stimmungsvoll. Allerdings sind einige der Rätsel doch sehr frustrierend. Der zu Beginn erwähnte Käse aus Farbe und Schimmel ist nur eines von vielen. Ja, Anna's Quest macht trotzdem Spaß. Die Kommentare eines kleinen Mädchens zu hören, wenn es plötzlich die Bremer Stadtmusikanten trifft, ist eine Freude. Manchmal, nur manchmal, wirft Daedalic euch aber Rätselbrocken vor die Füße, der sich mit gesundem Menschenverstand nicht zu lösen sind. Stattdessen braucht es wahlweise eine Komplettlösung oder eine Trial-and-Error-Orgie. Falls euch das - eigentlich ein echtes No-Go im heutigen Adventure-Geschäft - nichts ausmacht: Greift zu.

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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