Kyn - Test

Wikinger wechsle dich!

Ein Action-Rollenspiel, das kühn Diablo mit Baldur's Gate mischt, dabei aber eine dichte Atmosphäre vermissen lässt.

Verdammt. Ein Gegner, der blockt und ein anderer, der zaubert. Schnell eine Zangenbewegung aus zwei Figuren inszenieren, dann den Heilzauber drauf und am besten die Spezialfähigkeit hinterher. Mann am Boden. Jetzt ganz fix den Typen mit dem Wiederbelebungszauber decken. Das dauert alles zu lang. Game Over. Ja, der Tod kommt im Wikinger-Rollenspiel Kyn nicht unbedingt auf leisen Sohlen. Er benimmt sich stattdessen teilweise eher wie ein Trampeltier. Wo eure Party aus maximal sechs Wikingern sich gerade noch mit Leichtigkeit durch ein Rudel Wölfe metzelte, machen euch zehn Sekunden später ein paar stärkere Gegner schon in Windeseile den Garaus. Natürlich könnt ihr das gut verhindern - mit der richtigen Strategie und Taktik nämlich. Und aus der Ruhe solltet ihr auch nicht so leicht bringen lassen.

Kyn startet recht unvermittelt mit zwei hünenhaften Recken namens Alrik und Bram. Die kommen gerade aus einer Höhle und haben ein ominöses Ritual überlebt, das ihnen magische Kräfte verlieh. Worum es dabei genau geht, erfährt der Spieler nicht - nur, dass die beiden plötzlich fähig sind, sogar die Toten wieder auferstehen zu lassen. Wie etwas Besonderes erscheint das aber nicht. Tatsächlich haben die beiden Entwickler von Tangrin Entertainment für den Beginn des Spiels keine bombastische Zwischensequenz geschaffen - selbst durch Texteinblendungen wird kaum erklärt, worum es eigentlich geht. Stattdessen werdet ihr direkt in die Handlung geworfen. Das wirkt gerade zu Beginn recht befremdlich - zu viel bleibt unerklärt und ein Großteil der Geschichte wird auch im weiteren Verlauf des Spiels nicht abschließend geklärt.

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Vorwärts! Die Party im Ansturm auf eine kleine Horde Gegner.

Allerdings: Man gewöhnt sich dran. Das liegt vor allem daran, dass die Entwickler den Fokus sehr stark auf das Gameplay legen. Kyn ist in seinem Kern ein Action-Rollenspiel im Stil eines Diablo - mit dem Unterschied, dass ihr hier nicht nur einen, sondern bis zu sechs Helden durch linear aufeinanderfolgende Spielabschnitte bewegt. In Kämpfen ist der schnelle Wechsel zwischen den Figuren unverzichtbar, was über die Zifferntasten jedoch relativ gut funktioniert.

Damit das Spielgeschehen in anspruchsvollen Situationen nicht noch hektischer wird, als es ohnehin schon ist, könnt ihr mit einem Druck auf die Leertaste das Geschehen verlangsamen und den Helden so mit ein bisschen mehr Ruhe Befehle erteilen. Besonders lang bleibt dieser Zeitlupenmodus aber nicht aktiv. Wirklich viel Zeit, eine Strategie zu ersinnen, bleibt euch daher nicht. Allerdings ist auch das Skillset recht überschaubar. Jeder Charakter hat lediglich zwei magische Fähigkeiten und eine Spezialfähigkeit, ansonsten greift er schlicht mit seiner Hauptwaffe an.

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Hier muss die Party gerade eine etwas bizarr anmutende Feuerkugelschleudermaschine zerstören.

Etwas mehr strategische Tiefe kommt durch das Crafting ins Spiel. Im Vergleich zu anderen Action-Rollenspielen lassen die Gegner bei Kyn ungewöhnlich viele Crafting-Materialien fallen - so viele, dass die Texteinblendungen über den Items teilweise das Spielgeschehen verdecken. Allzu oft habe ich im Spielverlauf irgendwelche Felle und Kohlestücke aufgehoben, obwohl ich eigentlich einer meiner Figuren einen Angriffsbefehl geben wollte.

Nach jeder Mission kehrt ihr in eine Stadt zurück, die als Quest-Hub fungiert. Dort könnt ihr dann aus den gesammelten Gegenständen neue Ausrüstung basteln. Dass ihr das auch macht, ist unter anderem deshalb recht wichtig, weil es klassische Erfahrungspunkte in Kyn nicht gibt - einfach irgendwo zu grinden und die Figuren so hochzuleveln, ist also nicht drin. Stattdessen gibt's nach jeder Mission fünf Punkte, die ihr auf die Attribute Verstand, Körper und Beherrschung verteilen könnt. Je mehr Punkte ihr verteilt, desto mehr magische Fähigkeiten werden auch freigeschaltet. Welche Fähigkeiten ihr aktiv verwenden wollt, könnt ihr jederzeit frei wählen.

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Ein unscheinbares, aber zentrales Spielelement in Kyn: das Crafting-Menü.

Für Abwechslung sollen ein paar kleinere Rätsel sorgen. Mal müsst ihr Leitungen neu verlegen, um mit dem Wasser aus heißen Quellen Eisbarrieren wegzuschmelzen, ein anderes Mal eure Figuren auf verschiedenen Schaltern platzieren. Eine wirkliche Herausforderung sind diese Rätsel-Einlagen allerdings nicht, zudem nehmen sie hier und da die eigentlich recht hohe Geschwindigkeit aus dem Spiel - zusammen mit teils recht langen Laufwegen durch menschen- und monsterverlassene Steppenlandschaften. Wer sich dennoch die Mühe macht, einen kompletten Level zu erkunden, entdeckt dabei aber womöglich ein paar Neben-Quests, für die es wieder gesonderte Belohnungen gibt.

Kyn ist ein rundes Rollenspiel. Es ist eine Freude, viel zu viel Zeit in den Crafting-Menüs zu verbringen, um auszutüfteln, welche Verwendung für die gefundenen Gegenstände jetzt gerade die beste ist. Die Kämpfe sind schnell und meistens fair, wenn auch teilweise etwas unübersichtlich. Allein an Atmosphäre mangelt es Kyn - gerade mit dem Wikinger-Setting im Hintergrund wäre da mehr drin gewesen. Zudem leidet das Spiel in der aktuellen Fassung noch unter einigen Bugs und, zumindest die deutsche Version, unter Übersetzungsfehlern. Wer sich mit der englischen Sprache anfreunden und vielleicht noch ein paar Patches abwarten kann, bekommt es allerdings mit einem soliden, wenn auch nicht herausragenden, Action-Rollenspiel zu tun.

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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